Archiv der Kategorie: Workshopergebnisse

Ergebnisse aus den Workshops mit Tom Schulz am 17.6.2011

Thema: Textcollagen

 

Die Gustavblume

Wir holen uns Gustav.
Gustav ist wie ein stilles Meer,
Lust und Leid und Liebesklagen.
Wir finden eine Lösung für die Lust,
Verhütung.
Ob sie Gedanke oder Traum?
Meistens schlucken wir Gustav.
Gustav kommt aus dem Lieblingsbeutel.
Wenn er weg ist.
kommt die Einsamkeit.
Es läuft leise.
 
(Christina K.Christina M.
Marie-Christin und To Tran) Weiterlesen

Ergebnisse aus den Workshops mit Andrea Grill am 25.1.2011

Weggeblasen

Wie leicht. Hast du bemerkt, wie leicht es ist? So einfach, so verletzlich. Zerbrechlich. So ist ein Menschenleben. Ein Stich, ein Schnitt. Es muss nicht einmal das Herz treffen. Der ganze Körper ist eine einzige Zielscheibe.
Nimm ein Messer, eine Pistole. Nur zustechen, nur abdrücken.
Und dann?
Dann ist er tot. So etwas Kostbares. Genauso wertvoll, wie das Leben ist, genauso schnell erlischt es.
Warum ermorden Menschen andere?
Rache, Eifersucht? Egal welches Motiv, es bleibt immer gleich.
Vergänglichkeit.
Doch nicht nur Schnitte verletzen, auch Worte, Taten können Leben zerstören. Vielleicht ist das sogar schlimmer. Bis zum Tod muss man damit leben. Aber dann ist man frei.
Nicht hören.
Nicht sehen.
Nicht denken.
Nicht fühlen.
Wie ist es, einem Menschen das Leben zu rauben? Fühlt man sich mächtig? Stark?
Nur für einen Moment vielleicht, denn dann ist es vorbei. Aber nur für eine Person. Wie sie dann da liegt, als schliefe sie nur. Das weiße Gesicht mit Rot geschmückt.
Ganz einfach.
Einfach damit zu leben? Wie fühlen sie sich, die Mörder? Empfinden sie Reue? Quälen ihre Taten sie? Was ist das für ein Gefühl, das ihr Herz so schwer macht? Ist es das wert?
Zurück! Aber es geht nicht mehr. Wer tot ist, ist tot.
Da gibt es nicht viel zu sagen.
So einfach.
So leicht.
Es ist vorbei
 
(Katharina Nötzel)


Morgens

Werde nicht vom Wecker geweckt sondern von dem der es nicht mehr aushält mich schlafend zu sehen morgens halb 7 ohne Worte nur seine Augen welche er stundenlang nicht mehr von mir nehmen kann bis er es irgendwann nicht mehr aushält und sich zu mir legt sein Kopf genauso wie meiner auf meinem Kopfkissen er weiß dass der Platz zu klein ist für uns beide er weiß dass ich dadurch bald aufwachen werde und dann ist es so weit… ich öffne die Augen und fange an zu lachen weil es niemanden gibt der sich mehr freut mich wach zu sehen als mein Hund.

(Danu)

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Ergebnisse aus den Workshops mit Nino Haratischwili am 29.10. 2010

Schlafen, aufstehen, fegen, fegen
gehe durch Straßen
Blicke
neue Menschen
schlafen, aufstehen, fegen, fegen
fühle Sehnsucht
tief in mir
kann sie nicht stillen
kann nicht verstehen
schlafen, aufstehen…
Bleib nicht sitzen auf einem Stuhl
wechsle, wechsle immerzu
schlafen, aufstehen, wechseln, wechseln
kein Stuhl der Richtige
nur Sehnsucht
Sehnsucht, tief in mir
schlafen, aufstehen, Sehnsucht, Sehnsucht, kein Stillen, nur erneutes Sehnen bis in den Tod schlafen, aufstehen??
Tod,Tod.
 
