Nadja Küchenmeister: Interview

Küchenmeister interview 225 3Liebe Frau Küchenmeister, haben Sie ganz allgemein Tipps zum Schreiben? Insbesondere wenn man mit einer Schreibblockade zu kämpfen hat oder nicht weiß, wie man mit dem Schreiben beginnen soll.

In erster Linie ist es immer ratsam, wenn man selbst nicht schreiben kann, zu lesen, was andere geschrieben haben. Danach sollte man sich mit seinen bisherigen Aufzeichnungen hinsetzen, sie nochmal anschauen, in der Hoffnung, dass sich dadurch so eine Art Sprachinfizierung ergibt. Wenn sich die Sprache ein bisschen aus dem eigenen Leben ausgeschlichen hat, kann sie sich durch das Lesen anderer Literatur wieder zurückschleichen.

Wie schreiben Sie Gedichte?

Das ist ganz schwer zu sagen, weil die Ideen für Gedichte jederzeit kommen, bei mir z.B. wenn ich im Zug sitze, was ich ja relativ oft tue oder zu Hause am Küchentisch sitze. Es ist wichtig, dass man diesen Moment nicht vorbeiziehen lässt, dass man sich dann Verse notiert. Später kann man, wenn die Ruhe da ist, diese Rohverse zu einem vollständigen Gedicht zusammenfügen.

Wie lange haben Sie an Ihrem aktuellen Gedichtband „Unter dem Wacholder“ geschrieben?

Vier Jahre.

Warum haben Sie „Unter dem Wacholder“ als Titel gewählt? Das Gedicht selbst ist auch im Gedichtband als einzelner Text enthalten.

Das Gedicht gibt es nur, weil der Band den Titel erhalten hat. Das Buch sollte eigentlich einen anderen Titel bekommen, aber mein Verleger war mit dem Titel nicht ganz zufrieden und hat mich gebeten, nochmal neu nachzudenken. Daraufhin habe ich das Buch auf bestimmt Motive hin nochmal durchkämmt und bin auf diesen Titel gekommen. Danach habe ich erst die biblische Geschichte, die sich hinter dem Titel verbirgt, recherchiert und auf Grund dieser biblischen Geschichte habe ich dieses Gedicht auch noch schreiben können.

Warum verzichten Sie auf Großschreibung?

Das machen ganz viele Autoren, das habe ich irgendwann übernommen. Ich habe immer mal wieder darüber nachgedacht, es nicht zu tun. Man sagt, im Grunde ist im Gedicht jedes Wort gleichwertig, kein Wort sollte stärker sein als das andere. Es ergeben sich durch die Kleinschreibung Mehrdeutigkeiten, weil plötzlich manche Worte offener werden. Wir hatten z.B. im Workshop das Wort ‚Tropfen‘, das auch als das Tropfen verwendet werden konnte. Wenn man alles klein schreibt, kommen mehr Irritationen zustande, und das kann auch einen Mehrwert geben. Andererseits kann es auch geschehen, dass es etwas künstlich wirkt. Ich habe aber in meinem ersten Buch alles kleingeschrieben und wollte das im zweiten Buch nicht ändern.

Sie notieren auch bereits die Rohverse in Kleinschreibung?

Ja, genau. Nur erste Notizen nicht. Aber wenn ich es schreibe, dann schreibe ich es klein und versuche es auch direkt in einer gewissen Form zu schreiben.

Haben Sie Lesetipps für junge Leser, um Interesse an Lyrik oder Literatur allgemein zu wecken?

Das ist ganz schwierig, denn wenn man nun eine Empfehlung gibt, die sich nicht mit dem Geschmack des Interessierten deckt, schreckt das eher ab. Ich würde schon nach Neigung gehen. Wenn jemand selbst Literatur schreibt, sollte er Autoren lesen, die ein ähnliches Anliegen haben, wie er selbst. Wenn ich jetzt sage, lies T.S. Elliot, wird das für einen ungeschulten Leser erstmal schwierig sein. Wenn ein Leser aber eine gewisse Vorbildung mitbringt und dann auf diesen Lyriker stößt, wird er davon wahrscheinlich begeistert sein. Es ist schwierig, wenn man mit dem Lesen beginnt, weil man erstmal auf Autoren stößt, die einen nicht sofort begeistern.

Küchenmeister interview 225 1Sie haben im Workshop erzählt, dass Sie sich als Jugendliche existenzielle Lebensfragen gestellt haben, eine erste Sinnkrise durchlebten und dann in der Literatur Antworten gefunden haben. Welche Autoren haben Sie damals gelesen?

Am Anfang kamen bei mir Autoren wie Hermann Hesse, die sich genau mit diesen Sinnfragen in ihrer Weise literarisch beschäftigt haben. Es widmeten sich ganze Bücher diesen großen Fragen. Es ist ganz klar, wenn man jünger ist, liest man Hermann Hesse, wird man älter, liest man Thomas Mann. Weil Thomas Mann einfach die Form mitbringt, für die man noch gar nicht das offene Ohr hat, wenn man sechzehn ist und das muss man auch gar nicht haben. Wichtig ist nur, dass man weiß, dass die eigenen Fragen, die man hat, in der Literatur zu finden sind. Die eigenen Probleme sind nicht so einzigartig, das ging schon Menschen vor Jahrhunderten so.

Haben Sie in Bremen neue Inspirationen gefunden? Können Sie sich vorstellen, in Zukunft etwas davon literarisch zu verarbeiten?

Ich habe sehr lange über mein Hotelzimmer nachgedacht, ich hatte viele Nächte Zeit, mich mit diesem auseinander zu setzen. Tatsächlich habe ich ein wenig über das Thema Hotel nachgedacht. Zudem mochte ich sehr gern die Bremer Kunsthalle, allerdings aus rein privatem Interesse. Ich bin nicht unbedingt eine Autorin, die über Gemälde schreibt. Trotzdem sieht man etwas und das regt den Geist an. Ich fand Bremen insgesamt sehr schön. Es ist eigentlich so, dass die Erfahrungen, die man macht, subkutan einsickern. Man greift erst Jahre später auf Erfahrungen und Erinnerungen zurück. Dann müssen wir nochmal in fünf Jahren miteinander sprechen.

Sehr gerne. Wir danken Ihnen für das Interview.

 

Das Interview führten Lisa Urlbauer und Stephanie Schaefers

Transkribiert von Stephanie Schaefers