Matthias Nawrat: Interview

 

Herr Nawrat, Sie haben bereits in Ihren zwei vorherigen Romanen Protagonisten gewählt, die man als Außenseiter oder Sonderlinge bezeichnen kann, Ihre Figur des Opas Jurek und seine Familie sind ähnlich anzusiedeln. Was reizt Sie an diesen Figuren?

Mich interessieren die so genannten normalen Leute, die nicht aus irgendeinem gesellschaftlichen Blickpunkt wichtig oder heldenhaft sind. Sie interessieren mich deswegen, weil jeder Mensch etwas ganz Besonderes ist und jedes Individuum einen ganz besonderen Blickwinkel besitzt. Mich reizt, im scheinbar Normalen das Besondere zu finden.

Im Feuilleton wird Ihr Roman passend dazu, mehrfach als Schelmenroman beschrieben. Wie stehen Sie zu dieser Einordnung? Wie würden Sie Ihren Text bezeichnen?

Ich würde den Roman vielleicht eher als Familienerzählung oder Kindheits-Roman bezeichnen. Schelmenroman ist insofern irreführend, als dass es kein klassischer Schelmenroman ist. Mein Roman macht Anleihen beim Schelmenroman, nutzt bestimmte Techniken, derer sich der Schelmenroman bedient. Auch in meinem Roman erzählt eine andere Person die Ereignisse. Das Geschehen wird uns nicht direkt mitgeteilt. Diese Technik bietet immer wieder die Möglichkeit, dass der Erzähler lügt, übertreibt oder Dinge in einem besseren Licht darstellt. Das sind für einen Schelmenroman typische Mittel, die von mir verwendet werden. Aber gleichzeitig ist mein Text kein reiner Schelmenroman, weil der Humor, der im Schelmenroman eine Rolle spielt, in meinem Text zugleich auch Thema ist. Mir geht es darum, dass Geschichte immer eine Erzählung ist, die wir präsentiert bekommen. Der Humor, der in meinem Roman so eine wichtige Rolle spielt, ist zugleich auch die Überlebensstrategie des Großvaters Jurek, um mit den Entwürdigungen innerhalb des totalitären Systems zurecht zu kommen. Er erzählt sich seine eigene Lebensgeschichte auch selbst, und zwar mit Humor, um sich selbst quasi wieder zum Helden seiner Geschichte zu machen.

 

Nehmen Sie nicht zu viel Abstand zu Ihrem Protagonisten, dem Opa Jurek, indem Sie eine andere Erzählperspektive, die der zwei Enkel, einnehmen? Verlieren die Ereignisse und Katastrophen der Vergangenheit nicht ihren Schrecken und ihre Grausamkeit durch diese betont naive Erzählhaltung? Warum so viel Abstand?

Weil er auch Thema der Erzählung ist. Die Enkel sind diejenigen, die die Geschichten nacherzählen, die sie gehört haben. Wenn es um ein Thema geht, wie den Zweiten Weltkrieg oder Diktatur, dann ist es für mich als ein Mitglied der dritten Generation so, dass diese Distanz besteht. Es ist eigentlich unmöglich, zu verstehen, wie sich jemand gefühlt hat, der all diese Schrecken erlebt hat. Man kennt dies alles nur noch aus Erzählungen, und ich selbst kenne das auch alles nur noch aus Erzählungen. Einer meiner Großväter war tatsächlich in Auschwitz und er hat stets davon erzählt. Ich habe darunter gelitten, dass ich eine unauflösbare Distanz dazu hatte. Diese Distanz wollte ich zum Ausdruck bringen, daher habe ich diese schein-naiven Erzähler gewählt, damit dieser Effekt, vielleicht auch diese Empörung, die dabei zustande kommt, darauf verweist.

Gehen wir zu einem etwas allgemeineren Bereich Ihres Schaffens über. Wann haben Sie mit dem Schreiben begonnen?