(Leila)

 

Fernweh

Sechs Uhr morgens, der Wecker klingelt. Ein ganz normaler Wochentag im Leben von Tim Schulz. „Jetzt aber schnell“, denkt er, befreit sich von der dicken Daunenbettdecke und springt auf. Schnell geht er zum Kleiderschrank, zieht seine schwarze Jeans an und streift sich seinen Lieblingspulli über.

Während er sich den Schlaf aus den Augen reibt, schwankt er ins Badezimmer. Bevor er mit seinem morgendlichen Programm beginnt, wirft er einen Blick aus dem Fenster, an welchem der Frost noch deutlich zu erkennen ist. Seit Wochen sieht er das Gleiche. Der alte Autohof mit dem verrosteten Karren und daneben der kleine Supermarkt. Seit Wochen liegt hier der Schnee, alles scheint leblos zu sein. Die vielen Vögel, Katzen und Hunde, die er morgens beobachten kann, sind nun seit Wochen verschollen. „Ich sollte aufhören mir dieses Bild tagtäglich anzuschauen!“ Zähne putzen, Haare kämmen, Gesicht waschen. Keine Zeit mehr zum Essen. Zu viel Zeit damit verschwendet, herauszuschauen. Schnell noch das Deutschbuch in die Tasche geworfen und auf geht’s. Glatteis. Am Rand der Gehwege die zusammengefegten Schneehaufen. „5 Minuten, 5 Minuten!“. Tim betritt die warme Schule. Gelbe Wände, braune Schließfächer, hektische Lehrer, kreischende Mädchen, grelles Licht; ja, so lässt sich die Schule wohl am besten beschreiben. Bunte Bilder, Blumen, Sonnenlicht von draußen. Nein, das alles nimmt er nicht wahr. Zielstrebig steuert er auf seine Jungs zu. Fabian, Kai und Roman. Das sind die einzigen, mit denen er etwas zu tun haben will. Früher war das anders. „Da war ich ein glücklicher Mensch.“, denkt er sich immer wieder, wenn er zu seinen Jungs trottet.

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Ergebnisse der Workshops mit Michael Wildenhain am 3. 9. 2010

Ich spürte den kalten Atem

Ich spürte den kalten Atem auf meinen Wangen und sah ihre Gesichter. Diese Gesichter, die mich zu verfolgen schienen. Gesichter, verzerrt vor Lachen und Spott. Mit jedem Schritt entfernte ich mich weiter, und doch kamen die Schritte immer näher heran. Mein Atem ging schneller, ich merkte, wie ich zu rennen begann. Meine Beine bewegten sich, als gehörten sie nicht zu meinem Körper. Immer schneller und schneller. In meinem Kopf die Bilder. Bilder von Situationen, die ich vergessen wollte, Bilder ihrer Gesichter. Panik stieg in mir auf und das Atmen wurde immer schwerer. Ich fühlte mich, als hätte ich jede Kontrolle über meinen Körper verloren.

Dann sah ich sie endlich. Die Tür, die mich in meine Welt bringen konnte. Mein Blick war so verschleiert, dass ich die Türklinke erst beim dritten Versuch öffnen konnte. Meine Beine erschöpft. Nur mit Mühe erreichte ich mein Bett, den einzigen Ort, an dem ich mich je sicher gefühlt hatte. Doch heute waren die Bilder selbst hier. Wenn ich die Augen schloss, war ich wieder dort. Angreifbar. Verletzlich. Aufhören. Irgendwann ließ das Rauschen in meinen Ohren nach, hörte ich meine Eltern, die nach einer ruhigen Nacht ihren Tag begannen. Nur ich blieb einfach liegen.

