Ergebnisse aus den Workshops mit Jan Böttcher am 28. + 29.11.2013

Am Baskeballkorb

Abpfiff! Das Spiel war zu Ende. Luca trat wütend gegen denn Ball, um seiner Wut freien Lauf zu lassen. Wie konnte das nur passieren? So knapp verloren, und das auch noch in der letzten Sekunde. Alles seine Schuld, dachte Luca, hätte er eben gerade diese 100% Chance einfach versenkt, ständen sie jetzt als Sieger da… Was würden seine Manschaftskameraden wohl über ihn denken? Aber was noch viel wichtiger war: Was würde Sarah wohl über ihn denken? Wahrscheinlich würde sie ihn wieder trösten wollen und er würde sie wegschicken. So war das jedes Mal, wenn er Probleme hatte, jedes Mal kam sie, um zu helfen und er schickte sie weg und danach fragte er sich jedes Mal: Warum? Denn eigentlich mochte er Sarah ja echt gerne, aber natürlich wollte er auf keinen Fall, dass sie das wusste. Plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter und drehte sich um. „Sei doch nicht so enttäuscht und reg dich nicht so auf“, Sarah stand hinter ihm.“Man ey, lass mich doch einfach in Ruhe“, entgegnete er.“ „Was soll das denn? Ich versuche doch nur, dich ein wenig aufzumuntern. Und ganz ehrlich: Es gibt schlimmere Sachen, als ein Baskeballspiel zu verlieren“, sagte sie. „Das verstehst du einfach nicht. Du hast noch nie in deinem Leben Baskeball gespielt“. „Ja, dann erkläre es mir doch!“, erwiderte sie. „Nein, das kann ich nicht! Du würdest es sowieso nicht verstehen!“ „Dann schnauz mich nicht so an! Ich kann nichts dafür, wenn du und deine Mannschaft verlieren…“ Luca konnte nicht mehr an sich halten, er war so wütend wie lange schon nicht mehr. Also drehte er sich um, und versuchte zu gehen, aber Sarah hielt ihn am Arm fest und das ging in diesem Moment echt zu weit für ihn. So passierte es. Das, was er in Zukunft noch so oft im Kopf durchspielen würde, das, wofür er sich später noch so schämen sollte. Er erhob seine Hand und klatschte Sarah einmal ins Gesicht. Es dauerte ca. eine hundertstel Sekunde, bis er es bereute, aber es war geschehen. Er guckte erst Sarah an, dann seine Hand und dann wieder Sarah, welche ihn nur fassungslos anstarrte und keinen Ton herausbekam. War es echt passiert? Ja, das war es! Und nun? Wie sollte er reagieren? Viel Zeit, um darüber nachzudenken, blieb ihm nicht, denn ohne auch nur ein Wort zu sagen, drehte sich Sarah um und ging. Sollte er ihr nachlaufen? Würde er es damit nicht nur noch schlimmer machen?, fragte er sich. Er war überfordert, setzte sich erst einmal auf eine in der Nähe stehende Bank, um über das eben Passierte nachzudenken. So verstrichen die Stunden und als es schon dunkel war, fasste er einen Entschluss. Er schnappte sich sein Fahrrad und fuhr los. Bis zum Haus, in dem Sarah mit ihren Eltern lebte, waren es keine 20 Minuten, trotzdem kam ihm der Weg wie eine Ewigkeit vor. Gleich werde ich es ihr sagen, dachte er. Ich werde mich entschuldigen. Und dann werde ich es ihr sagen. Er probierte die Worte aus: „Ich liebe dich“. Wie oft hatte er sich schon innerlich diese Worte sagen hören und sich dann doch nicht getraut? Aber dieses Mal würde er es schaffen, das wusste er! Endlich bei Sarah angekommen, klingelte er Sturm. Nach einer kurzen Zeit machte Sarah persönlich auf. „Was willst du denn noch hier?“, fragte sie ihn schroff. „Nun ja, ich wollte mich entschuldigen und ähm..“. „Komm erst mal rein“ ,unterbrach Sarah ihn. Sie setzen sich in die Küche und redeten, also eigentlich redete nur Luca. Er erzählte, wie es zu seinem Ausrutscher gekommen war, wiederholte immer wieder, wie sehr es ihm leid täte und versprach, dass ihm sowas nie wieder passieren würde. Als er geendet hatte, sagte Sarah erst mal nichts, doch dann umarmte sie ihn. Luca fiel ein Stein vom Herzen! „Nun Luca? Kann es sein, dass du mir vielleicht noch etwas sagen willst?“ Plötzlich spürte Luca ein noch nie da gewesenes Gefühl. Es fühlte sich an, als würden sich sein Gehirn und sein Herz einen Atomkrieg liefern! „Sag es ihr endlich“, meinte sein Herz, doch sein Kopf widersprach. Er holte tief Luft und sagte: „ Ne, wollte ich nicht und ich muss jetzt auch leider schnell wieder los. Sorry!“ Und ohne ein Wort zu sagen, ging er, innerlich weinend, aus der Tür. Er hatte es wieder einmal verkackt!

(Joel)

Auf dem zugefrorenden See

An einem sehr kalten Wintertag, an dem alles zugefroren ist, hat Jason seinen 18. Geburtstag.
Plötzlich klingelt sein Handy.
Es ist Michael. Er gratuliert Jason zum 18. und fragt ihn, ob sie mal wieder etwas machen wollen. Als Michael die Schule abbrach, hatte sich Jason neue Freunde gesucht und Michael immer mehr vernachlässigt.
Jason sagt: ,, Ja gut, wollen wir uns morgen verabreden?“
Michael geht darauf ein und sie verabreden sich am See, an dem sie früher immer gewesen sind, um Schlittschuh zu laufen.
Jason und Michael gingen früher immer zusammen Schlittschuh laufen, doch seit einigen Jahren ist der See nicht mehr zugefroren.
Damals waren sie beste Freunde und machten alles zusammen, doch da Michael nach der neunten Klasse die Schule abbrach, führte dies zur Trennung der beiden.
Im Gegensatz zu seinem Freund machte Jason weiter, um das Abitur zu bekommen, um bessere Ausgangschancen für einen Job zu bekommen.
Früher hatten sie alles geteilt und gemacht, egal, ob es blödsinnig war.

Einen Tag später, um 13 Uhr, packt Jason seine Sachen ein, sowie Handschuhe,Winterjacke, Kekse und seine neuen Schlittschuhe, die er zum Geburtstag bekommen hat.
Als er nun endlich fertig ist,steigt er auf sein Fahrrad und fährt zum See.
Da Michael noch nicht da ist, zieht er sich an und fährt seine neuen Schlittschuhe ein.
An dem zugefrorenden See treffen sich Jason und Michael nach ca. drei Jahren wieder.
Sie begrüßen sich, wie früher, mit ihrem Handcheck und einer Umarmung.
Jason bekommt eine Träne ins Auge, da er sehr sensibel ist, und beginnt das Gespräch mit einem einfachen ,,Hi, lang nix mehr gehört, wie geht’s, was macht deine Ausbildung !?“
Michael antwortet darauf, dass es sehr gut läuft, dass er bald fertig ist mit der Ausbildung.
Wie geht es dir denn so, fragt Michael zurück und Jason meint, dass es ihm gut gehe.
„Kannst du überhaupt noch fahren?“
„Weiß nicht genau, aber mal gucken“, sagt Michael zu Jason.
Nach zehn Minuten Einfahren und kleinen Gesprächen machen sie eine kleine Pause.
Plötzlich kommen zwei Mädchen zu dem zugefrorenden See und laufen auch Schlittschuh.
Jason guckt zu Michael und nickt, der nickt zurück.
Sie fahren auf die Mädchen zu und sprechen sie an.
„Hey“, sagt Jason zu der einen und sie erwidert das „Hey“.
„Ich bin Jason und das ist Michael. Und ihr ?“
„Ich bin Pia und sie ist Michelle.“

(Neil)

Zweite Erde

Gähnend ging Artjom zu dem sechsrädrigen Einsatzfahrzeug. Er war schon seit mehreren Stunden wach, da ihn ein gewisser Jemand nicht hatte schlafen lassen.
Trotzdem lächelte er unentwegt und öffnete die luftdichten Türen des Vehikels.
Er setzte sich auf den Fahrersitz und holte aus der Tasche, die er immer bei sich führte, eine kleine hochauflösende Kamera und schaltete sie ein.
„Chrm, chrm. Heute ist der 22. Juli 2135. Du bist schon seit sechs Tagen auf der Welt, nein entschuldige, dem Mars. Wie gesagt bist du das erste Kind in der Kolonie hier. Du hast ja keine Ahnung, wie viel du nachts schreist und deine Mutter und mich wachhäl…“
Die Türen öffneten sich auf der anderen Seite des Fahrzeuges und ein mittelgroßer Mann stieg ein.
Erst als er sich auf den Beifahrersitz gesetzt hatte, begrüßte er Artjom.
„Hey, Artjom. Alles klar?“, fragte der Mann.
„Du störst mich gerade.“
„Dieses Videotagebuch für deinen Sohn werdet ihr doch nie ansehen, Mann.“
Artjom drehte sich zurück zu seiner Kamera und sprach zu ihr: „Und das ist dein total liebenswerter „Onkel“ John.“
Er schaltete die Kamera ab, um sie zurück in die Tasche zu legen.
„Du bist schon wieder zu spät, John.“
„Jaaaahh, aber dieses Mal hab ich auch einen guten Grund dafür.“
„Den würde ich gerne erfahren“, sagte Artjom grinsend.
„Sag ich dir aber nicht.“
„Ist ja auch egal, wir müssen los.“
„Ja, Herr Astronaut Artjom!“, meinte John belustigt.
„Kosmonaut!“, zischte der russische Mann leicht genervt.
„Wie auch immer. Ist doch genau dasselbe, oder nicht?“
„Der Name ist anders, mein Freund“, sagte Artjom kichernd.
„Ihr Russen müsst aber auch für alles eigene Namen haben.“
Artjom drückte den Knopf, der den Elektromotor startete.
„Nur weil wir nicht wie ihr Deutschen alles von den Amerikanern übernehmen…“
„Woohhh, jetzt übertreib mal nicht!“
Das Tor der Luftschleuse öffnete sich und beide hatten einen atemberaubenden Blick auf die rote, zerklüftete Landschaft des kleinen Planeten, doch beide achteten nicht darauf.
Sie hatten sich bereits daran gewöhnt, da sie schon seit fast acht Jahren auf dem Mars waren.
„Du glaubst also, dass die Deutschen nichts alleine gebacken bekommen?“
„Jetzt komm mal wieder runter, John. Das hab ich gar nicht gesagt.“
„Das hoffe ich für dich“, meinte John nun lachend.
„Du machst mich fertig, Alter.“ Kopfschüttelnd gab Artjom Gas, fuhr durch das Tor aus dem Hangar auf den kalten Grund des Mars.
Er bog in Richtung der 120 Kilometer nördlich entfernten Polkappe ab, die für die Marskolonie überlebenswichtig war, weil sie die einzige Wasserquelle war, die nicht mehrere Dutzend Meter unter der Oberfläche lag.
„Warum hast du eigentlich in der nächsten Woche keinen Dienst? Ich konnte dich auf dem Plan nicht finden“, fragte John über das Knarzen der Achsen hinweg.
„Die oberste Leitung hat mir frei gegeben. Du weißt schon…wegen meinem neugeborenen Sohn.“
„Wisst ihr schon, wie ihr ihn nennen wollt?“, fragte John.
„Mhh, Sarah hat sich nur Mädchennamen überlegt.“ Er lachte leise und fuhr fort. „Sie wollte ja nicht wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird.“
„Tja, die Frauen werden wir Männer wohl nie verstehen“, lachte John.
„Es wäre doch viel logischer zu wissen, was es wird, um sich schon richtige Namen zu überlegen.“
Artjom stimmte ihm nickend zu. „Und sie hat bereits rosa Strampler gestrickt.“
John konnte nun nicht mehr an sich halten und lachte lauthals los bis ihm die Tränen kamen.
Artjom stimmte mit ein und sie lachten mehrere Minuten lang ohne Pause.
Sie unterhielten sich noch die restlichen dreieinhalb Stunden über alle möglichen Themen, bis sie schließlich an der fünf Meter hohen Gletscherplatte anhielten.
Sie folgten der Gletscherformation zu einer Station mit der Funktion, das Eis abzutragen, zu schmelzen und dann schließlich mit dafür vorgesehenen Transportern zu der Kolonie zu schicken.
John würde nun die ganze nächste Woche dort verbringen.
Artjom würde wieder zurückfahren und überlegen, wie er seinen Sohn nennen soll.
Beide verabschiedeten sich mit einer hastigen Umarmung.

Nur einen Tag später, am 23. Juli 2135, wurde Artjom, der sich gerade mit seinem namenlosen Sohn auf die Bettkante gesetzt hatte, benachrichtigt, dass John bei einem tragischen Unfall gestorben war.
Artjom stand langsam auf.
Seine Augen glitzerten durch die Tränen, die sich am Rand der Lider sammelten.
Sie liefen sein Gesicht hinunter.
Er blickte zu seinem Sohn und sagte lediglich sechs Worte.
„Willkommen auf der Zweiten Erde, John.“

(Robin)

Karibikinsel

Manchmal frage ich mich, wie es wäre, einfach loszulassen. Die ganzen Sorgen und den ganzen Schmerz. Ich frage mich, wer weinen würde und wer mich einfach vergessen würde. Würde es vielleicht jemand merken oder käme es für alle plötzlich? Doch dann denke ich, warum sollte ich mich umbringen? Es gibt Menschen, die haben es viel schwerer als ich, und ich, mit meinen Kinderproblemen, habe solche Gedanken. Außerdem kann ich das meiner Mum nicht antun. Obwohl es mich schon interessiert, ob es wirklich ein Leben nach dem Tod gibt, und ob ich dann vielleicht meinen Bruder wiedersehen würde.
Doch während der Zeit, in der ich hier bin, habe ich kein einziges Mal daran gedacht. Mir geht es hier so gut. Nachdem mein Bruder vor kurzer Zeit ums Leben kam, ging es Mum und mir nicht gut, wir lebten wie unter einer Glocke und trauerten nur. Kurzerhand beschloss Mum also, Urlaub zu machen. Sie buchte zwei Flüge und nach wenigen Stunden waren wir auf einer traumhaft schönen Insel in der Karibik.
Ich sitze am Strand und gucke mir, wie jeden Abend, den Sonnenuntergang an. Zum Glück wohnen wir nicht an einem dieser überfüllten Strände, so kann ich immer meine Ruhe genießen. Ich lasse meinen Gedanken freien Lauf, doch manchmal wollen sie nicht. Dann ist es wie eine Art Meditation für mich. Heute allerdings wirbeln meine Gedanken nur so umher.
„Pia! Piaaaa! Hey Süße! Ich schrei‘ mir hier die Seele aus dem Leib und du ignorierst mich, hab ich was gemacht?“ Ich kann meinen Augen nicht trauen, nein das kann nicht sein.
„Nick? Was machst du denn hier?“ Ich spring auf und umarme ihn, so fest es geht.
„Deine Mum hat mich angerufen und gefragt bzw. mehr gesagt, ich soll dich hier besuchen. Sie meinte, dir geht es hier so gut, wie nie. Das wollte ich sehen, also habe ich mir ein Ticket gekauft und siehe da: Hier bin ich!“ Deswegen liebe ich Nick, er weiß immer, was richtig ist, auch wenn er dabei manchmal ziemlich nervig sein kann. Und ich bin einfach immer gut drauf, wenn wir uns sehen. „Erzähl doch mal, wie geht es dir? Wie ist der Urlaub so und sag mal, ist dir nicht langweilig?“ „Ja, ist schön hier. Den Sonnenuntergang gucke ich mir jeden Tag an. Und bei dir? Wie war es so in der Schule?“ „Es freut mich zu hören, dass es dir so gut geht. Ja, Schule halt, ’ne. War noch nie der Burner.“ Ich lache kurz und wende mich dann wieder dem Horizont zu.
Die Sonne ist fast weg und Nick fängt an, sich zu räuspern. „Ähh Pia? Ich weiß, es ist Scheiße, dich jetzt, wo gerade dein Bruder gestorben ist und es dir hier so gut geht, mit noch mehr Problemen zu belasten, aber ich muss dir was sagen.“ Panik schießt mir durch den ganzen Körper. Ich will weg, ich brauche nicht noch mehr Probleme und schon gar nicht von Nick. Es ist gerade so perfekt, und jetzt muss er mit so etwas anfangen. Nein, ich will es nicht wissen, auf keinen Fall. Ich brauche Nick doch, er hat mir so geholfen, die ganze Trauer zu verarbeiten und er ist einfach mein Seelenverwandter. „Nick? Ich weiß, wenn du sagst, es ist ein Problem, dann glaube ich dir auch, dass es ein Problem ist. Aber ich möchte nicht, dass dieser Moment zerstört wird. Es ist gerade so perfekt. Deswegen, bitte, erzähl’s mir morgen.“ „Aber Pia..ich..ich muss es dir jetzt sagen, es ist wirklich wichtig!“ „Nick, bitte! Ich glaube dir wirklich, dass es wichtig ist. Wirklich! Aber du musst verstehen, dass, wenn du es jetzt sagst, dann breche ich zusammen.“ Nick umarmt mich und ich bin den Tränen nahe. „Aber ich denke, es geht dir gut?“ „Tut es ja auch, aber ich kann den Tod meines Bruders einfach nicht vergessen, noch nicht. Und weißt du was das Schlimmste ist? Ich habe noch kein einziges Mal richtig geweint.“ „Mensch Pia..es ist doch nicht schlimm, dass du noch nicht geweint hast. Und du weißt, du kannst mir alles erzählen!“ „Ja, ich weiß das. Und ich würd’s dir auch gerne erzählen, aber ich bin einfach noch nicht bereit. Gib mir ein bisschen Zeit.“ „Okay, Süße. Alles wird gut!“ Und obwohl dieser Satz wohl der dümmste Satz ist, den jemand in diesem Moment zu mir sagen kann, ist er aus seinem Mund der beste.
Ich löse mich aus der Umarmung und lehne mich an seine Schulter. Er legt mir seinen Arm um die Schulter und so bleiben wir den ganzen Abend lang sitzen.
Auf einmal fange ich an zu weinen. Erst sind es nur einzelne Tränen, doch dann werden es immer mehr und ich fange zu schluchzen an. Ich kann gar nicht mehr aufhören. Ich lasse meinem Schmerz um meinen Bruder und der Angst vor Nicks‘ Problem freien Lauf. Es tut gut. Nick tröstet mich und ich fühle mich immer stärker. Endlich habe ich einen Ausweg aus meiner Lage gefunden.

(Hendrikje)

Auf der Schaukel nebenan

Heute ist es endlich soweit. Heute ist der Tag gekommen. Heute zieh ich die Reißleine. Heute hau ich ab! Zusammen mit Martin! Martin ist mein bester Freund. Er wohnt drei Häuser weiter. Wir gehen in die gleiche Klasse und spielen beide Handball. Vor vier Tagen haben wir den Beschluss gefasst: Wir hauen zusammen ab. Meine Eltern nerven mich nur noch. Die ganze Zeit kommen sie und wollen, dass ich irgendwas für sie mache. Entweder soll ich irgendwas im Haushalt machen oder irgendwas für sie besorgen. Martin will auch abhauen. Seine Mutter ist vor zwei Jahren gestorben und seitdem nerven sein Vater und seine neue Mutter ihn auch nur noch. Martin hat aber einen kleinen Bruder, der sehr an ihm hängt.

In 20 Minuten ist es soweit. Jetzt ist es 23:40 Uhr. Um Punkt 24 Uhr treffen wir uns auf der Schaukel nebenan. Ich packe gerade noch meine Tasche. Hoffentlich kommt Martin auch. Wir haben Geld gespart und werden den Zug um 0:11 Uhr nach Berlin nehmen. Dort wird es schon irgendwie klappen. Martin ist zwar nicht so überzeugt wie ich, aber wir werden das zusammen durchziehen. Es ist 23:50 Uhr, ich mach mich auf den Weg.

Ich setze mich auf die Schaukel und warte. Er muss pünktlich sein, sonst verpassen wir unseren Zug. Es ist jetzt 24 Uhr, total kalt. Martin ist noch nicht da. Zehn Minuten später kommt er endlich, aber für den Zug ist es zu spät. Er hat auch kein Gepäck dabei. Ich rufe zu ihm rüber: „Wo sind deine Sachen??“ Er antwortet nicht. „Wieso kommst du so spät? Wir bekommen den Zug nicht mehr“, sage ich enttäuscht. „Wie? Was redest du? Wie, du kommst nicht mit?“, erwidere ich erstaunt. „Weiß du, mein Bruder, ich kann ihn doch nicht alleine lassen. Und das mit meinen Eltern, das legt sich schon wieder. Ich komme nicht mit. Tut mir leid. Du solltest auch hier bleiben. Eigentlich ist das alles doch gar nicht so schlimm“, sagt er. Ich weiß nicht, was ich antworten soll. „Ich geh auf jeden Fall, egal was mit dir ist. Ich dachte, ich kann mich auf dich verlassen und jetzt fällst du mir so in den Rücken? Dein kleiner Bruder kann ja mitkommen oder so“, rede ich enttäuscht auf ihn ein. „Bist du verrückt? Ich nehme doch nicht meinen kleinen Bruder mit nach Berlin, wo wir noch nicht einmal jemanden kennen“, sagt er. „Ich glaub es nicht. Das alles hättest du dir auch früher überlegen können, oder nicht? Egal, ich geh jetzt. Kommst du mit oder nicht?“, frage ich. „Nein“, antwortet er trocken, „und du solltest auch nicht, das weißt du auch.“

Enttäuscht gehe ich. Ich werfe einen Blick zurück zu ihm. Er setzt sich auf die Schaukel. Wie kann er mich nur so im Stich lassen? Ich dachte, er wäre mein bester Freund, aber nach dieser Aktion…. Ich versteh ihn nicht. Wir haben uns den Plan doch zusammen ausgedacht, wie kann er ihn jetzt plötzlich schlecht finden? Na gut, eigentlich habe ich den Plan entworfen, aber er fand ihn auch gut. Und das mit seinem Bruder, irgendwie kann ich das ja auch verstehen, aber jetzt mal ehrlich, das hätte er auch früher sagen können. Alleine schaffe ich das trotzdem. Dann habe ich sogar noch mehr Geld zur Verfügung. Aber irgendwie ist es nicht das Gleiche. Ich habe mich die ganze Zeit darauf gefreut, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.
Ich bin jetzt am Bahnhof und warte auf den Zug. Ich werde erstmal nach Berlin fahren, dann schau ich weiter. Ich glaube, eigentlich will Martin auch weg. Vielleicht kommt er ja noch nach. Vielleicht kommt er mit seinem Bruder nach.
Der Zug fährt ein, aber ich steige nicht ein. Noch eine Stunde sitze ich da. Dann geh ich zurück nach Hause. Wir werden einfach einen neuen Plan machen und dann zusammen mit seinem Bruder abhauen.

