Raphael Urweider: Sonstiges

Poetry im Kippenberg, Montag,04 Juni 2012

Lesung 1Ein aufgeregtes Gemurmel erfüllt den Saal. Schüler wie Lehrer haben sich reihenweise in der Aula niedergelassen und sehen gespannt zur Bühne auf der bereits neun Stühle bereitstehen. Nach und nach finden sich nun auch die sieben Poeten und Übersetzer ein, begleitet von dem Moderator Michael Augustin. Es ist kurz nach zehn, die Türe schließen sich und das Gemurmel senkt sich zu einem leisen Getuschel. Nur einige Räume weiter werden eifrig Klausuren geschrieben und P5-Projekte präsentiert, hier jedoch scheint die Zeit still zu stehen.Alle Aufmerksamkeit ist auf die Bühne gerichtet, vor der sich nun die hauseigene Band des Kippenberg-Gymnasiums aufbaut. Nach einer kurzen Einleitung zum heutigen Programm stimmen die drei Schüler plus ihrem Lehrer eine fröhliche Melodie an und ernten anerkennende Blicke der Poeten. Der junge Niillas Holmberg aus Finnland steht sogar auf, um einen besseren Blick auf die Musiker zu erhaschen. Nach Beendung des Liedes und brandendem Applaus erhebt Moderator Augustin sich von seinem Platz, ergreift das Mikrofon und stellt den ersten Poeten des Mittags vor: Raphael Urweider. Seine Rechte legt er dabei lässig auf die Schulter des jungen Mannes, der ein amüsiertes Grinsen mit seinem Nachbarn wechselt. Raphael liest vier Liebesgedichte aus seinem Band Alle deine Namen und zum Schluss noch eines über Schnaps, denn „das gehört ja irgendwie zusammen“ meint ein zwinkernder Urweider. Nach ihm folgt die Spanierin Aurora Luque und wird übersetzt von Regina Dyck. Während bei Raphael so manch heiteres Gelächter aus dem Publikum ertönte, herrscht bei ihrem melancholischen schönen Gedicht ergriffene Stille. (Die anderen Poeten sind übrigens kurz vorm Einschlafen; einer spielt sogar heimlich ein Ballerspiel an seinem Laptop^^).
Lesung 3Aufgelöst wird die Spannung dann zwei Dichtungen weiter durch Niillas Holmberg. Der junge Finne von gerade einmal 22 Jahren mit blondem Haar und Stoffmütze gehört zu der Minderheitengruppe der Samen, eine indigene Volksgruppe im Norden Fennoskandinaviens. Bei dieser geografischen Angabe sind die Schüler doch recht überfragt und kurz darauf kommt die Frage auf: „Ist Niillas jetzt ein Wickinger?“ Der Finne nimmt die Frage mit Humor und trägt zwei seiner Gedichte vor. Lesen muss er dabei von seinem Laptop, denn sein Buch hat er zu Hause liegen gelassen. Die Übersetzung wird gelesen von seinem Nachbarn Raphael. Zum Abschluss der ersten Runde liest schließlich noch Nikola Madzirov aus Mazedonien. Er trägt drei Gedichte vor, das erste in seiner Muttersprache und das zweite auf Englisch. Das dritte liest er auf Deutsch vor. „Jemand klopft an der Tür“, dieser Vers wird immer wiederholt, bis Raphael anfängt, auf den Tisch zu klopfen und schließlich immer mehr einstimmen. Nach einer Dreiviertelstunde gelungener Lesung kommt erneut die Band an die Reihe und beendet damit den ersten Teil von Poetry on the road im Kippenberggymnasium. Nach der Pause stellt Michael Augustin dann die junge Doktorantin Laura Beck vor, die Gedichte des Poeten Louis-Phillipe Dalembert aus Haiti aus dem Französischen übersetzt hat und vorträgt. Danach folgt Giovanni Nadiani. Der sprachbegabte italienische Lyriker macht den Vormittag zu etwas ganz Besonderem. Er rezitiert seine in verschiedenen Sprachen geschriebenen Gedichte zur Musik der Jazz-Band. Im Publikum herrscht Heiterkeit und Begeisterung, die anderen Poeten scheinen den Auftritt eher skeptisch zu betrachten.
Lesung 4Als letzter Poet ist Endre Ruset an der Reihe. Er geht in seinem beeindruckenden Gedicht auf die Ereignisse am 22. Juli 2011 ein, dem Massaker auf der norwegischen Insel Utoya und scheint damit nicht nur Laura Beck zu berühren, die die Übersetzung vorliest, sondern das gesamte Publikum.