(Carlotta )

Paul

Du hast Freunde. Außerhalb der Schule. In deiner Klasse heißt du nur Nerd, Freak, Opfer.
Eigentlich würdest du lieber Paul genannt werden, aber du weißt, dass du nicht das Recht hast, dir etwas zu wünschen.
Ich sag Paul zu dir. Ich denke du hast ein Recht darauf.
Aber ich bin auch nicht in deiner Klasse. Ich kenne dich besser vom Chor. Das ist mir auch lieber.
Ich weiß nicht, wie es wäre, wärst du mein Klassenkamerad. Würde ich auch Nerd, Freak, Opfer zu dir sagen? Ich muss eingestehen, manchmal denke ich das von dir.

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Ergebnisse aus den Workshops mit Björn Kuhligk am 4. 6. 2010

Thema: Gedichte, montiert aus den Überschriften einer Berliner Boulevardzeitung

23°, sehr sonnig, Grillwetter heute

Was steuert denn da auf uns zu?
Airboss im Anflug!!!
Flugzeug-Notlandung, Auto Explosion
Blutiger Leichtsinn.

Der nächste Crash kommt bestimmt…

(mst)

 

Merkel und der Wulff

Der Kandidatenkrimi um das Höchste Amt
Kofferversteigerung
Was steuert da auf uns zu?
Er liebt Bananensaft und hört Phil Collins
Der Kur und Wellnessreisen-Spezialist
 
Blutiger Leichtsinn
Gewinn des Tages

Der Kandidatenkrimi um das höchste Amt

(fpr)

 

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Ergebnisse aus den Workshops mit Roman Graf am 28. 1. 2010

Der Hund
Ich gehe um die Ecke und da steht er.
Majestätische Körperhaltung, gebleckte Zähne. Die Ohren sind aufmerksam aufgestellt und lauschen den Geräuschen der Stadt.
Da steht er, im Schein der Laterne, ein leichtes Zucken durchfährt seine angespannten Muskeln. Seine Augen sind konzentriert auf sein Ziel gerichtet. Dunkle Augen, die weder von Hass noch von großer Liebe zeugen.
An seinen gebleckten Lefzen tropft eine schäumende Flüssigkeit hinunter.
Sein großer Körper bewegt sich auf starken Beinen vorwärts.
Tief aus seiner Kehle dringt ein Knurren, zunächst leise, dann immer lauter.
Ein Brummen, ein Fauchen, ein Knurren, alles vereint zu einem bedrohlichen Ausruf.
Ich will weg, schnell, rennen, doch ich bin wie angewachsen.
Dann springt er. Mit einem gewaltigen Satz.
Diese Wucht!
Dann ist alles schwarz.

 

(Nele K.)


Schließlich betrat sie den verlassenen, weißen Ballsaal. Sie sah in der Ferne ihr Spiegelbild und schritt langsam und zitternd auf die armselige Gestalt zu, die sie wie gebannt fokussierte. Ihr Kleid war weiß gewesen, damals, doch nun wirkte es gelb und alt. Es hatte Risse und Löcher überall, wo man hinsah und man konnte die frühere Schönheit nur erahnen.
Es war totenstill in diesem riesigen Saal. Die Gestalt hatte ihre Schuhe abgelegt und lief nun barfuß weiter auf den Spiegel zu, bis sie schließlich ankam. Vorsichtig und langsam erhob sich einer ihrer Arme und ihre Finger presste sie gegen den goldenen Spiegel. Er war reich verziert und wirkte dadurch alt und zerbrechlich. Viele Verzierungen konnte man wegen dem Staub nicht erkennen. Verlassene Spinnweben hingen herunter. Es roch moderig und alt. Nun strich die zierliche Person mit ihren Fingern über die Haare ihres Gegenübers. Sie waren nicht mehr blond, sondern hatten etwas von altem Stroh. Erde klebte an ihnen, genau wie an den Wangen und an ihrer Nase. Ihr Make-Up war verschmiert, ihre Augen aufgequollen und verweint. Das einzig Perfekte an ihr waren ihre roten Lippen. Und so grinste sie. Es war kein glückliches Grinsen, eher reine Verzweiflung.
Ein hysterisches Lachen erfüllte den Ballsaal und schallte der zierlichen Person aus jeder Ecke entgegen. Sie schloss sofort ihren Mund und fiel zu Boden. Dort verweilte sie und ließ ihrer Wut freien Lauf. Sie schrie und hämmerte mir ihren Fäusten auf den harten Boden, bis sie bluteten. Danach wurde sie ruhig und atmete regelmäßig.