(Falk)

Urlaub im Süden

Nach langen stressigen Wochen voller Arbeit freut sich Petra auf ihren langersehnten Urlaub im Süden mit ihrer alten Freundin Susanne.
Petra und Susanne hatten sich länger nicht mehr gesehen, da Petra aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt ziehen musste.
Die beiden hatten abgemacht, sich genau zwei Stunden vor dem Abflug an der Kofferabgabe zwischen den Gepäckstücken zu treffen.
Doch Petra steht auf dem Weg zum Flughafen im Stau. Sie nutzt die Zeit zum Nachdenken. Wie wird das Wiedersehen mit Susanne sein? Bestimmt wie früher, denkt sie, wie in der Zeit, als wir uns mindestens einmal in der Woche zum Essen und Reden verabredet haben. Bei diesen Überlegungen muss sie daran denken, wie schön die alten Zeiten waren und erhofft sich durch den gemeinsamen Urlaub wieder mehr Kontakt zu Susanne.
Mit dreißig Minuten Verspätung kommt Petra am Flughafen an, geht zum Band der Kofferabgabe und erkennt Susanne sofort. Die beiden alten Freundinnen umarmen und begrüßen sich.
Nach der Begrüßung kommen die beiden ins Gespräch.
Sag mal, Susanne, wie war die letzte Zeit bei dir so? Ich vermisse die alte Zeit und bereue meine Entscheidung, weggezogen zu sein.
Ach Petra, es war die richtige Entscheidung! Mir geht es in der letzten Zeit nicht wirklich gut. Ich habe viel Stress mit Norbert, deshalb freue ich mich auch sehr, mit dir einige Tage aus den Alltagsleben zu entfliehen.
Lass uns die gemeinsame Zeit genießen, Susanne, und uns wieder öfter sehen, wenn wir wieder zurück sind.
Das Gespräch zwischen den beiden entwickelt sich weiter, bis die beiden die Gepäckstücke abgeben müssen. Nach dem ausgiebigen Gespräch denkt Petra an die Vorstellungen, die sie vor der Begegnung mit Susanne von dem Wiedersehen hatte und bemerkt, dass Susanne sich kaum verändert hat, und sie immer noch genauso gut wie früher mit Susanne reden kann. Die Beziehung zwischen den beiden ist immer noch so, wie Petra es sich erhofft hat. Die beiden alten Freundinnen verleben einen schönen Urlaub zusammen und verbringen nach der Rückkehr wieder viel mehr Zeit zusammen.

(Mirko )

NOLA & MALJEN
>>Nola betrat die Manege. Das Licht der Scheinwerfer leuchtete ihr ins Gesicht. Leise Musik ertönte und die Menschen im Publikum wurden wieder still nach dem Jubel und Applaus, der der vorherigen Nummer galt. Es widmete nun ihr die ganze Aufmerksamkeit. Eine knisternde Spannung lag in der Luft. Nola ging langsam auf das Trapez zu und ließ sich nieder. Dann wurde sie nach oben gezogen. Sie erhob sich und holte Schwung. Ihr Herz klopfte in ihrer Brust, so dass sie seinen Schlag überall spüren konnte. Dann sah sie ihren Zwillingsbruder an, er strahlte und offenbarte ihr damit, ihre eigenen Gefühle. Sie spannte all ihre Muskeln an und sprang….
Es rauschte in ihren Ohren und das Adrenalin schoss durch ihren Körper. Sie flog dahin, frei wie ein Vogel. Eine Schraube, ein Salto und eine Pirouette. Ihr Bruder fing sie immer wieder auf und bewegte sich dann geschmeidig wie eine Raubkatze selbst durch die Luft. Es sah aus wie ein Spiel, dessen Ziel es war, den anderen mit immer gewagteren Sprüngen zu übertrumpfen. Sie wirkten, als hätten sie nie etwas anderes getan, ja so, als wären sie dafür geboren worden. Keiner der Zuschauer sprach ein Wort. Die goldene Atmosphäre hatte sich wie eine samtene Decke über sie gelegt. Nola und Maljen zogen alle in ihren Bann. Als ihre Nummer beendet war, schwebten beide mit glühenden Wangen von der Zeltkuppel hinab. Alle schienen immer noch vollkommen benebelt zu sein, während Nola und Maljen sich tief verbeugten. Als der Applaus nicht enden wollte, drehte Maljen den Kopf und schenkte seiner Schwester ein glückliches Lächeln.

Nola spürte ein Stechen im Herzen, als sie daran dachte. Tränen traten in ihre
Augen und ihre Mundwinkel verzogen sich schmerzerfüllt. Ein scharfer, eiskalter Wind wehte und ließ sie schließlich vollständig aus ihren Erinnerungen erwachen. Sie starrte in die unendlich trostlos wirkende Landschaft ringsherum. Der Himmel lag grau und bleiern über dem kleinen Städtchen und große dunkle Wolken schienen an den Berggipfeln rund um das Tal festzuhängen. Die Bäume hatten kaum noch Blätter und knarrten ächzend bei jedem Windstoß. Es war, als hätte der Herbst alle bunten Farben an sich gerissen und mit sich genommen. In Nola hatte sich ein wattiges Gefühl breit gemacht, wodurch sie die Außenwelt nur noch dumpf wahrnahm. Sie stand von dem alten Plastikstuhl, der vor einem der Wohnwagen stand, auf und ging zum Zirkuszelt. So wie es da stand mit seinen schrillen Farben, gehörte es irgendwie nicht hierher.
Nola schob die Zeltplane beiseite und betrat das Zelt. Der Geruch von Sägespänen, Tieren und Popcorn und die Stimmen einiger Artisten empfingen sie. Die anderen Zirkusleute waren vermutlich irgendwo auf dem Zeltplatz.
Sie lief über den weichen Manegeboden und setzte sich auf die Tribüne. Sie ließ ihren Blick schweifen und beobachtete die rothaarige Ginger, die mit ihren vier weißen Lipizanerstuten trainierte. Angelina und David übten währenddessen ihre Nummer am Seil, und die kleine alte dunkelhäutige Tigerfrau Sola unterhielt sich leise mit dem Gewichtheber Pablo. Die Luft schwirrte von den Stimmen und dem Schnauben der Pferde. Dann kam plötzlich ein Rollstuhl hereingerollt. Er fuhr direkt auf Nola zu. >> Hallo Schwesterherz<< ,ertönte eine Stimme. Nola drehte sich um und ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen. >>Hallo!<< Er sah sie fragend an. >>Ist alles in Ordnung? << >>Ja, schon okay. << >> Wieso sitzt du denn hier so tatenlos rum ?<< Er bemühte sich ein Lächeln zu Stande zu bringen . >> Ich sehe den anderen zu! << >>Wow! Wie produktiv! << >> Höre ich da etwa einen ironischen Unterton? Was hast du denn heute schon gemacht, bitteschön? << Sie schmunzelte. >> Ich habe Hausaufgaben gemacht <<, antwortete er und reckte dabei das Kinn. >> Ja, was sonst ,du Musterschüler! << >> Das mit den Hausaufgaben solltest du vielleicht auch mal versuchen.<< Er grinste, sagte dann jedoch mit belegter Stimme:>> Was hätte ich denn auch sonst tun sollen, so als Verkrüppelter?<< Die letzten Worte klangen bitter und Nola spürte die Traurigkeit, die Wut und vor allem die Sehnsucht, einfach aufzustehen und wegzurennen, die dahinter lag. Dann herrschte eine Weile Stille. Manchmal, wenn sie sich so gegenseitig aufzogen, vergaßen beide für einige Sekunden den klapprigen Rollstuhl, der sie letztendlich immer wieder in die Realität zurückholte. Dann meinte Nola sogar, einen winzigen Funken von Freude über die Normalität in seinen Augen erkennen zu können. Sie musterte ihren Zwillingsbruder, er hatte sich nun Ginger zugewandt und starrte reglos wie eine Statue in ihre Richtung. Nola wusste nur allzu gut, welche Überwindung ihn der Aufenthalt im Zirkuszelt kosten musste. Wie er so da saß, hatte er nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem alten Maljen, den sie gekannt hatte. Früher, da war er ein selbstbewusster, glücklicher, gutaussehender Junge gewesen. Nun war er ein Häufchen Elend. Er war blass und dürr geworden und seine Augen, die immer strahlend blau geleuchtet hatten, schienen nun den Schimmer jeglicher Lebensfreude verloren zu haben, und sahen nun dem Antlitz der Welt voller Trauer entgegen. Ihren Bruder so zu sehen, zerbrach immer etwas in ihr und sie vermisste ihn , den alten Maljen, der sie immer wieder auffing , wenn sie zu fallen drohte. Sie wandte den Blick ab und erblickte ihre Mutter, die mit schnellen Schritten und einer ernsten Stirnfalte auf sie zuging. >> Nola, ich erwarte eigentlich, dass du wieder trainierst! << Sie stemmte die Hände in die Hüften und Maljen raffte sich auf und rollte langsam davon. Nola sah ihm nach, sie spürte seinen Schmerz und wäre ihm am liebsten nachgelaufen. >> Hast du mich verstanden? << Nola presste die Lippen aufeinander und sah ihre Mutter nicht an. >> Ich kann nicht! << ,sagte sie tonlos. >> Wann willst du wieder damit anfangen? << >> Bald …<< Ihre Mutter fixierte sie mit ihren grauen Augen. >> Nenn mir einen Grund, warum du nicht jetzt sofort damit anfangen solltest. << >> Weil,…. weil, ich bin noch nicht bereit..<< >> Bereit? Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, du hast Angst, Nola! Diese Angst war ja auch berechtigt! <<, fügte sie schnell hinzu >> aber wir haben alle Sicherheitsnetze ausgewechselt, da kann nichts mehr passieren.<< Nola schwieg . Wie oft hatten sie dieses Gespräch in den letzten Wochen geführt. >> Wir haben dir jetzt einen Monat lang Zeit gelassen, wir haben dich nicht gedrängt und dir so viel Freiraum gelassen, wie du gebraucht hast, aber jetzt ist es Zeit, wieder mit dem Training zu beginnen! Wir müssen alle unser Geld verdienen! << Sie setzte sich neben Nola auf die kalte Bankreihe. >> Ich weiß…, aber…<< Sie konnte nicht weitersprechen, Bilder tauchten vor ihrem inneren Auge auf. Maljen, wie er strahlend auf seinem Trapez stand. Und plötzlich waren da auch andere Bilder, welche die schrecklichsten aller Erinnerungen aus der Verdrängung hervorrissen. Maljen schaukelte hin und her und sprang. So leicht flog er durch die Luft, hoch oben unter der Kuppel des Zeltes. Und dann, kurz bevor seine Finger die Trapezstange erreichen konnten, fiel er in die Tiefe und schlug auf dem harten Boden der Manege auf. Ein gellender Schrei ertönte, der jedoch das grauenvolle Knacken des aufschlagenden Körpers nicht übertönen konnte. Nola war so geschockt, dass sie für einige Momente das Atmen vergaß. Sie war unfähig, sich zu bewegen und ihr Magen krampfte sich so stark zusammen, dass sie nach Luft schnappte, sie konnte sich kaum noch halten.
Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so leise war es geworden. Die Stille war erdrückend. Alle hielten den Atem an. Und Maljen lag bewegungslos da, in einer merkwürdigen Position. Irgendwie verdreht. Sofort rannte ihre Mutter und die kleine Tigerfrau mit den Sanitätern im Schlepptau herein. Selbst von so hoch oben konnte Nola sehen, dass Blut aus dem Ohr ihres Bruders rann, aber er regte sich nicht. Dicke, heiße Tränen strömten über Nolas Gesicht. Ein Krankenwagen wurde gerufen und die Zuschauer wurden unruhig und wirkten verstört. Die Show wurde schließlich abgebrochen und Maljen bewusstlos ins Krankenhaus gebracht, wo er auf der Intensivstation drei Tage im Koma lag. Das Bild, wie er im Krankenhaus lag. Das Bild, wie er schließlich erwachte. „ Er hat einen Schädelbasisbruch und einige gebrochene Wirbel und eingeklemmte Nerven, da er mit dem Kopf zuerst aufgeschlagen ist und seine Wirbelsäule zusammengestaucht und teilweise verdreht wurde . Wir werden ihn einige Male operieren müssen.“,hörte sie den Arzt sagen, hörte sie ihn immer wieder sagen. Nun saß er im Rollstuhl und das würde sich niemals ändern. Nie wieder würde er trainieren können. Nie wieder würde er frei sein. Und Nola hätte es vielleicht verhindern können, ihn auffangen oder festhalten können, so wie er es immer getan hatte. Ihre Schuldgefühle schienen sie zu erdrücken, und sie fühlte sich auf einmal wieder leer und einsam. „Nola?“,hörte sie eine Stimme in der Ferne sagen. >>Hallo Nola ?!<< Ihre Mutter wedelte mit den Händen vor ihrem Gesicht herum. >> Oh, was? Tut mir leid, was hast du gesagt?<< Ein Seufzer. >> Es ist für uns alle sehr schwer, nicht nur für dich. Aber wir müssen alle nach vorne schauen. Verstehst du das ?<< >> Ja… das ist nur so schwer << ,flüsterte sie. Ihre Mutter nahm die eiskalte Hand ihrer Tochter und beobachtete Angelina, die sich so elegant und schnell auf dem Seil bewegte, als würde sie tanzen, blickte dann in Nolas große blaue Augen. Augen, wie die von Maljen. >> Alles wird wieder gut !<<
Stille.>> Mama, ich hätte ihn noch festhalten können, ich hätte ihm helfen können!<<
>> Nein, Nola, hättest du nicht und das weißt du auch, es ist nicht deine Schuld! Er ist falsch abgesprungen und dann ist auch noch das Sicherheitsnetz gerissen!! Und Maljen weiß das auch ! Irgendwann musst du wieder anfangen. Du hast das doch so geliebt und ihr wart so gut!<< >> Ja WIR ! Ich alleine bin gar nichts. Außerdem kann ich Maljen das nicht antun! << Vor ihren Augen verschwamm alles und eine kleine Träne lief ihr die Wange hinunter. >> Das ist also das Problem! Ihr seid beide traumatisiert und du bist dadurch total blockiert! Das verstehe ich auch. Doch, wenn man hinfällt, muss man auch wieder aufstehen. Und ich möchte dich nicht zwingen, jedoch weiß ich nicht, was ich noch tun soll. Das Trainieren würde dir bestimmt gut tun und dir helfen darüber hinwegzukommen!<<
Dann erhob sie sich und klopfte den Staub, den die Pferde aufgewirbelt hatten, von ihrer Hose. >> Bitte Nola!<<, bat sie noch einmal flehend und verschwand dann schließlich wieder dorthin, wo sie hergekommen war. Sola ,die Tigerfrau, hielt kurz inne und lächelte Nola aufmunternd an.>> Deine Mutter hat recht << ,sagte sie mit rauer Stimme, nickte bedächtig und wandte sich dann erneut Pablo zu.
Mitten in der Nacht wachte Nola schreiend auf. Schon wieder ein Alptraum. Es war stockdunkel und eiskalt. Ein wütender Herbstwind zerrte an ihren Haaren und ließ sie frösteln. Moment mal, Wind? Mit einem Schlag war sie hellwach und bemerkte, wo sie war. Sie stand barfuß vor ihrem Wohnwagen in ihrem schwarzen Trainingsanzug. Die Frage, wie sie ihn angezogen hatte, ohne es zu bemerken, stellte sie sich erst gar nicht. Sie überlegte schnell, was sie jetzt tun könnte und schlich dann durch die Dunkelheit in Richtung Zelt, während der Vollmond groß und silbern am Himmel stand.

(D.)

Leben in Angst

Die meisten Kinder sind schon nachhause gegangen, die Putzfrauen sind fast fertig und eine ungewohnte Stille ist in der Mensa.
Nachhause gehen kommt für mich jedoch nicht in Frage. Alles ist besser als dort. Doch wo soll ich hin? Vielleicht kann ich zu Rieke gehen? Nein, ihre Eltern würden mich nie dort wohnen lassen. Für ihre Eltern gibt es nichts außer Schule und leider muss Rieke jeden Tag lernen. Zu Marie? Nach unserem letzten Streit kann ich sie nicht fragen, schließlich ist sie der Grund für den Streit. Warum muss sie auch unbedingt auf ihn stehen? Er war doch der einzige Grund für den es sich noch zu kämpfen lohnte. Kämpfen? Welches 16- jährige Mädchen muss sich über solche Situationen Gedanken machen? Die eigenen Eltern?

Plötzlich höre ich eine Stimme, die Stille ist beendet. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Aus diesem Tunnel der Gedanken befreit, um wieder nach vorne zu schauen. Doch will ich das überhaupt, nach vorne schauen? Den ganzen Schmerz noch einmal erleben? Ich weiß es nicht. Jeden Tag mache ich mir solche Gedanken. Wann hört es auf?
Ich merke, wie eine Träne meine heiße Wange hinunter rollt, an meinem Kinn entlang und schließlich über meinen riesigen blauen Fleck am Hals.
Warum tut er mir das nur an, warum denn ich? Und warum kann ich einfach nicht darüber reden? Zu viele Gedanken in meinem Kopf. Meine Mutter würde mir nie glauben. Marc ist für sie der perfekte Mann. Sie lässt einfach kein schlechtes Haar an ihm, obwohl sie sich erst seit zwei Monaten kennen. Marc ist eigentlich ein unscheinbarer, nicht sehr großer Mann. Auf den ersten Blick endlich jemand Vernünftiges für meine Mutter. Sie hatte bisher nie eine Beziehung, die länger als ein halbes Jahr dauerte. Ich weiß auf jeden Fall nicht, was sie an ihm findet.
Marc ist eigentlich ein unscheinbarer, nicht sehr großer Mann….Ich bin schon wieder gefangen in diesem Tunnel. Doch ich höre wieder diese Stimme:
-„Lina?“
-„Ähh …“
Kurze Stille, ich merke gar nicht, dass mich jemand angesprochen hat. Sind nicht alle schon nachhause gegangen? Immerhin ist schon seit 45 Minuten die neunte Stunde vorbei?
-„Hallo? Lina?“
– „Äh … oh, hallo Ben.“
-„Ist alles in Ordnung bei dir?“
-„Ja es ist alles okay.“
-„Sicher?“, seine Stimme kling unsicher.
-„Ja, es ist alles in Ordnung.“ Ich höre mich wirklich genervt an.
-„Aber warum bist du dann noch hier. Und außerdem: Warum weinst du?“
Ich wische mir schnell die Tränen aus dem Gesicht, um einen starken Eindruck zu machen. Ben ist ein Junge aus meiner Klasse, ich stehe schon seit mehreren Monaten auf ihn. Seine dunklen Haare, sein süßes Lächeln und nicht zu vergessen seine wunderschönen Augen!
-„Ist einfach alles nicht so gut im Moment.“
-„Warum?“, er klingt wirklich, als sei er interessiert.
-„Ich habe ein paar Problem zuhause, mit dem neuen Freund meiner Mutter.
Eigentlich will ich gar nicht darüber reden, doch endlich kann ich mal jemandem meine Sorgen erzählen und das tut gut.
-„Kann ich dir irgendwie helfen?“
-„Du?“, meine Stimme klingt erschrocken.
-„Hmm ja?“
-„Du kennst mich doch gar nicht?“
-„Naja, wir gehen seit sieben Jahren in die gleiche Klasse.“
-„Ja schon, aber … Mann! Ich glaube, keiner kann mir helfen.“
-„Doch ich helfe dir, egal was los ist, versprochen.“
-„Das ist echt nett, aber ..“
-„Nichts aber!“, Ben unterbricht mich.
Er setzt sich zu mir und nimmt mich in den Arm. Ein wirklich schönes Gefühl, jedoch merke ich, dass schon wieder eine Träne mein Gesicht hinunter läuft.
-„Mein Stiefvater schlägt mich, schon fünfmal hat er das gemacht. Immer wenn meine Mutter nicht da ist, dann kommt er ohne Grund und schlägt mich. Und meine Mutter? Meine Mutter nimmt ihn auch noch in Schutz. Sie sagt, ich würde mir das ausdenken, weil ich ihn nicht mag. Deswegen versuche ich, jeden Tag so lange wie möglich hier in der Mensa sitzen zu bleiben, weil ich nicht weiß, wohin. Ich habe einfach Angst, verstehst du?“
Ben schaut mich erschrocken an. Er versucht, etwas zu sagen, bekommt jedoch keinen einzigen Ton heraus. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, obwohl es nur einige Sekunden sind.
-„Du musst da raus!“, er hat auf einmal so eine ungewöhnlich monotone Stimme.
-„Und wie?“
-„Ich helfe dir, du kannst auch erst einmal mit zu mir kommen.“
-„Ja, das würde ich gerne.“, alles ist schließlich besser als bei mir zuhause.

