Olga Grjasnowa: Interview

grjasnowa IMG 9428 600pxUnsere erste Frage bezieht sich auf die Autobiographie, die Ihnen wahrscheinlich schon sehr oft gestellt wurde. Sie meinten ja vorhin im Workshop, dass Sie nicht an Autoren glauben, heißt das, dass Sie nicht an Autobiographien glauben? Vertreten Sie also die Meinung, dass keine Autobiographie wirklich autobiographisch ist, weil immer auch noch andere Personen Ihre Meinungen mit einbringen dadurch, dass es eben nicht von der Person geschrieben ist? -Kurze Pause- Das war jetzt ein bisschen kompliziert. 😉

Eine Autobiographie ist schwierig. Sobald es Autoren sind oder Leute, die sich als irgendwas verkaufen möchten, dann würde ich nicht mehr von dem Wahrheitsgehalt ausgehen. Ich glaube, sobald man anfängt, von seinem eigenen Leben zu erzählen, kommt es darauf an, zu welchem Zweck. Wenn ich mich für einen Job bewerbe, schreibe ich ja auch nicht, dass ich vier Jahre lang depressiv auf der Couch lag, sondern ich sage: Nein, ich habe mir vier Jahre lang die Weltbauten angeschaut und bewerbe mich hiermit für einen Architekturjob.

Es ist sehr unterschiedlich, also man kann immer sehr viel verändern. Das Erzählen ist immer oder sehr oft zielgerichtet, also diese kommerziellen Autobiographien sind ja auch oft von irgendeinem Ghostwriter geschrieben. Die eigene Biographie ist für das Schreiben in der Belletristik sehr wichtig, man geht ja auch immer von irgendetwas aus, aber der Wahrheitsgehalt tendiert, glaube ich, meistens gegen Null. Man lässt sich natürlich von etwas inspirieren, was passiert ist, aber meistens nicht genauso, sondern nur so ähnlich, aber es ist selten autobiographisch.

Denken Sie dann, dass man in dem Buch so ein bisschen erkennen kann, was sich der Autor gewünscht hätte, was aus ihm hätte werden können?

Nein, überhaupt nicht. Ich glaub das gar nicht. Ich glaube das Scheitern ist viel faszinierender.

Heißt das, in dem Roman will man versteckt verkörpern, was alles nicht gelungen ist, in der Autobiographie schreibt man nur über die schönen Seiten des Lebens.

Nein, ein Roman funktioniert ganz anders, wie wir schon in der Aufstellung gesehen haben: Es gibt mehrere Figuren, die etwas mit einander zu tun haben. Die eine Figur bedingt immer die andere, so dass es nicht die eine Figur ist, die alles bestimmt. Es sind viele Gesetze, denen ein Roman gehorcht. Die Autobiographie ist noch mal ein anderes Genre.

grjasnowa IMG 9429 600pxWie ist das bei Ihrem Roman? Sie haben ja erzählt, dass Sie von einer Geschichte ausgehen, die Sie gehört haben über den Jungen mit einem Kindheitstrauma. Haben Sie denn zu dem Zeitpunkt des Pogroms in Baku gelebt?

Ja, ich war da, aber ich war zu dem Zeitpunkt sechs Jahre alt und habe gar nichts direkt mitbekommen.

Eine andere Frage: Das Buch handelt ja gewissermaßen von einem „worst case-Leben“, wo wirklich das Schlimmste passiert, was man sich vorstellen kann. Haben Sie sich während des Schreibens selbst quasi für Ihr eigenes Leben vorgestellt, was alles schief laufen kann, so wie es jetzt die Aufgabe für die Schüler war?

Teilweise ja. Es ist natürlich einfacher von sich selber auszugehen, man kann ja gar nicht anders. Aber dann irgendwann nicht mehr, dann fängt die Figur an zu leben und wird sehr eigen, sie fängt an zu handeln. Mir war sehr wichtig, über diese Pogrome in Armenien zu schreiben.

Haben Sie denn jede Figur in Ihrem Buch frei erfunden? Oder gibt’s auch Vorbilder, vielleicht irgendwelche Macken und Eigenschaften, die Sie bei Freunden gesehen haben ?

Nein, das will ich wirklich niemandem antun. Die Figuren sind erfunden. Natürlich nimmt man Beobachtungen auf. Zum Beispiel, wenn man sieht, wie jemand seinen Hund auf der Straße hinter sich herschleift, dann nimmt man so was auf.

Eine Szene aus der Lesung gestern war, dass der Computer erschossen wurde.

Ah, das ist wirklich mal so ähnlich passiert. Das hab ich aus einem Blog im Internet. Da hab ich gelesen, dass ein Computer erschossen wurde an einem Grenzübergang zwischen Ägypten und Israel. Das hat wunderbar gepasst und das hab ich dann genommen.

