Ulrike Almut Sandig: ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt

Almut Sandig Cover„kein schöner Deut in meinem Schland zu finden“

In ihrem Gedichtzyklus „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“ durchschreitet Ulrike Almut Sandig „unendliche Weiten“ (83) unserer (deutschen) Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ausgehend von ganz existentiellen und zeitlosen Fragen nach dem eigenen Ich, der Identität, Fremd- und Eigenwahrnehmung, zoomt die Autorin immer stärker in eine konkrete Aktualität hinein. Was sich lieber wie eine „Zukunft der Märchen“ (83) lesen würde, enttarnt sich immer stärker als unsere alltägliche Realität. Dies verdeutlicht Sandig vielfach auf sprachlicher Ebene. Wie schnell kann aus einem „vollkommen wolkenlosen Himmel“ ein „verkommen wolkenloser Himmel“ (19) werden? Die menschliche Kälte, die oft ganz unschuldig wirkt, reflektiert die Lyrikerin im Motiv ‚Schnee‘, das sie wiederkehrend, in unterschiedlichen Spielarten aufnimmt, sei es als Schneeball, Schneemann, Schneekugel, Eisblume oder in der Farbe ‚weiß‘. Sandig erzählt poetisch von diesen kalten Zeiten, in denen „wir warten auf gute Nachricht“ (20), doch der anhaltende Nachrichtenstrom fließt stets weiter, ohne positive Nachrichten zu überbringen. Was ist überhaupt noch echt in unserer Welt, die von „Datensätze[n] der Nachrichtensatelliten“ (34) gemacht ist und in denen Drohnen unseren Orbit durchkreuzen? Über diesem Orbit schwebt auch die ganz elementare Frage: Wie werden wir wieder sein? Wie kann man sich in der heutigen Zeit als Mensch fühlen, sich selbst nicht und möglichst auch die anderen Menschen nicht aus den Augen verlieren? Sandig konsterniert, dass wir uns bereits „an die Leere in unseren Körpern gewöhnt“ (53) haben. „sind wir, du und ich auch, nicht länger schon abhandengekommen“ (57)?

Eine Antwort gelingt vielleicht durch einen Rückgriff auf Vergangenes und eine Zuhilfenahme der alten deutschen Sprach- und Geschichtenmeister: Die Gebrüder Grimm. Durch das Zitieren ihrer Märchenfiguren und -titel schreibt Sandig eine Jahrhunderte alte orale Tradition fort. Denn „das vollkommene Gedicht wird nur gesungen und gesprochen“ (49). Zugleich erweitert die Lyrikerin auch deren Sprachdimension. Wie viele Grimm´sche Redewendungen sind in unsere alltägliche Sprache eingegangen, wie schnell lassen sie sich aber in beunruhigende Sprachbilder verwandeln? Der heutige mediale Informationsfluss verschiebt so manchen Inhalt. Somit ist der Appell „lass dich nicht täuschen! mir ist nicht zu trauen“ (14) auch wörtlich zu nehmen. Wir müssen bei der Sprache beginnen! Direkt im ersten Gedicht „Anfangslied“ heißt es „ich bin ganz aus Sprache gemacht ich bin ein irrer Anfangsvokal“ (9). Somit präsentiert uns die Autorin auf den folgenden Seiten ihre Textlandschaft, ein „Feld voller Raps: ich bin die Landschaft … ich bin ein Text“ (13).

„hören Sie bitte haarscharf vorbei“ (48) heißt es in „das elektronische Gedicht“. Nein, lesen Sie ganz genau –  denn der Gedichtband bietet auch einige Überraschungen Visueller Poesie. Doch noch besser: sehen und hören Sie ganz genau zu: Der Autorin bei Ihren Leseperformances….

(Stephanie Schaefers)

Einen Vorgeschmack kann man hier erhalten: https://www.schoeffling.de/buecher/ulrike-almut-sandig/ich-bin-ein-feld-voller-raps-verstecke-die-rehe-und-leuchte-wie-dreizehn-%C3%96lgem%C3%A4l

(zitiert nach: Sandig, Ulrike Almut: ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt. Neue Gedichte. Frankfurt a. M. Schöffling & Co. 2016.)