Olga Grjasnowa: Workshop

grjasnowa workshop IMG 9419 225pxDie im Workshop entstandenen Texte sind übrigens hier nachzulesen!

„Ich glaube nicht an den Autor“- Workshop mit Olga Grjasnowa am 23.11.2012

Das Getuschel und das Stühlerücken hört sofort auf, als sich die junge Autorin Olga Grjasnowa zum Mikofon vorbeugt. Mit ihrer ruhigen Aura und einer sanften Stimme gewinnt sie auf der Stelle die gesamte Aufmerksamkeit der SchülerInnen des Schulzentrums Walle. Nach einer kurzen Begrüßung durch Ursel Bäumer beginnt sie auch gleich mit einer kleinen Vorstellungsrunde. Die jungen Nachwuchsautoren dürfen von sich erzählen, was sie gerne mögen, welche Hobbys sie haben. Auf viele geht die Autorin näher ein, stellt Nachfragen und interessiert sich vor allen Dingen für die Lesegewohnheiten ihres Gegenübers. „Theaterstücke, Filme und Bücher haben alle eins gemeinsam. Die Dramaturgie. Eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Showdown.“ Mit diesen verheißungsvollen Worten leitet Olga Grjasnowa die erste Aufgabe für die SchülerInnen ein: „Schreibt über euer Leben in zehn Jahren im „worst case“, also stellt euch vor, dass alle eure Träume zerplatzt sind“.
grjasnowa workshop IMG 9408 225pxSchon bilden sich kleine Grüppchen und fleißig beginnen die Kugelschreiber auf dem Papier zu kratzen. Nachdem die Zeit um ist, melden sich schnell die ersten Freiwilligen und lesen ihre Geschichten vor, die von Querschnittlähmungen bis mordenden Familienmitgliedern gehen. Die Autorin hört sich jedes Werk ruhig an, geht auf einzelne Abschnitte genauer ein und fasst zum Schluss die Werke noch einmal zusammen: „Egal wie abstrakt eure Geschichten auch sind, sie müssen immer wahrscheinlich bleiben, es muss irgendwo immer von euch selbst ausgehen. Was an allen Geschichten auffällt, ist, dass immer eure Hauptfigur an dem Dilemma Schuld ist.“ Es gebe nie den typischen Bösewicht, den Mörder, der hinter jeder Straßenecke lauert, den Vergewaltiger, vor dem alle Frauen flüchten. So findet sich schon die zweite Aufgabe, die begonnenen Geschichten sollen weiter geschrieben werden, indem eine neue Perspektive auftaucht, entweder die Katastrophe verläuft weiter oder eine plötzliche Wendung geschieht. grjasnowa workshop IMG 9411 225pxErneut beginnen die SchülerInnen sofort mit dem Schreiben, und als die Zeit vorbei ist, geht das Gestöhne los, kaum einer ist fertig geworden. Dennoch wird wieder fleißig vorgelesen, es werden Tote wieder zum Leben erweckt, Morde begangen und die tragischsten Liebesgeschichten erzählt. Zusammen mit Olga Grjasnowa untersuchen die jungen Talente die Effekte, die sie mit ihren Erzählungen erreichen wollten. Hierbei stoßen sie auf die Frage, wo eigentlich der Unterschied zwischen Figur, Erzählen und Autor liegt. grjasnowa IMG 9423 600pxEs wird gerätselt, geraten und wild spekuliert, bis schließlich die Autorin eine interessante These eröffnet. „Ich glaube nicht an den Autor.“ Jede Geschichte werde von einem Erzähler erzählt, der Autor sei nur die Person, die sich das Geschehen ausdenke, der Erzähler sei nie der Autor. Selbst Biographien, die eh meist von Goastwritern geschrieben werden, entsprächen nie ganz dem Autor.
Nach und nach merken die SchülerInnen, dass sich jede Geschichte komplett ändert, wenn man nur die Erzählperspektive ändert. Und schon erkennen sie die dritte Aufgabe.
grjasnowa workshop IMG 9413 225pxWieder soll die Geschichte weiter erzählt werden, jedoch diesmal in einer völlig anderen Erzählperspektive, in der Er- oder Sie- Form. Diesmal fällt der Gruppe das Schreiben etwas schwerer, doch nach und nach tritt erneut die beschäftigte Stille ein, in der jeder vor seinem Blatt sitzt und fleißig drauflos kritzelt. Diesmal dauert das Hören der einzelnen Geschichten länger, denn Olga Grjasnowa geht bei jedem genau auf die veränderte Wirkung ein. Plötzlich wird sie durch eine Schülerin unterbrochen, die unbedingt etwas loswerden will: „Ich finde, das macht richtig Spaß mit Ihnen. Ich dachte am Anfang, dass mir gar nichts einfallen wird, aber wenn man Lust drauf hat, dann geht das voll gut!“ Da kann sich keiner ein Lächeln verkneifen, auch wenn das der Autorin natürlich am Breitesten ist.
grjasnowa workshop IMG 9400 225pxAls nächstes wird eine Geschichte nachgespielt, in Form einer Aufstellung. Eine Gruppe nimmt die Rollen aus einer vorgelesenen Geschichte an, um sich so wirklich in diese hineinversetzen , um Gedanken, Gefühle und Taten nachvollziehen zu können und die Beziehungen der Personen untereinander deutlicher werden zu lassen. Jede mitspielende Person wird genau unter die Lupe genommen, vom Müllmann bis zum Cowboy. Nachdem alle wieder sitzen, stellt die Autorin die Frage, wer denn nun diese Geschichte weiterschreiben könne, auch wenn es nicht die Eigene war. Fast alle können die Frage mit „Ich“ beantworten, und die verschiedenen Ideen beeindrucken in ihrer Vielfalt.
Schon ist die Zeit um und nach einer kurzen Verabschiedung verlassen die SchülerInnen mit lauter neuen Ideen im Kopf den Wallsaal der Stadtbibliothek.
Nun können auch wir uns nur ganz herzlich bedanken und sind alle sehr gespannt auf die Texte, die veröffentlicht werden!

(Lea Wulf)

Fotos: © Victor Ströver



Hier die Fotos zum Vergrößern!
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