So sitzen wir hier nun einfach nebeneinander in der Schulmensa. Er ist es, er ist derjenige, der mir hilft. Ich habe nie gedacht, dass ausgerechnet Ben mir helfen wird. Ben mit seinen wunderschönen Augen, die mich jedes Mal wieder mit so einem leeren Blick anschauen, dass ich mich frage, wie ein Mensch nur so interessant sein kann.
Unser Gespräch war komisch und ich habe nicht gedacht, dass es so endet.
-„Ich brauche aber noch etwas Zeit für mich“, sage ich leise, während ich aufstehe und aus der Mensa laufe. Es ist alles zu viel auf einmal. Ich renne zur Tür hinaus, wohin weiß ich selber noch nicht.
Ein bisschen Zeit, um alles noch einmal durchzugehen. Ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll, aber ich fühle mich nicht mehr alleine.

(Linn)

Die kühle Nachtluft

Die kühle Nachtluft, der Wind, der meine weiß-blonden Haaren nach hinten fliegen lässt. Ich mag das. Einfach so dazusitzen und in die Schwärze der Nacht zu blicken, während ein paar Lichter die Dunkelheit besonders wirken lassen. Ich bin nicht selten hier, immer wenn ich einen Ort zum Nachdenken brauche, fahre ich nachts heimlich hierher. Ganz allein auf dem Balkon. Einsam bin ich nicht. Der Mond am Himmel und die Geräusche um mich herum beruhigen mich. Heute ist einer dieser Nächte. Ganz besonders heute muss ich viel nachdenken… Es ist genau zwei Wochen her, als dieser Unfall geschah. Vor zwei Wochen änderte sich einfach alles. Es vergeht keine Sekunde, in der ich nicht diese schrecklichen Schuldgefühle habe. Es ist meine Schuld…
Normalerweise würde ich jetzt in Tränen ausbrechen, doch ich kann nicht. Ich starre in die Leere und mein Herz fängt an zu rasen…Nach einer Weile höre ich Schritte, die sich mir nähern. Jemand tritt durch das hohe Gras und kommt direkt auf das alte Holzhaus zu. Ich fürchte mich nicht sonderlich, doch der Gedanke daran, dass jemand ausser mir hier ist, beunruhigt mich.
„Grace, bist du hier“? Die Stimme kommt mir sehr bekannt vor, doch ich kann sie gerade einfach niemandem zuordnen. Ehe ich meine Gedanken ordnen kann, spüre ich, dass die Person schon hinter mir steht. Mein Vater setzt sich schweigend neben mich, ebenfalls in die Schwärze blickend. Nun sitzen wir beide auf dem Balkon unter dem freien Himmel. Keiner sagt etwas…
Er weiß, was geschehen ist. Wie oft er versucht hat, mir einzureden, es sei nicht meine Schuld…Nun sieht er mich an. „Liebling.. Wie konntest du nur so spät noch allein zu unserer Pazelle fahren? Was machst du hier überhaupt“? „Lass mich, ich will allein sein“. Jetzt laufen mir Tränen über mein, von den vielen schlaflosen Nächten, müdes und bleiches Gesicht. Papa nimmt mich in den Arm. Man merkt ihm an, dass er mit der Situation überfordert ist. „Du hast überhaupt keine Schuld, Grace. Es war ein Unfall und es hätte jedem passieren können. Es tut mir so furchtbar leid, dass es jetzt Mason getroffen hat. „Als Papa seinen Namen ausspricht, ist da wieder dieser stechende Schmerz in meinem Herzen. Genauso schmerzhaft, wie an dem Tag, als ich erfuhr, dass Mason gestorben ist…Der 17. Februar. Er war bei mir. Wir schauten zusammen unsere Lieblingssendung „Gossip girl.“ Dazu aßen wir Muffins, die er aus der Bäckerei seiner Mutter mitbrachte, so wie jeden Samstag. Eigentlich war es ein sehr schöner Tag. Vor meinem Fenster sahen wir, wie immer mehr Schneeflocken vom Himmel fielen und die Stadt schmückten. Dann freuten wir uns, dass wir in meinem Bett in Decken gehüllt lagen und uns warm war. Ich musste ihn immer wieder anschauen. Seine strahlenden Augen und sein schiefes Lächeln waren so bezaubernd. Und als die Stelle in der Serie kam, an der Nate zu Blair meinte:“ Ich liebe dich. Für immer und ewig“, küsste er mich. Ich weiß es noch ganz genau. Alles schien so perfekt. Bis zu dem Zeitpunkt, als er diesen Anruf bekam. Auf dem Display erschien der Name eines Mädchens: Sarah. Mason verschwand aus meinem Zimmer. Als er zurück kam, wollte er mir nicht sagen, worüber sie gesprochen hatten. Und dann stritten wir. Wir schrien uns richtig an. Das alles verletzte mich so sehr, dass ich zu weinen anfing und schließlich meinte, er solle wegfahren. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es das Schlimmste war, was ich je tun konnte. „Grace…? Rede bitte mit mir, ich würde dir so gerne helfen“, sagt Papa und bringt mich mit meinen Gedanken wieder in die Gegenwart zurück. „Ja“, antworte ich. „Papa, du verstehst das nicht. Hätten wir uns nicht gestritten, wäre er nicht noch nachts mit dem Auto weg gefahren. Hätte ich bloß nicht gesagt, dass er gehen soll. Es wäre alles anders. Er würde leben. Wir würden jetzt in meinem Bett liegen und Muffins essen. Es wäre alles wie immer, alles wäre perfekt.“ Papa spricht nun etwas lauter, um meine weinerliche Stimme zu übertönen. „Nein! Es war einfach verdammt glatt, und durch die dicken Schneeflocken konnte man nichts sehen. Dass nun sein Wagen zu rutschen anfing…,also, dass er in die Leitplanken raste, dafür kannst du nichts. Dafür kannst weder du, noch er was.“ „Aber..aber, wenn der Streit..und wär ich..und dann hätte er…“
„Ruhig, Liebes. Ganz ruhig. Mason ist jetzt im Himmel. Sieh dir den Himmel an. Irgendwo da oben ist er jetzt. Er würde nicht wollen, dass du weinst… „Oh Papa, es ist alles so schrecklich, ich habe ihn so geliebt… Ich liebe ihn so…“ Papa streicht über meinen Kopf. „Er liebt dich auch. Er hat es mir so oft gesagt. Dass er nun nicht mehr hier bei uns auf der Erde sein kann, bedeutet nicht, dass er nicht bei dir ist. Er wird immer bei dir sein. Egal, wo er jetzt ist, Liebe wird immer zwischen euch bestehen. Ihr werdet immer eine Verbindung zu einander haben.“
Diese Worte taten Grace gut, das spürte ich. Denn sie fing leicht an zu lächeln, und der Himmel fesselte ihren Blick. Sie schaute einfach in die Weiten des Himmels.
Die kühle Nachtluft, der Wind der ihre weißblonden Haare nach hinten fliegen lässt.

(Fiona)

Man träumt immer von den Sachen, die man sich am meisten wünscht

Ein Mädchen aus meiner Schule sagt immer: „Man träumt immer von den Sachen, die man sich am meisten wünscht.“
Ich wache auf, nur statt in meinem Bett, liege ich im Wald. Auf nassem, dreckigem Laub. Ich stehe auf und gucke mich um, bin ich weggelaufen? Wegen dem, was zwischen Mama und Papa war?
Ich geh erst mal ein Stück und überlege, wie ich hier rauskommen kann. Immerhin machen meine Eltern sich bestimmt Sorgen. Wenn es um ihr einziges Kind geht, halten sie immer zusammen, gerade weil Tom vor 2 ½ Jahren starb. Ich bleibe wieder stehen. Wie weit bin ich wohl schon gegangen? Ich fühle mich kaputt und schlapp, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen. Das liegt aber bestimmt nur daran, dass ich total unsportlich und dünn bin. Auf einmal flattert so ein riesiger Uhu an mir vorbei. Dieses blöde Tier, jetzt bin ich hingefallen und mein Knie blutet. Komischerweise tut es trotz des ganzen Blutes gar nicht weh. Dann ist es ja auch egal, ich will hier einfach nur raus in mein Bett. Ich hasse Wälder. Hab ich immer schon, und auch alle möglichen Tierarten, die in ihnen ihre Höhlen bauen. Meinetwegen können alle Wälder auf der gesamten Welt abgeholzt und dafür mehrere Einkaufshäuser gebaut werden. Dabei fällt mir ein, ich muss shoppen gehen! Bald ist Weihnachten und ich brauche noch Geschenke für meinen Bruder. Ich lege ihm jedes Jahr an Weihnachten, seinem Geburtstag, und zu Ostern etwas an sein Grab. Meistens ist es seine Lieblingsschokolade oder ein Blumenstrauß. Manchmal auch beides. Ich bin die Einzige im Moment, die zu seinem Grab kommt, um es zu pflegen oder einfach, um mich näher bei Tom zu fühlen. Meine Eltern verkraften es nicht, sein Grab zu sehen. Sie sagen, es fällt ihnen schwer, dorthin zu gehen, aber das heiße nicht, dass sie ihn nicht mehr lieben.
Vor ein paar Monaten erst ist meine Mama wieder aus der Klinik entlassen worden. Sie wurde nach dem Tod von Tom depressiv und konnte nicht mehr für mich sorgen. Das waren noch die Zeiten, in denen Papa immer auf Geschäftsreisen war.
Bei mir ist das ganz anders. Als Tom gestorben ist, habe ich ihn schrecklich vermisst. Ich bin ein dreiviertel Jahr nicht mehr zur Schule gegangen und bin auch nicht mehr draußen gewesen. Ich saß nur noch in meinem Zimmer und habe 340 Collagen aus allen Bildern mit mir und Tom gebastelt. Ich weiß bis heute nicht warum, aber es hat mir sehr geholfen, über den Tod und die Veränderungen hinweg zu kommen. Als ich wieder anfing in die Schule zu gehen, habe ich auch regelmäß sein Grab besucht. Ab da ging es mir von Tag zu Tag besser, und mittlerweile geht es mir wieder gut. Ich kann wieder lachen und Freude daran haben, die Sachen zu machen, die ich so lange nicht gemacht habe.
„ Da bist du ja endlich! Ich habe mich schon gewundert, wo du bleibst. “ . Dieser Satz reißt mich so heftig aus meinen Gedanken, dass ich einen lauten, ziemlich ohrenbetäubenden Schrei von mir gebe. Wer könnte das gewesen sein? Oder habe ich mir das nur eingebildet? „Hey Paula, warte doch mal. Wo willst du denn hin?“ Auf einmal taucht eine Gestalt zwischen den Bäumen auf. Ich kann sie aber nicht genau erkennen, da sie im Schatten der Bäume steht. Ich bleibe erst mal stehen und versuche zu erkennen, wer dort auf mich zukommt. Aber die Gestalt kommt nicht irgendwie auf mich zu, nein, sie rennt, und das ganz schön schnell. Ich bekomme Panik und fange ebenfalls an zu rennen. Ich renne und renne, aber die Gestalt kommt immer näher. Ich habe das Gefühl, dass ich mich nur auf einer Stelle bewege. Schreie. Ich höre überall um mich herum Schreie. Von vorne und hinte. Schreit die Gestalt etwa? Die Schreie hören nicht auf, werden immer lauter und lauter und verwandeln sich in schrille Pfiffe. Ich werde taub. Höre nur noch das Blut in meinen Ohren rauschen, wie nach einem Konzert. Nur etwa hundertmal schlimmer und lauter. Ich versuche, so schnell wie möglich weiter zu rennen, falle aber immer wieder hin. Es ist, als würde mich etwas festhalten. Die Gestalt kommt immer näher und näher und ich kann nichts tun. Meine Beine sind schon ganz zerfetzt von dem ganzen Hinfallen und wieder Aufstehen, doch sie tun immer noch nicht weh. Meine Panik vermischt sich mit Angst, und je näher die Gestalt auf mich zukommt ,desto stärker werden meine Gefühle.
„ Hab ich dich!“ „Nein! Lass mich los! Hilfe! Hilfe!“ Ich schreie und schreie, versuche mich aus dem Griff des Mannes, der Gestalt, loszureißen doch er ist zu stark. Erschöpft lass ich meine Arme und Beine sinken. Ich kann nichts mehr tun, gegen so jemanden habe ich keine Chance. Ich finde mich mit dem Gedanken ab, dass meine Eltern jetzt auch noch ihr zweites Kind verlieren.
„ Mann, ey! Was ist denn auf einmal in dich gefahren? Einfach vor mir abzuhauen, als ob ich ein Verbrecher wäre oder so.“ Diese Stimme kenne ich doch? Es ist die Stimme von Tom. Aber, das kann doch gar nicht sein. Tom geht nicht in Wälder, er hat davor Angst. Nach einer langen Pause traue ich mich, meine Augen zu öffnen. Tatsächlich, ich stehe vor ihm, vor Tom, und er schaut mich nur verdutzt an. „ Geht es dir gut? Ist alles in Ordnung bei dir?“ „ Ja! Mir geht es gut und dir?“, frage ich ihn, als ob das eben gar nicht stattgefunden hätte und er nur für ein paar Tage aus meinem Leben verschwunden gewesen wäre. „Ja klar, geht es mir gut. Aber du hast immer noch nicht auf meine erste Frage geantwortet.“ „Oh ja, stimmt. Ehm, warum ich weggelaufen bin, wolltest du wissen. Ich dachte, du wärst jemand anders gewesen und ich habe Angst bekommen, weil du auf einmal auf mich zugerannt kamst.“ „Ich bin nicht auf dich zugerannt Paula. Das hast du dir bestimmt nur eingebildet.“ „Nein, sowas bilde ich mir doch nicht ein, Tom!“ „Naja, ist ja auch egal, jetzt bist ja stehengeblieben.“ „Ha, eher hast du mich festgehalten und zwar so stark, dass ich jetzt überall blaue Flecken habe!“ „Nein, ich habe dich gerufen. Ich habe gerufen, dass ich es doch nur bin und alles gut ist. Da bist du stehengeblieben und hast gewartet, bis ich dich erreicht habe.“ „Oh Mann, hab ich mir das alles nur eingebildet? Bin ich jetzt auch ein Psycho wie Mama einer war?“ „Hör auf so über Mama zu reden! Apropos ,wie geht es ihr und Papa eigentlich?“ „Gut, sie kommt wieder auf die Beine. Papa fehlt das Reisen etwas, aber er hält es aus“, sage ich, als ob es selbstverständlich wäre.
„Ach Paula! Ich bin froh, dich endlich wiederzusehen! So lange, fast 3 Jahre sind wir uns nicht mehr begegnet. Ich habe dich wirklich vermisst, Schwesterherz.“ 3 Jahre? Wie jetzt? Da fällt es mir wie Tomaten von den Augen. Das ist Tom. Tom, mein toter Bruder. Er steht vor mir und ich denke, es ist alles ganz normal. „Oh mein Gott! Tom!“, ich falle ihm um den Hals und fange an zu weinen „Du bist es! Ich habe dich vermisst! Und jetzt bist du wieder da und alles wird gut! Es wird alles wie früher, wir werden wieder eine ganz normale Familie sein!“
Ich lasse ihn wieder los, damit ich ihm in die Augen gucken kann. Doch was ich sehe, sind nicht die Augen von Tom.
Ich schrecke hoch. Was war das? Schweiß gebadet und zitternd sitze ich in meinem Bett. Sofort greife ich nach dem Lichtschalter für meine Lampe am Bett. Das Licht geht sofort an und ich gucke mich um. Nichts. Nur mein Zimmer. Kein Laub, kein Dreck. Meine Knie sehen auch normal wie immer aus, knochig dünn. Das Schlimmste an der ganzen Sache ist, dass auch kein Tom zu sehen ist. Nirgendwo. Es wird auch nie mehr einer zu sehen sein. Auf jeden Fall kein realer Tom. Ich stehe auf, um mich noch einmal zu vergewissern, dass ich wach bin. Dabei fällt mir dieser verdammte Sticker genau neben meinem Bett auf: „ Ost-Zentrum, Klinik für depressive und psychisch kranke Kinder“. Alles nur ein Traum, dass ich ein Kind bin, welches ein ganz normales Leben führt. Ohne eine Macke im Gehirn. Ich lege mich wieder in das Bett zurück. An Schlaf ist jetzt nicht mehr zu denken. Ich liege einfach nur da und warte, bis meine Betreuerin in das Zimmer kommt, die Vorhänge aufzieht und sagt: „ Aufstehen Paula, dein Frühstück ist fertig.“, dann wieder aus dem Zimmer geht und auf mich wartet. Ein Mädchen aus meiner Schule sagt immer: „Man träumt immer von den Sachen, die man sich am meisten wünscht.“ Und das tat ich.
Mein größter Wunsch ist es, so nah wie möglich bei Tom zu sein. Bei meinem großen Bruder zu sein. Und das kann ich auch. Die Lösung ist ganz leicht. Das Einzige, was ich brauche, ist Mut. Und Mut habe ich. Also nehme ich mein Kuscheltier unter den Arm und ein Bild von meiner Familie in meine eine Hand. Dann mische ich die Tabletten mit Wasser, zähle noch einmal nach. 34 Stück. Dann trinke ich das Wasser. Alles auf einmal. Das Letzte, was ich noch mitbekomme, ist das Öffnen meiner Zimmertür.

(Rieke)

Die Mission

Isabelle stand in der Schlange vor der Abendkasse, vor ihr der Typ mit den schwarzen Haaren, der ihr auch schon in der Bahn aufgefallen war. Er unterhielt sich mit einem Freund, und Isabelle fragte sich, ob er wohl eine Freundin hatte. Die Schlange schob sich wieder ein Stück weiter. Sie hoffte, noch eine Karte für das Konzert zu bekommen. Immer wieder flogen Gesprächsfetzen von den Typen vor ihr zu ihr herüber: „Hast du das Geld für die Übergabe ?“ „Ja, Alter beruhig dich, es wird schon klappen. Sherlocks Pläne haben doch bis jetzt immer funktioniert.“ „Ich hoffe, du weißt, worauf du dich da einlässt, Ricardo“, sagte sein Begleiter. Jetzt waren sie an der Kasse und kauften ihre Karten. Isabelle sträubten sich die Haare bei dem, was sie gerade gehört hatte. Waren die Typen
etwa aus demselben Grund hier wie sie ? Mit denen sollte sie zusammenarbeiten !? Nun war sie an der Reihe und kaufte ihre Karte, schob sich durch die Menge. Die Vorband spielte schon, sie war spät dran und die Massen um sie herum wurden immer dichter. Ihr fiel eine Frau mit einem großen Koffer auf, die sich vor ihr Richtung Bühne schob. Sie folgte ihr, weil der Koffer eine breite Schneise in die Massen riss, und hoffte so, ganz nahe an die Bühne zu kommen. Sie waren tatsächlich an der Bühne angekommen und ihr fiel auf, dass der Typ, der neben ihr stand, der Typ war, der in der Schlange vor ihr gestanden hatte. Er drehte sich zu ihr um und sagte, naja er brüllte es eher gegen die Musik an : „Hi, ich bin Sam und wie heißt du? „Ich heiße Bianca“, brüllte sie zurück. Er nahm einen Zettel aus seiner Jackentasche und gab ihn ihr. Sie nahm ihn und las: „Es geht los.“Sie sah Sam an und nickte. Isabelle ging zum Rand der Bühne, wo der Schaltkasten stand, kniete sich hin und knackte das Schloss. Dann brachte sie die kleine Sprengstoffkapsel an und aktivierte den Fernzünder, schloss den Schaltkasten wieder und bewegte sich zurück zur Bühne. Aus dem Augenwinkel sah sie die Frau mit dem großen Koffer und Sam, der mit ihr sprach. Dann hob er die Hand und Isabelle drückte den Fernzünder. Es knallte und wurde dunkel. Isabelle hielt sich vorsichtshalber an der Bühnenabsperrung auf. Einen Moment herschte Stille, dann fing das Geschrei und die Panik an. Die Masse drängte und schubste. Im nächsten Moment packte sie jemand an der Hand und zog sie mit sich Richtung Notausgang: „Der Deal ist geplatzt, wir mussen verschwinden ,Bianca“.

(Janka)

Auf dem Berggipfel

Alles war weiß. Der Boden um mich herum funkelte wie tausend Diamanten um die Wette. Neben mir stand eine Gruppe von großen, mächtigen Tannen, deren grüne Farbe nur an wenigen Stellen ihren Weg durch die Schneedecke gefunden hatte. Nach einem langen und anstrengenden Bergaufstieg, hatte ich endlich mein Ziel, den Berggipfel, erreicht. Hier oben, Kilometer weit entfernt von der Zivilisation, war der einzige Ort, an dem ich mich je vollkommen entspannen konnte. Hier in der Natur, ohne mit anderen reden zu müssen, und ohne Autoabgase riechen zu müssen. Einfach nur die Tiere beobachten und die eiskalte Luft, die einen herrlich erfrischte, im Gesicht zu genießen. Der Himmel war blau und ich sah hinunter ins Tal, wo auch die Stadt lag, in der ich wohnte. Ich dachte gerade daran, wie schön es wäre, noch stundenlang alleine hier oben zu bleiben, als ich ganz klein und unscharf etwas auf der Hälfte des Weges zum Berggipfel sah. Es war ein anderer Mensch, definitiv. Er kam immer näher, wollte wohl meine soeben gewonnene Ruhe stören. Es konnte maximal noch eine Stunde dauern bis er kam. Jeder Muskel in meinem Körper spannte sich an, in heller Erwartung auf die bevorstehende Begegnung. Gott, wie ich diese Person jetzt schon hasste. Noch eine halbe Stunde, schätzte ich. Jetzt noch kurz den Moment genießen, denn gleich würde mich diese Person bestimmt ansprechen, mit dem Versuch „nett“ zu sein. Wie rührend, dass ich nicht lache. Ab dieser Sekunde, auch wenn es nur ein „Hallo wie geht’s?“ wäre, wäre alles kaputt: der Einklang mit der Natur, die Ruhe, die Zeit, die nur für mich allein bestimmt war. Gleich war es soweit. Ich konnte schon erkennen, dass es ein Mann war, aber nicht, wie er aussah. Das lag wohl zum Teil auch an den vielen Schichten Klamotten, die man bei dieser Kälte tragen musste. Jetzt hatte er den Gipfel erreicht. Die gefürchtete Situation, angesprochen zu werden, schien nur noch einige Sekunden entfernt. Doch im Gegensatz zu all meinen Erwartungen ging der Mann einfach an mir vorbei, blieb zehn Meter entfernt stehen und sah sich um. Nach circa zwanzig Minuten geschah das Unvorhersehbare: Ich wurde neugierig auf diesen Mann, der anscheinend die gleiche Absicht auf Ruhe und Naturverbundenheit hatte wie ich. Ich wanderte zu ihm hinüber und sprach ihn an.
„Hallo“, sagte ich, „wer sind Sie? Und kommen Sie öfter hierher?“ „Na super, jetzt haben Sie meine Ruhe zerstört!“, antwortete der Mann und machte sich unverzüglich wieder an den Abstieg.

