Rozalie Hirs: Interview

„Ich bin auf der Suche nach der Bedeutung der Dinge“

rozalie hirs interview 225Geben Sie öfter Workshops?
Ja, am Anfang vor allem mit Schülern, und dann später auch mit Studenten.

Macht es mit jüngeren Schülern mehr Spaß oder eher mit älteren?
Es macht keinen Unterschied. Es geht darum, dass man etwas Essenzielles in den „jungen Lyrikern“ berührt und dass etwas dabei raus kommt, das die Schüler überrascht. Das ist mit der Kreativität immer so.

Also versuchen Sie die Kreativität in den Schülern zu wecken oder zum Vorschein zu bringen. Machen Sie das denn nach einem genauen Muster oder immer wieder individuell?

Die Arbeitsaufträge denke ich mir meistens vorher aus, ich wusste zum Beispiel, dass ich heute mit der Farbe Rot und mit dem Tier oder Ding arbeiten würde. Dann ist natürlich, das, was die Leute schreiben, für die Entwicklung des Workshops wichtig. Ich möchte gern ein bisschen auf das Geschriebene eingehen.
Die Gruppe heute war wesentlich größer als die bisherigen, ich arbeite lieber mit 10-12 Schülern oder Studenten zusammen. Und dann schreiben die Leute ihre Texte meistens direkt in den Computer, damit man diese auf den Bildschirm projizieren kann. Damit bekommt man gleich mehr Reflexionen und Feedback und dann kann ich zum Beispiel auch zeigen, wann ich einen Zeilenumbruch machen kann und welchen Unterschied es macht, eine Wortgruppe in eine frühere Zeile zu setzen.
Damit kann ich dann nochmal tiefer auf die Schüler oder Studenten eingehen.

Sie haben uns gezeigt, dass Sie mit Musik und digitaler Visualisierung arbeiten. Woher bekommen Sie ihre Motivation, was inspiriert Sie?

Eigentlich die Sprache und der Klang der Sprache selbst. Wie die Bedeutung in Sätzen entsteht und
in verschiedenen Satzteilen, wo ich sie neu kombinieren kann. Es fängt an mit dem Wort und dem Medium.

IMG 7582Schreiben Sie dann erst das Gedicht und visualisieren Sie es dann oder arbeiten Sie parallel an beidem?

Es ist eigentlich immer unterschiedlich. Wenn ich zum Beispiel mit Sound und Wörtern arbeite, mit Text und Musik oder mit Hybriden, dann kann es auch gleichzeitig entstehen, weil ich dann natürlich beides mache.

Sie meinten, dass man als Poet seine verletzlichen Seiten offenbart, hat Sie das auch gestört?

Eine erste Skizze eines Gedichtes macht dich immer sehr verletzlich. Wenn man es dann reflektiert und das Gedicht verbessert und es Literatur wird, dann hebt es sich ab von dem Persönlichen. Es wird etwas Eigenständiges, es wird gut und ist bereit für die Welt. Man braucht keine Angst mehr zu haben, dass es zu persönlich ist. Ich glaube, dass letztendlich die guten Sachen für andere Menschen nachvollziehbar und berührend sind.

rozalie hirs auotreninterview 225Als Sie mit sieben Jahren nach Deutschland kamen, wie war das da für Sie?

Ich hatte zuvor weder deutsche Freunde noch Familie. Meistens war ich eher sehr still in der Klasse, aber irgendwann habe ich mich in die Sprache eingefunden. Nach Weihnachten habe ich plötzlich mit meinem Bruder fließend deutsch gesprochen. Das war ganz komisch. Meine Eltern haben sich auch wahnsinnig gewundert, wie das funktionieren konnte.

Schreiben Sie denn jetzt lieber auf Deutsch oder auf Holländisch?

Ich bin natürlich eine Holländerin und daher schreibe ich lieber auf Holländisch. Aber interessanterweise habe ich gemerkt, wenn ich deutsche Texte lese oder wenn ich etwas übersetze, dass das Deutsch von mir von innen heraus auch empfunden wird. Ich merke schon, dass ich die Sprache gern habe. Ich finde auch, dass die deutsche Sprache und Kultur einen besseren Tiefgang ermöglicht, als die niederländische. Das kann man wirklich so sagen, denn die holländische Lyrik ist allgemein eher etwas anekdotischer. In dem Sinne bin ich auch ein bisschen deutsch, da ich etwas ernster schreibe. Ich bin auf der Suche nach der Bedeutung der Dinge, die ihr in der Philosophiegeschichte und in der Kunstgeschichte auch oft habt.
Es macht mich eher untypisch als holländische Lyrikerin. Für Deutsche bin ich jedoch eher beschwingt und damit ein bisschen Dazwischen. Erst sehr viel später bin ich mir dessen bewusst geworden, ich finde das nun ziemlich interessant.

Wie kam es denn überhaupt dazu, dass Sie begonnen haben zu schreiben?

Ich habe immer schon Tagebuch geschrieben und auf Deutsch eine kleine Kurzgeschichte, aber ich habe sehr schnell gefühlt, dass ich Lyrikerin bin. Als ich in der Schule ein Gedicht vortragen musste, meinte mein Vater zu mir, ich solle doch dieses Buch nehmen, geschrieben wurde es von einer Frau, die gerade 18 wurde, und er sagte, ich würde das bestimmt schön finden und mich darin erkennen. Ich habe die Gedichte in dem Buch gelesen und auf einmal ist es wie aus heiteren Himmel über mich gekommen:“So bin ich auch, ich bin Lyrikerin, das möchte ich machen!“ Als ich dann mein eigenes Gedicht in der Schule vorgetragen habe, waren alle ganz still. Da hab ich gedacht, ich wäre total schlecht gewesen und schockierend, doch mein holländischer Lehrer sagte: „Ja, schön!“. Als ich mich dann an meinen ersten Gedichten versucht habe, ging das von ganz allein los.

Und es geht bis heute weiter. Wir danken Ihnen für dieses Gespräch, Rozalie Hirs.

Dieses Gespräch führten Racine van der Sloot, Ammon S. und Ruby van Leeuwen am 07.06.2013 im Wallsaal der Zentralbibliothek Bremen.

Transkribiert von Ammon S.