Heike Fiedler – Interview

interview fiedlerFrau Fiedler, Sie selbst haben einmal in einem Interview gesagt, Sie haben eine Art Mischpult im Kopf, das ununterbrochen Wörter in Laute zerlege, ist das eine Gabe oder ein Fluch?

Ich würde sagen, diese Wortzerlegung ist im Laufe der Zeit zu einer Gewohnheit geworden. Es hat mit Gabe weniger zu tun, als mit der Tatsache, dass ich mich zwischen den Sprachen hin und her bewege, unter anderem, da ich im französischsprachigen Teil der Schweiz lebe. Ich reagiere auf Laute, bedingt auch durch die Musik und meine Beschäftigung mit Lautpoesie, so dass auf einmal ein Wort im Kopf herumschwebt, sich wie von selbst zerlegt und zu anderen Wörtern führt.

Es gibt z.B. ein Gedicht in meinem ersten Gedichtband „langues de meehr“, das heißt dissens, dissonanz. Es handelt sich hier ganz offensichtlich um ein  Silbenspiel: rue ber, z.B. über die Straße. Nur zufällig heisst rue auf Französisch Straße und das Wort Berge bedeutet auf Französisch wiederum Ufer: berge. Daraus ergab sich rueber über Berge berge geste und so weiter. So führt eine Silbe, ein Laut, von der einen Sprache in die andere. Es ist ein systematisches Lautgedicht, in dem ich systematisch nicht nur Laute, sondern auch Bedeutungen zusammengefügt habe: rue ber ue ber ber ge ber ges ge ste ge stern stern wort los und los ist verknüpft mit ange: losange, dann angetan: wortlos angetan. Wovon? nomade en fugue genau naufrage keine Frage… Dies als Beispiel für Wortzerlegung. Das Mischpult ist wohl ein Bild, das sich ergeben hat, da ich tatsächlich mit einem Mischpult arbeite und performe.

Kommt es denn auch vor, dass Sie im Gespräch sind und plötzlich sind Sie in Gedanken ganz woanders, weil Sie gerade ein Wort zerlegen?

Nein, nein, nein. Das wäre dann der Fluch. Es kann höchstens passieren, dass ich von einer Sprache in die andere switche, plötzlich mit jemandem französisch weiterspreche, das geschieht eher unbewusst. Es passiert mir aber nicht, dass ich innerhalb eines Gespräches abdrifte und Wörter zerlege. (lacht auf)

IMG 4264Wann haben Sie damit begonnen, diese Form von Visueller Poesie zu kreieren? Sie erzählten vorhin im Workshop, dass Sie die Strömung der Konkreten Poesie nicht kannten, und später erst bemerkten, dass auch andere Autoren so wie Sie Gedichte erschaffen hatten und Ihre Vorläufer dann erst kennenlernten.

Vielleicht ist mir diese Art von Texten vorher schon mal irgendwo begegnet, aber ich kann mich nicht daran erinnern, wie über wen und wann ich diese gesehen habe. Es kam nur dazu, dass ich damals, als in Deutschland der erste Smogalarm war, diese Gedichtart für mich entwickelte. Vielleicht weil der Smog sich für mich im Kopf bildhaft wie eine aufsteigende Säule darstellte. Daraufhin schrieb ich das Gedicht Smogalarm, in dem ich die Buchstaben dieses Wortes untereinander aufschrieb und jeder Buchstabe ergab eine Verszeile, die Form des Akrichon. Das waren die Anfänge. Dann begann ich mit den Worten zu spielen, das hat sich spontan daraus ergeben, z. B. von dem Wort Übergang zum Gangster , (macht Wellenbewegungen mit den Händen). Das habe ich visuell auf das Blatt gesetzt. Über diese ganzen Wortspielereien bin ich später, während des Studiums, auf die Konkrete Poesie gestoßen. Ja, ich hatte tatsächlich nichts Neues erfunden. Über die Vertreter der Konkreten Poesie entdeckte ich die Wiener Gruppe, das Bielefelder Kolloquium. Über Franz Mon, den Vertreter der experimentellen (Laut)poesie, habe ich damals meine Lizenzarbeit geschrieben.