Wie konnte ich mich so irren. Ich dachte wirklich, diese Frau wäre anders. Ich meine, ich hatte sie doch ewig lang dort oben stehen sehen, ohne die kleinste Rührung. Ich meinte sogar einen genervten Ausdruck in ihrem Gesicht wahrzunehmen, als ich in Sichtweite war. Ich dachte gerade, ich hätte meine Seelenverwandte gefunden. Von all meinen Freunden werde ich immer ausgelacht, wenn ich mich in die Berge zurückziehe. Diese Frau hatte anscheinend das gleiche Ziel wie ich, teilte meine große Leidenschaft. Dennoch hatte sie das Magische zwischen den Bergen und mir, zwischen ihr und mir gestört. Wenn man es allerdings andersherum bedenkt, finde ich vielleicht nie wieder jemanden wie sie. Ich hätte nicht so unfreundlich sein sollen. Wir könnten beste Freunde sein… Vielleicht sollte ich wieder hochgehen und mich bei ihr für mein Verhalten entschuldigen.

(Katarina)

Sichtlich genervt
ging Mila, nach der sechsten Stunde, aus dem Klassenraum heraus. Sie hatte gerade Mathe gehabt. Sie hasste Mathe. Der ganze Abi- Stress machte ihr schwer zu schaffen und sie wusste nicht, wie sie die Prüfungen in zwei Monaten überstehen sollte. Als sie gerade die Treppe hinunterging, um auf den Schulhof zu gelangen, sah sie aus den Augenwinkeln ein ihr bekanntes Gesicht, jedoch verwarf sie gleich den Gedanken, dass er es sein könnte, ging auf ihren Raucherplatz und zündete sich eine Zigarette an. Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter und zuckte zusammen.
„Mila, bitte, ich will mit dir reden.“ Sie drehte sich um und schaute genau in das Gesicht, das sie gerade noch aus den Augenwinkeln gesehen hatte. In das Gesicht, das sie niemals wieder sehen wollte. Es war ihr Ex-Freund Rico, von dem sie sich vor drei Monaten getrennt hatte, weil er angefangen hatte, harte Drogen zu nehmen und sich deshalb stark verändert hatte. „Lass mich in Ruhe, Rico, es gibt nichts mehr zu reden!“, schrie Mila mit zittriger Stimme. Sie rannte weg, ohne genau zu wissen wohin. Sie wusste nur, dass sie schnell weg von ihm wollte. Als sie nicht mehr in seiner Nähe war, brach sie zusammen und weinte. Obwohl Rico sie sehr stark mit seinem Verhalten verletzt hatte, wusste sie nicht, dass er sie noch immer so aus der Fassung bringen konnte. Als sie sich wieder beruhigt hatte, stand sie auf, ging zu einer nahegelegenen Haltestelle, und bald kam auch schon die Bahn und sie stieg ein. Als die Bahn an einer Haltestelle hielt, um Fahrgäste heraus- und weitere Fahrgäste hereinzulassen, sah sie Rico einsteigen. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie setzte sich ihre Kapuze auf und rutschte auf ihrem Sitzplatz tief nach unten, gerade so weit, dass sie noch sehen konnte, dass er sich mit dem Rücken zu ihr gewandt hinsetzte, und sie fragte sich, ob er wohl wieder auf Droge war. An der Endhaltestelle hielt die Bahn, doch Mila blieb noch länger sitzen, um Rico nicht noch einmal zu begegnen. Als sie ausstieg, dämmerte es bereits, da es Winter war. Mit schnellen Schritten machte sie sich auf den Weg zu ihrem Haus. Während sie lief, merkte sie, dass ihr jemand folgte. „Verschwinde Rico“, rief sie, doch nichts passierte. Plötzlich spürte sie, wie sie jemand an ihrer Jacke festhielt und ihr ein Tuch vor den Mund hielt. Ihr wurde schwarz vor Augen. „Mila, mein Liebling, wach auf.“ Als Mila aufwachte, guckte sie direkt in Ricos dunkle Augen, deren Pupillen durch die Drogen riesig waren. „Du hast heute Nacht wieder so geschrien, was ist denn los?“, fragte er. „Wieso lässt du mich nicht endlich gehen, Rico? Ich kann nicht mehr.“, sagte Mila, wie jeden Tag, seit Rico sie entführt hatte.

(Mahalia)

Am Hafen

Er drehte sich um, verfolgten sie ihn schon? Er hörte, wie das Wasser gegen die Wand von Booten klatschte und wie die Möwen über ihm kreisten. Er horchte weiter, Hundehecheln. Sie waren hinter ihm her. Nun wurde er gejagt…seine Beine trieben ihn weiter an. Seine Augen durchsuchten die Docks. In der Ferne hörte man Männer, viele konnten es nicht sein, oder doch? Es war ihm egal, nur weiter, nur weg von diesem Ort. Er hatte den Schweißgeruch, vermischt mit dem Geruch von Blut und Verwesung, noch in seiner Nase. Sein Atem war schwer, das Knurren und Bellen zusammen mit Hecheln kam immer näher. Er drehte sich um, ein Hund bog um eine Kiste, dann wurden es mehr. Vor ihm waren nur Kisten, Fässer und Lagerhäuser. So kannte er Boston aus Büchern. Seitlich hätte er in die großartige Stadt rennen können, doch man hätte ihn entdeckt. Immer näher kamen ihm die Hunde, es waren vier. Sprinten, springen, ausweichen, nicht umdrehen, so wie bei der Jagd. Nur war er der Gejagte. Ein Hund schnappte nach seinem Bein, die Zähne schlugen aufeinander und verfehlten das Ziel. Sie waren nahe, auch die Männer waren zu hören. Sie blieben aber stehen. Sie zielten. Schnell auf eine Kiste springen! Sie zielten wohl weiter auf ihn. Nun waren die Hunde etwas ferner. Sie wurden zurückgerufen, um sie neu zu formieren. Er sprang von Kiste zu Kiste. Dann ein Knall, ein Schuss. Er hörte die Kugel in das Holz schlagen, sie verfehlte ihn. Doch noch mehr Schüsse durchschlugen die Luft. Er sprang runter, eine Kugel streifte ihn, jetzt war er noch einfacher zu finden. Nun hörte er auch Schreie, es waren Befehle, für Hunde und Menschen. Sein Abstand war größer. Er kletterte über eine Kiste, auf die nächste und dann in ein Fenster. Es war dunkel. Das Fenster schloss er hinter sich. Im Dunkeln tastete er sich vor. Licht schimmerte an den Wänden, seine Sicht wurde besser. Er kam zu einer Abzweigung, nun konnte er zwei Wege gehen. Links oder rechts? War egal, er nahm den dunkleren. Das Lager hier war riesig. Immer mehr Wege, und mehr, und noch mehr. Bessere Chancen, seine Verfolger abzuschütteln. Links abbiegen, dann rechts, wieder links, immer so weiter…irgendwann war vor ihm Schluss, der Gang war zu Ende. Nur ein Fenster war seine Chance weiter zu fliehen. Er machte es langsam und leise auf, sprangt auf ein Vordach, nun nur noch das Fenster schließen und weg. Er sprang über zwei Kisten aufs nächste Vordach. Unter ihm war ein Markt, hunderte Menschen drängelten von Stand zu Stand. Er kletterte vom Vordach aufs Dach, von dort hangelte er sich an einem Fensterbrett zum Fenster und hüpfte rein, huschte die Treppe runter. Unter der Tür schimmerte Licht und bot ihm einen besseren Blick. Kisten, riesige Kisten waren im Lager gestapelt. Er guckte durch einen Spalt in der Tür auf den Markt. Es war großer Tumult ausgebrochen, seine Verfolger waren nicht mehr weit. Er guckte, wo ein gutes Versteck war. Hinter mehreren Kisten stand eine gute Kiste, um sich zu verstecken. Er hüpfte rein, die Tür konnte er gut durch ein Loch im Holz sehen. „Wer sind Sie“, sprach plötzlich eine Stimme aus der Ecke. Sein Blick wanderte durch die Dunkelheit, sein Gegenüber war höchstens ein Meter entfernt. „Wer sind Sie“, fragte die Stimme erneut. Der ihn ansprach war ein Jugendlicher, seine Stimme war noch nicht männlich genug. Warum war ihm sein Atem nicht aufgefallen? War doch klar, dass jemand ausgerechnet in diesem Versteck hocken musste. „Wer Sie sind“, fragte ich „können Sie mich verstehen?“ Nun antwortete er: „Mein Name ist Michel. Darf ich Ihren erfahren?“ Er wartete auf eine Antwort und der Jugendliche entgegnete: „Nein, erst wenn ich Ihnen vertraue.“ Dieser Junge war gewieft, schlau und misstrauisch, genau wie er selbst. Nur, wer saß Michel gegenüber? „Wie wäre es? Wir fragen uns gegenseitig etwas und lernen uns so kennen“, fragte Michel. „Wenn Sie meinen. Ich beginne…warum sind Sie hier?“ „Ich wurde verfolgt und musste mich verstecken und Sie, was machen Sie in dieser Kiste?“ „Weggelaufen, keine Lust mehr gehabt auf meine Eltern. Ich wollte die Welt sehen, was erleben…!Nun bin ich wieder an der Reihe, Fragen zu stellen. „Wie alt sind Sie?“ „Mitte 30, letztens hatte ich Geburtstag.“ Er erinnerte sich, dass er mit seiner Herrin köstlich gespeist hatte und er durfte früh mit der Arbeit aufhören, es war wundervoll für ihn. Er hörte auf zu träumen und fragte zurück: „Was wollen Sie jetzt machen?“ „Nach Westen wandern, mehr in den Norden, dort soll es endlose Wälder geben, zumindest habe ich darüber gelesen.“ „Was ist Ihr Ziel?“ „Meine Heimat, England…“ „Von der Insel kommen Sie? Ist es schön dort?“ „Würde ich sagen, ich wohn dort und arbeite dort. Ich sehe zwar nicht soviel vom Norden, aber es ist okay. „Von wo kommen Sie?“ „Kleines Dorf in der Nähe von Boston, dort wohnte ich auf einem Hof mit meiner Familie und Arbeitern, Neger, weißt du.“ „Was?“ „Du weißt schon, Sklaven, ich mochte sie, und mein Vater behandelte sie schlecht und wollte die Folter und das Leid nicht sehen. Deswegen bin ich geflohen. Habt ihr etwa in England keine Sklaven?“ „Doch klar“, stotterte er dem Jungen entgegen. Da hörte man ein Knatschen, der Deckel wurde leicht angehoben. Es war der Junge, sie blickten sich an. „Du bist ein Neger!“, rief der Junge entsetzt. „Aber wie, ich dachte du wärst aus England?“ „Ja, ich bin Sklave bei einer Madam Hollnes, besser gesagt ich war es, sie wurde ermordet. Man hielt mich für den Mörder.“ „Warst du es?“ „Nein, aber als Strafe sollte ich als Sklave hier in Amerika arbeiten. Ich floh, weil ich Angst hatte. Meine Peiniger verfolgen mich, es tut mir leid, dass ich dich dort reingezogen habe.“ Der Junge stand ohne Worte auf und machte die Kiste auf. Der Deckel fiel auf Michels Kopf. Er hörte die Stimme des Jungen: „Dort ist er.“ Schritte kamen näher und die Kiste wurde geöffnet. Licht schien Michel ins Gesicht. Er konnte nur Umrisse vor sich erkennen.

(Leon)

Auf der Parkbank

Ein sonniger Sonntagmorgen an einem herbstlichen Tag. Eine Frau sitzt auf einer Parkbank und denkt über ihren Vater nach, von dem sie die Nachricht bekam, er sei im Urlaub gestorben. Ihr kommen alle Erinnerungen hoch, die sie über ihn besitzt. Vor drei Tagen kam die schlimme Nachricht, doch sie hat das Gefühl, ihr Vater ist nicht tot, sie hat das Gefühl, ihr Vater würde jeden Moment an genau dieser Parkbank, auf der sie gerade sitzt, vorbeilaufen. Ein starker Wind weht, nimmt alle Herbstblätter mit, die Sonne scheint direkt auf die Parkbank, ein alter Mann kommt langsam aus dem Horizont des Lichtes der Sonne. Er hat große Ähnlichkeit mit ihrem Vater: graue Haare, gekrümmter Gang, etwas dickerer Bauch. Doch das Gesicht ist nicht erkennbar. Sie hat ein Lächeln im Gesicht, sie steht auf, gleichzeitig weint sie, doch dann merkt sie, es ist nicht ihr Vater und sie sackt in sich zusammen, setzt sich wieder und hängt weiter ihren Gedanken nach. Plötzlich sagt eine leise Stimme „Doris! Hallo Doris“! Doris hört es nicht, sie ist so in Gedanken versunken, sie hört es nicht. „Doris, hörst du mich nicht,Doris“! Doris dreht sich um, sie ist geschockt: Ihr Vater! Sie starrt ihn an, kann es nicht glauben, umarmt ihn. Bevor sie sich aussprechen können, bekommt Doris eine Nachricht. Sie öffnet sie. In der Nachricht steht: „Hey Doris, Mama geht’s nicht gut. Sind im KH..sie kommt nicht klar mit Dad’s Tod.. Komm schnell vorbei. Hast vielleicht nicht mehr so lange Zeit sie zu sehen. Bg Axel.

(Tayfun)

Im Frisörladen

Ich habe meinen Tag total verplant und dabei völlig den Frisörtermin um 16.00 Uhr vergessen. Natürlich habe ich gefragt, ob der Auszubildene auch da ist. Immer wenn ich am Frisörladen vorbei laufe, sehe ich ihn dort, aber getraut ihn anzusprechen, habe ich mich noch nicht. Ich habe mir fest vorgenommen, es heute zu tun.
Also mache ich mich nach der Schule auf den Weg dorthin. Ich kann ihn von draußen schon nicht sehen, aber im Laden bin ich dann wirklich enttäuscht. Und wütend auf die Frau am Telefon, die mir erzählt hat, dass er heute da sei. Ich will sie anschreien, reiße mich aber zusammen. Ich will schon wieder gehen, aber ich bin ja auch da, um meine Haare schneiden zu lassen. Ich gehe also zur Chefin, die mir sagt, wo ich mich hinsetzen soll. Als ich sitze und in den Spiegel blicke, hätte ich am liebsten einen Freudensprung gemacht, denn ich sehe, wie der Auszubildene aus dem Mitarbeiterraum kommt und zu seiner Chefin geht. Die Frau am Telefon hatte also doch Recht.
Es sieht so aus, als gehe er auf mich zu, nein es sieht nicht nur so aus, es ist so. Ich hoffe, er hat nicht erfahren, dass ich am Telefon nach ihm gefragt habe. Das wäre nun wirklich peinlich.
Mit jedem Schritt, den er näher kommt, schlägt mein Herz ein bisschen schneller. Ich werde immer aufgeregter, und dann ist er da.
“ Hey ich bin Felix, der Auszubildene, wäre es in Ordnung, wenn ich dir die Haare schneide ?“
Mein Mund ist leicht erstarrt, er hat ein so schönes Lächeln im Gesicht. Ich fange an, ihn im Spiegel anzustarren. Als ich das bemerke, wende ich meinen Blick ab.
„Äh.. Ja..Also na klar. Kein Problem, echt.“, stottere ich.
„Gut, vielen Dank, ich bin sofort wieder da.“
Er holt nur schnell seine Sachen und kommt dann zurück.
„Nur die Spitzen, richtig ? Oder auch Stufen ?“, fragt er mich.
„Nur die Spitzen, bitte.“
„Alles klar! Und, bist du schon lange bei diesem Frisör ?“
Er fängt ein Gespräch an, unglaublich ! Ich kann ihn die ganze Zeit im Spiegel beobachten, seine leuchtend blauen Augen betrachten. Ich wünschte, dieser Moment würde nie wieder enden. Nach einiger Zeit nimmt er meinen Blick auf, wir lächeln uns schüchtern an. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, dann fällt mir ein, dass er mich etwas gefragt hat.
„Ja, bestimmt schon zwei Jahre. Und du, wolltest du schon immer Frisör werden ?“
„Nein, wie fast jeder Junge wollte ich Polizist werden, aber ich entschied mich um.“
Wir müssen beide ein wenig lachen.
“ Polizist ist ja auch irgendwie zu gefährlich, Frisör zu sein macht mit Sicherheit Spaß. Wie alt bist du denn eigentlich?“
“ 20 Jahre jung. Und willst du mir deinen Namen verraten?“
Wie süß er das gefragt hat.
„Ich heiße Luisa, und bin übrigens 17.“
„Dann gehst du bestimmt noch zur Schule, oder ?“
„Ja, auf die gleich hier um die Ecke.“
„Da bin ich schon mal vorbei gelaufen, die kenne ich“, sagt er mit einem Grinsen im Gesicht.
O.K. Luisa, jetzt nimm deinen Mut zusammen!
„Vielleicht sieht man sich da ja mal zufällig oder so ?“, frage ich unsicher.
„Man kann sich sonst auch mal geplant sehen, denn mit deinen Haaren bin ich jetzt erstmal fertig.“
Hat er das gerade wirklich gesagt? Ja, natürlich hat er das. Und natürlich will ich das !
Aber jetzt bleib cool, Luisa.
„Ja klar, also fände ich cool. Vielleicht gibst du mir ja deine Nummer ?“
„Am besten klären wir das gleich beim Bezahlen. Gefallen dir deine Haare ?“
“ Ja, sieht echt super aus. Danke“, sage ich freundlich.
Wir gehen zur Kasse, ich gebe ihm das Geld und mit dem Wechselgeld bekomme ich einen Zettel mit seiner Nummer. Wir lächeln uns an. Ich bedanke mich und gehe.
In diesem Moment bin ich mit Abstand der glücklichste Mensch und der mit dem größten Lächeln im Gesicht. Die Nummer habe ich abgespeichert.
Aber wann soll ich ihn anrufen? Oder eine Sms schreiben ? Was er wohl von mir erwartet?
Ich warte ab, der Rest wird sich ergeben.

(Chiara)

Auf einer Karibikinsel

Am Montagmorgen musste ich sehr früh aufstehen, weil ich endlich mit meiner besten Freundin für zwei Wochen in die Karibik fliegen wollte! Für zwei Wochen endlich weg von dem kalten Wetter, weg. Im Fleugzeug saßen zwei süße Jungs neben Jenny und mir. Es sah so aus, als wären es auch Freunde, die zusammen in den Urlaub flogen. Ich stieß Jenny an und zeigte auf die Jungs. Beide waren ungefähr 1,80 Meter groß, der eine blond und der andere brünett. Ich fand den brünetten Jungen richtig gut aussehend. Nach der Landung hatte ich Augenkontakt mit dem Braunhaarigen, und: ,wow‘, er hatte wunderschöne Augen. Sie leuchteten blau. Es war kein helles Blau, sondern eher ein dunkles. Nachdem wir unsere Koffer hatten, nahmen wir uns ein Taxi. Die Jungs verloren wir aus den Augen.
Am Hotel angekommen, standen die beiden an der Rezeption! Ich konnte es nicht glauben, dass sie im gleichen Hotel wohnten wie wir. Da es schon spät war, gingen wir auf unser Zimmer, duschten und legten uns dann sofort schlafen, weil wir vom Flug noch sehr erschöpft waren.
Am nächsten Morgen gingen wir im Hotel zum Frühstücken. Und wie das Schicksal es wollte, waren nur noch zwei Plätze am Tisch von den beiden Jungs frei. Als wir uns hinsetzten, lächelten die beiden uns an, und wir natürlich zurück. Ich hörte, wie die beiden Jungs verabredeten, gegen 13 Uhr zum Strand zu gehen. Also beschlossen wir, als wir wieder auf unserem Zimmer waren, dasselbe zu tun. Als wir am Strand angekommen waren, sah ich die beiden Jungs schon vom weitem. Wir legten unsere Handtücher ein bisschen weiter weg von ihnen, aber nah genug, damit wir sie beobachten konnten. Nach guten 20 Minuten bewegte sich der Braunhaarige in meine Richtung, und er kam wirklich zu mir!
„Hey“, sagte er zu mir ,und ich war so nervös und abgelenkt von seinen schönen Augen, dass ich erstmal nichts sagen konnte. Dann fing er an ein bisschen zu lachen, und ich bekam mich langsam in den Griff.
„Hey“, sagte ich nur.
„Du saßt im Flugzeug neben mir und am Frühstückstisch auch, oder?“, fragte er lächelnd.
„Ehm..ja..“, sagte ich mit einem Lächeln.
„Wie heißt du?“
Eh..ehm..Lucia, und du?“ Er brachte mich echt aus der Fassung mit seinem Lächeln.
„Ich bin Adrian.“
„Wie alt bist du?“, fragte ich.
„17, und du?“
„Ich bin 16.“
Er lächelte mich wieder an und fragte mich, was ich heute mache.
„Ich weiß noch nicht, mal sehn. Und du?“
„Willst du heute Abend mit mir auf eine Party gehen? Das ist eine Strandparty hier mit Lagerfeuer und Musik.“
Ich konnte es nicht glauben. Er hatte mich gerade eingeladen, mit ihm auf eine Party zu gehen!
„Oh, wow, ja klar gerne“, lächelte ich.
„Cool, dann hol ich dich heute Abend so gegen 20:30 Uhr ab. Wie ist deine Zimmernummer?“
„636.“
„Okay, dann bis später“, sagte er und verabschiedete sich mit einem Kuss auf die Wange.
„Eh..ehm..ja, bis nachher“, stotterte ich.

