Senthuran Varatharajah: Vor der Zunahme der Zeichen

senthuran-varatharajah_cover_150Flüchtige Augenblicke

Senthil und Valmira könnten sich vielleicht kennen, dies zumindest teilt ihnen Facebook beim nächtlichen Internetgang mit. Beide haben in Marburg studiert, während Valmira immer noch dort lebt, ist Senthil nun in Berlin Doktorand. Aneinander annähernd tauschen sie Fotos und Namen von Orten, Freunden oder vermeintlichen Begegnungspunkten aus. Obwohl sie recht schnell feststellen „Wir sind uns also nie begegnet. wir hätten uns nie begegnet sein können“ (27), beenden die beiden ihre Online-Unterhaltung nicht. Doch es entwickelt sich kein Flirt oder ein Frage-Antwort-Spiel des oberflächlichen Kennenlernens. Die digitalen Briefeschreiber reihen assoziativ verschiedene Episoden ihrer jeweiligen Vergangenheit aneinander. Auf eine Erinnerung antwortet der/die andere nicht direkt, sondern reagiert fast monologisch mit einem eigenen, oft ähnlichen Erlebnis. Verbunden sind diese eher sperrig zu lesenden Textstücke durch ihren Inhalt, der sich zunehmend stärker mit Rückblicken auf ihre Herkunft aus unterschiedlichen Ländern und ihre Ankunft in Deutschland beschäftigt. Bruchstückhaft und nicht chronologisch fallen den Schreibenden immer mehr Details und Erinnerungen ein: „vielleicht fallen uns diese Dinge nicht ein, sondern wir in sie, von links nach rechts, von oben nach unten.“ (80)

Der männliche Protagonist Senthil Vasuthevan ähnelt dem Autor Senthuran Varatharajah nicht nur im Namen, sondern teilt auch einige biografische Details: Die Eltern flohen mit ihm vorm Bürgerkrieg in Sri Lanka, als er ein Säugling war. Die Sprache seiner Eltern, Tamil, spricht er kaum. „das einzige wort, das ich in tamil noch schreiben und lesen kann, das einzige, das überdauert, heißt amma – mutter.“ (52) Auch der weibliche Gegenpart Valmira Surroi ist mit ihren Eltern geflohen, allerdings aus dem Kosovo. Sie spricht ein altmodisches Albanisch, das sich seit ihrer Flucht nicht weiterentwickelt hat.

Der Umgang mit Sprache und Sprachlosigkeit steht im Mittelpunkt des Textes. Senthil und Valmira schreiben sich auf Deutsch. Er tippt in Kleinschreibung, sie korrekt. Anspruchsvoll und verschachtelt sind die Sätze der beiden Universitätsabsolventen. Die jeweilige Sprache, mit der sie in den ersten Lebensjahren aufgewachsen sind, haben sie fast vollständig verloren. Auch die Verbindung zu den Eltern und der ‚alten‘ Heimat ist dadurch schwieriger geworden. Die deutsche Sprache ist zu ‚ihrer‘ Sprache geworden, doch beide erinnern sich an die vielen sprachlichen Hürden, die sie nehmen mussten, die sie immer wieder ausgegrenzt haben. Diese Rückblicke sind nie anklagend oder wertend, sondern werden einfach (mit)geteilt: Senthil hat z.B. lange Zeit das Asylbewerberheim als das wohlklingendere „asyllandheim“ (38) bezeichnet. Valmira wird als Kind der Bedeutungsunterschied zwischen „Papier haben“ und „keine Papiere besitzen“ (139) deutlich. Diese Bewusstwerdung der Sprache, die oft etwas Positives in etwas Negatives verwandelt, obwohl sich ‚nur‘ Buchstaben verändert haben, ist ein schmerzhafter Prozess bei beiden Protagonisten. Immer wieder „rennen wir gegen die grenzen der sprache an“ (30) zitiert Senthil den Sprachphilosophen Wittgenstein. Gelingt das ‚Anrennen‘ gegen sprachliche und somit alltägliche Ausgrenzung nicht, bleibt oft nur Sprachlosigkeit. Genau dieses Gefühl von Sprachlosigkeit korrespondiert mit dem Gefühl von Fremdsein in allen Lebenssituationen, dem die beiden Protagonisten ständig ausgesetzt sind. Beiden ist klar: „Diese Schatten liegen nicht hinter uns. Sie sind uns immer voraus“ (138).

(Stephanie Schaefers)

zitiert nach: Varatharajah, Senthuran: Vor der Zunahme der Zeichen. S. Fischer Verlag 2016.