Michael Fehr: Interview

 fehr michael interview3Sie haben im Workshop gesagt, dass Sie aus einer Zwangslage zur Literatur gekommen sind. Können Sie uns das noch einmal genauer erklären?

Ich habe eigentlich Percussion gemacht, Schlagzeug gespielt und ich habe mich sehr geknechtet gefühlt darin, also ich hab nach dem Gymnasium geübt wie ein Idiot. Die Folge daraus war, dass ich immer schlechter wurde. Man konnte es sogar richtig hören, ich wurde ganz miserabel, weil ich mich nichts mehr traute.Und dann habe ich gedacht zur Strafe gehe ich jetzt Wirtschaft studieren.Das habe ich ein Jahr ausgehalten und nachher habe ich gedacht, vielleicht ist es ein bisschen weniger schlimm, Recht zu studieren. Dann habe ich noch drei Jahre Recht studiert und habe da gemerkt, dass diese Sprache eine Phrasen-, eine Floskelsprache ist. Eine Sprache, die aus Kombinationen von Termini besteht und das Gefühl hat mich bedrängt.

So bin ich zur Berufsberatung meiner Universität gegangen und da hat mich der Berufsberater gefragt, was ich mir denn unter einem Juristen vorstellte. Ich habe ihm gesagt, ich glaube, es ist so, dass man am Mittag aus dem Gerichtsgebäude geht, die Treppe hinunter steigt, mit einem Koffer in der Hand, um Mittag zu essen. Der Berufsberater hat geantwortet, ich solle doch mal ins Internet gehen und nach einem Literaturinstitut schauen, denn das wäre wohl etwas für mich.

So dachte ich, gut, dann mache ich Literatur. Für meine Bewerbung an das Literaturinstitut habe ich geschrieben und wurde aufgenommen. Ich bin dahin gegangen und habe eine Weile lang geschrieben, wie man soll, Prosa, Lyrik. Doch da ist all diese Musik, diese Welt, sind diese Dimensionen in meinem Kopf. Durch das Zusammenspiel von Elementen ergibt mein Schreiben eher ein System, alles eine Linie, ein System aus lauter Beziehungen von Wörtern, von Phrasen von Wortbauteilen, -bruchstücken.

fehr michael interview2Es ist eigentlich so, dass ich besser mit Komponisten reden kann, welche eine gewisse Offenheit haben, und nicht von vornherein denken, ich hätte sowieso keine Ahnung, weil ich ‚Sprache mache‘. Ich kann um einiges besser mit Komponisten über Technik, über Qualität, über Prinzipien, über Strategien sprechen, als mit Leuten, die Literatur produzieren. Weil das Allerwichtigste nach wie vor eine gewisse Musikalität, ein Motiv, Motivkontexttualisierung, Repitition oder Variation sind, um daraus ein Werk, eine existentielle Geschichte zu schaffen.

Sie sprechen von der Musikalität der Sprache und haben schon im Workshop erwähnt, dass Sprachen zum Hören gedacht sind. So stellen wir uns die Frage, wie Sie selbst schreiben. Können wir uns das so vorstellen, dass Sie reden, es aufnehmen und es sich dann wieder anhören?

Genau, meine Werke sind rein klanglich, es gibt kein Nicht-Geschriebenes bis sie zu Ende sind. Die Transkription ist ein Zugeständnis an einen Betrieb, es ist schließlich mein Beruf und wenn du kein Buch hast, bist du niemand in diesem Betrieb, so tragisch wie das klingt. Auf jeden Fall bist du niemand Kluges, damit bist du vielleicht noch Jemand wie beim Poetry-Slam, aber das will ich auch nicht, das ist mir zu wenig kompositorisch. Sonst bist du einfach nichts. Du erscheinst nirgendwo, auf keiner Liste, keiner Bildfläche und so habe ich ein Buch gemacht. Andererseits ist das Schriftstück für mich wie eine Partitur. Man kann es lesen und man kann es ganz verschieden interpretieren.

Wenn Sie also eine Geschichte vorstellen, interpretieren Sie diese jedes Mal neu oder gibt es eine Art Richtlinie?

Jedes Mal neu, aber bei gewissen Texten habe ich etwa eine Vorstellung der Taktart zum Beispiel. Es gibt Texte, die höre ich einfach in sechs-achtel und dementsprechend klingt dieser dann schon immer ähnlich. Aber dennoch ist die Interpretation stets eine neue. Ich finde man muss jedes Mal versuchen, zu fühlen. Es kann hundert Mal misslingen, aber einmal gelingt es.

Würden Sie also sagen, dass Ihr Buch zum Vorlesen gedacht ist?

Ich denke ja. Die Rückmeldungen sind nicht unbedingt so, weil es zum Beispiel Leute gibt, die mir gesagt haben, sie hätten das wie in einem Rausch gelesen oder tatsächlich im Rausch. Die erste Frage meiner Lektorin war, ob sie fragen dürfte, ob ich manchmal kiffe. So begann also die ganze Bildwelt, weil es neben der Klanglichkeit trotzdem auch bildreich ist, farbig. Zusätzlich hat jemand gesagt, man müsse es wahnsinnig schnell lesen, jedoch arbeite ich nie schnell. Für mich ist es tatsächlich so, dass es lebt, wenn es klingt. Und vorher ist es bloß dazu gemacht zu leben, aber es lebt noch nicht.

fehr michael interview1Sie haben im Workshop die Aufgabe gestellt, dass man für jemanden schreiben soll. Schreiben Sie für jemanden, bzw. macht es denn einen Unterschied?

Ich finde das Werk ist immer der Anspruch im Sinne der ersten Replik. Also nicht der Anspruch im Sinne der Erwartung, sondern der Anspruch im Sinne des ersten Ansprechens, worauf ich gerne Reaktionen, Antworten hätte. Aber ich kann nur das sagen, was ich sagen will, also ich denke an Nichts und Niemanden, wenn ich das herstelle. Es ist mir auch vollkommen unwichtig im Prozess.

Nachher natürlich nicht, einerseits weil ich davon lebe, andererseits weil ich einen Dünkel habe und genauso anfällig bin auf Schmeicheleien wie alle anderen.

Wie hat Ihnen der Workshop gefallen?

Ich fand die Teilnehmer super! Aber ich würde nie sagen, nur mit Jugendlichen zu arbeiten ist super. Es ist mir vollkommen egal, wer die Teilnehmer sind, aber die Menschen, die tatsächlich da sind, sind mir wichtig. Vorher und nachher ist mir das vollkommen egal. Wer da kommt oder wer da jetzt wieder gegangen ist, aber die, die da sind, die finde ich super. Schöne Stimmen und so im Begriff Persönlichkeiten zu werden. Scham und diese Peinlichkeiten, die kenne ich auch zu gut, ich bin selbst auch immer noch nicht darüber hinweg. Aber im Workshop begleitend habe ich eine gewisse Distanz dazu entwickelt, ich setze das gern frei.

Das Interview führten Anna Boehme, Lea Wulf, Ammon S. und Ruby van Leeuwen am 23. Mai 2014 im Wall-Saal der Stadtbibliothek

Transkribiert von Ammon S.