Ich konnte es nicht glauben und erzählte es sofort Jenny, die vom Getränkeholen zurückkam. Sie war genauso aufgeregt wie ich und freute sich mit mir. Ich war so froh, dass er mich angesprochen hatte, sonst hätte ich es wahrscheinlich getan.
„Gönn dir einen Kuss!“, sagte Jenny.
Sie zog mich am Arm hoch, und wir beide rannten zusammen ins Wasser.

(Latife)

Im Computerraum

Die Schulglocke klingelt und meine Mitschüler packen ihre Mappen ein. Sie sind froh, dass der Informatikunterricht endlich vorüber ist. Nur ich kann noch nicht nach Hause gehen, denn mein Vater hat ein Treffen mit dem Computerstreber Marko vereinbart. Er soll mir dabei helfen, meine Noten in Mathe, Physik und Informatik zu verbessern. Ich seufze und beginne nun ebenfalls damit, meine Sachen einzupacken. An der Tür wartet schon meine beste Freundin Laura. „Hey Lotta! Kommst du heute noch mit zum See? „, begrüßt sie mich und strahlt mich an. „Ne, sorry. Du weißt doch, dass ich meine Noten verbessern muss. Ich hab gleich noch Nachhilfe bei diesem Marko.“ „Oh, du Arme. Der ist ja so ein Langweiler. Er kann wirklich nur über Mathe und so einen Kram reden.“ Sie schaut mich mitleidig an. Jetzt hab ich erst recht keine Lust mehr auf dieses Treffen und wäre am liebsten nach Hause gegangen. „Danke, du munterst mich ja richtig auf. Naja, ich komme vielleicht später noch nach. Ich kann dir ja dann schreiben. Ich hoffe, meine Eltern lassen mich nach den Noten, die ich in der letzten Zeit mit nach Hause gebracht habe, noch raus.“ „Ja klar, ich würde mich freuen.“ Laura umarmt mich schnell zum Abschied und geht dann hastig zum Ausgang. Ich schaue ihr traurig hinterher. Nachdem ich einmal tief durchgeatmet habe, drücke ich die Tür zum Computerraum auf. Er sitzt schon da und bei seinem Anblick wäre ich am liebsten wieder raus gerannt. Marko hat fettige braune Haare und trägt eine Brille, die seine Augen stark vergrößert. Seine Pickel lassen mich erschaudern. Ich denke, das Treffen kann nur den Grund haben, dass mein Vater mich bestrafen will. Ich gehe durch den Raum und lasse mich auf den Stuhl Marco gegenüber fallen. Sein Schweißgeruch verschlägt mir fast den Atem, allerdings lächle ich ihn freundlich an und sage: „Hi, ich bin Lotta.“ Er schaut mich an.
Ich warte darauf, dass er sich ebenfalls vorstellt und bin verwundert, dass er dies nicht tut. Jedoch sagt er: „ Dein Vater hat mich kontaktiert. Er meint, dass du sehr schlecht in Mathe, Physik und Informatik bist.“ „Naja, so schlecht nun auch wieder nicht“, versuche ich mich zu verteidigen. Er wird mir von Minute zu Minute unsympathischer und ich hoffe, dass diese Stunde schnell vorüber geht.
Die Stunde zieht sich länger hin als eine Doppelstunde Mathe. Ich bin genervt von Marko, der mich behandelt, als wäre ich dumm. Ich packe meine Sachen so schnell wie möglich zusammen, so dass ich schnell weg komme. Als ich endlich zuhause bin, beschließe ich, nie wieder zu dieser Nachhilfe zu gehen.

(Meret)

Auf dem Bürgersteig

Ich lief gerade nach Hause. Die Schule war mal wieder total langweilig, doch endlich durfte ich gehen. Auf dem Weg sah ich ihn dann. Er sprach gerade mit einem Kumpel und ich glaubte, er sähe mich nicht. Wie lange war es her? Ein paar Wochen? Nein, bestimmt fast ein paar Monate. Natürlich war ich ihm seitdem schon öfter begegnet, das letzte Mal auf Jules Geburtstag, glaube ich. Da hatten wir uns aber nicht unterhalten, sondern nur ein paar rasche Blicke ausgetauscht. Das hatte mich damals sehr gefreut, das weiß ich noch genau, aber meinen Freundinnen hatte ich nichts davon erzählt. Sie mochten ihn nicht, konnten mich nicht verstehen, wollten, dass ich ihn vergesse und mir einen „Neuen“ suche. Wenn das bloß so einfach wäre. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich ihn überhaupt vergessen wollte.
Plötzlich sah er zu mir rüber, sein Kumpel war gegangen und er lächelte mir zu, hob die Hand und winkte. Ich konnte es gar nicht fassen. Als er dann auf mich zuging mit seinem Rad, spürte ich innere Freude, mein Herz machte einen großen Sprung. Es würde das erste Mal nach langer Zeit sein, dass wir beide wieder miteinander redeten. Was würde er sagen, was würde ich sagen?
„Hey, alles klar?“, sagte er und umarmte mich kurz, wobei er mich nicht zu fest und herzlich drückte, sondern eher vorsichtig und zurückhaltend. „Alles super, und bei dir so?“, sagte ich und versuchte dabei, möglichst meine Aufregung zu unterdrücken. „Joa, ich habe gerade stolze vier Punkte in meiner Englischklausur zurückbekommen.“ „Stark, tolle Leistung!“ Er lachte kurz. Es war sein letztes Jahr, dieses Jahr würde er sein Abitur machen, da waren vier Punkte echt nicht so toll. Ich war ein Jahrgang unter ihm, in der Q1, und hatte noch einiges an Schule vor mir.
Als ich merkte, dass keiner von uns etwas sagte, war mir das unangenehm. Ich hasste es, dieses peinliche Schweigen. Früher konnten wir uns stundenlang über irgendwelchen Unsinn unterhalten. Wie ich das vermisste, wie ich ihn vermisste!
Ich schaute ihn an und er mich auch. Er sah mich so an, als erwartete er, dass ich etwas sagte, um dieses Schweigen zu brechen. Ich wollte gerade etwas sagen, aber er kam mir zuvor. „Bist du später auch bei Jannes?“ „Eigentlich nicht, was ist denn bei ihm?“ „Seine Eltern sind doch in der Schweiz und er lädt ein paar Leute zu sich ein. Louisa kommt auch, glaube ich, und Lukas. Der mit den schlechten Witzen, weißt du noch?“ Ich lachte. Lukas war damals öfter mit uns unterwegs gewesen und wir hatten uns immer über ihn lustig gemacht. Er erzählte immer so schlechte Witze und lachte selber am meisten über sie. „Klar, wie könnte ich Lukas jemals vergessen. Ich muss mal schauen, aber eigentlich würde ich kommen.“ „Okay cool, schreibst du mir dann später?“, fragte er und lächelte freundlich Fast ein bisschen zu freundlich. Freute er sich genauso wie ich? „Ja, ist gut, mache ich.“ „Klasse, bis später dann vielleicht, ne?“ Er umarmte mich nochmal kurz, stieg auf sein Rad und fuhr los. Als er schon weiter weg war, drehte er sich nochmal beim Fahren um. Ich winkte ihm zu und lächelte.
Ich fragte mich, ob das gerade wirklich alles passiert war. Könnte es sein, dass er sich immer noch für mich interessierte? Natürlich würde ich später bei Jannes sein, keine Frage, aber was sollte ich anziehen? Zu schick nicht, sonst würde er denken, ich hätte mich extra für ihn hübsch gemacht. Vielleicht einfach Jeans und einen Pullover?

(Nicole)

Ich mag dich
1
Jeden Tag dasselbe, das nervt langsam, und sie merkt es einfach nicht. Seitdem sie diesen neuen Mann an ihrer Seite hat, kümmert sie sich gar nicht mehr um uns. Ich muss meine Schwester vor der Schule in den Kindergarten bringen, nach der Schule abholen und für uns kochen. Während ich meine Hausaufgaben mache, schläft sie, und später gehen wir zusammen auf den Spielplatz, wo ihre Lieblingsschaukel steht. Und meine Mutter? Von ihr höre ich noch nicht mal ein „Danke, Schatz“, was zwar nicht alles gut machen, aber mich wenigstens wissen lassen würde, dass das, was ich mache, wichtig für sie ist. Dieses Gefühl bekomme ich nie, egal was ich mache. Wirklich nicht.
Einen Vorteil gibt es bei dieser Sache schon, wenn ich mit meiner Schwester schaukeln gehe, sehe ich immer diesen einen Jungen, der auch mit seiner Schwester da ist. Beide, Lisa und Mia, sind 4 Jahre alt, und verstehen sich sehr gut. Ich hoffe, eines Tages werden Finn und ich auch so gut befreundet sein. Mit dem Alter würde es passen, er ist 18 und ich bin 17. Wir haben beide eine ähnliche Situation zuhause und er ist wirklich sehr lieb. Ich warte schon lange auf den Tag, an dem ich von ihm gefragt werde, ob wir mal was zusammen machen wollen. Aber irgendwie kommt diese Frage nie. Wir reden zwar oft, aber mehr über unsere Situation zuhause, anstatt über uns. Ihm geht es genauso wie mir zuhause. Das ist eine Sache, die uns verbindet. Eigentlich sieht er auch gar nicht so schlecht aus. Er ist groß, muskulös, hat braune Haare und blaue Augen. Wenn er mich mit seinen kristallblauen Augen und wunderschönen langen Wimpern, die sich jedes Mädchen wünscht, anguckt, könnte ich dahinschmelzen. Außerdem finde ich es wirklich süß, wie er mit seiner Schwester
umgeht, er behandelt sie einfach wie eine Prinzessin. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie er seine Freundin behandelt, da wäre ich glatt eifersüchtig. Würde er sie auch wie eine Prinzessin behandeln? Oder nein, wahrscheinlich eher wie eine Königin.
Ich freue mich jeden Tag auf den Nachmittag, so wie jetzt, ich weiß, dass ich ihn in fünf Stunden sehen werde. Ich sitze in der Schule, weiß nicht, worum es geh und denke an ihn, obwohl ich nicht weiß, ob er auch sooft an mich denkt. Oder bin ich ihm gleichgültig? Naja, ich kann jedenfalls nicht damit aufhören.
2
Puuh, mein Herz rast schon wieder, wie ein Pferd, dass drei Jahre kein Wasser bekommen hat und weiß, dass die nächste Wasserquelle nur 500 Meter weit weg ist. „Mia, komm wir wollen los!“„Jaahaa, bin gleich da“. Ich weiß, was „gleich“ bedeutet, deswegen setze ich mich jetzt durch und reiße sie mit, wenn sie nicht hören will. Ja so mach ich das. „Sag mal Emmy, wieso willst du eigentlich immer auf den Spielplatz? Wegen dem Bruder von Lisa?“ „Pscht“, sag ich nur und sehe ihn schon. Meine Schwester rennt auf Lisa zu und beide laufen kreischend zur Rutsche.
„Hey Emma, wie geht es dir?“, höre ich eine Stimme, es ist Finns. Ich setze mich auf die Schaukel und er auf die neben mir. „Hey Finn, ganz gut, und dir?“. „Ja, soweit ganz gut, wie war die Schule heute?“, diese Fragen sind Standard in unseren Gesprächen, jeden Tag dieselben. „Wie immer, unter dem ganzen Druck von zuhause kann ich mich nicht so gut konzentrieren?“, was natürlich nicht ganz so richtig ist, er ist selber oft der Grund dafür, dass ich mich nicht gut konzentrieren kann. „Wie war es bei dir?“ „Mir geht es genauso, ich bräuchte mal etwas, das mich von alldem Stress ablenkt…“. Ich gucke ihn an, und kann es nicht glauben. Hat er das gerade wirklich gesagt? Könnte diese Ablenkung eventuell eine Freundin sein? Also eine richtige? „Hmm ja, ich auch, irgendwas, wo ich merke, dass ich gebraucht und geliebt werde“. Oh man, habe ich das gerade wirklich gesagt? Er guckt mich mit großen Augen an und antwortet: „Ja, du hast Recht, so was bräuchte ich auch, naja ich muss los, bis morgen.“ Warum muss er denn jetzt schon los? Naja, dagegen kann ich wohl nichts machen. „Bis morgen“. „Und, ach ja, Emmy? Ich mag dich“. Mit einem breiten Grinsen verschwindet er mit seiner kleinen Schwester und ich sitze nun alleine auf der Schaukel und denke über seinen letzten Satz nach.
Hat er das gerade wirklich gesagt? Ja hat er, keine Frage, aber wie hat er das gemeint? Ich weiß, diese Frage wird mich noch lange genug davon abhalten, über etwas anderes nachzudenken. „Mia, lass uns nachhause gehen.“ Ohne großes Zögern kommt sie zu mir und nimmt meine Hand. Wir machen uns auf den Weg. Wie schon erwartet, muss ich die ganze Zeit nur an seinen Satz denken.Wie hat er das bloß gemeint? Ich hoffe, ich komme morgen mit Mia wieder, damit ich ihn sehe und ich nehme mir vor, ihn zu fragen, schließlich habe ich nichts zu verlieren. Hoffentlich kommt morgen nichts dazwischen, und ich schaffe es, meinen kompletten Mut zusammenzunehmen.

(Silan)

Vor der Haustür

Heute in der Schule haben wir uns gestritten. Naja, nicht richtig gestritten, es war eher ein innerer Konflikt. Ich versteh einfach nicht, wieso sie das gemacht hat. Ich meine, sie weiß doch ganz genau, dass mich das verletzt. Eigentlich haben wir uns versprochen, uns nie, niemals wegen Jungs zu streiten. Jungs sind es nicht wert. Die machen doch eh nur Stress, verletzen einen und meinen es letztendlich nicht ernst. Doch er ist anders. Er meint es ernst.
Mama sagt, wenn ich etwas blöd finde oder mich etwas stört, soll ich zu der Person gehen und es mit ihr klären, aber nur, wenn mir die Person wichtig ist. Doch ist sie mir wichtig? Ja ist sie! Aber eine beste Freundin tut so etwas nicht. Nein.
„Kleine, komm runter. Lia steht vor der Tür“, ruft Mama von unten hoch in mein Zimmer.
„Ich komm sofort, Mami.“ Ich überlege, ob ich runtergehen soll, doch irgendwann muss ich es ja klären. Also gehe ich runter, vor die Tür, damit Mama bloß nichts mitbekommt.
„Was gibt’s?“
„Ich dachte mir, wenn du nicht mal den Mut hast, mir zu sagen was los ist, mach ich den ersten Schritt.“ sagt Lia etwas sauer.
„Wie? Was soll denn sein?“
„Ach komm,Vivi, wie lange kennen wir uns jetzt? Lange genug, um zu wissen, wenn mit einem von uns etwas nicht stimmt.“
„Okay, schieß los.“, antworte ich genervt.
„Ich weiß ganz genau, dass du mit Tim zusammen bist, aber du weißt auch, dass ich mit ihm befreundet bin. Ich meine, wir treffen uns wirklich selten und…“
„Stopp mal!“, unterbreche ich sie, „du denkst doch nicht wirklich, dass ich was dagegen habe, wenn ihr euch trefft, oder?! So ein Schwachsinn. Meinetwegen könnt ihr euch jeden Tag treffen.“
„Nun, und wo ist dann dein Problem? Wenn du es nicht so schlimm findest, wieso ignorierst du mich dann?“, fragt Lia verwirrt.
„Glaubst du eigentlich, ich bin blöd? In der Pause heute hat Tim dich gefragt, ob ich dabei sein soll, wenn ihr euch trefft und du meintest nein. Hallo? Du bist meine beste Freundin, ich hätte niemals gedacht, dass du mir so in den Rücken fällst.“, sprudelt es aus mir heraus.
„Oh Vivi, das ist doch nicht dein Ernst.“
„Doch“, unterbreche ich sie.
„Lass mich ausreden! Es ging um eine Überraschung für dich, meine Liebe. Und anstatt alles tot zu schweigen, hättest du zu mir kommen können, um mit mir darüber zu reden.“, Lia wird etwas lauter.
„Und das soll ich dir jetzt glauben?!“
„Mir egal, aber beste Freunde sollten sich vertrauen, oder nicht?“
Ich antworte nicht.
„Na gut“, sagt Lia erneut, „denk drüber nach und ruf mich an. 
„Okay“, murmel ich und gehe wieder ins Haus, schnell hoch in mein Zimmer und schmeisse mich auf mein Bett. 
Ein komisches Gefühl unrecht zu haben. Vielleicht hätte ich doch sofort mit ihr reden sollen. Oder ihr einfach vertrauen sollen. Wegen so einem Kinderkram hab ich mich mit meiner besten Freundin gestritten, die, die immer für mich da ist, die, die immer zu mir steht. Ich werde sie gleich anrufen…

(Jasmin)

Am Basketballkorb

Samstagmorgen. Mein heutiger Tag beginnt wie jeder andere. Jedoch habe ich heute einen Plan: Ich werde Basketball spielen. Wenn man das überhaupt spielen nennen kann, ich kann’s ja nicht, ich würde es nur gerne mal probieren. Ich werde jetzt schnell meine Hausaufgaben erledigen und dann raus an die frische Luft gehen. Vor unserem Haus ist eine Riesenwiese mit einem Spielplatz und einem Basketballfeld. Ich war noch nie da. Oh doch, einmal schon, mit meiner kleinen Schwester, auf der Schaukel. Es wird Mittag. Meine Mutter kommt von ihrer Halbtagsstelle als Architektin nach Hause. Es ist ein Tag wie jeder andere, meine Mutter bereitet schnell das Mittagessen vor. Während das Essen auf dem Herd steht, schwingt sie sich auf ihr Rad und holt meine kleine Schwester aus dem Kindergarten nebenan ab. Zu dritt sitzen wir am Küchentisch, und ich erzähle von meinen Vorhaben, heute Basketball zu spielen. Meine Mutter ist schon lange der Ansicht, ich solle mehr Sport treiben und Verschiedenes ausprobieren. Nach dem Essen gehe ich in den Keller und schnappe mir einen Basketball. Oh Gott, ist der platt und zerdellt. Der stammt, glaube ich, noch aus der Kindheit meines Vaters. Trotz des fast kaputten Balls, mache ich mich auf nach draußen, in die frische Herbstluft. Wir, meine Eltern und meine Schwester, wohnen in einer Siedlung. Um die Wiese herum stehen nur Einfamilienhäuser. Da wir erst vor kurzem hier eingezogen sind, kenne ich erst ein paar Leute aus der Nachbarschaft. In der letzten Woche ist mir aufgefallen, dass ein nicht schlecht aussehender Junge in eins unserer Nachbarhäuser hineingegangen ist. Als ich nun auf dem Basketballfeld stehe, fühle ich mich irgendwie unbeholfen und allein auf dem großen Platz. Mir fliegen viele Gedanken durch den Kopf: Was ich denn hier mache, so ganz alleine, wo jeder mich beobachten kann. Was müssen sie bloß über mich denken? Was die anderen denken, ist Scheiß egal, du ziehst das jetzt durch! Nachdem ich ungefähr zehn Minuten vor dem Korb gestanden und probiert habe, ihn endlich zu treffen, überkommt mich irgendwie das Gefühl, beobachtet zu werden. Aus dem rechten Augenwinkel sehe ich einen Jungen hinterm Fenster eines unserer Nachbarhäuser. Ich rede mir ein, dass er mich nicht sehen kann. Und wenn? Warum sollte er genau mich angucken? Ich spiele weiter und treffe sogar das ein oder andere Mal den Korb.
Ich bin so in mein Spiel vertieft, dass ich gar nicht bemerke, wie sich mir von hinten eine Person nähert. Aus dem Nichts eine Stimme! Ich schrecke zusammen: „Hey, wollen wir zusammen eine Runde spielen“. Abrupt drehe ich mich um, mir fallen fast die Augen aus. Ist das nicht der Junge, der mich hinter dem Fenster beobachtet hat? Aus mir kommt nur ein Krächzen heraus: „ Du hast mich aber erschreckt! Ja klar, aber ich kann nicht wirklich spielen, ich habe heute das erste Mal einen Basketball in der Hand“. Mir antwortet eine ruhige Stimme: „ Das ist mir nicht entgangen, wenn du möchtest, kann ich dir ein bisschen helfen und dir ein paar Tricks zeigen.“ Im gleichen Moment, in dem meine Antwort aus meinem Mund kommt, ärgere ich mich schon, wie sie sagt: „ Ja gerne“. Er unterhält sich wirklich mit mir und möchte sogar mit mir Basketball spielen. Warum bin ich denn so aufgeregt? So ein Gefühl habe ich doch sonst nicht. Was ist denn mit mir los? Ich probiere trotzdem, gelassen und cool rüberzukommen. Natürlich, jetzt ,wo jemand zuguckt, treffe ich den Korb kein einziges Mal. Wie peinlich, ich würde am liebsten im Erdboden versinken. Er guckt mich an und sagt lächelnd: „Warte, ich helfe dir“. Er stellt sich neben mich und zeigt mir, wie ich zu stehen habe für den perfekten Wurf. Von hinten nimmt jemand meinen rechten und linken Arm und legt beide auf Höhe meines Gesichts so zu einem Halbkreis zusammen, dass genau der Basketball hineinpasst, und schon fliegt er. Ich drehe mich langsam nach hinten um und er lacht und sagt: „ Ich sag ja, Basketball spielen kann jeder lernen. Das war doch ein Superwurf.“ Ich entgegne: „Ich bin beeindruckt, ich dachte schon, ich treffe gar keinen mehr. Ok, hätte ich wahrscheinlich auch nicht ohne deine Hilfe.“ „ „Komm, spiel mir einen Pass „, sagt er. Von nun an läuft es gar nicht mehr so schlecht, es macht sogar richtig Spaß, und ich könnte stundenlang so weitermachen. Wir unterhalten uns noch viel, jetzt kann man schon sagen, dass wir auf einer Wellenlänge sind. Wenn nicht mein Handy in meiner Hosentasche vibrieren würde, mit der Nachricht meiner Mutter:„Schatz, es gibt Abendbrot, kommst du gleich? „, hätte ich gar nicht bemerkt, dass es schon so spät ist. Wir sind schon fast dabei, uns zu verabschieden, als diesmal von ihm etwas schüchtern die Frage kommt: „Würdest du mir deine Nummer geben?… Vielleicht können wir ja nochmal zusammen Basketball spielen oder uns einfach treffen und etwas anderes unternehmen.“ Ich gebe ihm meine Nummer und mache mich auf den Heimweg.
Als ich mich umdrehe, schwirren in meinem Kopf so viele Gedanken herum. So viel auf einmal. Es ist eindeutig einer der schönsten Tage der letzten Zeit. Wie gerne ich ihn noch mal wiederholen würde. Aber vielleicht ruft er ja morgen an, und dann sehe ich ihn bald wieder. Ich hoffe es. Und ich habe schon gedacht, es existierten keine „normalen“ Jungs mehr. Ich weiß jetzt schon, dass ich nachher im Bett die ganze Zeit über ihn nachdenken werde, aber vorher muss ich noch meiner besten Freundin von dem heutigen Tag berichten. So etwas kann ich nicht für mich behalten, mit irgend jemanden muss ich sprechen.

