Jan Böttcher: Interview 2

jan boettcher_interview1Sie haben ja vorhin darauf angespielt, dass es nicht einfach ist, nur von dem „Autorendasein“ zu leben. Nehmen Sie doch mal Stellung zu dem Sprichwort „Der Applaus ist das Brot jedes Künstlers“!

Den Satz muss man erst mal sacken lassen, um dann irgendwie doch zu sagen: Ist was dran. Vielleicht aber auch, weil ich von der Musikbühne komme und das natürlich schon auch vermisse, diese direkte Anerkennung vom Publikum, das kannst du als Autor mit dem Buch nicht mehr bekommen. Das ist etwas, was fehlt. Deswegen bin ich auch immer wieder kurz davor, die Musik wieder lebendig werden zu lassen. Musik erreicht die Leute direkter, deswegen gebe ich auch immer wieder Lesekonzerte. Insofern hab ich zehn Jahre in mir mit Applaus, danach ist es ruhiger geworden. Die ersten fünf Jahre konnte ich mit dieser Ruhe gut leben, aber mittlerweile würde ich den Satz wieder unterschreiben.

Mussten Sie sich früher vor Ihrer Familie rechtfertigen, als Sie angefangen haben, Musik zu machen, schließlich verdient man da ja nicht so viel. Für Sie war zwar wirklich der Applaus das Brot, aber was dachte Ihre Familie davon?

jan boettcher_interview2Es war so, dass die ins Konzert kamen, sahen, dass da 200 oder 250 Leute saßen, und dass es wirklich gut funktioniert und man das nicht für sich alleine im Stübchen macht, sondern für die Leute. Ab da war der Freibrief eigentlich ausgestellt. Und mit der ersten CD-Produktion kam dann die erste Anerkennung von zuhause. Das Pendel schlug schnell um von „brotloser Kunst“ zu „das ist ja schön“. Inhaltlich konnten die auch was mit den Texten anfangen. Ich bin niemand, der seine kleinbürgerliche Sozialisation, also wie er aufgewachsen ist mit den Eltern, verleugnet. 

Würden Sie denn lieber wieder Workshops mit Musik machen oder reichen Ihnen diese Schreibworkshops?

Workshops mit Musik hab ich noch nie gemacht. Würde ich glaub ich auch nicht anbieten können, weil ich dafür nicht genug Musiker bin. Also, ich kann die Gitarre und das Griffbrett bedienen, aber ich bin zum Beispiel ja kein Pianist. Ich fände für Workshops schon gut, wenn man beide Instrumente, wenigstens Klavier und Gitarre, beherrschen würde. Das trau ich mir nicht so richtig zu. Texte zu Musik schreiben, das sicher, oder Texte mit Gitarre dazu anbieten, kann ich mir wiederum schon vorstellen und hatte da auch schon Anfragen vom Goetheinstitut.

Hatten Sie schon Lesungen im Ausland und wenn ja, halten Sie diese dann auf Deutsch oder auf Englisch?

Ich hab, glaub ich, noch nie auf Englisch gelesen. Es gibt gar kein ganzes Buch von mir übersetzt, nur Teile. Es hat jemand anders mal Texte von mir in englischer Sprache gelesen, aber ich hab eigentlich immer auf Deutsch gelesen. Ich war einmal in Taiwan auf der Bühne, wo natürlich ein paar Leute im Publikum deutsch sprachen, aber da das Buch auch gar nicht ins Chinesische übersetzt wurde, hat man sich dann schon gefragt: „Warum?“

Eine letzte Frage zu Ihnen, bevor wir auf Ihre Reise nach Finnland zu sprechen kommen. Sie sind ja nun ein renommierter und bekannter Autor, haben Sie je daran gedacht, in bestimmten politischen Situationen etwas darüber zu schreiben und Ihre Macht als Autor zu nutzen, um etwas zu verändern?

jan boettcher_interview3Da ich nicht übersetzt bin und somit nicht weltweit bekannt, bin ich eigentlich ganz froh darüber, nicht immer den Mund aufreißen zu müssen. Mich nerven eigentlich da Autoren, die sich so rundum positionieren und meinen, jetzt so zu öffentlichen Personen zu werden. Das halte ich eher für eine schwierige Sache. Es ist nicht immer so einfach, seinen eigenen Standpunkt zu haben, es gibt zu jedem Plus auch oft ein Minus, es gibt Widersprüchlichkeiten. Also Standpunkte ja, aber nicht so, dass sie pauschal werden und dass sie keinen Widerspruch mehr zulassen. Das ist die Aufgabe und das gilt sicher auch für politische Fragen, ich hab schon sehr politische Lieder geschrieben, ich hab immer das Gefühl gehabt, dass das in Kurzform, in Liedtexten besser aufgehoben ist, als in Romanen, wo man sich sowieso hüten muss, Aussagen zu treffen. Da kann man mal Figuren was sagen lassen, aber der ganze Roman sollte tunlichst vermeiden, eine politische Aussage zu treffen.

Wir hatten ja vorhin über das Thema Publikum geredet, wie war das mit der Resonanz denn in Finnland mit Ihrem Blog? Es ist schließlich schwierig, aus dem Internet direkt Applaus zu bekommen.

Aus meinem Freundeskreis hab ich schon Rückmeldungen bekommen, weil ich den Link verteilt hab und den auch auf facebook rumgeschickt habe. Da kam schon Feedback. Das ist ja auch das Mindeste, was man sich abholen muss, damit man den Eindruck, den man in der Stadt gewonnen hat, auch wirklich weiter trägt.

Sie haben in Ihrem Blog Zeitungsausschnitte über Lampedusa den Forderungen der rechten Partei in Finnland gegenübergestellt. Was haben Sie denn für Erfahrungen gemacht, wie Ausländer in Finnland aufgenommen werden?

jan boettcher_interview4Naja, ich habe mit vielen Leuten über diese Partei dort geredet. Es gibt einige Aktionen dagegen, zum Beispiel Kunstaktionen. Die Partei fordert unter anderem in ihrem Programm eine Rückstellung der Kunst in eine Art nationale Kunst, das ist nicht so ganz ohne. Vor allem, die Partei ist die Zweitstärkste! Sie ist seit letztem Jahr viel stärker geworden, weil sie einen sehr charismatischen Leiter hat. Auch in Dänemark gibt es eine sehr mächtige rechte Partei. Skandinavien wird immer sehr rosig gesehen: Pisa-Studie, die Kinder sind schlau und die Sozialsysteme sind sicher. Das ist auch alles wirklich sehr viel besser als in Mitteleuropa und Deutschland. Nur gibt es eben auch ne dunkle Seite Skandinaviens, das ist vollkommen klar. Es gibt das offene Klima, keine Kontrollen im öffentlichen Raum, überall hat man Zugang, dazu die muntere Laune sogar in der Sauna – aber diese Tagesstimmung ist zwei oder dreimal spät abends in der Kneipe komplett umgeschlagen. Da stürmten mit Alkohol vollgetankte finnische Männer herein, sehr aggressiv, der Boden war plötzlich übersät mit Glas. 

Dieses Gespräch führten Lea Wulf, Ruby van Leeuwen, Anna Boehme und Ammon S. am 28.11.2013 im Gemeindehaus der St. Petri Domgemeinde Bremen.

Transkribiert von Lea Wulf

Ein weiteres Interview mit dem Autor gibt es hier!