Heike Fiedler: langues de meehr

Heike Fiedler 225 2Buchstabenperformances – „langues de meehr(2010) und „sie will mehr(2012)

Heike Fiedlers Texte sollte man nicht nur lesen oder hören, sondern auch sehen, um einen besseren Zugang zu deren Inhalt und Bedeutung zu erhalten. Die Autorin arbeitet stark mit visuellen Akzenten, deren ungewohnte Darstellungsformen den Leser geradezu herausfordern: zum Betrachten, Entschlüsseln, Verstehen und Nachdenken.

In ihrem Debütband „langues de meehr“ aus dem Jahr 2010 werden Worte in ihre orthografischen Einzelteile zerlegt, Buchstaben und Worte werden übereinander, untereinander, rückwärts, kreisförmig , kopfüber geschrieben oder ganz neu zusammengesetzt, nicht selten auch mit mathematischen Zeichen oder Satzzeichen verbunden. Während dieses visuellen Prozesses, spielt die Sprachkünstlerin zugleich mit den Bedeutungsebenen der Wörter, kann deren semantischen Kern geradezu aufdecken.

Im Nachwort zu „langues de meehr beschreibt die Mitherausgeberin Ursina Greuel „das Weglassen, Isolieren und Neukombinieren von Buchstaben“ als zentrales Merkmal von Heike Fiedlers Texten, sie mache damit deutlich, „dass in einem Wort immer mehr als die zunächst vermutete Bedeutung steckt“.

Heike Fiedlers außergewöhnliche Texte erweitern die literarische Traditionslinie der Konkreten Poesie. Die Konkrete Poesie ist eine literarische Kunstform, in der Worte und Sprache auf ihre elementaren Bestandteile reduziert werden und Sprache verbildlicht wird. Hierbei lösen sich die typografischen Regeln und sprachlichen Gewohnheiten und regen zu einem kritischeren Sprachbewusstsein an. In den letzten Jahren wird die konkrete Poesie durch die Variation der elektronischen Medien vorwiegend als Visuelle Poesie bezeichnet.

Franz Mon, selbst ein wichtiger deutscher Vertreter der konkreten Poesie,  bezeichnet im Nachwort zu ihrem 2012 erschienenen Band „sie will mehr Heike Fiedlers Texte als „Fotosprache in Reinkultur, ‚bildrisse‘“, denn „der visuelle Prozess stellt selbstreferentiell dar, was ausgesagt wird“.

Heike Fiedler Cover 225Heike Fiedler ist in vielen Sprachen sowohl mündlich als auch schriftlich verortet. Aus ihrer Vielsprachigkeit entwickelt sie eine ganz eigene Technik des Schreibens. Fließend gehen die Texte von deutsch ins Französische oder Englische über oder vermischen die Sprachen miteinander, bilden gar eine neue Sprachmixtur, wie man im Gedichttitel „rAus pOur un (n)Ice walk“ vielschichtig ablesen kann oder im Gedicht „tomorrow“ über mehrere Verse erlebt:

[…] words need speechless places.

kein warten, kein kommen, kein hier.

das leben nehmen als sei es

endlos. I am sleeping.

im traum die wellen, der see.

Die Poetin erzeugt so mehrere unterschiedliche Stimmen parallel, die sie jedoch immer wieder zum Einklang, vielmehr Wohlklang führt. Durch das Zerlegen in unterschiedliche Sprachen weist Heike Fiedler auf die Bedeutungsvielfalt, aber ebenso auf die Verwandtschaft der Sprachen miteinander hin. Franz Mon stellt als zentrales Anliegen von Heike Fiedlers Poetik „die Simultaneität der verschiedenen Sprachen“ heraus.

In Heike Fiedlers Texten begegnet der Leser klassischen Verfahren der Visuellen Poesie, die aber zeitaktuell in vielfachen Spielarten weiter entwickelt werden. Das Gedicht „Buchstabenstreufeld“, das das Wort Poesie in seine einzelnen Buchstaben zerlegt, verdeutlicht innerhalb eines Gedichtes das Zusammenspiel von visuellen und inhaltlichen Elementen der Künstlerin. Keine Texte zum Zurücklehnen und Abschalten. Aber ihre Textperformances sind Einladungen für den Leser, die eigene Sprache zu hinterfragen, neue Sprachhorizonte zu begehen, sich der reinen Sprachlust hinzugeben.

(Stephanie Schaefers)