(Evke)

Auf einem zugefrorenen See

Ich halte am Rande des Wegs, irgendwo im Nirgendwo. Der Navi hat mich gelotst. Um mich herum keine Autos. Der Boden ist leicht mit Schnee bedeckt, draußen ist es kalt, sehr kalt. Trotzdem schwitze ich unter meiner dicken Jacke, mein Puls schlägt hoch. Es fühlt sich an, als würde mein Herz gleich aus der Brust platzen. Ich hasse dieses Gefühl. Ich drehe mich um, in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Nichts ! Während ich mir ekelige Plastikhandschuhe überziehe, laufe ich langsam zum Kofferraum. Mein Handy ist auf lautlos gestellt, als es anfängt zu vibrieren. Nummer unbekannt. Ich ziehe den grünen Balken auf dem Display langsam nach rechts. Das Gespräch ist kühl, es passt zur Stimmung hier im Wald. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich kann mir nur Eckdaten vom Telefonat merken. Die Männerstimme auf der anderen Seite der drahtlosen Leitung verrät mir, was ich tun soll. Die Stimme ist mir bekannt. Ich öffne den Kofferraum und nehme eine der drei großen blauen Müllsäcke heraus, die anderen beiden folgen. Der Mann hat mir am Handy gesagt, wo ich hin soll. Ich werde ihn gleich treffen, ca. einen halben Kilometer entfernt von meinem Standort. Mit den Säcken über dem Rücken lauf ich los. Ich fühle mich beobachtet, obwohl es totenstill ist. Ich höre nur das Knatschen des Schnees unter meinen Schuhen. Wenn ich so an den Mann denke, den ich gleich treffen werde, wird mir unwohl, mein Magen dreht sich um. Ich habe das Gefühl, dass ich mich viel zu oft umdrehe. Nach wenigen Minuten öffnet sich der Wald. Ein See. Er ist zugefroren. Ein Mann steht auf ihm, in der rechten Hand eine Schaufel, in der Linken eine halbe Kippe, die vor sich hin brennt. Im See klafft ein kleines Loch. Das Eis knackt unter mir. Ich schaue meinem Gegenüber in die Augen. Kalt und ohne Reaktion nickt er mir zu. Ich bringe kein Wort mehr raus. Trotz der Minusgrade sind meine Hände schwitzig. Der Mann, der komplett in Schwarz gekleidet ist, inklusive Handschuhe und Hut, zeigt mit der Hand, in der er die Kippe hält, auf das Loch im See. Meine Knie zittern. Ich gehe auf das Loch zu, lasse vorsichtig einen der Müllsäcke in das Loch sinken. Die anderen folgen. Ich gucke mein Gegenüber wieder an und muss mir die Tränen verkneifen. Er macht eine abweisende Handbewegung in meine Richtung und gibt mir einen Umschlag. Ich drehe mich um und gehe, dabei fühle ich seinen kalten Blick im Rücken.

(Georgio)

Auf einer Wanderung oder Toskana und mehr

Ich mache meine Vespa an und drücke auf das Gaspedal. Es war die richtige Entscheidung, sich von Sven zu trennen. Seitdem ich ihn in flagranti mit seiner Sekretärin erwischt hatte , konnte ich ihm nicht mehr in die Augen sehen. Ich bin froh, dass wir endlich geschieden sind. Das kleine Haus in der Toskana von meiner Tante bietet mir eine Rückzugsmöglichkeit, ich kann mich endlich auf mich konzentrieren, und vielleicht schaffe ich es hier, meine Fotoreihe zu beenden.
Wie gut, dass es hier in der Toskana so tolle Männer gibt. Ich glaube, hier werde ich es endlich schaffen, über Sven hinweg zu kommen. Der Carlo ist aber auch ein besonderer Mann. Er ist so charmant und arbeitet in einem kleinen Restaurant, das seinem Vater gehört. So eine Ablenkung kommt mir gerade recht.
Ob er mich voll gut aussehend findet ? Vielleicht bin ich zu alt für ihn?
Er ist 29 Jahre alt und ich werde dieses Jahr 40. Oh Gott, ich werde alt. Und er ist noch in den guten Jahren. Ich schaue in den Spiegel meiner Vespa.
Überall diese Falten. Ich glaube, ich bin zu aufgestylt, ich meine, wir gehen ja nur wandern. Es geht mir nicht aus dem Kopf, dass er 29 Jahre alt ist, ich meine, mein eigener Sohn ist nur zehn Jahre jünger.
Am Treffpunkt angekommen, steht er da. Carlo, in seinem weißen Hemd, das seine Muskeln so betont.
Ich schließe meine Vespa an. Er umarmt mich, ich kann sein Parfüm riechen. Er küsst mich. Ich bin hin und weg. Er ist nicht zu vergleichen mit Sven. Ich bin froh dass ich ihn los bin.
„Na meine Schöne, wie geht es dir ?“, meint Carlo. „Du bist bei mir, alles ist perfekt.“ Carlo erwidert: „So perfekt!“
Wir machen uns auf den Weg. Er meint:„Ella, da oben auf dem Berg ist mein Wochendhaus, ich will es dir zeigen.“ Ich bin gespannt und freue mich sehr.
Nach zwei Stunden Wandern, in denen er mir sehr viel über sich und seine Familie erzählt und die Landschaft zeigt, sind wir da. Wir haben das Wochendhaus erreicht. Er zwinkert mir zu, nimmt mich an die Hand und führt mich ins Haus.

(Anna)

Zwischen den Gepäckstücken

Ich war gerade in den USA angekommen. Ein Jahr lang Freiheit, Chillen und Sonne. Und das Genialste: OHNE meine Eltern…
Das war eindeutig ein Vorteil als Au-Pair-Mädchen, ohne Eltern zu sein. Und viel machen musste man als Au-Pair ja auch nicht. Babysitten und ein bisschen Haushalt. So stellte ich mir das vor. Toll würde es werden. Allerdings gab es da auch einen Nachteil. Ich kannte hier ja niemanden. Jetzt würde ich mich über jedes, wirklich jedes bekannte Gesicht freuen. Ich wartete gerade, zwischen meinen Koffern sitzend, auf meine Gastfamilie, als ich ihn sah. Oh mein Gott, sah dieser Typ gut aus: Groß, braun gebrannt, blaue Augen, blonde Haare. Ein Traum. Ich fing an zu kreischen, als ich ihn sah. Alle drehten sich um. Nein, wie peinlich. Konnte ich denn nie meine Klappe halten? Und jetzt kam dieser Typ auch noch zu mir rüber. „Heißt du Julia?“, fragte er mich mit einem tollen amerikanischen Akzent. „Ähmm… Ja, und du? Ich meine, woher weißt du das? Ich meine ähmm.“ Julia jetzt reiß dich mal zusammen, dachte ich.
„Ich bin aus deiner Gastfamilie. Ich bin dein Gastbruder Nico Fitz. Du gehörst doch zu der Familie Fitz, oder? Ich habe nämlich dein Foto gesehen…“ Jetzt standen wir beide ein bisschen blöd da. „Jaja“, sagte ich schnell. „Sehr gut“, antwortete Nico mit einem Lächeln auf den Lippen. „Welcome to The United States. Lass uns losgehen.“ Wir stiegen in ein nobles Cabrio. Ich fühlte mich richtig wohl hier.
Bei den Fitz´ angekommen, war ich total überrascht. Nach diesem Auto hatte ich mir eine Riesenvilla mit Pool und allem Drum und Dran vorgestellt und mir schon ausgemalt, wie ich Cocktails schlürfend am Pool gelegen und den Kellner nach mehr Eis gefragt hätte. Aber nichts dergleichen. Ein stinknormaler Bungalow. Ich war ein bisschen enttäuscht, obwohl das Haus total schön war. Doch zum Glück kam jetzt die Familie. Auch hier war ich wieder überrascht, doch dieses Mal positiv. Eine total nette Familie: die Mutter Susan, der Vater Harry und die 14 – jährige Schwester Ann.
Doch auf wen sollte ich denn aufpassen? Wohl kaum auf Ann oder Nico? Die waren eindeutig zu alt dafür. In diesem Moment hörte ich nur ein „Achtung!“ von Nico, und in der nächsten Sekunde lag ich schon auf dem Boden. Über mir stand grinsend ein kleiner Knirps. „Boah, so einen nervigen kleinen Jungen habe ich ja noch nie gesehen. Hoffentlich gehört der zu den Nachbarn, sonst vergrabe ich mich hinter dem nächsten Baum „, dachte ich insgeheim. Meine Zweifel wurden im Handumdrehen bestätigt. „Nils, das ist Julia. Sie wird sich im nächsten Jahr um dich kümmern und jetzt sei brav und reiche Julia die Hand.“ sagte Susan. „Nöö, so einer Tussi gebe ich nicht die Hand“, sagte Nils und rannte davon, nicht ohne mir noch ein gemeines Lächeln zuzuwerfen.
„Na toll.. Willkommen in der nicht ganz so tollen Traumfamilie, Julia“, dachte ich.

(Hannah)

Auf dem gefrorenen See

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Lennart, sag bitte, dass es nicht wahr ist?!“, hörte ich meinen besten Freund Klaas in den Telefonhörer brüllen. Er wirkte sehr genervt und sauer auf mich. Verständlich, schließlich hatte ich mich schon wieder nicht getraut, schon wieder. Ich könnte mich selbst ohrfeigen. Warum habe ich denn eine solche Angst davor? Andere Jungs kriegen es doch auch hin. Aber immer, wenn ich in ihrer Nähe bin, werde ich total nervös. „Doch, leider. Aber ich werde mich doch sowieso nur lächerlich machen. Hast du sie dir mal angesehen?! Sie ist wunderschön und hat auch noch einen tollen Charakter. Sie will bestimmt nichts von mir. Außerdem möchte ich unsere Freundschaft auch nicht auf’s Spiel setzen.“ Ich konnte mir schon vorstellen, wie Klaas jetzt seine Augen verdrehte, denn wir wussten beide, dass es wenig Sinn machte, wenn ich versuchte, mich da rauszureden. „Ja, ich weiß, dass sie extrem hübsch ist, aber du bist doch auch echt nicht hässlich! Wie viele Mädchen stehen momentan auf dich? 5 oder doch 6?! Außerdem kannst du mir nicht sagen, dass sie dich nicht auch mag. Hätte sie sich sonst denn schon so oft mit dir getroffen?! Ich denke mal nicht.“ Klaas hatte vermutlich recht! „Lennart? Außerdem wenn du ihr endlich deine Gefühle gestehst, weißt du, ob sie auch etwas für dich empfindet. Es kann doch nicht immer so weitergehen. Du bist doch mit der momentanen Situation nicht zufrieden.“ „Okay, irgendwie stimmt das alles schon. Bin jetzt aber auch endlich Zuhause angekommen. Wir sehen uns morgen auf der Party.“ Nach einigen Sekunden des Schweigens meinte Klaas: „Bis Morgen, aber das Gespräch ist nur verschoben, nicht beendet!“ „Alles klar, tschüss!“
Ich hatte gerade die Tür aufgeschlossen und wollte nur noch in mein Zimmer. Aber gerade als ich auf der ersten Treppenstufe stand, tönte aus dem Wohnzimmer die Stimme meiner Mutter, dass ich herkommen solle. Als ich in das Wohnzimmer kam, musterte meine Mutter mich erst mal von oben bis unten. Sie sah sehr sauer aus. Ich ahnte schon, was auf mich zukommen würde. „Willst du mir etwas sagen, Lennart?“ Ich fragte mich, warum ich es ihr denn noch erzählen sollte, schließlich wusste sie es anscheinend schon. Aber ich hatte keine Lust, dass sie noch saurer würde, also versuchte ich so vorsichtig wie möglich, ihr beizubringen, wie es dazu kam. Ich war doch auch nicht schuld. Was konnte ich denn dafür, wenn dieses A******** meinte, mich provozieren zu müssen?! Er musste doch mal spüren, dass er mich nicht fertig machen kann. Man hat ja gemerkt, dass er nicht so stark ist wie er denkt. Mir tat das auch mal gut. Es war auch nicht das erste Mal, dass er seinen Mund nicht halten konnte. Aber das mit seiner Nase tat mir schon ziemlich leid. Hoffentlich war die nicht gebrochen, wie es der Mann im Krankenwagen vermutet hatte.“Woher weißt du was von dem Vorfall?“, fragte ich sie verdutzt. „Deine Lehrerin, Frau Lehmann, hatte mich ganz aufgelöst vorhin angerufen. Sie hätte deine Reaktion genauso wenig erwartet wie ich!“ Ich wunderte mich ein wenig, denn das Ganze spielte sich nach Schulschluss zwei Straßen weiter ab, und da war weit und breit kein Lehrer zu sehen. Aber ich mochte da jetzt nicht weiter nachfragen.
Als dieses unangenehme Gespräch nun endlich sein Ende gefunden hatte und ich schließlich auf mein Zimmer gehen durfte, ging es mir noch schlimmer. Oben angekommen drehte ich als erstes meine Musikanlage auf volle Lautstärke. Ich stimmte mich schon auf das bevorstehende Konzert ein. Nur noch vier Tage und dann würde ich endlich meine Lieblingsband ‚The Right Boys‘ live sehen können. Ich hatte meine Karte schon seit zwei Monaten und fieberte wie ein Bekloppter zusammen mit Klaas auf diesen Tag hin. Ein lautes Klopfen an meiner Zimmertür riss mich aus meinen Gedanken. Nicht mal eine Sekunde später stand mein Vater auch schon in meinem Zimmer. Er ging zielstrebig zu meiner Anlage und machte sie aus. Ich schaute ihm nur wortlos hinterher. Ich hatte zwar das Verlangen ihm klar zu machen, dass seine Aktion mir überhaupt nicht passte, da ich sowieso schon ziemlich schlecht drauf war, aber ich hielt lieber meinen Mund. Es ist nie eine gute Idee, meinem Vater zu widersprechen oder gar anzuschreien. Das würde vermutlich nicht gut für mich ausgehen. Mein Vater drehte sich nun zu mir und begann mit seiner Standpauke. Er meinte:“Wir haben Nachbarn! Hast du das etwa vergessen?“ Er sah ziemlich wütend aus. Ich dachte, dass es besser sei, wenn ich ihm lieber keine Antwort auf seine Frage gäbe. Ich dachte ohnehin nicht, dass es eine richtige Frage wäre. Er brüllte sie aus sich heraus, als ob ich schwerhörig wäre. Ich glaubte sein Gebrüll störte die Nachbarn viel mehr. „Und außerdem, was hast du dir eigentlich dabei gedacht, als du den Phillip vermöbelt hast? Weißt du, wie deine Mutter und ich jetzt dastehen? Was sollen denn die Leute denken? Die denken doch, dass wir völlig versagt haben in deiner Erziehung.“ Langsam wurde ich auch sauer. Immer ging es meinem Vater nur darum, was die Anderen von uns dächten. Von mir aus sollten die doch denken, was sie wollten. Ich meinte, dass es doch immer noch nicht meine Schuld wäre. Außerdem sollte mein Vater sich mal nicht so aufspielen, er hatte bestimmt, als er in meinem Alter war, noch schlimmere Sachen gemacht. Der sollte mich mal in Ruhe lassen. Mir ging es momentan schlimm genug, erst wurde ich von Klaas runtergemacht, dann von meiner Mutter und jetzt auch noch von meinem Vater. Hatte sich denn nun die ganze Welt gegen mich verschworen?! „Junge, antworte mir gefälligst, wenn ich mit dir spreche!“ „Es tut mir ja total leid, wenn die Anderen schlecht von euch denken“, ich sollte vielleicht die Ironie nicht so stark raushängen lassen. „Aber Phillip hat es nicht anders verdient!“ Man sah sichtlich, wie sich nun die Wut in meinem Vater aufstaute. Mein Vater schaute mich abwertend an und sagte: „Gib mir dein Handy!“ Ich war geschockt. Mein Vater nahm mir mein Handy nur weg, wenn er richtig enttäuscht von mir war. Aber ich brauchte mein Handy doch. Was sollte ich den ganzen Tag ohne mein IPhone machen? Ich gab es ihm trotzdem. Er riss es aus meiner Hand und ging aus meinem Zimmer. Ich hörte, wie er unten laut zu meiner Mutter sagte: „Und das soll unser Sohn sein? Ich erkenne den Jungen kaum wieder. Der soll sich hier unten lieber erst blicken lassen, wenn er wieder der Alte ist!“ Es war schon ziemlich hart, so etwas von seinem eigenen Vater hören zu müssen. Vielleicht hatte er aber auch recht. Vielleicht sollte ich wirklich mal darüber nachdenken.
Am nächsten Morgen beim Frühstücken unterhielt sich mein Vater nicht großartig mit mir. Man merkte sehr, dass er enttäuscht von mir war. Aber auch meiner Mutter konnte man es ein wenig anmerken. Meine kleine Schwester Amelie hingegen schien von dem ganzen Vorfall noch nichts mitbekommen zu haben, denn sie war so fröhlich wie immer und redete über Gott und die Welt. Das machte mir das Frühstücken erträglicher. Nach diesem Frühstück beschloss ich, joggen zu gehen, um mich mal wieder so richtig auszupowern und in Ruhe nachdenken zu können. Also rein in die Joggingschuhe, Musik an und auf ging es! Ich war seit mehreren Monaten schon nicht mehr joggen gewesen, denn im Winter war ich immer sehr unmotiviert, draußen Sport zu treiben. Ich musste ein paar Mal rechts und links abbiegen und dann war ich schon in dem Park unseres Dorfes. Die laublosen Bäume waren vom Schnee bedeckt und rechts von mir sah ich zwei Kinder, die ganz eifrig einen Schneemann bauten. Sonst war weit und breit niemand zu sehen. Mit der Zeit wurde mir echt mollig warm, obwohl es einfach nicht aufhörte zu schneien. Ich beschloss, von meinem Weg abzukommen und quer zwischen den Bäumen entlangzulaufen, denn ich wollte zu dem See, den man nicht erreichen konnte, wenn man dem Weg folgte. Der weiche kalte Waldboden war sehr angenehm unter meinen Füßen. Ich überlegte mir, was ich wohl später Klaas sagen sollte. Vielleicht sollte ich ihm erzählen, dass ich versuchen wollte über sie hinwegzukommen. Obwohl ich wusste, dass ich das niemals schaffen würde, ich stand schließlich jetzt schon über ein Jahr auf sie. Na ja, egal, ich sollte mir mal lieber überlegen, was ich machen konnte, um mein Handy wieder zu bekommen. Gäbe mein Vater es mir wohl wieder, wenn ich mich bei Phillip entschuldigte? Oder reichte es, wenn ich ihm versprechen würde, dass es nie wieder passieren würde und so tun würde, als sähe ich wirklich ein, dass er recht hatte? Hmm, ich sollte erstmal mein Zimmer aufräumen und endlich die Unterlagen meiner Oma bringen, worum mich meine Eltern schon eine Ewigkeit baten, denn ihr Haus lag auf meinem Schulweg. Am See angekommen, traute ich meinen Augen nicht, ich sah sie. Sie war vollkommen auf das Schlittschuhlaufen fixiert. Sie sah echt wunderschön aus, wie sie in ihren weißen Schlittschuhen über die Eisfläche glitt. Ich machte meine Musik aus und ging mit meiner Hand durch meine Haare. Ich schaute ihr noch eine Weile dabei zu, bis sie mich endlich entdeckte. Sie lächelte mir zu und rief: „Lennart, komm doch her!“ Meine Knie wurden weich und in meinem Bauch rumorte alles. Ich ging langsam zu ihr und blieb vor der Eisfläche stehen. Sie fuhr zu mir herüber und umarmte mich. „Was machst du denn hier?“, fragte sie leise in mein Ohr, während ich sie noch in meinen Armen hielt. „Ich wollte mal wieder joggen gehen. War schon so lange nicht mehr laufen.“ Hoffentlich war ihr das Zittern in meiner Stimme nicht so sehr aufgefallen. „Und du?“ War das eine dumme Frage? Ich wusste ja eigentlich, was sie hier machte. „Wonach sieht es denn aus?“ Wir hörten auf, uns zu umarmen und sie grinste mich bei der Frage an, als ob sie sich ein Lachen verkneifen müsste. Ich wurde rot. „Ja okay, das war ne dumme Frage!“ Sie nahm meine Hand und zerrte mich auf das Eis. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte und ließ es geschehen. Ich merkte, wie rutschig meine Sohlen waren und bekam Panik. „Ich falle gleich hin!“ Sie zwinkerte mir zu und sagte: „Keine Angst, ich halte dich schon fest!“ Je länger wir Händchen haltend liefen, desto mehr verlor ich meine Angst. Irgendwann fing sie an, mich durchzukitzeln und ich hielt ihre Hände fest und kitzelte sie zurück. Mir gefiel ihr Lachen und es schien ihr genauso viel Spaß zu machen wie mir. Irgendwann fielen wir dann gemeinsam auf das Eis. Wir lagen nebeneinander und blieben eine Zeit lang lachend liegen. Dann fragte sie mich, woran ich gerade denken würde und ich antwortete: „An dich“. Ich war mir unsicher, ob es gut war, dass ich es gesagt hatte. Aber es war ja schließlich die Wahrheit. Sie rutschte näher zu mir und kuschelte sich an mich. Ich legte meinen Arm um sie. Wir schwiegen beide für einen Augenblick. Ich genoss ihre Nähe sehr. Ich fragte mich, ob ich mich trauen sollte, sie zu küssen. Ich dachte mir, wenn nicht jetzt, wann dann? Der Moment war perfekt. Klaas hatte doch recht, dass es nicht ewig so weiter gehen konnte. Aber was war, wenn sie mir einen Korb geben würde? Okay egal, ich machte es! Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, lehnte mich über sie und küsste sie. Sie ließ es geschehen. Es war ein so schöner Moment für mich und alle meine Sorgen waren auf einmal wie weggeblasen. Als der Kuss zu Ende war, legte ich mich wieder neben sie und sie sagte „Ich mag dich!“ Jetzt musste ich lächeln und sagte: „Ich dich auch!“ Zehn Minuten später schaute sie auf ihre Uhr und sprang auf. „Ich muss los, die Zeit verging ja wie im Flug!“ Während sie ihre Schlittschuhe mit normalen Schuhen wechselte, erklärte sie: „Ich bin in einer halben Stunde mit Nicole und Larissa im Kino verabredet!“ Ich stand auch auf und ging zu ihr hinüber. Sie gab mir einen Abschiedskuss und schon war sie verschwunden. Ich blieb noch eine Weile auf der Stelle stehen, denn ich wusste nicht, was ich jetzt machen sollte. Mir gingen tausend Fragen durch den Kopf. Hieß der Kuss, dass sie auch etwas für mich empfand? Wie sollte ich mich verhalten, wenn ich sie das nächste Mal sah? Sollte ich so tun, als ob nichts passiert wäre oder sollte ich sie darauf ansprechen? Oder ich guckte einfach mal, wie sie sich mir gegenüber verhielt? Und was war, wenn sie ihn als Spaß aufgefasst hatte? Ich wusste es nicht, das einzige, was ich wusste war, dass ich glücklich war und Sophie liebte!