Und wie hat Ihr direktes privates Umfeld auf Ihre Art zu schreiben reagiert? Man muss eventuell als Mutter seinen Kindern auch erklären, was man da gerade macht.

Es ist witzig, dass Sie gerade meine Töchter erwähnen. Als meine Töchter noch kleiner waren, im Alter von 6 bis 12, in einer Zeit, in der Jugendliche noch Normativität suchen, war es für sie schon schwierig, eine Mutter zu haben, die seltsame Laute von sich gab, die sie nicht einordnen konnten. Sie riefen immer „Nein, nein, nein, nicht schon wieder! Bitte auf keinen Fall, wenn Freunde von mir hier sind.“ Jetzt aber, in den letzten Jahren, seit sie selbst studieren und sich der Welt in anderen Formen geöffnet haben, stehen sie vollkommen hinter mir.

Das andere nähere Umfeld geht unterschiedlich mit meiner Arbeit um. Es gibt selbst heute noch Personen, die mit dieser Form von Schreiben, nicht unbedingt etwas anfangen können.

Und wie reagieren Poeten, die eher traditionelle Lyrik schreiben, auf Ihre Art zu dichten?

Ich denke, wenn wir unter Schriftstellern sind, herrscht eine relativ große Offenheit. Es gibt ja nicht nur eine Form von Dichtung, es gibt viele Formen. Ich selbst verurteile auch keine Dichter, die in einer konventionelleren Form schreiben, das kann genauso interessant sein. Der Austausch ist immer sehr positiv.

Manchmal gibt es Leute aus dem Publikum, die sagen, meine Texte wären unverständlich, wenn man nicht alle Sprachen kennt. Einige Texte unterlaufen tatsächlich die semantische Ebene und stehen als Lautgedicht im Raum. Es kommt auch vor, dass ich gefragt werde, warum es einen Gedichtband dieser Texte gibt, wenn sie mündlich vorgetragen werden oder über den Moment der Performance leben. Ich denke, das Buch hilft, Texte noch einmal anders, beziehungsweise näher zu betrachten. Viele meiner Gedichte sind tatsächlich politisch motiviert, vom Inhalt her und konkret allein durch die Sprachenvermischung. Das Nebeneinander der Sprachen ist ein Statement. Hier gibt es keine Trennungen, es gibt keine Dominanz. Alle Sprachen haben den gleichen Stellenwert. Das ist in unserer Gesellschaft heute wichtiger denn je, wo immer mehr Sprachen verdrängt werden, aussterben oder keine Beachtung erfahren. In Indien gibt es z. B. 22 offiziell verzeichnete Sprachen, aber es gibt noch ungefähr 1000 andere Sprachen, die ebenfalls im Land existieren, denen aber keine Bedeutung zugetragen wird.

IMG 4265Interpretieren Sie Ihre Gedichte immer wieder neu, improvisieren Sie, oder haben Sie ein Lautschema im Kopf, wie diese immer wieder vorgetragen werden?

Ich improvisiere tatsächlich viel und gern. Einige Gedichte haben ihre Form gefunden, doch auch dann kann ich noch damit spielen, das Gedicht zum Beispiel schnell oder langsam vorzutragen, was einer Neuinterpretation nahe kommt, besonders in Verbindung mit meinen Ton-und Bildprojektionen.

Wovon lassen Sie sich inspirieren?

Von Sprache. In meiner bald erscheinenden autobiografischen Erzählung oder Kurzgeschichten lasse ich mich natürlich von meinem Leben oder von alltäglichen Situationen inspirieren. Bei Gedichten ist es überwiegend jedoch das Material der Sprache, oder es sind die Zufälle, die sich ergeben. Wir hatten vorhin dieses Beispiel von Poetry und poe try. Ich habe auf diese zufällige Entdeckung 52 Jahre gewartet und wir hatten im Workshop einen Schüler, der direkt auf diese Idee kam. Wenn man einmal damit angefangen hat, Worte zu zerlegen, kommt man davon schwer wieder los. Ob nun Besessenheit, Fluch oder Gabe: es stellt sich automatisch ein.

Liebe Frau Fiedler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Performance bei Poetry on the road.

(Interview geführt von Ruby van Leeuwen und Stephanie Schaefers am 29.05.2015)

Transkribiert von Stephanie Schaefers