Nadja Küchenmeister: Unter dem Wacholder

cover-kuechenmeisterMomentaufnahmen, Alltagssituationen, Erinnerungen und Gedankenspiele finden sich nebeneinander und miteinander verknüpft in „Unter dem Wacholder“, dem zweiten Gedichtband von Nadja Küchenmeister. Der Ton ihrer dreiundvierzig neuen Gedichte wird besonders durch Lichtspielereien bestimmt. Ummantelt von grauen Mittagsstunden, an hellerleuchteten Gewitterabenden oder eingehüllt in schwerer Sommerhitze bewegt sich das lyrische Ich gedanklich zwischen Leben und Tod, Abgrund und Chancen. Ausgezeichnet durch einen detaillierten Stil erzeugen Nadja Küchenmeisters Worte klare Bilder, die den Leser/Hörer wegtragen – ohne dabei künstlich zu wirken.

Angemerkt sei, dass die Berliner Autorin am Ende des Bandes die wichtigsten Zitate und Anspielungen erläutert, die sich in einigen ihrer Gedichte finden lassen. „Unter dem Wacholder“, titelgebendes Gedicht, findet seine Referenz beispielsweise in biblischen Zeilen, die die Gedanken des lyrischen Ichs streifen. So ist im Alten Testament von einem Engel die Rede, der den Propheten Elia zum Weitermachen ermahnt statt unter dem Wacholder den Tod zu erwarten. Dem Ich des Gedichtes hingegen bleibt einzig und allein der eigene Wille, um zu retten, was noch zu retten ist.

nur damit du bescheid weißt

ich habe das Handtuch genommen

das im Badezimmer hing. du wolltest

es sicher in die wäsche tun. verzeih mir

es war herrlich, so feucht und so kühl.

Eine Notiz auf dem Küchentisch, eine Information am Rande. Ein Moment zwischen zwei sich Vertrauten, scheinbar unbedeutend und doch die Abbildung eines Augenblicks der Zufriedenheit. Die Schriftstellerin nimmt den Leser mit und weiht ihn ein in Situationen voll von Glück und Liebe. Aber auch Schwere und Ernsthaftigkeit finden sich in ihren Texten.

müde wie ich

die tür stand offen: füße badeten im licht, das bei den

knien langsam auslief, die oberschenkel kaum mehr

streifte und müde war, müde wie ich. der himmel klar

 

die luft so frisch: satt vom sommer, noch nicht herbst

was wundernahm, besah man die finger, die rau und

ineinander verflochten müde waren, müde wie ich.

 

jeder schritt ein schritt zurück: tiere brachen aus

dem laub, während auch diese stunde verstrich, nun, da

man blumen niederlegt, die müde waren, müde wie ich.

Mit ihrem zweiten Werk knüpft die Förderpreisträgerin des Bremer Literaturpreises 2015 an den Erfolg ihres 2010 erschienen Gedichtbandes „Alle Lichter“ an. „Unter dem Wacholder“ ist im Schöffling & Co. Verlag erschienen.

(Lisa Urlbauer)