Ergebnisse aus dem Workshop mit Nadja Küchenmeister am 23.01.2015

Verschlossen

Ewig dauert’s den Türknauf aufzubrechen, leise rieseln die Tropfen

kaltes Metall auf das fein polierte Linoleum,

einen merkwürdigen Schatten werfend.

Im Spiegel seh ich sie fliegen, lauter Seiten eines Buches.

Die Seiten vom Buche der fröhlichen Wolken, ein Band bildend, direkt auf ein kleines Schmuckkästchen zusteuernd.

Doch deutlich lesbar stand auf allen Seiten ein Text: Lass endlich los. Es wurde dunkel.

(Philipp Stahlschmidt)

 

Höhe der Gezeit

 

Welche Finger hinterließen helle Flecken auf verstaubten Buchseiten?

 

Meine Augen kneifen sich zusammen –

das Flimmern deines plötzlichen Verschwindens

ist noch immer sehr seltsam.

 

Verloren gegangen in unseren Schatten.

In den langen Stunden zu denen wir sinnfrei lachten.

Endlos redeten und tollkühn schwiegen.

 

Im Spiegel jedoch, begegneten wir uns wieder wie alte Freunde.

Vertraute Seelen aus ein und derselben Galaxy.

 

Deine Sprache ist nun an eine andere – sagen sie.

Deine langen Haare kannst du behalten – sagen sie.

Dieser Körper ist kein Fremder mehr für dich – sagen sie.

 

Über matte Lippen schnellen, tanzen geläufige hohe Phrasen.

Der Teppich auf meiner Zunge hindert mich daran zu Antworten.

 

Fremde Gezeiten brechen an.

(Whitney Ibrahim)

 

Ich sitze,

wie ich Tag für Tag hier sitze.

Um mich herum schwarz,

alleinig bleibt der Blick auf die Buchseite,

und Ich.

 

Zuvor getan,

geholt das Kästchen aus dem Regal,

Buch an Buch gereiht.

Nun sitzt auf dem Teppich, wie auf Wolken,

nur Ich.

 

Leises Hören,

Tick-Tack, Tick-Tack der Taschenuhr,

welche hängt um meinen Hals,

an einem goldenen Band,

tue Ich.

 

Schreiben gestoppt,

ein verräterisches Quietschen vom Drehen des Türknaufs.

Zurück das Buch ins Kästchen an Ort und Stelle,

geheim nun wieder mein Geheimnis.

Ich allein.

(Doreen Perdigao)

 

 

Ende und Anfang

Endlose

Straße endet nach einem langen Pfad

umgeben von Gras, Gebüsch und Ferne

Ein Haus still stehend in der lautlosen Landschaft unberührt,

allein,

von der laufenden Zeit mitgenommen

Tief dunkle Wolkentürme häufen sich

in den hohen Himmel hinein,

dessen Schatten schwarz die Erde umhüllen

Schnell hinein flüchten vor Sturm und Regen

stehend vor der offenen Tür ohne Knauf

Betreten der riesigen Eingangshalle so weit

und doch beengt

Jeder Schritt quietscht von Nässe und Schuh auf Linoleum

Der Geruch unerträglich, durchströmt meine Lunge,

mein Körper erstarrt

Wie Bomben knallen die Tropfen auf tausend Fenster,

die mich umgeben,

erschrecken,

ängstigen

Die Starre löst sich aus meinen Körper

entflieht in die Umgebung

Die Taschenuhr tickt laut und hallend in dem Saal – immer schneller und schneller

Drehend um die eigene Achse bleibe ich plötzlich stehen, sehe mich selbst,

schrecke zurück,

renne davon

aus dem Haus durch die offene Tür ohne Knauf

Wie auf der Flucht im Bombenstrom des Regens,

den endlosen Pfad

zurück zum Anfang. 

 

(anne-kathrin oestmann)

 

Unter Wolken

mein Schatten spiegelt meine Wut.
Meine Augen, rot.

Tropfen fallen.
Der Spiegel liegt zerbrochen 

auf dem rutschigen Linoleum

neben dem Buch, dessen Seiten zerrissen sind.

(Mina Dogan)