Jan Böttcher: Workshop 2

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Workshop am 28.11.2013 

jan boettcher_workshop2_225px39:00 Uhr morgens im Gemeindezentrum der St. Petri Domgemeinde. Pastor Flügger, Ursel Bäumer von workshop literatur und einige andere Personen sitzen zusammen mit Schülern der E-Phase des Gymnasiums an der Hamburger Straße im Wohnzimmer des Gemeindehauses und der Geruch von Lebkuchen verbreitet eine leicht weihnachtliche Atmosphäre. Doch heute wird keine Predigt gehalten.
Zu Gast ist nämlich Jan Böttcher, der renommierte Buch- und Songwriter.
Zuvor hatten die Schüler sich in der Schule mit dem Thema Toleranz beschäftigt, und nun möchte Jan ihnen auf Einladung von workshop literatur und der St. Petri Domgemeinde das Thema auf schriftstellerische Art nahe bringen.
Da Toleranz ein weitreichender Begriff ist, sucht Jan sich einen Aspekt heraus: den der Erwartung, die es immer dann gibt, wenn Menschen aufeinander treffen, und die wichtig für das Verständnis von Toleranz ist.
Zunächst sollen die Schüler einen Dialog schreiben, der mit dem Satz beginnt: ‚Ich erwarte eigentlich, dass…‘. Dafür haben sie etwas zehn Minuten Zeit. Eine konzentrierte Stille erfüllt schnell den kleinen Saal, als die Jugendlichen zu schreiben beginnen. Nach Ablauf der Zeit werden einige Texte vorgetragen und die Mitschüler und Jan geben kurze Feedbacks. Obwohl die Nachwuchsautoren zu Anfang etwas verhalten wirken, sind die Texte beeindruckend. Die Thematik variiert von alltäglichen Streitgesprächen zu kompletten Kriminalfällen. Alle Texte sind sehr authentisch und spannend geschrieben.

jan boettcher_workshop2_150px2Jan gibt jedem eine kurze positive Rückmeldung und betont, dass ein Text aus vielen verschiedenen Aspekten besteht und jeder Text seine eigene besondere Stärke besitzt, sei es inhaltlich, sprachlich oder zum Beispiel dadurch, dass er dem Leser Leerstellen lasse, die er selbst ausfüllen kann.

Als zweite Aufgabe verteilt der Autor die Kurzgeschichte ‚Der Milchmann‘ des Schweizer Autors Peter Bichsel, in der es zu keiner Begegnung und keinem Dialog der Personen kommt. jan boettcher_workshop2_225px1Zuerst werden Informationen über die beiden Personen, den Milchmann und Frau Blum, gesammelt, die Schüler tragen alle Fakten zusammen. Danach folgen alle Dinge, die nicht gesagt werden, und schließlich sollen die Schüler ihrer Fantasie freien Lauf lassen und drauflos spekulieren. Die Schüler sind nun eindeutig aktiver und es entstehen die tiefsinnigsten Spekulationen.
Da sieht man mal was alles gesagt wird auch wenn keiner spricht!
jan boettcher_workshop2_225px2Nach einer etwas längeren Frischluftpause, (die Jan Böttcher im Nebenzimmer mit „Interviewfragen beantworten“ verbringen darf) geht es weiter mit dem kreativen Schreiben.
Die Aufgabe ist nun, eine Geschichte zu entwickeln, in deren Mittelpunkt ein Gespräch, ein Dialog zweier Personen stehen soll.
Als Strukturhilfe gibt Jan Böttcher ein Aufbauschema vor, nach dem sich der Text in drei Teile gliedern lassen kann. In Teil A bereitet sich die Hauptfigur auf das bevorstehende Gespräch vor, hier können die Schüler/innen die vorher erarbeiteten Erwartungen an ein Gespräch einbringen.
Der Dialog bildet den Teil B, und in Teil C geht die Geschichte weiter, während die Hauptfigur eventuell noch mal über das vorangegangene Gespräch nachdenkt.
jan boettcher_workshop2_150px3Jan Böttcher betont mehrmals, dass dieses Schema nur eine Hilfestellung für die Schüler/innen sein soll und ihre Fantasie und Ideen dadurch nicht eingeschränkt werden sollen. Bevor es endlich losgeht, verteilt Jan Böttcher noch kleine Zettel mit Ortsangaben. An diesen Orten soll das Gespräch stattfinden. Von „auf dem Friedhof“, über „im Friseursalon“, „auf dem Mars“ und „auf der Schaukel nebenan“ ist alles dabei. Die Vorgabe eines Ortes soll den Schüler/innen bei der Geschichtsentwicklung helfen. Sofort werden alle gezogenen Orte diskutiert, Assoziationen und Ideen ausgetauscht und die Schüler/innen verteilen sich im gesamten Gemeindehaus, um in der nächsten Stunde ihre eigene Geschichte zu schreiben. jan boettcher_workshop2_225px5Zunächst scheinen einige noch etwas verunsichert, nicht alle haben gleich eine Idee. Aber zum Glück gibt es ja Mitschüler/innen, die einem Anregungen und Ideen liefern können. Konzentrierte Stille und aufgebrachte Gelächterwellen wechseln sich während der Stunde Arbeitszeit ab. Gummibärchen stehen als Nervennahrung und der junge Autor als Helfer zur Verfügung. Nach einer kurzen Stunde sind natürlich noch nicht alle Geschichten fertig geschrieben, die fortschreitende Zeit zwingt Jan Böttcher allerdings mit der Besprechung der Texte anzufangen. Ob fertig oder noch unvollständig, jeder, der will, darf seinen Text der Gruppe präsentieren. Danach wird ein kurzes Feedback zu Stärken, Schwerpunkt und Aufbau des Textes gegeben. Ob Nachbarschaftsliebesgeschichte oder Erlebnisbericht eines jungen DJs, so unterschiedlich die Texte auch sind, haben sie etwas gemeinsam: Es lohnt sich, sie zu lesen.
Schade, dass Luther unter seinen Kopfhörern (Bild im Veranstaltungsraum) von alldem nichts mitkriegen konnte.

(Ruby van Leeuwen/ Anna Boehme)