Um die Veranstaltung nicht so traurig ausklingen zulassen, spielt die Jazz-Band noch einmal und bekommt, ebenso wie die Poeten, begeisterten Applaus für diesen gelungenen Vormittag.

(Ruby van Leeuwen und Ammon Slickers)

Hier noch mehr Fotos:

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Stimmen zu Poetry im Kippenberg

Interview mit Felix, 16 Jahre, 10. Klasse, Kippenberg-Gymnasium geführt von Lea Wulf und Racine van der Sloot auf dem Gelände des Kippenberg-Gymnasiums.

Interview mit FelixFelix, wie hat dir denn die Lesung gefallen?
Mir hat die Lesung sehr gut gefallen, vor allem, da sie so international war. Dadurch, dass viele der Autoren in ihrer Muttersprache gelesen haben, hat man zwar ohne die Übersetzung nichts verstanden, hat aber die Emotionen der Autoren mitbekommen, die in der Übersetzung meistens verloren gehen.

Und welcher Autor hat dich am meisten angesprochen?
Also mir hat der französische Autor Louis-Philippe Dalembert am besten gefallen, da er so melancholisch beschrieben hat, dass man nie in seine Kindheit zurückkommen kann.

Das Gedicht über das Massaker in Norwegen, von dem norwegischen Autor Endre Ruset hat sehr viele deiner Mitschüler sehr bewegt, wie hat dir persönlich das denn gefallen?
Ich fand das ziemlich direkt. Ich finde, so wirklich kann man das aber nicht sagen, da ja nur ein Teil des Gedichtes vorgelesen wurde.

Würdest du noch mal eine solche Lesung besuchen?
Ja, auf jeden Fall, es hat mir sehr gut gefallen und ich hoffe, dass diese Tradition am Kippenberg-Gymnasium bestehen bleibt!

Hast du außerhalb schon mal von Poetry on the road gehört oder Lesungen außerhalb der Schule besucht?
Also gehört hab ich schon davon, und ich war vor einem Jahr schon mal auf einer Eröffnungslesung.

 


Interview mit Niillas Holmberg aus Finnland geführt von Ruby van Leeuwen in der Aula des Kippenberg-Gymnasiums

Lesung 4Hey Niillas, can we take a short interview?

Is it the first time that you have read in a school?

I’m sure it’s the first time that I have been  reading in a school in Germany 😉

Ah, okay^^. And how did you find it? Were you nervous?
Defintely not, ‘cause it was a great atmosphere here. The pupiles seemed to listen to what we had to say. When you notice that they are on your side, you´re not nervous.

Nice. Do you think you will come back to Germany?
Yeah, I’m definitely sure that I’ll come back.

Okay, that’s great. Have you taken part on „poetry on the road“before
?
No. It’s the first time and it’s my first time in Germany.

So, are you at home very famous too?
Yeah^^ Not in Finland completely, but where I live the people know me.^^

And how is it for you to be so famous at such a young age?
I don’t know, it’s…Actually, it’s not too much. I am still living my life…
 
That’s nice. So, thank you so much for the interview and have a good time Niillas!
You too, thank you!

Interview mit Frau Myke, Deutschlehrerin und Organisatorin der Veranstaltung für das Kippenberg- Gymnasium geführt von Racine, Lea, Ruby, Ammon

Lesung 5Waren Sie jetzt das erste Mal bei poetry on the road im Kippenberg- Gymnasium?
Nein, ich hab schon eine ganze Reihe von Veranstaltungen gesehen. poetry war ja jetzt schon das 11. mal am Kippenberg Gymnasium. Bei den ersten Lesungen war ich allerdings nicht dabei. Erst habe ich gedacht, dass sei auch mehr etwas für die Fremdsprachen. Es waren ja sehr internationale Autoren dabei. Und ich bin nach dem ersten Mal poetry jedes Jahr mit meinen Kursen und Klassen dabei gewesen.