Sie hatte es getan und doch war sie wieder dort , wo sie angefangen hatte. Nur ihr Aussehen hatte sich verändert. Doch die Einsamkeit blieb. Wie ein unsichtbarer Schatten, den sie nicht abschütteln konnte. Sie setzte sich aufrecht vor den Spiegel und wischte das Blut an ihrem Kleid ab, betrachtete nur die Augen ihres Spiegelbilds. Wie sehnsüchtig sie nach einer Antwort verlangten, wie sehr sie sich nach einer Lösung sehnten. Und doch konnte sie ihnen nicht helfen. Sie waren verloren.
Nur langsam richtete sie sich auf und drehte sich um. Dann warf sie ihr Kinn nach oben und schwor ihrem Spiegelbild, dass sie einen Ausweg finden würde.

(Johanna Ar.)

Ergebnisse aus den Workshops mit Susanne Berkenheger am 26.11. 2009

Tagebucheintrag vom Avatar

Merkwürdiger Tag! Ich frage mich, was das alles soll!?  Fühle mich auch doof bei der ganzen Sache! Nachdem ich die letzten Wochen wieder nur gegammelt habe, darf ich heute endlich wieder losfliegen.  Ha, denkste…! Losfliegen? Freiheit? Von wegen! Erstmal bin ich komplett eingerostet, aber dann fliege ich doch los – genau so gesteuert, dass ich gerade dahin fliege, wo ich nicht hin will! Schließlich lande ich auf einer großen, grünen Wiese. Schön, denke ich erst. Endlich mal Natur und nicht diese drögen Geisterstädte.  Diese Städte machen nämlich keinen Sinn – überhaupt nicht! Was bringen mir Fassaden ohne etwas dahinter?!  Alles leer und kalt…ohne Touristen, über die man sich ärgern könnte. Aber zurück auf meine Wiese – schön! Nur…nach einer Minute wird es echt langweilig…nichts, nichts, nichts!  Was ist das denn für ein Leben, wo man über unendliche kahle Wiesen rennt? War hier mal was? Denke nicht.  Warum sollte es dann weg sein!?
Ich fliege über die Wiese, habe einen besseren Ausblick und entdecke ein paar Lichter in der Ferne – das sieht etwas aufregender aus!  Mein kleines Avatar – Herz macht einen glücklichen Hüpfer: Ich entdecke einen Rummelplatz. Na also, doch etwas Aufregung an diesem Tag! Ich spüre, wie ich zu einem Karussell gesteuert werde und bin ziemlich unzufrieden! Das ist nun gerade das Karussell, von dem mir sicher schlecht wird! Aber im Laufe meines Lebens habe ich bemerken müssen, dass der freie Wille eine Illusion ist. Blicke ich mich um, so kommt mir der Gedanke, dass wir fremd bestimmt sein müssen. Nur von wem oder was? Was oder wer ist die treibende Kraft hinter meinem Leben?! Ergibt es überhaupt einen Sinn, dass ich mich jetzt in dieses Karussell setze und lustlos durch die Luft gewirbelt werde? Wer kommt auf die Idee, hier, gerade hier, von allen Plätzen dieser Welt, einen Rummelplatz aufzubauen? War ihm langweilig oder hat er einfach einen Sinn für schlechten Humor? Es würde mich nicht wundern, wenn gleich ein clownmäßiger Avatar auftauchen und rufen würde: „Glückwunsch! Sie sind die erste Besucherin!“ Doch dann scheint mir auch das sehr sinnlos, da sich kein Clown die ganze Zeit hier hinstellen und warten würde, da doch eh niemand kommt. Nach gefühlten hundert Runden (Warum so lange? Es macht wirklich niemandem Spaß, oder?) fliege ich aus dem Karussell wieder heraus. Danke! Erlösung! Ich fliege also weiter alleine durch diese merkwürdige Welt und frage mich: Gibt es einen Sinn, eine Erklärung dafür! Warum existiere ich überhaupt?

