Jan Böttcher: Interview

IMG 8687 400px Sie haben in dem Schreibworkshop die SchülerInnen viele Vorbereitungsübungen machen lassen, bevor diese anfangen durften, selbst Texte zu schreiben. Bereiten Sie sich selber mit ähnlichen Übungen auf das Schreiben vollständiger Texte vor oder schreiben Sie einfach drauf los?

Alle Gedanken sind wohl irgendwo auch Übungen. Man sucht für das Schreiben zunächst innerlich nach dem Weg zum Stoff, zur Figur, zur Sprache, zur Form – und dann muss man das auf dem Papier alles ausprobieren, vieles verwerfen, manches verändern, und nur sehr weniges bleibt vom Erstentwurf so bestehen bis zur Veröffentlichung. Man kann also sagen: Fast jedes Drauflosschreiben, das man mit besten Absichten auf endgültigen Text begann, hat sich im Nachhinein als das Fahren auf einer Teststrecke herausgestellt. Der Weg zum Roman führte später woanders lang. 

Wenn ja, haben Sie schon mal einen Schreibworkshop wie diesen mitgemacht?

IMG 8693 400px Ja, als ich 1993 nach Berlin kam, habe ich mich schnell unter Schreibende gemischt. Zudem habe ich ja auch Literatur studiert und hatte wohl deshalb kaum Skrupel, über die Stärken und Schwächen von Texten zu reden (auch wenn jeder Literatur immer ein Unverhandelbares innewohnt).Es gab gute Formate und auch Institutionen, die gerade jungen Autoren die Möglichkeit boten, Workshops zu nehmen und sich untereinander auszutauschen. Mit einigen Freunden, die ich so traf, arbeite ich seit 1999 in einem Musik- und Literaturlabel namens Kook zusammen. Zehn Jahre nach unserer Förderung waren dann wir es, die jungen Autorinnen und Autoren zum Einstieg in die Literaturlandschaft verhalfen. Bis heute betreiben wir diese Förderung.IMG 8703 400px

Sie verbinden in Ihrer Arbeit Musik mit dem Schreiben. Wann begannen Sie, diese beiden Künste mit einander zu vermischen?

Im Grunde von Beginn an, ich wusste es nur noch nicht. In der Schule schrieb ich gereimte satirische Gedichte, voll rhythmisiert, und nur die Scham hielt mich wohl zurück, statt ihrer zuhause weiter Bob Dylan-Songs zu singen. Ich habe schon immer gesungen. Erst in Berlin habe ich mit einem Freund an einem Wochenende ganz viele meiner Gedichte vertont, das war der Beginn der Band Herr Nilsson. In den ersten Jahren habe ich dann fast ausschließlich Liedtexte geschrieben, manchmal auch Prosaminiaturen, die ich als Sprechtext zum Klavier vorgetragen habe bei Konzerten. Und es gab immer Notizen zu Kindheit und Jugend, aus denen wurde 2003 mein erstes Buch.

Arbeiten Sie in diesen Bereichen viel mit Jugendlichen, egal ob in Workshops oder Lesungen oder haben Sie eher ein älteres Publikum?

IMG 8701 400pxEine gute Frage, weil ich vielleicht zu denen gehöre, die da einen (manchmal verwirrend) großen Radius bedienen. Mache ich ein Lesekonzert in einem abgeranzten Club, kommen kaum Leute über 30, aber als ich aus meinem aktuellen Roman „Das Lied vom Tun und Lassen“ im Literaturhaus Hamburg las, war der Altersdurchschnitt um einiges höher. Zu Bandzeiten hatten wir richtig Groupies, aber da waren wir ja auch selbst ganz jung… Da entstand bald der Konflikt zwischen Steh- und Sitzkonzerten, wir wollten einerseits die Aufmerksamkeit für den gesungenen Text nicht verlieren, die Ruhe im Publikum, nur sollten die Leute auch nicht auf ihren Stühlen kleben müssen und verdursten. Die Zeit der Jugend spielt für mein Schreiben zwar eine große Rolle, aber ich schreibe keine Jugendromane. Ich verschwende auch keinen Gedanken an Zielgruppen, die nur Imagination sind, die es gar nicht gibt. Wer daran denkt, für ein bestimmtes Publikum zu schreiben, müsste sich bei der Arbeit verbiegen, er würde sich immer über- oder unterfordern, das geht gar nicht anders. Und so liefe man beständig an seinem Ton vorbei. Das ist aber auch ein Lernprozess. Man muss akzeptieren, dass die eigene Sprache Prägungen hat und man dadurch gewisse Dinge beherrscht und andere nicht. Als Autor sollte man aber schon versuchen, sich in alle Altersgruppen einzufühlen, das hält jung 😉 Mein aktueller Roman versucht, drei Tonlagen für drei Generationen zu finden, und er macht damit das Angebot, sich intensiv auch mit dem Zur-Sprache-Kommen der Jüngeren bzw. Älteren zu beschäftigen.

Sie haben deutsche- und skandinavische Lyrik studiert, wie kamen Sie auf diese Mischung? Haben Sie eine familiäre oder eine persönliche Beziehung zu Skandinavien?

IMG 8721 400pxEs gibt eine Verwandtschaft in Skandinavien, die habe ich früh gespürt. Eine schriftstellerische. Einige nordische Romane sind mir extrem nahe gegangen, und ich trage deshalb die Frage immer mit mir herum, wie ich davon schon wissen konnte, als ich aus einem Fenster in einem norddeutschen Hochhausviertel blickte. Irgendwie konnte mein Weg erstmal nur nach Norden führen, Stockholm war mir auch sehr vertraut, als ich später dort studierte. Aber ich will es nicht zu verzaubert klingen lassen, ich könnte auch sagen: Ich las Tranströmer und Enquist auf Deutsch und wollte das Original kennenlernen.

 

Dieses Gespräch führten Lea Wulf, Ruby van Leeuwen, Ammon S. und Anna Boehme am 07. 09.2012 im Wallsaal der Zentralbibliothek Bremen.

Transkribiert von Lea Wulf