Sie sind ja in der frühen Kindheit nach Deutschland gekommen. Wie war das so, die ersten Jahre in der Schule, hatten Sie viel mit Vorurteilen zu kämpfen? Es geht ja in dem Roman auch viel um Vorurteile.

Sehr viel. Es war bei weitem nicht so schlimm wie bei Mascha, aber es war nicht die schönste Zeit. Ich sollte z.B. in der 13. Klasse keine 15 Punkte im Mündlichen bekommen, weil ich mit Akzent spreche. Das war die offizielle Begründung der Lehrerin. Und so was war dauernd. Ich hab auch Deutsch unterrichtet. Es gibt wahnsinnig viele Vorurteile vor allem in der Schule.

Noch eine Logik Frage: Ist es nicht ein bisschen blöd, den Laptop zu erschießen weil man denkt, dass Sprengstoff drin ist?

Eben! Deswegen hat es mich auch so fasziniert.

Ok, also war nur eine doofe Ausrede.

Das war die offizielle Begründung, aber ich fand, das klingt halt so gut.

Ja, das stimmt!

Unglaublich, klar, es ist eigentlich das Dümmste was man machen kann.

Seit wann schreiben Sie, seit wann haben Sie angefangen zu schreiben?

Ich hab eigentlich schon immer nebenbei einfach gekritzelt. Also ich hab das nie ernst genommen. Meine erste fertige Kurzgeschichte hab ich mit 18-19 geschrieben und dann hab ich mich am Literaturinstitut beworben, wo man das auch wirklich studieren kann: literarisches Schreiben, und erst ab dann so richtig und regelmäßig.

Auch mit dem Ziel, irgendwann einen Roman zu schreiben?

Ja. Eigentlich schon. Es war klar, dass es irgendwann auf ein längeres Projekt hinausläuft. Vor allem, als ich dann diesen Stoff hatte.

Ich kenne das von mir selber, dass ich Geschichten schreibe und eigentlich ganz stolz drauf bin, mich aber nicht traue, sie zu veröffentlichen. Haben Sie lange gebraucht, um mit Ihrem Buch zum Verlag zu gehen?

Ich wurde vom Verlag selber gefragt.
Im Studium wird man permanent kritisiert und auch nie gelobt, was für mich sehr gut war. Wenn man ein bisschen Lob braucht, kann man es der Mutter zeigen, die findet eh alles toll. Aber das ist nicht, was man wirklich will. Man will ja besser werden.
Für mich war es sehr wichtig. Ich war ja den Umgang mit Kritik gewöhnt. Auch durch die vier Jahre mit den Kommilitonen wird man ständig in Frage gestellt. Ein Professor hat das mal sehr schön formuliert: Die Psyche ist nicht das Wichtigste. Sobald man aufhört, sich selbst in Frage zu stellen, muss man aufhören, zu schreiben. So richtig glücklich ist man eigentlich nie.

Von einem Ihrer Kollegen hab ich einmal gehört, dass die Geschichte eigentlich nie zu Ende ist, man gibt sie nur irgendwann auf. Trifft das für Sie auch zu, dass sie nie zufrieden sind?

Hundert Prozent.

Setzen Sie sich einfach einen Schlussstrich?

Ja, das Schöne ist, man muss irgendwann mal abgeben, dann muss das Buch in den Druck gehen. Viermal hab ich fast aufgehört zu schreiben. Viermal dachte ich, ich bin fast fertig, jedes Mal war das ein kompletter Irrtum. Auch jetzt könnte ich das Buch noch mal umschreiben. Aber ich hab einfach keine Lust mehr.

Sie meinten auch gestern bei der Lesung, dass Sie noch was verändern wollten. Machen Sie das während des Vorlesens, wenn Sie denken, das Wort passt nicht so gut, dass Sie das ändern, denn wir Zuhörer merken das ja nicht?

Meistens nicht. Weil ich meistens dieselben Stellen lese, weil sie einen Sinn ergeben. Es gibt nicht die Möglichkeit, dann noch drei Sätze rein zu setzen.

Sie haben gesagt, dass Sie schon früh an Kritik gewöhnt waren. Heißt das, dass Sie kaum Angst vor der Kritik der Öffentlichkeit haben?

Doch, und wie! Die Angst geht nie weg.

Und wie war das, als Ihr Roman so ein großer Erfolg geworden ist?

Man glaubt dem nie so ganz. Natürlich hat es mich auch glücklich gemacht, dass er so viele gute Kritiken bekommen hat. Aber man bleibt immer misstrauisch den Kritikern gegenüber. Es ist nichts, was einen so richtig glücklich macht, weil man dann längst am zweiten Buch sitzt und wieder die gleichen Probleme hat. Es geht wieder von vorne los.

Und was macht einen dann glücklich am Schreiben?