(Marika)

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Ergebnisse aus den Workshops mit Yadé Kara vom 23.10. 2009

Zwiespalt

 

Wind kommt auf. Er tilgt die letzten Spuren, die auf dekadente Feierei  hindeuten, vom menschenleeren Platz. Die Stille ist erdrückend. Die letzten Pappbecher und leeren Chipstüten rascheln in den kleinen, verwinkelten Gassen. Einsamkeit umgibt ihn. Seine besten Tage sind schon vorbei, statt sich mit dem „Älterwerden“ abzufinden, sehnt sich seine Seele nach Aufruhr und Tumult. Doch man hat ihm den Hahn abgedreht. Das Parlament hat schon vor Jahren die Prioritäten auf den Erhalt anderer öffentlicher Plätze und Sehenswürdigkeiten gelegt.
Der Wind treibt Richtung Süden.
Nun, stehen wir uns gegenüber. Der Brunnen und Ich. Keine bitteren Erkenntnisse. Ein verlockend – süßlicher Duft umweht mich. Sollte ich ihn verlassen? Der Anziehungskraft des fremden und so seltsam vertrauten Ortes folgen?
Der Drang zerreißt mich. Ein kurzes Gefühl des Nachgebens, dann habe ich mich wieder im Griff. Die Flucht in Richtung Bäckerei am Rande des Platzes.
Zwei Schritte in seinen schützenden Schatten. Ich lasse mich auf seinen kalten, steinernen Rand nieder und blicke auf das Antlitz der Stadt. Vertrautheit.

 

(James A.)


Riga- Allein in einem fremden Land

Der Bus sollte mich zu meinem Hostel bringen. Ich war endlich angekommen in Riga, Lettland. Doch alles, was ich sah, war dieser riesige Haufen deutscher Touristen, die mir nicht mehr von der Seite gewichen waren, seit ich vor einigen Stunden in Bremen ins Flugzeug gestiegen war. Es war seltsam, einige kamen mir mittlerweile schon vor wie alte Bekannte. Naja, fast. Langsam zerstreute sich die aus dem Bus strömende Menschenmenge und durch eine Lücke, die sich soeben gebildet hatte, erblickte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Fleck Rigaer Innenstadt. Und dieser Fleck bestand aus einem großen Schlagloch in dem grauen Betonboden. Als der Bus abgefahren war und die Menschen in verschiedene Richtungen davongingen, war ich plötzlich nicht mehr vor dem eisigen Wind geschützt und merkte, wie kalt es hier eigentlich war. Aber daran würde man sich wohl gewöhnen müssen, das Leben ist hart, eines der härtesten, hatte meine Mutter immer gesagt. Ich sah mich nun genauer um. Ich stand auf einem ziemlich weitläufigen Platz und stellte fest, dass das Schlagloch, das ich zuerst entdeckt hatte, nicht das einzige war. Der Platz war übersät davon, durchlöchert wie Schweizer Käse, dachte ich. Hmm, bis jetzt machte Riga auf mich einen etwas heruntergekommenen Eindruck, aber ich wollte mir kein vorschnelles Urteil bilden und beschloss, erstmal meine Unterkunft für die nächsten fünf Tage zu finden.

