Heike Fiedler – Workshop

fiedler 150PoeTry – try to poem

Freitag, 29. Mai 2015, Wall-Saal, Stadtbibliothek.

Es ist kurz vor zehn. Gedimmtes Licht empfängt die Schüler der Q1 des Schulzentrums am Rübekamp und mysteriöse Klänge erfüllen den Raum. Wörter in verschiedenen Sprachen und einzelne Buchstaben huschen über die Leinwand. Visual Poetry.

Als das Stimmengewirr verstummt, steht Projektleiterin Stephanie Schaefers auf, begrüßt die Runde und stellt kurz unseren Workshop vor. Dann tritt Heike Fiedler nach vorne und erzählt ein wenig über sich selbst, und wie sie zum Gedichte schreiben gekommen ist.

IMG 42561fiedler 150

 

Angefangen hat alles mit ihrem ersten Akrostichon ‚Smogalarm‘, eine Gedichtform, bei der die Buchstaben eines Wortes senkrecht untereinander geschrieben werden. Jeder dieser Buchstaben bildet dann den Anfang eines neuen Wortes oder Satzes. Dabei entdeckte sie das visuelle Dichten für sich. Als Beispiel trägt die Poetin ein Gedicht aus ihrem Buch ‚langues de meehr‘ vor. „Nicht nur Inspiration, sondern auch die Sprache selbst ist wichtig für Poesie“, erklärt uns Frau Fiedler als immer wieder das gleiche Wort auf der Leinwand erscheint und sich langsam in ein anderes wandelt.

IMG 4263IMG 4260Aber wie trägt man so ein Gedicht überhaupt vor? Und wozu braucht man dann noch das Buch? „Gedichte sind zum Performen da“, so Frau Fiedler, „aber man braucht auch Zeit, um sie zu verstehen. Dafür hat man dann die Bücher.“

 

IMG 4258Die Schüler bekommen ihre erste Aufgabe. „Nimm das Wort auseinander und schreibe einen Text“, lautet diese, und die erste Frage ist, welches Wort denn eigentlich? Es soll zum Thema Begegnungen sein und die Schüler haben eine halbe Stunde Zeit. „Manche haben Angst vor der weißen Seite“, berichtet uns Frau Fiedler als sie beobachtet wie die Schüler auf ihre leeren Blätter starren, „dabei ist sie eine Landschaft voller Möglichkeiten.“ Schon bald wird beherzt nach dem Stift gegriffen und als die Zeit vorüber ist, sind einige großartige Werke geschaffen worden. Die Gedichte werden mal als Rap, mal im Canon vorgetragen, gemixt und neu gestaltet. So werden auch aus nur wenigen Zeilen beeindruckende visuelle Gedichte und Hörperformances.

IMG 4259Die zweite Aufgabe folgt sogleich: Geht nach draußen und lauft bis ihr das Verlangen habt, stehen zu bleiben, dann macht ein Foto und eine Soundaufnahme mit euren Handys und schreibt dazu einen Text. „Ihr sollt keine schönen Landschaftsfotos machen.“, betont Frau Fiedler, „es geht ums Detail, um die kleinen Dinge, die euch auffallen und dazu bewegen, stehen zu bleiben. Ihr begegnet dem Ort, und der Ort begegnet euch.“ Als die Schüler zurückkehren und ihre neuen Gedichte vortragen, benötigt es der Fotos nicht, um zu erfassen, was sie gesehen haben. Plötzlich werden Bänke und Müll und sogar eine Schraube zu Poesie und alltägliche Laute zu Gedichten. „Einer für alle, und alles gegen ihn.“, so wird zum Beispiel ein Polizist beschrieben. Sogar die Lehrkraft hat es in den Bann der Lyrik gezogen und sie trägt ein Gedicht vor.

IMG 4257IMG 4261Um halb eins ist der Workshop dann vorüber und die Schüler kehren heim mit neuen Erfahrungen und Wörtern im Gepäck. Im Laufe der vergangenen Stunden haben wir gemerkt, dass Talent nicht alles ist. Jeder kann Gedichte schreiben, wenn er nur will. Man muss es nur versuchen. Wie einer der Schüler und auch Heike Fiedler schon sagte „PoeTRY – try to poem“.

(Ruby van Leeuwen)