Grjasnowa, Olga: Der Russe ist einer, der Birken liebt

gjasnowa olgaMaria Kogan, genannt Mascha, ist in Aserbaidschan als russischstämmige Jüdin geboren. Als Elfjährige hat sie ihre Heimatstadt Baku mit ihrer Familie verlassen und ist nach Deutschland immigriert. Mascha ist nun erwachsen, lebt in Deutschland und spricht fünf Sprachen. Sie studiert Dolmetscherwissenschaften in Frankfurt und möchte später für die Vereinten Nationen arbeiten. Mascha lebt mit dem Deutschen Elias zusammen.

In ihrem Debütroman stellt Olga Grjasnowa Mascha als Repräsentantin einer modernen, multikulturellen Generation vor, deren Leben nur auf den ersten Blick geordnet, überschaubar und erfolgreich scheint. Aus ihrer Vergangenheit sind für Mascha beunruhigende Erinnerungsfetzen an die politischen Zustände in Baku übrig geblieben. Die Erlebnisse der Kämpfe zwischen Armeniern und Aserbaidschanern und die überstürzte Flucht haben ihre Kindheit zerstört und die junge Frau bis in die Gegenwart traumatisiert. Über das Zurückliegende kann sie ihrem Freund Elias nicht berichten, so dass eine wirkliche Nähe zwischen den beiden nicht möglich ist und ihre Beziehung fragil wirkt.

In ihren ersten Jahren in Deutschland, stigmatisiert als Migrantin, hat Mascha gelernt, dass Sprachen Macht bedeuten. Während ihre Eltern nie richtig in der deutschen Gesellschaft ankommen, melancholisch nur an den schönen Erinnerungen der fernen Heimat festhalten und ‚aufgegeben‘ haben, hat Mascha durch ihr Sprachtalent als Kind bereits schnell die sprachlichen Barrieren überwunden. Sie hat beschlossen, nicht ‚Opfer‘ zu sein, sondern sich der Welt zu stellen. Diese Welt erschafft Olga Grjasnowa als eine Mixtur aus vielen Sprachen, Nationalitäten, Kulturen und Religionen zwischen denen sie ihre Protagonistin im Transit problemlos hin und her springen lässt. Aber durch die Vielzahl an Möglichkeiten und Zuschreibungen erscheint die Figur Mascha auch voller Zweifel und Unruhe. Sie kann niemanden richtig an sich heran lassen. In ihrem Leben existiert Heimat nicht als konkreter Ort oder Nationalität, sondern ist gebunden an Gefühle und Personen. Zu ihrem Rückzugsraum gehören daher neben Elias, vor allem ihr bester Freund, der Türke Cem, und ihr Exfreund, der Libanese Sami, die sich ebenfalls durch ihre Herkunft in einem Schwebezustand befinden. Zusammen machen sie sich über den alltäglichen Rassismus lustig, die sie als Zugewanderte über sich ergehen lassen müssen. Die Einschränkungen oder Vorurteile, die sie als Juden oder Muslime erfahren, können sie dadurch trotzdem nicht abwenden und müssen sie ertragen. Olga Grjasnowa umschreibt in kühler Sprache und genauen Beobachtungen die Welt um Mascha und ihre Freunde. In ihrer Direktheit erzeugt sie jedoch zugleich eine melancholische Stimmung, die alle Figuren umgibt.

Maschas Welt gerät in eine scheinbar unüberwindbare Krise als Elias durch eine Fußballverletzung stirbt. Sie macht sich schwere Vorwürfe, dass sie Elischa, wie sie ihn zärtlich nannte, nicht retten konnte. Mascha, die sich nun vollends wie in einem Vakuum fühlt, nimmt nach ihrem Examen eine Übersetzerstelle in Israel an. Sie flieht vor ihrer eigenen Verzweiflung und Todessehnsucht in einen geografischen Krisenherd. Dort sieht sie sich plötzlich den alltäglichen Problemen zwischen Israelis und Palästinensern ausgesetzt und spürt erstmals, was es bedeutet Jüdin zu sein. Während sie in Frankfurt eine Russin war, ist sie nun in Tel Aviv eine Deutsche. Mascha erkennt, dass an einen neuen Ort auch neue Zuschreibungen stattfinden, ihren Seelenzustand kann sie jedoch nicht um-schreiben und vor ihrem Leben davonlaufen. Mascha muss erneut kämpfen, um nicht doch noch Opfer zu werden… diesmal Opfer ihrer eigenen Trauer und des Landes, das sie umgibt.

(Stephanie Schaefers)