Olga Grjasnowa: Lesung

grjasnowa lesung IMG 9380 225pxKurz vor acht, die Glastüren des Thalia Buchhauses in der Oberstraße schließen sich. Die Lichter verlöschen und auch die Rolltreppen erstarren in Erwartung.
Im Untergeschoss ist aufgeregtes Stimmengewirr zu hören.
Gut 80 Menschen haben sich versammelt und unterhalten sich angeregt, denn obgleich es einige Komplikationen mit der Ankündigung gab, sind doch alle Plätze belegt. Jung bis Alt sitzen sie auf blauen Plastikstühlen und warten auf die Ankunft einer Frau.

Und pünktlich um acht erscheint Olga Grjasnowa, die an diesem Abend aus ihrem Debütroman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ lesen wird. Doch kaum brandet der Applaus auf, ist sie auch schon wieder hinter einem Pfeiler verschwunden und der Leiter des Buchhauses, Herr Stuhldreher, tritt nach vorn, um sie zu begrüßen und kurz etwas über ihr Buch zu sagen, das ihn offensichtlich sehr begeistert hat.
grjasnowa IMG 9367 225pxIhm folgt Ursel Bäumer mit einem kurzen Bericht über unseren Verein workshop literatur und einer Vorankündigung des Workshops, der am nächsten Tag im Wallsaal der Zentralbibliothek mit SchülerInnen vom SZ Walle stattfinden soll.
grjasnowa lesung IMG 9396 225pxDann kommt Olga endlich auf das Podium und lässt sich in den thronartigen Sessel sinken. Sie ist einen junge Frau von 27 Jahren, mit einem offenen Gesicht und einem leuchtend blauen Pullover. Sie lächelt in die Runde und beginnt ihre Lesung mit dem Satz „Ich werde nun einige Szenen aus der Mitte vorlesen – ich hoffe, das ergibt irgendwie Sinn.-
In diesem Roman kommen übrigens weder Russen noch Birken vor.“
grjasnowa lesung MG 9387 225pxTrotz des leichten Akzentes ist Olga Grjasnowa deutlich zu verstehen. Die ausgewählten Szenen aus dem Buch sind, wie auch ihre Art, den Roman zu kommentieren, unterhaltsam und voll trockenem Humor. Das Publikum ist vollkommen still und lauscht aufmerksam, nur unterbrochen von sanftem Gelächter an manchen Stellen: Mein Computer war nicht wirklich in die Luft gesprengt worden. Das Gehäuse war von drei Einschusslöchern perforiert. Ich sah den Soldaten an: „Wieso haben Sie meinen Computer erschossen?“
Nach exakt einer dreiviertel Stunde beendet Olga ihr Lesung und schaut mit einem kleinen Lächeln auf: „Ja…jetzt weiß ich auch nicht weiter.“

Im anschließenden Publikumsgespräch wird als erstes nach dem Titel gefragt. Die Autorin erklärt, dass sie absichtlich eine Nationalität gewählt habe, die im Buch nicht vorkomme und die Zuschreibung Birken und Russen ebenso ein Schubladendenken verrate und Fakten schaffe, wie die Zuordnung: Migrantenkinder und Dummheit bzw. Ungebildetsein.
grjasnowa lesung IMG 9361 225pxInspiriert wurde sie zu dem Roman, so verrät die Autorin, durch einen Familienfreund, der ihr bei einem Besuch von seinem Trauma während eines Progroms in der aserbaidschanischen Stadt Baku 1990 erzählt hat, wo ihm als Kind auf dem Weg von der Schule nach Hause eine Frauenleiche vor die Füße gefallen ist. Von diesem Trauma, so Olga Grjasnowa, habe er sich nie mehr erholen können. Diese Episode steht für sie im Zentrum ihres Romans.

Nachdem auch die letzte Frage zufriedenstellend beantwortete wurde, scharren sich alle um die Treppe zum Podium, um sich ihr Buch signieren zu lassen.
Insgesamt eine gelungene Veranstaltung. Die vielen anwesenden SchülerInnen werden nach diesem Abend sicher gespannt auf den Literaturworkshop morgen sein.

Lesung am 22.11.2012 im Thalia in der Obernstrasse

(Ruby van Leeuwen)

Fotos: © Victor Ströver