Martin Glaz Serup: Das Feld

Martin Glaz Serup CoverSind wir alle etwas Feld?

Mit dem schmalen Buch „Das Feld“ hat Martin Glaz Serup ein Langgedicht verfasst, das sich über 101 Seiten erstreckt. „Dies ist ein Naturgedicht, das auch von anderem handelt als der Natur“ wird in den ersten Zeilen erklärt. Somit läuft die Vermutung des Lesers, der nun lyrische Verse über Natur, Agrikultur oder Landschaft erwartet, ins Leere, denn der Text des dänischen Autors thematisiert zunächst explizit nicht die Natur. Das Feld wird auf eine abstrakte, metaphorische Ebene gehoben: „Kann es einem so gehen wie dem Feld, wie kann man sich identifizieren mit ihm, einem solchen Ort,[…] einem seltsam offenen Raum, einem Körper ohne Organe.“(S. 3) Auf den folgenden Seiten fällt dem Leser die Identifikation mit dem Feld jedoch nicht sehr schwer, schnell wird das Feld zu etwas Lebendigem, Konkretem, gar Menschlichem, insbesondere dadurch, dass das Feld zum Leser selbst spricht. Das Feld durchlebt Alltagssituationen, macht sich typische Sorgen und Gedanken wie sie Menschen einer jüngeren Generation, die multimedial und digital vernetzt sind, zu viel arbeiten und zu wenig Freizeit haben, permanent durchleben. Doch zu individuell oder zu persönlich soll das Feld in letzter Instanz nicht werden, denn „Das Feld ist Vieles“ (S. 32).

„Jetzt haben wir das Feld geharkt, so will´s der alte Brauch“ (S. 57) heißt es in einem alten Lied, das das Feld zitiert. Auch der Leser hat verschiedene Ebenen des Feldes durchleuchtet, inspiziert, seziert. Selbstreferentiell betont Glaz Serup an dieser Stelle die Möglichkeit der Dichtung: Das Feld fragt sich, „ob es nicht vielleicht ganz einfach die Erfindung des Dichters“ (S. 57) sei. Doch „das Feld ist ein starkes Feld“ (S. 71) und macht sich schnell von solch dichterischen Vorgaben – quasi im Gedicht selbst – frei. Inhaltlich und formal bricht Martin Glaz Serup hier nochmals deutlich mit Erwartungen des Lesers, die dieser eventuell an traditionelle Lyriktexte heranträgt.

Zum Ende des Langgedichtes gelangt man doch noch zur Natur. Das Feld setzt sich in Vergleich zu den Begriffen „Landschaft“ und „Aussicht“. Der Autor kombiniert somit zwei weitere, oftmals literarisch geprägte Raumdimensionen, die dem Feld verwandt scheinen, doch in zweiter Instanz noch viel abstrakter sind. „Das Feld kann die Landschaft durchaus von Zeit zu Zeit beneiden“ (S. 94), diese unkonkreten Räume sind „etwas Besonderes“ (S. 93), nicht Fassbares und daher auf sozialer Ebene nicht Belangbares oder zu Verpflichtungen gestraft. Das Feld ist sich hingegen selbst fremd geworden, denn es mag keine „unermesslichen Weiten“ oder „ offene Landschaften“ (S. 93), es „weiß nichts von Biologie und nicht genug über Flora und Fauna oder wie auch immer, es weiß nicht genug über die Kultivierung und Produktion.“ (S. 96)

Martin Glaz Serups Gedicht gibt dem Leser die Möglichkeit, über heutige räumliche Dimensionen und die eigene Lokalisation aus einem anderen Blickwinkel nachzudenken. Der digitale Mensch, der bis zur Unkenntlichkeit in soziale Netzwerke, multimediale Prozesse und die vielschichtigen Ansprüche der Gesellschaft eingebunden ist, droht sich eventuell ebenso zu verlieren oder fühlt sich so überfordert, wie das Feld. Das Feld erleidet regelmäßig klaustrophobische Gefühle „als befände es sich in einem sehr kleinen Raum“ (S. 97). Der Text des dänischen Dichters ist die Einladung zur literarischen Feldwanderung. Räume werde neu dimensioniert, eigene Befindlichkeiten hinterfragt. Man kann sich den Worten des Feldes anschließen: „Das Feld hat darüber nachgedacht und ist zu dem Schluss gekommen, dass die interessantesten Dinge in Wirklichkeit nicht in der Wirklichkeit passieren, sondern in den Köpfen der Leute, der Phantasie.“ (S. 76)

(Stephanie Schaefers)