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Ergebnisse aus den Workshops mit Wilfried N´Sondé am 19.6. 2009

Die Welt, meine Liebe

Weg. Ich will weg. Neues sehen, Neues hören, Neues riechen. Menschen sehen und kennenlernen, entdecken. Neues Essen probieren, neue Geschmäcker erforschen, Kulturen sehen, hören, berühren. Hände schütteln, umarmen, tanzen. Musik hören, machen. Ich will meine sieben Sachen packen. Ich packe meinen Koffer. Ich packe ein, eine Kamera. Eine Kamera und eine Zahnbürste. Eine Kamera, eine Zahnbürste und ein paar T-Shirts. Mehr nicht.Alles, was ich brauche, kaufe ich dort. Alles, was ich will, werde ich woanders finden. Nur ich, mein Rucksack und der Rest der Welt. Ein Bus, ein Zug, eine Straße. Mein Daumen zeigt nach oben und wartet auf ein Auto. Und wenn keins kommt, egal, beim Gehen sehe ich noch mehr. Weg und irgendwann wiederkommen, um dort Neues zu entdecken, wo ich herkam, um niemals aufzuhören, Sachen zu sehen, die ich nicht kenne, von denen ich nichts wusste, über die ich denke und die mich verändern. Ich entdecke die Welt und dabei mich selbst.

(Fabian)

Innerliches Ich


Kälte. Angst. Einsamkeit.
Hitze. Sand. Wüste.
Ein Ort, wo niemand ist. Niemand.
Ich schaue nach links. Niemand da, weit und breit nur Sand. Tonnen davon. Ich schaue nach rechts. Da steht es, mein innerliches Ich.
Wir drehen uns zueinander und ich lächele ihm zu. Wenigstens einen, den ich kenne. Ich fühle Erleichterung und Freude.
Doch es ist nicht wieder zu erkennen. Ich sehe die Tränen, die über die Wangen rollen und dann mit zunehmender Geschwindigkeit auf den Boden fallen und sich langsam mit dem Sand verschmelzen.
Ich schaue ihm tief in die Augen und sehe Schmerz, Hass, Wut und Trauer. Der Wind zieht langsam durch meine Haare, durch meine Nase. Streicht über mein Gesicht. Ich öffne meinen Mund, atme tief ein und schließe die Augen, in der Hoffnung, meine innerliches Ich würde nach dem Öffnen nicht mehr da sein.
Sie sind jetzt offen. Es ist noch da.
Aber ich erkenne mich nicht in ihm. Bin das wirklich ich? Ich frage es, um sicher zu gehen: Bist du Ich? Keine Antwort, nur Stille.
Es ist wahr. Das bin ich, und ich hab es nicht bemerkt. Ich bin mir über die Jahre selbst fremd geworden. Dieser Schmerz in den Augen, diese Wut….ich fange an, sie zu spüren. Ich sinke zu Boden, schließe die Augen, öffne den Mund und liege da, mitten in der Wüste mit Schweißperlen auf meiner Stirn.
Ich schaue nach links, niemand da, weit und breit nur Sand. Tonnen davon. Ich schaue nach rechts, niemand da.
Ich habe Einklang mit meinem innerlichen Ich gefunden.

(Tracy H.)

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Ergebnisse aus den Workshops mit Mathias Gatza vom 28.1.2009

Stoned

Der da, das sabbernde Wrack, das gedankenverloren, mit wässrig unstetem Blick die Tapete bewundert und dabei versucht, sich an so vielen Stellen seines Körpers wie möglich zu kratzen, der, der ist stoned.

