Matthias Nawrat: Die vielen Tode unseres Opas Jurek

Nawrat Matthias Cover 150

Matthias Nawrat beschreibt in seinem dritten Roman „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“, in Anlehnung an die Biografie seines polnischen Großvaters, verschiedene Lebensphasen der Hauptfigur Opa Jurek und dessen Familie. Eingebettet ist deren Leben zugleich in mehrere Jahrzehnte polnischer Alltags- und Zeitgeschichte. Wie ein roter Faden ziehen sich die titelgebenden vielen Tode durch den Roman, denen Opa Jurek in verschiedenen Situationen nur knapp entgangen ist. Nachts im besetzten Warschau Ende der 1930er Jahre entkommt der Junge Jurek nur knapp einer Kontrolle durch deutsche Soldaten während der Sperrstunde. Weitaus näher kommt Opa Jurek allerdings nur kurze Zeit später dem Tode, als er ins Konzentrationslager Auschwitz interniert wird, dort Zwangsarbeit und Hunger überlebt. Über Jahre hinweg leiden er und seine Familie in der Nachkriegszeit im kriegszerstörten Opole unter Hunger und Repressionen durch das totalitäre Regime. Opa Jurek gerät trotz Parteitreue sogar Jahrzehnte später noch unverschuldet in den grauen Todestrakt des Regimes, weil falsche Querverbindungen innerhalb der Familie gezogen wurden. Auch aus dieser misslichen Lage entkommt Opa Jurek, bis ihn eines Tages der natürliche und unvermeidbare Tod ereilt.

Mit diesem endgültigen Lebensende beginnt Matthias Nawrat seinen Roman, denn am Sterbebett bittet Opa Jurek seine Enkel, dass sie sich merken sollten, was er ihnen erzählt habe. „Dass wir ab und zu an ihn denken, dass wir ihn und sein Leben in Erinnerung behalten, dass wir ja nichts vergessen sollten“ (S. 11). Es ist das ‚Wir‘ der zwei Enkelkinder des Opa Jurek, das hier zum Leser spricht und aus deren Perspektive die gesamte Geschichte erzählt wird, um den Großvater nicht dem Vergessen auszuliefern. Der Roman wird daher nicht von, sondern über ‚unseren‘ Opa Jurek erzählt. Die zwei jungen Erzähler, die sich nie in zwei Einzelpersonen unterteilen, berichten mit einer naiven Offenherzigkeit von den Erlebnissen, die ihnen ihr Opa Jurek mit viel Humor, ironischer Brechung und kindlicher Übertreibung offenbart hat. Dem ‚Erzähler-Wir‘, den Enkelkindern, geht es nicht darum, die Geschichten ihres Opas in Frage zu stellen oder zu relativieren, sondern seine positive und humoristische Lebenshaltung wiederzugeben. Dahinter steht Matthias Nawrats eigene Haltung zu der Biografie seines Großvaters, im Interview erklärt er: „ich fand zuerst keine angemessene Form, weil ich es als total anmaßend empfinden würde, über seine Erlebnisse in Ausschwitz so zu schreiben, als würde er selbst erzählen. […] Deshalb habe ich die betont naive Sicht der Nachgeborenen gewählt.“ (Erlanger Nachrichten vom 31.08.2015) Im gleichen Interview betont der Autor jedoch, dass er diese kindliche Instanz eben nur als Erzählform verstehe.

Durch die schelmenhafte Erzählhaltung ist es für den Leser nicht immer einfach, zwischen der Dramatik des komischen Alltagsgeschehens der Familie und den Schrecken der Kriegstage sowie der politischen Strenge und Willkür durch die polnische Diktatur der Nachkriegsjahre zu wechseln. Als sich Opa Jurek versehentlich in einer „befristeten Arbeitsmaßnahme“ (S. 38) im polnischen Ort „Oswiecim“ wiederfindet, dort „pyjamaartige Arbeitsbekleidung“ (S. 38) erhält, sich mit „einigen unabdingbaren Hygienemaßnahmen“ (S. 38) und „misabler Verpflegung“ (S. 39) abfinden muss, ist die Beschreibung über das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz so verzehrt, dass die ironisch-naive Betrachtung ihre Grenze erreicht hat. Opa Jurek hat dort seinen Aufenthalt als „so sehr schlimm nun auch wieder nicht“ (S. 392) empfunden – zumindest erzählte er das so seinen Enkeln und die geben dies unkommentiert an den Leser weiter. Oder ist diese Empörung, die beim Leser geweckt wird, die Reaktion, die der Autor durch seine Erzählhaltung wecken möchte? Besser funktioniert der humoristisch-positive Ton im Alltagsgeschehen um die Familienmitglieder. Denn nicht nur das Leben von Opa Jurek schildert Matthias Nawrat, sondern auch die Lebensgeschichten der Eltern der Erzähler-Enkelkinder, ihrer Onkel Wojtek und Onkel Edek, ihrer Oma Zofia, sowie der Eltern väterlicherseits, Opa Andrzejek und Oma Izabela. All diese Figuren hatten Träume, die durch Krieg, Hunger und vor allem durch das totalitäre Regime Polens nicht gelebt werden konnten, aber ihr Wille und ihre Lebenslust werden nie gebrochen. Allein der Humor, und sei es nur in seiner sprachlichen Dimension, zeigt sich oftmals als Überlebensstrategie. Opa Jurek erklärt weise und nah am Titel des Romans, „man könne auch sterben, ohne wirklich zu sterben“ (S. 394). Alle Figuren des Romans erleiden viele Tode in ihrem Leben.

Fest steht für die Enkel-Erzähler „je weiter etwas in der Vergangenheit liegt, desto schwieriger werden solche ganz genauen Aussagen. […] die Geschichten aus dem Leben unseres Opas Jurek und unserer Oma Zofia […] zeigen, wie es früher in Opole gewesen ist, sogar in ganz Polen, was wir ohne diese Geschichten kaum erfahren würden, schließlich ist das heutige Opole nicht mehr dasjenige von früher.“ (S. 213)

Hat ein Leser Lust, einen schelmischen Blickwinkel auf die Welt einzunehmen und zeigt er die Bereitschaft zu stetigen Brechungen und Umkehrungen des Erzählten, wird ihm ein lebendiges Familienepos geschenkt, das viele Einblicke in das Leben eines Polens gibt, das weit in der Vergangenheit und doch örtlich und zeitlich gar nicht so in der Ferne liegt.

(Stephanie Schaefers)

zitiert nach: Nawrat, Matthias: Die vielen Tode unseres Opas Jurek. Rowohlt Verlag 2015.