(Larissa)

Auf dem Balkon

Es ist schon etwas länger her, es müssten neun Monate sein. Ich kam früher als erwartet nach Hause. Ich wollte schon mal das Mittagessen vorbereiten, bevor meine Töchter nach Hause kamen. Außerdem hatte ich mir vorgenommen, noch die Wäsche zu machen und Staub zu saugen.
Ich schloss die Haustür auf und entdeckte die Schultasche meiner älteren Tochter, dachte mir aber nichts dabei, da sie öfter früher zuhause war als ich.
Ich ging den Flur entlang zu ihrem Zimmer und klopfte an ihre Tür, da ich aber keine Antwort von ihr bekam, öffnete ich sie einfach.
Das Erste, was ich bemerkte, war das zerissene Jahrbuch, ihr ganzes Zimmer war mit Schnipseln von Fotos bedeckt. Ich fing an, mir ernsthaft Sorgen zu machen und suchte das gesamte Haus nach ihr ab. Schließlich fand ich sie weinend auf dem Balkon sitzend.
Ich fragte sie, was passiert ist und sie antwortete nur:„ Nichts.“
Ich hakte noch einmal nach:„ Aber irgendwas muss doch passiert sein. Sag mir doch, was los ist. Warum hast du dein Jahrbuch zerissen?“
„ Das ist zu kompliziert, du würdest das eh nicht verstehen.“
„ Du kannst es mir sagen! Ich bin deine Mutter, ich will dir doch nur helfen.“
„ Das kannst du sowieso nicht und selbst wenn du es versuchst, würdest du alles nur noch schlimmer machen.“
„ Das kannst du doch gar nicht wissen.“
„ Oh doch, das kann ich.“
Ich musste noch lange auf sie einreden, bis sie es mir endlich erzählte und als ich es erfuhr, wurde mir ganz schlecht.
Sie war in der Schule, wie schon oft zuvor, angegriffen worden. Sie hatten sie geschlagen und beschimpft und die Lehrer hatten den Angriff nicht mitbekommen.
Also stand sie völlig allein der Gruppe gegenüber.
Sie war danach total fertig nach Hause gekommen und hatte ihr Jahrbuch zerissen, in dem auch Fotos der Gruppe abgebildet waren. Danach hatte sie frische Luft gebraucht und war auf den Balkon gegangen.
Nach dem Gespräch machte ich mir unendliche Vorwürfe.
Ich hätte sie auf eine andere Schule schicken oder zumindest mit den Lehrern oder der Schulleitung sprechen sollen.
Sie hatte mich jedoch immer davon abgehalten und mir nie alles erzählt. Oft wusste ich auch gar nichts von den Angriffen, da sie mir nichts davon erzählt hatte und sich auch nichts anmerken ließ.
Ich beschloss,sie auf eine andere Schule und zum Psychiater zu schicken, damit sie die Vorfälle besser verarbeiten konnte.
Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, bereitete ich das Mittagessen vor, machte die Wäsche und saugte Staub. Danach ging ich noch einkaufen und holte meine jüngere Tochter von der Grundschule ab. Aber mit meinen Gedanken war ich ganz woanders.

(Marielena)

Zu Hause

Meine Zehen versanken im eisigen Schnee und kleine Steine rissen Schnitte in meine Fußsohle. Meine Lungen füllten sich mit Luft und mein Atem war schnell und unregelmäßig. Ich muss hier weg, dachte ich. Sie wollen mich töten, sie werden mich finden. Immer wieder blickte ich hinter mich. Meine Augen suchten die Umgebung ab, ob ER in der Nähe war, doch alles ,was ich sah, waren die mit Schnee bedeckten Tannen. Er sucht mich, er will mich sterben sehen. Die weißen Flocken verfingen sich in meinen Wimpern und in meinem Haar. Lange zerzauste Stränen schränkten meine Sicht stark ein und erschwerten mir das Sehen. Ich rannte weiter. Immer weiter in der Hoffnung, sie würden die Suche nach mir aufgeben. Wo ich war, wusste ich nicht. Ich musste es tun. Es war die richtige Entscheidung wegzulaufen. Ich hätte nicht länger in diesem Dorf bleiben können. Ich hatte keine Wahl! Tränen liefen über meine Wangen, die sofort zu gefrieren schienen. Er darf mich nicht finden! Dieser Gedanke war mir immer präsent. Ich hatte ihn geliebt und er belog mich die ganze Zeit über. Unsere Beziehung war eine einzige Lüge, und dennoch kann ich meine Gefühle ihm gegenüber nicht verdrängen. Ein starker Windstoß blies durch die Zweige der Tannen. Ich bekam eine Gänsehaut. Plötzlich verschwand der Boden unter meinen Füßen und ich fiel. Ich versuchte irgendetwas zu fassen, um mich festzuhalten, doch nichts war in Reichweite, überall lag nur Schnee. Ich überschlug mich. Mein ganzer Körper brannte. Ich schrie kurz auf. Ich fiel immer weiter bergab. Vor Verzweiflung grub ich meine Finger in den Boden. Ich wurde langsamer und rutschte über den Schee. Vor mir sah ich ein abruptes Ende des Abhangs. Es war, als würde ich hilflos im Wasser gegen den Strom paddeln und direkt in Richtung eines Wasserfalls gespült werden. Ich versuchte, meine Hände und Füße gegen den Schnee zu stemmen, doch es gelang nicht. Ich schlitterte ungeschützt auf den Vorsprung zu. In letzter Sekunge griff ich nach der Wurzel eines Baumes, die aus dem Bodern herausragte und klammerte mich daran fest. Mein Unterkörper schleuderte herum und plötzlich trugen meine Arme mein gesamtes Gewicht. Ich rutschte nicht mehr. Meine Beine hingen über dem Abgrund und meine Hände umfassten krampfhaft die Wurzel. Alles nur wegen ihm, dachte ich. Mein Gesicht verzog sich vor Anstrengung und ich wusste, ich konnte mich nicht mehr lange halten. Die Entscheidung, wie ich handeln sollte, wurde mir vom Schicksal genommen. Die Wurzel gab nach und riss aus dem Boden heraus. Ich fiel zurück und stürzte in die Tiefe. Beim Aufstoß durchzog ein gewaltiger Schmerz meine Hüfte. Ich blieb regungslos liegen. Wieso konnte er mich nicht einfach in Ruhe lassen? Wieso wollte er mich sterben sehen? Nach und nach verschwand das Gefühl in meinem Körper. Die Kälte betäubte meine Glieder und ich sah keinen Sinn mehr, weiterhin zu fliehen. Mit einer gebrochenen Hüfte komme ich nicht weit und lieber erfriere ich hier, als dass er mich findet. Mein Atem beruhigte sich und ich war froh. Froh, dass ich nicht im Dorf war. Froh, dass ich endlich frei zu sein schien. Froh, dass er mich so nicht sehen musste. Unter meinem Körper färbte sich der Schnee rosarot und auch an meinem weißen Kittel waren Blutspritzer zu sehen. Ich neigte meinen Kopf etwas nach links und sah, dass ich hinter dem Sportplatz einer Schule lag. Ich hörte, hinter dem blickdichten Holzzaun, das Gelächter spielender Kinder und begann zu grinsen. Vor meinen Augen wurde es immer schwärzer, bis plötzlich eine Stimme ertönte. Eine Stimme, die immer näher kam und meinen Namen rief. „Sarah!“, schrie die besorgte Stimme. ER war es. Er rannte zu mir herüber und kniete sich neben mich. Ohne zu zögern zog er seine Jacke aus und legte sie über meinen regungslosen Körper. Seine großen Hände fassten meinen Kopf und legten ihn auf seine Oberschenkel. Er zückte ein Telefon aus seiner Hosentasche und rief jemanden an. „Dave, ich hab sie gefunden. Wir sind hinter dem Sportplatz der alten Grundschule und sie ist total unterkühlt. Bringt einen Rettungswagen mit, hast du verstanden?“ Er war schon fast hysterisch und beugte sich vor. „Sarah, wieso hast du das gemacht?“ Meine Unterlippe zitterte und es dauerte ein wenig, bis ich alle Worte beisammen hatte. „Ihr wolltet mich umbringen“, stotterte ich und starrte ihn an. „Das waren doch nur deine Tabletten! Die bekommst du doch schon, seitdem du bei uns bist. Die sind gegen deine Depressionen.“ Er blickte mich unmissverständlich an. „Depressionen?“ Ich versuchte einen klaren Gedanken zu fassen und mich an mein Leben im Dorf zu erinnern. Die Sirene eines Rettungswagens ließ mir keine Chance zu antworten. Ein großes Auto kam vorgefahren und hielt direkt neben uns. Männer stiegen aus, legten mich behutsam auf eine Trage und brachten mich ins Auto. Sie gaben mir endlich Decken und stachen mir mit langen Nadeln bunte Flüssigkeiten in den Arm. ER hielt meine Hand und wir fuhren davon. Zurück nach Hause, zürück in die Psychiatrische Klinik für junge Erwachsene in dem kleinen Dorf, namens Dashville.

(Katrin)

Auf der Party

Ich ging gerade nach Hause, als ich eine SMS von einem Kumpel bekam, der mich darum bat, für ihn heute Abend aufzulegen. Natürlich sagte ich zu, denn ich brauchte das Geld für mein Studium. Als ich schließlich meine kleine Wohnung betrat, ging ich sofort in die Küche, um mir eine ‚Curry King‘ für die Mikrowelle zu machen. Damit es nicht immer so billig aussah, tat ich sie in eine kleine Schale. In der Zwischenzeit wollte ich duschen gehen und stellte mit Entsetzen fest, dass die Dusche nun endgültig den Geist aufgegeben hatte. „So eine Scheiße“, dachte ich mir und war ratlos, was ich nun machen sollte. Zum Glück hörte ich in dem Moment das nervtötende Piepen der Mikrowelle und ging in die Küche. Ich nahm die kleine Schale heraus und setzte mich erst einmal vor meinen Laptop. Ich guckte nach neuen Liedern in den Hands Up und Hardstyle Charts und fand auch einen neuen Bootleg von MaLu Project und eine neue Single von Frontliner, die es mir sehr angetan hatte. Danach suchte ich noch ein paar Lieder raus und schaute, was sonst noch so ging. Als ich auf die Uhr sah, stellte ich fest, dass es schon spät war und ich mich so langsam auf den Weg machen musste. Es ärgerte mich immer noch sehr, dass meine Dusche kaputt war. Ich öffnete das eigentlich viel zu unsichere Schloss von meinem Fixi Rad, für das ich erst kürzlich gute Felgen gekauft hatte, schwang mich drauf und fuhr los. Auf dem Weg fiel mir ein, dass mein Kumpel ja Klempner war und er bestimmt meine Dusche reparieren könnte. Da hörte ich eine laute, intensive Stimme, sogar durch meine Kopfhörer durch, sagen, dass ich anhalten und absteigen sollte, da ich kein Licht am meinem Fixi hatte. Ich dachte mir „Scheiß Bullen, wieso gehen die immer auf die normalen Bürger und nicht zu denjenigen, die wirklich etwas verbrochen haben“, und fuhr schneller. Ich wusste, dass an der nächsten Ecke Poller standen, die die Fußgängerzone von der Straße trennten. Somit hatte ich es wieder einmal geschafft, den 40€ Strafgeld zu entkommen. Als ich bei meinem Kumpel ankam, waren schon die ersten Leute da. „Hey Dieter ! Was geht?“, schrie mir mein Kumpel entgegen, dem man seine gute Stimmung schon anmerkte. „Alles! Und bei dir Walter?“ „Auch! Hier, nimm dir erst einmal ein Bier.“ Ich nahm es mit Freude entgegen und packte mein DJ-Equipment aus. Ich legte dann auch gleich los und die Stimmung nahm sofort zu. Ich winkte Walter zu mir. „Und, wie geht’s dir sonst so? Alles klar mit deiner Freundin ?“ „Ja, alles super. Klar, ab und zu ein wenig Zoff, aber ansonsten ist alles gut. Und dir? Was macht eigentlich dein Studium?“ „Ja, also läuft, ne? Also, ist ganz ok. Ey, Walter? Du, meine Dusche, die geht nicht mehr, keine Ahnung wieso, ging vorhin einfach nicht mehr. Könntest du nicht mal gucken?“ „Klar, kann morgen mal rumkommen.“ „Cool!“ Plötzlich stürzte sich irgendein Penner von hinten auf uns und das Mischpult, welches mit einem zerberstenden Geräusch auf den Boden aufschlug. Doch die Musik lief weiter und als ich wieder auf den Beinen war und hinsah, sah ich, dass es nur der linke CDJ-1000 Plattenspieler von Pioneer gewesen war und nicht auch noch der andere. Auch der DJM-Controler, auf den ich so lange gespart hatte, stand noch etwas verrutscht auf dem Tisch. Ich ging sofort auf den Besoffenen los und schlug ihm voll ins Gesicht. Dieser, der noch regungslos auf dem Boden lag, zuckte voller Schmerz zusammen und ich erkannte, dass er gar keiner von der Party war und auch nicht besoffen war, sondern der nervige Nachbar meines Kumpels, der wohl versucht hatte, die Feier vorzeitig zu beenden. Und als ich mich umdrehte, sah ich Max gerade eine Geste vor seinen Freunden machen, die aussah wie eine Wegwerfbewegung, und seine Freunde fingen nochmals an zu gröhlen. Also wurde der Nachbar wohl von Max auf uns drauf geworfen. Doch dieser Penner hatte einen meiner CDJ-1000 Plattenspieler mit nach unten gerissen, den ich mir in allerhöchstens fünf Monaten wieder zusammen sparen könnte. Und dafür sollte er bluten. Ganz egal, wer eigentlich daran schuld war. Also schlug ich ihn wieder und wieder, bis mich Walter zurückriss und Max auch kam, der erst jetzt bemerkte, was er angerichtet hatte. Dieser versuchte sich halbwegs anständig zu entschuldigen, was in seiner Verfassung jedoch unmöglich war. Walter guckte mich an und meinte, „Naja, da hast du es ihm ja richtig gezeigt. Er hat es zwar nicht jetzt so verdient, aber eigentlich schon. Der ist schon seit drei Jahren nur am Meckern!“, und trat auch nochmal gegen seinen Nachbarn. „So, den werden wir jetzt einfach vor die Tür legen.“ Ich war leicht überrascht, dass er so reagierte und mich in keiner Weise für mein Ausrasten anmachte. Nachdem wir ihn draußen auf eine Bank gelegt hatten und wieder drinnen waren, war die Stimmung wieder etwas entspannter, doch für mich war der Abend gelaufen und ich beschloss, meine Sachen zu packen und nach Hause zu fahren. Am nächsten Tag weckte mich meine Klingel, die ununterbrochen klingelte. Ich stand auf, zog mir noch schnell eine Hose an und öffnete die Tür. Es waren Walter und Max, die rein wollten. Max, der wieder nüchtern war, entschuldigte sich diesmal richtig für den gestrigen Vorfall. Walter ging sofort in mein Bad und guckte sich meine Dusche an. „Du, das mit deinem Mischpult, das bezahl ich dir, ehrlich“, meinte Max, etwas unsicher über den Preis, der auf ihn zukam. „Ja, das hoffe ich für dich! Weißt du eigentlich, wie teuer so was ist?“ „Nee, das wollte ich dich grade fragen.“ „1500 €! Dafür hab ich 6 Monate gespart und meinen Geburtstag geopfert!“ „Ohh, das so was so teuer ist, wusste ich nicht. Aber ich kann mal gucken, was sich machen lässt.“ „Ja, okay.“ Walter kam gerade aus dem Badezimmer und meinte, „Hier! Das war es!“, und zeigte uns ein total verkalktes Kupferrohr. „Ja, cool, danke Mann!“, bedankte ich mich. „Ach ja, und hier deine Gage. Das mit dem Reparieren hab ich natürlich für dich umsonst gemacht, das wären normalerweise auch nochmal 200€ gewesen!“, sagte er vorwurfsvoll. Ich lachte etwas und bedankte mich nochmals. „So Jungs, jetzt raus hier! Jetzt muss ich auch mal wieder duschen.“ Sie gingen beide mit einem Grinsen raus. Ich ging zu meiner Anlage und drehte erst einmal von „Remady P&R – No Superstar (MaLu Project Bootleg)“‚ auf um wach zu werden. Dabei zog ich mich aus und ging endlich unter meine Dusche.

(Thomas)

The Show must go on!

Es sind nur noch einige Minuten vor unserer großen Show und ich bin, um ehrlich zu sein, sehr aufgeregt, so wie noch nie zuvor.
Eigentlich habe ich keinen Grund, aufgeregt zu sein, da ich eh wieder mal nur eine Nebenrolle spielen werde, da ich Schiss hatte, für die Rolle der Julia vorzuspielen, daher spielt jetzt auch so eine Tussi aus der 10C die Julia…echt Klasse !
Hätte ich bloß den Mut gehabt, dann dürfte ich vielleicht die Glückliche sein und mit dem tollsten und sympatischsten Jungen, den ich je kennengelernt habe, spielen und womöglich würde ich den besonderen Kuss bekommen, der mit Sicherheit perfekt wäre.
Aber was soll’s? Ich bin halt zu doof für so was, war ich auch schon immer.
Doch über eins bin ich glücklich, ich weiß, dass Finn mich lieber mag, als die Zicke, die jetzt Julia spielt, denn die mag er gar nicht!
Ich merk schon, ich mach mir wieder zu viele Gedanken und jetzt bin ich noch nervöser, denn jetzt müssen wir schon auf die Bühne, uns bereit machen für die große Show.

Nach einigen Minuten ist die Show schon in vollem Gange und es läuft alles prima, echt Klasse. Auch ich hab wirklich Spaß, in den Proben ist noch einiges schief gelaufen, doch jetzt klappt einfach alles.
Das Allerbeste jedoch ist, dass Finn ständig zu mir rüber schaut, während er eigentlich die Tussi anschauen sollte, immer und immer wieder.
Die Show ist schon fast zu Ende, es fehlt nur noch die krönende Szene mit dem romantischen Kuss, bei dem ich am liebsten nicht hingucken möchte.
Doch was macht Finn denn jetzt? Hat er die Szene vergessen, oder übersprungen? Denn er läuft schnurstracks an der Tussi vorbei und läuft auf mich zu, ich fasse es nicht.. Was hat er vor? Er bleibt schließlich vor mir stehen und hält meine Hand.
F: „Du Vanessa, Du bist meine wahre Julia!“
V: „D-Du du…“ Oh nein, nur ein Stottern kommt aus mir heraus, doch dann fällt mir mein Lieblingsspruch ein „The Show must go on“
V: „Und du bist mein Romeo!“ Ja! Geil ich habe es gesagt und sehe jetzt nur noch sein süßes Grinsen.
F: „So ist es!“ Ich sehe aus den Augenwinkeln nur noch die erstaunten Gesichter, die jetzt sehr gespannt sind.
V: „Ich liebe Dich!“ Er schaut mich an und küsst mich! Die Zuschauer klatschen und stehen auf, das nenne ich mal eine gelungene Show!

Nach der Show sind sie alle begeistert und mein Lehrer kämpft mit den Tränen, während er uns in die Arme fällt.
Eine gelungene Show, doch nicht nur das, auch ein gelungener Kuss mit Happyend!