Und die beiden, der eine, sich mit unmerklich geöffneten Augen in einem unproportional großen Korbstuhl suhlend, der andere aus selbigem Zustand gerade erwachend und zur Sprühsahnedose kriechend, getrieben vom unbändigen Verlangen, diese in seinem Mund und überall sonst auch zu entleeren, diese beiden, die sich für die Idee einer ökologisch politisch korrekten Wachtelzucht ereifern, vor Tatendrang nur so strotzen, doch gegen ihren sofortigen Arbeitsbeginn das Argument ihres momentanen Zustands als alles stechenden  Trumpf ausspielen, diese beiden, die sind auch stoned. Und der andere da, der mit dem Jointstummel, der langsam nicht mehr als rauchbar bezeichnet werden kann, der gerade monologisierend Parallelen zwischen Jointstummeln und Ohrschmuck zieht, dabei nach jedem Satz ,wie von einer höheren Macht dazu angehalten, ein trockenes, mal zu hohes mal zu tiefes Lachen einfügt, und dich dabei andauernd apathisch anblickt, der ist auch stoned. Und du? Du, der du dich bis jetzt noch nie dazu durchgerungen hast, diesem ‘Teufelszeug’ abzuschwören, aber deiner allzu besorgten Freundin zuliebe eine unbefristete Pause einzulegen bereit bist, du, der du heute mit dieser auf völlig unangebrachten Ängsten basierenden Pause begonnen hast und diesen Schritt aus Liebe zu deiner vermeintlich verantwortungsbewussten Freundin –  die sich letztens erst beim Kampftrinken die Bluse voll kotzte und sich von dir als einzig nüchtern Gebliebenem nach Hause fahren ließ – bei Beobachtung deiner lustig vor sich hinstarrenden Freunde längst bereust, du bist leider gar nicht stoned.

(Josh)

 

Mein Vorbild…..

Er schreibt Gedichte und veröffentlicht sie. Dann sitzt er auf dem Sofa und meint:“ Jetzt gebe ich mal an, Tochter.“ Wie viel Abwertung steckt in diesem Satz? Er selbst kündigt an, jetzt mal anzugeben und zeigt so unglaublich deutlich, wie überlegen er sich fühlt. Angeben an sich ist schon eine heikle Sache und durchaus negativ besetzt, aber dann auch noch genau aussprechen, dass man es jetzt sofort in diesem Moment tun wird. Impliziert es nicht: Ich, und nur wirklich ich kann es mir leisten, so unmissverständlich anzugeben? Mit den Worten “Jetzt gebe ich mal an..:“ wird hier direkt benannt, dass man anscheinend nicht einfach mal über seine eigenen Leistungen spricht, sondern prahlt, eben angibt. Man weiß, es ist keine sachliche Erklärung für die eigenen Texte, sondern klipp und klar bedeutungsschwangeres Gefasel, extremes Eigenlob bis hin zur Selbstverliebthei. Der Ausruf „Tochter“ danach, bei dem mir, der unfreiwillig Angesprochenen, nicht einmal in die Augen geschaut wird, gibt mir klar zu verstehen ,dass gerade nur irgendeine seiner drei Töchter – Hauptsache ein Nachkömmling des genialen Dichters – zum Angeben genutzt wird. Eine gezielte Person ist da nicht vonnöten, ( sonst hätte er mich doch wohl angeschaut, oder?) nur irgendeine von uns, die wir jahrelang Sklaven seiner Selbstüberschätzung sind, hat er im Kopf, wenn er uns als „gebildet, toll und zeitlos“ bezeichnet. Nicht ein einziges Mal interessiert mein Vater sich aufrichtig für meine Angelegenheiten. Nicht einmal das Zimmer in seinem Haus, welches ich bewohne, ist ihm genauer bekannt. Dies betritt er nur dann, wenn er jetzt auf der Stelle eine „angemessen bewertete“ Deutschklausur lesen will, um sich vielleicht wenigstens der halben  Weitergabe seines Talents versichern zu können, und geht dann ohne ein weiteres Wort aus der Tür. Wenn Bekannte aus seinen Kreisen zu Besuch sind, die freilich nicht siebzehn Jahre voll Leid, Liebe und Auseinandersetzungen Wand an Wand mit ihm gelebt haben, und denen dann übertrieben viel Zuneigung und sogar Selbstaufgabe entgegen gebracht wird, schwärmt Man(n) von mir als eine der drei grandiosen Töchter, und ich bin plötzlich interessant.

(Helene)

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