Senthuran Varatharajah – Workshop

varatharajah_2„Wie gehe ich damit um, was ich bin?“

„Ich habe mit 26 Jahren meinen ersten Roman gelesen“, bekennt Senthuran Varatharajah den Schülerinnen und Schülern der Oberschule Findorff, die sich zum heutigen Workshop in den Wall-Saal eingefunden haben. Erst später ergäben sich viele Mythen darüber, wie ein Autor schon in Kindertagen geschrieben oder vorgetragen habe. Ob diese immer der Wahrheit entsprächen, bezweifelt Varatharajah. Der Berliner Literat erzählt weiter, dass ihm die Bibel als wichtiges Buch in Erinnerung geblieben sei, da seine Kindheit in der oberfränkischen Provinz stark christlich geprägt war. Später sei zunehmend Interesse an philosophischen Texten entstanden. In seiner Kindheit habe ihn aber ebenso Fernsehen geprägt, aber auch, dass er Mitglied in einer Band gewesen sei. varatharajah_4„Das Songwriting war bestimmt eine Entwicklung zum Literarischen hin“, sagt Varatharajah. Er weist die Workshopteilnehmer daraufhin, dass das Buch zwar ein wichtiges Medium literarischer Bildung sei, aber nicht das einzige. Maßgebliche Quellen von Literatur könnten ganz unterschiedlich sein. „Wir leben in einer Zeit, in der die ganze Wirklichkeit umstrukturiert wird, Raum und Zeit werden durch neue Medien aufgehoben bzw. sind ganz nah“, so Varatharajah. „Ich kann mir bereits morgens im Bett grausige Videoaufzeichnungen von Bombenangriffen auf Aleppo anschauen.“ varatharajah_5Vermeintlich weit Entferntes gerate schnell in den eigenen Alltag, daher verlange die Verarbeitung dieser veränderten Zeit für den Autor auch einen anderen Umgang mit Sprache und Alltag. „Ich wollte die Sprache bewusst brechen, eine neue Form finden, um mich im Ton von lakonisch, oft ironischen Gegenwartstexten zu unterscheiden. Ich wählte daher die äußere Form, meinen Text innerhalb einer Facebook-Unterhaltung anzusiedeln“, erklärt Varatharajah über die Entstehung seines eigenen Debutwerks. „Dabei spielt Facebook als Label weniger eine Rolle, sondern mehr das Internet allgemein, das mir in meiner Jugend Trost und Intimität gespendet hat. Im Roman reproduziere ich diese Erinnerung.“ Varatharajah verdeutlicht den Schülern, dass zu Beginn des Schreibens immer die Frage stehe: Was hat mich geprägt? Wie gehe ich damit um, was ich bin? Wie mache ich diese Erkenntnisse zu Text?

varatharajah_6Nach einer Vorstellungsrunde der Abiturienten, möchte der Autor nun wissen, was diese geprägt habe. „Schreibt fünfzehn Sätze über eure erste Erinnerung auf, die euch geprägt hat und die euch bis heute im Kopf geblieben ist“, lautet die Schreibaufgabe des heutigen Workshops. Varathajah rät den Schülern dazu, nach Möglichkeit auch mit traditionellen Erzählmustern zu brechen und neue Wege zu suchen, um etwas Autobiografisches zu erzählen.

varatharajah_3Bereits nach einer halben Stunde werden von allen Schülern persönlichste Rückblicke vorgetragen, die stilistisch zwischen Poetry Slam und lakonischen Miniaturen liegen, sich inhaltlich mit Familie, Verlust, erster Anerkennung und herben Rückschlägen auseinandersetzen. Nach den Vorträgen ergeben sich erleichternde Lacher ebenso wie beklemmendes Schweigen, aufgrund der dichten Beschreibung von Emotionen. Als die Workshopteilnehmer am Mittag den Wall-Saal verlassen, nehmen die Schüler persönliches Feedback oder Verbesserungsvorschläge zu ihren Texten von Senthuran Varatharajah mit auf den Weg…

(Stephanie Schaefers)