(Pia)

Nach der sechsten Stunde

Es war ein langer Schultag, die sechste Stunde um genau zu sein. Wir hatten gerade Deutsch und unser Klassenlehrer, ein alter, etwas streng aussehender Mann, stand vor uns an der Tafel und erzählte uns was über, ich wusste nicht genau, worum es ging, denn es interessierte mich auch nicht wirklich. Ich fing an mich zu langweilen und begann mit meinem Tischnachbarn zu reden. Der Lehrer ermahnte mich mehrmals in der Stunde, da er meinte, ich lenkte meine Mitschüler ab.
Als der Lehrer nun sichtlich wütend war, forderte er mich auf, nach der Stunde zu ihm zu kommen. Nun stand ich da, alleine mit meinem Klassenlehrer im leeren Klassenraum. Er bat mich, dass ich mich setzen sollte. Es war still und der Lehrer starrte mich nur an. Ich war ziemlich nervös. Ich erwartete jetzt, dass ich ziemlichen Ärger bekommen würde. „Nun…“, fing der Lehrer an, „ich schätze, du weißt, warum ich mit dir sprechen will?“ Ich stotterte „Ehm, äh nein nicht wirklich.“ Der Lehrer fing plötzlich an zu lächeln. Er schob etwas zu mir rüber. Im ersten Moment war ich etwas verwundert und fragte, „Was ist das?“ Der Lehrer weiterhin lächelnd, antwortete darauf: „Eine Urkunde oder hast du es etwa schon vergessen? Du hast doch letzten Monat an dem Mathematik Wettbewerb teilgenommen.“ Nun, als er mich darauf hingewiesen hatte, fiel es mir auch ein. Er stand auf, schüttelte meine Hand und sagte: „Herzlichen Glückwunsch, du hast den ersten Platz erreicht.“ Ich antwortete nur: „Danke!“ Ich nahm die Urkunde und bewegte mich Richtung Ausgang. Kurz bevor ich den Klassenraum verlassen wollte, sagte mein Lehrer noch: „Ach noch was, konzentriere dich bitte ein bisschen mehr auf den Unterricht.“ Ich lächelte und verließ den Raum.

(David)

Das Ende? – Zirkuszelt

Sie liebte Tiere über alles und fand es schrecklich, wenn Tiere gequält wurden. Genau dasselbe dachte er über Tiere. Sie hieß Julia und er Paul. Sie kannten sich aus dem Tierschutzverein.

Eines dunklen Mittwochnachmittags sahen sie sich im Raum des Tierschutzvereins, die beiden freuten sich tierisch auf das Treffen am Abend. Nach 16:00 Uhr ging sie alleine nach Hause und dachte nur noch an den Abend des Treffens. Denn es war kein gewöhnliches Treffen, was sie planten. Sie hatten den Plan, die Tiere aus dem Zirkus, welcher gerade im der Stadt war, zu befreien. Sie hatten alles schon perfekt durchdacht, nur ein einziger Gedanke ging Julia durch den Kopf. Was würde er tun, wenn alles schief geht? Wenn sie die beiden dabei erwischen würden? Würde er mein Retter und Held sein oder egoistisch und nur an sich denken?
Sie kannte Paul jetzt noch nicht so gut, aber gut genug, um zu wissen, dass er das mit ihr durchzog.

Nun, es war so weit. Sie hatten an alles gedacht. An die Leckerlis, um die Tiere zu locken, und an die Leinen, um die Pferde und Löwen sicher zum Stall zu bringen. Passend angezogen waren sie auch. Jetzt konnte es losgehen. Sie traf sich mit Paul drei Seitenstraßen vom Zirkus entfernt.

Paul: ,,Hey Julia, bist du bereit?“
Julia: ,,Ja, aber ein bisschen aufgeregt auch.“
Paul: ,,Ach das wird schon klappen. Du weißt, wo der Stall von meinem Opa ist, wo wir die Tiere dann hinbringen?“
Julia: ,,Ja ich weiß, aber was ist denn wenn sie etwas hören und das bemerken?“
Paul: ,,Ach, mach dir keine Sorgen, ich pass auf dich auf.“

Julia dachte, sie hätte sich verhört. Er wollte wirklich auf sie aufpassen. Sie freute sich so sehr, dass er doch nicht so egoistisch war, sondern richtig süß. Aber weiter wollte sie nicht daran denken, weil sie sonst vor lauter Freude kurz aufquiekte und Paul schon im Zirkuszelt war.

Paul: ,, Hey Julia, pass auf, hinter dir!“
Julia: ,,Hä, warum brüllst du jetzt so, da werden doch die Zirkusmitarbeiter wach?“
Paul: ,,Zu spät, dreh dich mal um .. „
Julia: ,,Oh mein Gott, Paul hilf mir .. „

Für Julia war es zu spät, die Zirkusfamilie war nicht so nett, wie sie immer schien, sie waren sehr kriminell. Der Zirkusdirektor stand mit einer 9 mm Pistole direkt hinter ihr und hielt sie ihr an den Kopf. Er fackelte nicht lange und drückte ab.
Da sah Paul seine insgeheime große Liebe am Boden des Zirkuszeltes sterben. Er fing sie auf, sie starb in seinen Armen. Als er bemerkte, dass sie endgültig tot war, wollte er auch nicht mehr leben. Er liebte sie einfach zu sehr und eine neue Liebe würde er nie finden. Er wusste, er würde ohne Julia nie wieder glücklich werden.
Er nahm die 9 mm und hielt sie sich an seinen Kopf.
,,Ohne sie will ich nicht mehr „, sagte Paul und drückte ab.

(Lena)

Im Garten

Es ist ein warmer Dienstagnachmittag.
Die Sonne scheint vom blauen Himmel. Daraufhin beschließe ich, in den Garten zu gehen und mich ein wenig zu sonnen. Jedoch auch in der Hoffnung „ihn“ zu sehen.
Ich schalte mein Lieblingslied auf dem Ipod an und meine Gedanken fangen an, sich nur noch um „ihn“ zu kreisen.
Mit „ihm“ meine ich den Jungen, der seit Neuestem gegenüber von mir wohnt. Der Junge, dem abends mein letzter und morgens mein erster Gedanke gilt. Es klingt komisch, da ich ihn kaum kenne, aber er hat einfach was Interessantes an sich, was mich total begeistert. Er ist mir direkt bei unserer ersten Begegnung aufgefallen, als er sich bei mir als neuer Nachbar vorstellte. Seitdem kriege ich ihn einfach nicht mehr aus dem Kopf.
Das Einzige was ich über ihn weiß, ist, dass er Tom heißt und dass er anscheinend gerne Fußball spielt. Ich habe ihn nämlich schon öfter im Garten Fußball spielen sehen.
In diesem Moment spüre ich einen harten Stoß auf meiner Haut, der mich aus meinen Gedanken reißt.
„Hey, alles ok bei dir ? Es tut mir wahnsinnig leid. Das war nicht meine Absicht!“, höre ich plötzlich eine bekannte Stimme sagen.
Ich kann es kaum glauben. Tom steht vor mir! Tom, der sich eben noch in meine Gedanken geschlichen hat, steht nun auf einmal vor mir. Vor lauter Aufregung kriege ich nur wenige Worte heraus: „ Ja, alles ist gut, mach dir keine Sorgen!“
„Puh, da bin ich aber froh! Anna heißt du oder?! Kann ich das irgendwie wieder gut machen?“ fragt er erleichtert.
„ Danke, mir geht es wirklich gut, aber vielleicht solltest du deinen Ball besser im Blick haben!“, scherze ich herum und entdecke ein Grinsen auf seinem Gesicht.
„ Pass auf! Als Entschuldigung lade ich dich zum Essen ein. Freitag, um 19 Uhr bei mir?! Wenn das für dich in Ordnung ist? Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen und vielleicht ist das ja auch eine gute Gelegenheit, sich besser kennenzulernen!“
Ich kann mein Glück kaum fassen. Tom, der Junge an den ich in letzter Zeit nur noch denke, hat mich tatsächlich zu ihm nach Hause zum Essen eingeladen!
Ich könnte, am liebsten, vor Freude durch den ganzen Garten springen, und kann es kaum noch abwarten bis Freitag.

(Friederike)

In der Mensa

Heute war es also endlich soweit: Jan und ich waren zum Mittagessen verabredet. Natürlich sollte ich mir nicht zu viel darauf einbilden – Dutzende anderer Schüler würden zur gleichen Zeit in der Mensa sein, und theoretisch könnten sich auch einfach Freunde von uns dazu setzen. Zumindest hatte er meine Einladung sofort angenommen und ich glaubte auch, einen Anflug von Freude in seinen Augen gesehen zu haben. Ich weiß noch, wie lange meine Freundinnen mich überreden mussten, bis ich ihn endlich gefragt habe. Eigentlich wollte ich abwarten, bis er mich um ein Treffen bat, aber er gehörte nun mal eher zu den ruhigeren Jungs. Er hatte eigentlich gar keine Freunde und saß meistens allein beim Mittagessen.
Kennengelernt hatte ich ihn bei einem Politikreferat, bei dem er mir als Partner zugelost wurde. Er hatte etwas Geheimnisvolles an sich und war eher verschlossen – wahrscheinlich war es das, was ihn so interessant für mich machte. Jetzt war es also endlich soweit: In weniger als einer Stunde würden wir zusammen in der Mensa sitzen und ich würde hoffentlich etwas mehr über ihn erfahren.
Nur ein einziges Mal war ich wegen dem Referat bei ihm gewesen. Wenn ich an diesen Besuch zurückdenke, wird mir immer noch komisch. Die ganze Wohnung war irgendwie merkwürdig…Es war ziemlich dunkel, überall lagen leere Flaschen herum und als ich einen kurzen Blick ins Wohnzimmer erhaschen konnte, musste ich mit Schrecken feststellen, dass sich in einer Glasvitrine mehrere Gewehre befanden. Als ich Jan darauf ansprach, antwortete er knapp, dass sein Vater Jäger sei und wechselte dann rasch das Thema. Als wir mit den Referatsvorbereitungen fertig waren, redeten wir noch eine ganze Weile und ich war nachher selbst überrascht, wie selbstverständlich ich ihm von den ständigen Streitereien mit meinen Eltern erzählte. Er war so verständnisvoll und aufmerksam und wenn er mich mit seinem Blick fixierte, hatte ich immer das Gefühl, er würde sich wirklich für das interessieren, was ich sagte. Allerdings verunsicherte mich ebendieser Blick auch manchmal und dann meinte ich, sogar aggressive Züge in seinem Gesicht erkennen zu können.
Als ich die Mensa betrat, waren fast alle Tische besetzt und mehrere große Gruppen von jüngeren Schülern sorgten für eine ziemlich laute Geräuschkulisse. Dann sah ich ihn: Er saß ganz in der Ecke und hatte eine dunkelblaue Sporttasche neben sich stehen. Seine Haare lagen lässig wie immer, er trug einen dunklen Pullover, eine Jeans und Turnschuhe. Ich musterte ihn von Kopf bis Fuß und brauchte einen Moment, bis mir auffiel, was anders war. Er wirkte angespannt, sein Blick wanderte nervös von Tisch zu Tisch und seine Hand krallte sich so fest um den Gurt der Sporttasche, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Als er mich sah, huschte kurz ein abwesendes Lächeln über sein Gesicht und er erhob sich – allerdings nicht, ohne die Tasche loszulassen…
(Cora)

Hinter einer Parkbank

Als ich aufwachte, spürte ich den kalten Wind über meinen Körper gleiten.
Ich hatte starke Kopfschmerzen und mein ganzer Körper schmerzte.
Ich versuchte zu erkennen, wo ich mich befand, doch ich sah alles verschwommen. Mir tat alles weh, meine Augen schmerzten und ich probierte, mir die Augen zu reiben. Ich kniff sie fest zusammen und riss sie dann auf. So langsam sah ich etwas klarer und sah mich um. Ich lag eindeutig auf dem Boden im Freien, da ich in einen wunderschönen Abendhimmel blickte, der von ein paar Bäumen bedeckt war. Ich blickte eine Weile in den Himmel, um den Schmerz zu vergessen, doch meine Beine und Arme brannten zu doll, als dass ich auch nur eine Sekunde nicht an den Schmerz denken konnte. Ich drehte meinen Kopf nach links und rechts, um die Gegend zu erkunden: Äste, Blätter und nasse Erde. Tränen rollten mir über die Nase und tropften auf den kalten Waldboden. Ich fühlte mich schlapp.Als ich mich aufrichten wollte, biss ich mir auf die Zähne und kniff die Augen zu, um den Schmerz ein wenig zu lindern. Ich stützte mich mit den Händen auf, ich blickte an mir herunter. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich vollkommen mit Schmutz bedeckt war und Kratzer, Schürfwunden und Blut meinen Körper verzierten. Meine Gedanken spielten verrückt, ich fragte mich tausend Fragen und doch war mein Kopf so leer, dass ich mir keine einzige Frage beantworten konnte. Ich blickte nochmal nach links und rechts und bemerkte neben mir, auf der rechten Seite, eine alte, morsche Parkbank. Ich streckte meinen Arm aus und zog mich an sie heran. Allein diese Bewegung brachte mich aus der Puste. Ich wollte schreien und tat dieses auch. Aber ich brachte nur ein paar schrille leise Töne raus. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und klammerte mich an die Bank, um mich an ihr hochzuziehen. Ich stand wackelig auf den Beinen und kippte nach zwei Schritten auch direkt auf die Parkbank zurück. Ich setzte mich und drückte mich mit dem Rücken an die Lehne, die schon ein wenig knarzte. Meine Beine brannten, als ich versuchte, sie anzuwinkeln. Ich fing an, doller zu weinen und schnappte angestrengt nach Luft. Was war bloß passiert? Wo befand ich mich hier? Tausend Fragen schwirrten mir durch den Kopf, mein Kopf dröhnte.
Meine Klamotten waren total zerrissen und dreckig. Es war kalt. Ich legte meinen Kopf auf meine Knie und versuchte mich daran zu erinnern, wie ich hierher gekommen war und wie ich überhaupt hieß. Das konnte doch nicht wahr sein! Wie, zum Teufel, konnte ich vergessen, wie mein Name lautete. Ich tastete meine kaputte Hose nach einem Handy oder einem Portemonnaie ab, ich spürte etwas und zog es raus. Es war eine Zimmerschlüsselkarte von einem Hotel. Ich hatte die Zimmernummer 19. Ich erinnerte mich daran, dass ich die Karte am 19. Januar bekam. Es war also Winter und ich war in einer anderen Stadt. Ich entdeckte, dass noch ein kleiner Zettel in meiner Hosentasche war und nahm ihn raus. Ich klappte den zerknitterten Zettel auf und es standen fünf Namen drauf. Franky, Caro, Phoenix, Raiver und Bray. Ich kannte diese Namen. Phoenix war meine allerbeste Freundin und Raiver, Franky und Caro meine besten Freundinnen. Wir waren unzertrennliche Freunde, schon seit sechs Jahren. Doch wo waren sie jetzt? Wieso war ich alleine hier? Wenigstens wusste ich wieder, wer ich war: Bray Spring, 16 Jahre alt. Total in Gedanken, schreckte ich auf. Eine Hand tippte mir auf die Schulter und ich hörte eine tiefe und raue Stimme sagen: „Na Kleines, wieso sitzt du denn hier alleine?“
Ich schaute ihn an, er war so an die 50 Jahre alt und sah ziemlich unheimlich aus, mit seinem schwarzen langen Mantel. „Du brauchst keine Angst zu haben, ich tue dir schon nichts. Ich wollte nur fragen, ob ich dir Gesellschaft leisten könnte?“ Ich schaute mich nach einer anderen Bank um, doch es war keine in Sicht, also nickte ich und antwortete leise: „Nein ist schon okay, Sie können hier sitzen.“ Ich stand mit starken Schmerzen auf. Er griff nach meinem Arm und drückte ihn so doll, dass es weh tat. „ Bleib ruhig sitzen, es macht mir nichts aus, wenn so ein hübsches Mädchen mir Gesellschaft leistet.“ Ich bekam Angst vor dem gruseligen Mann, riss meinen Arm weg und machte ein paar Schritte nach hinten, als ich plötzlich von etwas weiter weg ein Hundebellen hörte. Ich war ein wenig erleichtert und hoffte darauf, dass bald der Besitzer des Hundes an uns vorbeiging.
„Ich habe doch gesagt, du brauchst keine Angst zu haben. Komm her, setz dich neben mich, dann passiert dir auch nichts!“ Er griff wieder nach meinem Arm. „ Lassen Sie mich los, Sie verdammter Perversling! Hilfe! Sie Schwein, nehmen sie ihre dreckigen Hände von mir!“
„Sei leise, du Miststück“, flüsterte er mir ins Ohr und legte mir seine Hand auf dem Mund.
Ich biss in seine Hand und trat ihm in seinen Bauch, er ließ mich unfreiwillig los und ich rannte los. Mein ganzer Körper tat weh, bei jedem Schritt, den ich rannte. Aber es war mir egal, ich wollte nur noch weg. Ich hatte Angst nach hinten zu gucken, ob er mir folgen würde, also rannte ich weiter, bis ich fast den Ausgang des Parks erreichte. Je näher ich dem Parkausgang kam, desto lauter wurde das Hundebellen. Ich blickte mich um und sah, kurz vor dem Ausgang, einen Jungen mit dem Hund an der Leine. Er war gerade dabei, sich eine Zigarette anzuzünden. Ich verlangsamte meine Schritte und ging in seine Richtung. Er sah mich erst spät, da er wahrscheinlich nach seinem Feuerzeug gesucht hatte, denn seine Zigarette brannte nicht. „Ey, hast du vielleicht ein Feuerzeug für mich?“, hörte ich ihn mit einer ruhigen und tiefen Stimme fragen. Er musterte mich erschrocken. „Ist alles okay bei dir?“, fragte er ein wenig ängstlich. „Ähm“, stotterte ich „Ich äh. Hab kein Feuer“, antwortete ich abrupt. „Bist du nicht diese Bray, die seit zwei Tagen vermisst wird?“, fragte er unsicher.
Ich erschrak, als ich seine Frage hörte. Vermisst? Seit zwei Tagen? Ich fing an zu weinen.
Er kam näher und blickte mich fragend an. „Oh Gott, du bist es wirklich. Ich ruf die Polizei an und sag denen Bescheid , okay?“ Ich nickte und wischte mir die Tränen weg.
„Ja, Guten Abend, hier Lars Vicenza, ich stehe hier gerade neben dem vermissten Mädchen namens Bray.“

(Joanne)

Auf dem Friedhof

Es war ein trister Sonntagmorgen auf dem Friedhof in Bremen.
Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen.
Nur an einem Grab, ziemlich am Ende des Friedhofs, stand ein anscheinend in sich versunkener Mann.
Thorsten, ein 54jähriger unverheirateter Mann, der als Journalist beim Weser-Kurier arbeitete und eher unzufrieden mit seinem Leben war.
Zwar hatte er beruflichen Erfolg, und über einen wünschenswerten Kontostand verfügte er auch, mit seinem Privatleben,insbesondere dem familiären, war er zutiefst unzufrieden.
Sein Vater verschwand, als er drei Jahre alt war und mit ihm seine große Schwester Beate.
Von beiden hatte er seit dem Tag ihrer „Flucht“ nicht viel gehört.
Sein Vater starb vor nun gut zehn Jahren. Auf die Beerdigung wollte Thorsten nicht gehen.
Von seiner Schwester Beate wusste er nur, dass sie in München lebte und verheiratet war.
Sie schickte seiner Mutter gelegentlich Fotos von sich und ihrem Mann.
Noch vor kurzem wollte Thorsten mit seiner Mutter über die zerbrochene Familie reden, was jetzt jedoch nicht mehr möglich war.
Es war das Grab seiner Mutter, vor dem er ohne jede Mimik und vollkommen regungslos stand. Sie starb vor einer Woche im Alter von 83 Jahren. Er dachte nach: „Was hat mein Leben denn überhaupt noch für einen Sinn? Der letzte Mensch, der mir überhaupt noch was bedeutet hat, ist nicht mehr da. Ich habe alles verloren“
Gerade als er am Tiefpunkt seines gedanklichen Selbstgesprächs angelangt war, näherte sich ihm jemand.
Aus dem Augenwinkel erkannte er eine braunhaarige Frau, etwas reifer, die sich langsam aber sicher auf ihn zubewegte.
Als sie fast schon neben ihm stand, drehte er sich zu ihr um und erstarrte. „Hallo Thorsten“, sagte eine ruhige Stimme. „Wie geht es dir?“
Thorsten war wie gelähmt und sprachlos. So gerne er auch etwas sagen wollte; er konnte es nicht.
Sie starrten sich eine halbe Ewigkeit an, doch dann überwand sich Thorsten und fragte:
„Was machst du denn hier?“
„Vermutlich das Gleiche wie du. Schließlich ist es auch meine Mutter, die gestorben ist.“ sagte die Frau.
Ein leichtes Lächeln kam von ihren Lippen und sie hoffte, dass ihr Bruder sie nicht abweisen würde. Im Gegenteil, Thorsten wurde, obwohl es draußen kalt war, warm ums Herz. Er hatte auf einmal das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein.
„Ich freue mich, dass du gekommen bist, Beate .“ Nun konnte auch er sich ein Lächeln nicht verkneifen.
Eine riesige Last fiel von Beates Herz.
„Hättest du Lust, nachher einen Kaffee zu trinken und ein bisschen zu plaudern?
Ich habe mir ein Hotel gebucht und bin noch eine Woche hier.“
Thorsten musste nicht lange darüber nachdenken: „Gerne, um drei Uhr“?
„Wäre perfekt! Ich habe vorher noch einen Termin.“
Als sie nach einer Viertelstunde, die sie am Grab stand, ging, hatte Thorsten ein richtiges Glücksgefühl.
Endlich hatte er das Gefühl, dass es jemanden gab, der ihm und dem er etwas bedeutete.
Er war nicht mehr alleine.

(Hendrik)