Ich habe erst spät Deutsch gelernt, mit zehn Jahren, als ich nach Deutschland kam. Ich habe damals viel auf Deutsch gelesen. Mich hat die deutsche Sprache sehr interessiert und fasziniert. Irgendwann habe ich dann begonnen, selbst kleine Gedichte zu schreiben, einfach aus dem Spaß an der Sprache. Vieles hatte ich sprachlich selbst noch gar nicht verstanden, vieles erschien mir noch so rätselhaft an dieser Sprache. Ich habe zunächst begonnen, mit der Sprache zu spielen. In meiner Jugendzeit habe ich nicht kontinuierlich weiter geschrieben. Wirklich ernsthaft geschrieben, habe ich erst mit zwanzig Jahren, als ich angefangen habe Biologie zu studieren. Ich hatte das Bedürfnis, der Sprache der Naturwissenschaften etwas entgegenzusetzen. Die literarische Sprache war da genau das Gegenteil zu der Sprache der Naturwissenschaften, die eher abstrakt und objektiv ist. Ich habe nach etwas gesucht, das subjektiver ist, Literatur ist subjektiv.

Haben Sie auch etwas auf Polnisch geschrieben oder ist es nur die deutsche Sprache, die Sie fasziniert hat?

Mich fasziniert die polnische Sprache auch, aber ich habe nie das Bedürfnis gehabt, auf Polnisch zu schreiben. Dafür benutze ich Polnisch auch zu selten, wichtige Teile meiner Entwicklung fanden auf Deutsch statt. Meine Jugend, mein Studium, mein Erwachsenwerden, dies habe ich alles auf Deutsch erfahren. Deutsch ist auch die Sprache, mit der ich ständig konfrontiert bin und in der ich viel mehr gelesen habe. Wenn ich länger in Polen leben würde, hätte ich sicher das Bedürfnis, auch auf Polnisch zu schreiben.

Was haben Sie darüber hinaus am Schweizer Literaturinstitut gelernt, was unentbehrlich für Ihr heutiges Schreiben ist?

Konkrete Werkzeuge gibt es da wohl nicht. Aber ich habe zwei wichtige Dinge am Literaturinstitut gelernt. Zunächst ein Selbstbewusstsein im Ausprobieren von verschiedenen Dingen. Mein Horizont wurde in Biel geöffnet und seitdem bin ich freier im Ausprobieren von verschiedenen Sprechweisen, von verschiedenen Dialogformen usw. Ich bin dort sicherer geworden und habe Mut geschöpft, neue Dinge auszuprobieren. Gleichzeitig habe ich auch gelernt, kritischer zu sein, genauer zu lesen, auch Texte, die ich selbst geschrieben habe, genauer zu analysieren und mir Fragen zu stellen, was gut an dem Selbstgeschriebenen ist und was nicht. Diese zwei Aspekte betrachte ich als unentbehrlich beim Schreiben.

Kann ein junger Schriftsteller nur zu Erfolg gelangen, wenn er ein Literaturinstitut besucht? Was raten Sie Schülern, die Interesse am Schreiben haben?

Ich finde es nicht notwendig, unbedingt an einem Literaturinstitut zu lernen, um ein Schriftsteller zu sein. Man kann auch ein Schriftsteller sein, wenn man alleine das Schreiben gelernt hat, alleine an sich arbeitet. Unabdingbar ist allerdings dieses ‚An-sich-arbeiten‘, man muss immer kritischer werden, und sich gleichzeitig immer mehr zutrauen. Das Gespräch mit anderen Autoren über die eigenen Texte ist auch wichtig, das habe ich am Literaturinstitut in Biel gelernt. Das haben Autoren schon immer gemacht, auch als es solche Institute noch gar nicht gab. Rückmeldung von außen und Austausch kann man auch ohne Literaturinstitut erlangen oder sich aneignen. Literaturinstitute erleichtern allerdings vieles. Dort kommt man mit Leuten in Kontakt, die einen weiterbringen können, die beispielsweise Kontakte zu Verlagen herstellen können. Angehende Schriftsteller können durch Literaturinstitute weiterkommen, andere Menschen können solche Institute allerdings auch blockieren. Ich habe Schriftsteller kennen gelernt, die dort eher gehemmt waren. Die Entscheidung ist von den individuellen Veranlagungen abhängig.

Herr Nawrat, wir danken Ihnen für die Beantwortung unserer Fragen und wünschen Ihnen noch eine angenehme Zeit in Bremen.

(Das Interview führten Merlin Wehneit und Stephanie Schaefers im Wall-Saal am 22.01.2016, transkribiert von Stephanie Schaefers am 25.01.2016)