Nadja Küchenmeister: Workshop

„Als ich aufhörte, Gedichte als Rätsel zu sehen, haben sie mir Spaß gemacht“

Küchenmeister workshop 225Am Freitag, den 23.01.2015 fand mit der diesjährigen Förderpreisträgerin zum Bremer Literaturpreis Nadja Küchenmeister und mit Schülerinnen und Schülern des Schulzentrums am Rübekamp ein Literaturworkshop im Wall-Saal der Stadtbibliothek statt.

Nachdem die Berliner Lyrikerin Katja Küchenmeister sich dem Leistungskurs Deutsch des Schulzentrum am Rübekamp vorgestellt hat, möchte sie die Schüler mit Namen kennenlernen. Darüber hinaus möchte die junge Schriftstellerin wissen, warum sich die Workshopteilnehmer für Literatur interessieren und ob sie lesen.

Küchenmeister workshop 225 2Nach den Antworten der Schüler stellt Nadja Küchenmeister hervor, dass sich das heutige Leseverhalten junger Menschen und das literarische Angebot im Vergleich zu ihrer eigenen Jugend geändert habe. Sie empfiehlt den Schülern, Literatur aus dem 20. Jahrhundert zu lesen: „Denn das ist das Jahrhundert, aus dem wir kommen. Sicherlich interessiert das manchen jungen Leser eher als Goethe und Schiller, die sich einem erfahrenen Leser erst später erschließen.“ Nadja Küchenmeister erzählt den aufmerksamen Zuhörern, die sie überraschend schnell alle namentlich anspricht, dass sie sich selbst als Jugendliche existenzielle Lebensfragen gestellt habe, Antworten habe sie auf diese beim Lesen gefunden. Erst später habe sie begonnen Lyrik zu lesen. Bevor die Schüler sich selbst dem Schreiben widmen, betont die Berliner Lyrikerin: „Es gibt keinen guten Autor, der nicht liest, Lesen ist ein großer Reichtum, wer schreiben will, darf das Lesen nicht missachten.“

Küchenmeister workshop 225 3Nun verteilt die weißblonde Autorin Gedichtzettel und liest sie mit den Workshopteilnehmern zusammen laut vor. Die Schüler sollen ihr Verständnis von den Gedichten von Jan Wagner „dung“ und von Lars Reyer „Ging allein“ wiedergeben. Gemeinsam diskutiert die Gruppe über die Darstellung der Perspektiven sowie inhaltliche und formale Eigenarten der lyrischen Texte. Nadja Küchenmeister resümiert, dass Gedichte auf indirekte Weise ihre Aussagen vermitteln. „An kleinen Stellen werden poetische Mittel, Signale gesetzt. In Gedichten findet ein uneigentliches Sprechen statt“, betont die Förderpreisträgerin, „als ich aufhörte, Gedichte als Rätsel zu sehen, haben sie mir Spaß gemacht.“ Nadja Küchenmeister rät den Schülern des Deutschleistungskurses, dass Schreiben als ein Gegenstand zu verstehen sei und dass man nicht zu viel Persönliches hineinlassen solle. Neben dem Ausdruck gehe es vor allem auch um die Form.

Küchenmeister workshop 225 4Im nächsten Schritt sollen nun die Schüler selbst anhand von zwei Schreibübungen etwas zu literarischer Form bringen. Bei der ersten Übung sollen sich die Schüler einen Gegenstand vorstellen und beschreiben, der ihnen von Bedeutung sei. Die zweite Schreibübung bezeichnet Nadja Küchenmeister als 6-Worte-Übung. Die Teilnehmer sammeln zehn konkrete Worte, von denen sie mindestens sechs in ein Gedicht einbringen sollen. Zur Auswahl stehen: Buchseite –  Kästchen – Tropfen – grünweißer Anhänger – Schatten –Türknauf – Wolke – Spiegel – Taschenuhr.

Küchenmeister workshop 225 5Nach einer zwanzigminütigen Bearbeitungszeit präsentieren die Schüler ihre geschaffenen Gedichte. Die zuhörenden Mitschüler und Nadja Küchenmeister geben im Anschluss an jedes vorgetragene Gedicht ihr Verständnis und ihren Eindruck wider. Zum Abschluss stellen die Schüler fast überrascht fest, dass die Stimmungen in ihren Gedichten sehr ähnlich seien:  Die lyrischen Ich-Figuren stehen konstant im Kampf mit sich selbst, suchen nach Selbstverwirklichung, befinden sich in Chaosgefühlen, reflektieren sich selbst. Die ‚junge Dichterriege‘ ist beeindruckt von ihren Werken und dem Gemeinschaftsgefühl, das daraus entstehen konnte. Nadja Küchenmeister schließt den Workshop mit einem intensiven Plädoyer für das Lesen und das Schreiben: „Ich möchte beim Lesen innere Sammlung finden, nicht nur Zerstreuung. Lesen ist die stärkste Weise, sich mit anderen Menschen zu beschäftigen. Ihr habt in Euren Gedichten Bilder und Formen gefunden, Gefühle auszudrücken. Wenn man ein Gedicht schreibt, antwortet das Gedicht, Wörter reagieren aufeinander. Schreiben holt die andere Version von Euch selbst hervor.“

(Stephanie Schaefers)