Ich weiß nicht. Man kann eben nicht davon lassen. Man tut´s einfach. Wie ist es bei Dir?

Ich schreib nicht.

Wirklich nicht?

Nee.

Ganz sicher?

Ja, das einzige was ich schreibe ist Tagebuch. Aber das ist echt das Banalste.

Im Tagebuch von Thomas Mann steht auch nur „Heute Mittag Kakao getrunken“. Und die ganzen Literaturwissenschaftler haben sich jahrzehntelang auf dies Tagebuch gefreut und dann steht da:„Heute Mittag Kakao getrunken.“

Aber ich hab vor kurzem das alte Tagebuch gefunden und war eigentlich ganz begeistert, weil man sich an all die Kleinigkeiten gar nicht mehr erinnert.

Weil es einen persönlichen Wert hat für dich.

Klar, ich würd das jetzt nicht der Öffentlichkeit mitteilen.

Sie haben gesagt, dass Sie immer geschrieben haben. Was haben Sie denn früher aufgeschrieben? Geschichten oder Erlebnisse?

Notizen. Gekritzel trifft es wirklich.

Ja, aber worüber?

Keine Ahnung. Alles Mögliche und wirklich nur zwei drei Sätze. Einfach so nebenbei. Ich hab nie Tagebuch geführt. Notizbücher trifft es eher.

Haben Sie das aufgehoben und gesammelt?

Nie. War mir selber zu peinlich. Ich hab das alles vernichtet.

grjasnowa IMG 9430 600pxSie sind ja so ein bisschen pessimistisch dem eigenen Beruf gegenüber. Wenn Sie so einen Workshop leiten, können sie trotzdem die Leute animieren. Denken Sie eigentlich, es ist doch ein ganz guter Beruf?

Der Beruf ist echt ganz gut. Es ist nicht so, als wenn man acht Stunden täglich in der Fabrik steht. Da hatte ich schon deutlich andere Jobs. Der Beruf ist wunderschön, wenn man den ausüben kann. Aber es gibt auch eine ökonomische Frage. Ich weiß, dass ich dieses Jahr Schriftsteller sein darf und nächstes wahrscheinlich auch. Aber es geht von Buch zu Buch. Ich möchte schreiben, und ich werde auch weiter schreiben aber man kann es nicht voraussagen, wie es laufen wird, ob das zweite Buch auch so erfolgreich aufgenommen wird, ob ich das dritte schreibe und dafür sieben oder zehn Jahre brauchen werde. Das ist die Frage, die von außen gestellt wird: Wann ist man Schriftsteller, wie lang bleibt man das noch und was bedeutet das eigentlich? Ich hab jetzt seit drei Wochen keinen einzigen Satz mehr geschrieben. Bin ich jetzt trotzdem noch Schriftstellerin? Es ist einfach ein sehr großes Wort aber das Konzept das dahinter steckt ist nicht ganz klar.

Ich glaub, dass man als Schriftsteller aufpassen muss, dass man nicht anfängt zu produzieren, d.h. jedes Jahre ein Buch rausbringen muss und zu einer Maschine wird.

Ja es gibt aber auch sehr viele, die andauernd sehr gute Bücher publizieren.

Nee. Dann verliert der Wert des einzelnen Buches.

Wenn sie alle gut sind, können es auch zehn sein.

Aber für einen selber verliert es dann an Wert.

Weiß ich nicht. Ich wär froh wenn ich zehn gute Bücher geschrieben hätte. Ich glaube, es ist sehr unterschiedlich, welchen Wert das eigene Buch für einen hat.
Ich habe das Buch kein einziges Mal gelesen. Ich werde die englische Übersetzung lesen. In zwei Wochen wird es eine geben. Die Übersetzung in andere Sprachen, die ich nicht kann, z.B. Dänisch und Schwedisch, da werde ich definitiv nichts sagen können.

Ist das nicht ein wenig komisch, nicht zu wissen, was im eigenen Namen veröffentlicht wird?

Man hat keine Wahl. Es ist natürlich großartig, wenn übersetzt wird. Man muss dem Übersetzer einfach vertrauen.

Kennen Sie den?

Er wird vom Verlag bestimmt. Mit einem hab ich einen ziemlich regen eMail Austausch, den anderen kenne ich noch nicht.

Rufen denn die Übersetzer bei Ihnen an und fragen: Was meinen sie denn mit diesem Satz?

Manchmal ja, manchmal nicht.

O.k., aber es passiert. Dann bedanken wir uns herzlich.

 
Dieses Gespräch führten Anna Boehme, Lea Wulf, Ruby van Leeuwen und Ammon S. am 23.11. 2012  im Wallsaal der Zentralbibliothek Bremen.
Transkribiert von  Anna Boehme

Fotos: © Victor Ströver

Hier die Fotos zum Vergrößern:
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