Michael Fehr: Kurz vor der Erlösung

Cover-Fehr 225Das Buch besteht aus siebzehn Sätzen. Es ist kein Roman, auch wenn die Sätze sehr ausufernd, bis zu neun Seiten lang sind. Es ist auch keine Erzählung, die Sprache ist nicht erzählerisch, sondern eher lyrisch. Der Text lässt sich so wenig einem Genre zuordnen wie die Sprache. Der Autor nähert sich dem zu Beschreibenden in kleinen Schritten, umkreist das, was er sagen will, indem er es immer wieder mit anderen Worten formuliert. Aber nicht nur die Umschreibungen, sondern auch die Klangassoziationen umkreisen vorsichtig das Gesagte, als würden sie dem einzelnen Wort misstrauen.

Dadurch wirkt der Text fragil, unsicher, tastend. Doch es entsteht zugleich ein Sog, wie durch Musik, die gerade dann fesselt, wenn schon Gesagtes wieder und neu erklingt. Auf ein Musikstück weisen auch die einzelnen „Sätze“ hin. Es gibt „Satzbezeichnungen“: „der Bauer“, „der König“, „der Jäger“…. Die einzelnen Sätze sind lose miteinander verbunden, bis auf den ersten beginnen alle mit „zur gleichen Zeit“. Diese Aussage scheint jedoch nicht zu stimmen, denn die Sätze spielen eindeutig zu verschiedenen Zeiten: Ein Bauer überrascht Zigeuner in seiner Scheune und bedroht sie mit seinem Gewehr, ein König reitet auf seinem Kamel durch die Wüste, der Müller fährt mit dem Lastwagen durch den Schnee – sie alle hören die Glocken der Kathedrale und singen schließlich ein Halleluja. Das klingt recht ‚abgedreht‘. Um was geht es denn hier eigentlich? Zum Beispiel um Josef und Maria und die Zigeuner im Stall – das Buch heißt schließlich „Kurz vor der Erlösung“ – der Messias, der Erlöser ist noch nicht geboren. Ganz verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten hören den Ruf, das Glockengeläut. In jedem Satz nähern wir uns der Kathedrale: vom Stall des Bauern, dem Wald des Jägers, dem Schlachtfeld des Soldaten, über Autostraßen, von der Kneipe, der Tankstelle bis zur Altstadt, zur Kathedrale, bis wir im 17. Satz bei Kanzel und Orgel in der Kathedrale selbst sind, beim „Kantor und gleichzeitigen Pastor der Kathedrale“. Wieder ein Hinweis auf Musik. Der Klang ruft die Menschen, der Musiker, der Kantor ist zugleich der Pastor, der Theologe. Die Musik ist die Sprache. Die Sprache ist wie Musik. Aber um welche Botschaft geht es? Die letzten Worte lauten: Und er hörte die Glocken und er hörte die Glocken und fand die Tonika nicht und fand die Tonika nicht“. Der Grundton, die Erlösung ist nicht da. Ist (noch) nicht da? Sind wir „kurz davor“?

Michael Fehr verweigert auf allen Ebenen Klarheit. Seinen Text zu lesen ist eine Herausforderung. Aber durch seine bildreiche, unscharfe, schillernde Sprache und den zugleich sehr strukturierten Aufbau öffnet er Denk- und Fühlräume, – wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.

(Anna Boehme)