Wie sind Sie denn auf poetry on the road gekommen?
Ich habe mir die Veranstaltungen im Schauspielhaus auch schon früher angeschaut, schon bevor ich mit der Schule an Lesungen teilgenommen habe. Auch einige ehemalige Kollegen/innen, die früher die Veranstaltung in der Schule organisiert haben, haben mich auf das Festival aufmerksam gemacht. Ich war von Anfang an mit Begeisterung dabei und auch von meinen Schüler/innen habe ich stets positives Feedback bekommen. Wir sind jetzt schon das fünfte oder sechste Mal mit dabei.

Und wie fanden Sie diese Veranstaltung?
Auch dieses Mal fand ich es wieder sehr gut. Es war eine tolle Mischung und die Themen waren auch total unterschiedlich und ansprechend. Vor allen Dingen für junge Leute. Besonders gut hat mir auch die Spontaneität der Lyriker gefallen, so hat der Italiener zum Beispiel mit der Schulband improvisiert, was viel Freude im Publikum ausgelöst hat.

Wie hat sich das Festival in den letzten Jahren an unserer Schule verändert?
Ich denke, es ist „Schüler gerechter“ geworden. Die Texte sind sorgfältig ausgewählt und es wird sich mit Themen auseinandergesetzt, die zu den jungen Leuten passen. Natürlich war es schon immer toll, aber ich habe wirklich das Gefühl, dass die Autoren mehr auf die Vorstellungen der Schüler/innen eingegangen sind.

Wie fanden Sie das Gedicht von dem Norweger, der über den Attentat in seinem Land geschrieben hat? Fanden Sie es ansprechend? Oder eher erschreckend?
Es hat mich sehr angesprochen und alle tief berührt. Dadurch, dass es so einfach und schlicht geschrieben war. Es wurden lediglich die Kugeln beschrieben, und was diese Punkt für Punkt im Körper anrichten können. Das Gedicht war ja schon fast biologisch und sehr makaber. In mir hat es dadurch viele Gedanken ausgelöst und ich denke vielen anderen ging es genauso.

Was würden Sie denn nächstes Mal besser machen?
Ich würde es eigentlich genauso machen wie schon die letzten Male. Vielleicht würde ich aber eine Kombination mit der Musik verstärken. Aber auch nicht zwingend, nur weil das dieses Mal so toll angekommen ist.

Ist Poetry Ihrer Meinung nach etwas, was Sie für jede Klasse empfehlen würden?
Ich denke, es könnte für jeden Schüler interessant sein. Für Fremdsprachen sowie für den Deutschunterricht. Lyrik und Literatur ist ja unabhängig von den Leistungsfächern. Meiner Meinung nach sind diese Lesungen aber erst ab der achten bis neunten Klasse sinnvoll. Denn für jüngere Schüler/innen ist das eventuell noch etwas schwierig zu verstehen und sich in die Gedichte und Texte hineinzuversetzen.

 

Poetry bei Shakespeares im Concordia, Samstag, 02. Juni 2012- Ein beeindruckendes Sprachfeuerwerk 

Im ausverkauften Concordia Theater begrüßte Moderator Michael Augustin von Radio Bremen, der zusammen mit Regina Dyck zugleich die Spitze des Festivalleitungsteams besetzt, das gespannte Publikum zu „Poetry on the road“. Augustin brachte den Zuhörern bei der zweiten Abendveranstaltung des internationalen Literaturfestivals die „babylonische Versammlung einzigartiger Lyrikern aus acht Nationen“ näher, indem er persönliche Worte und einführende Kurzporträts zu den acht vortragenden Poeten wählte. Die Autoren lasen im Folgenden jeweils zwölf Minuten und gaben Einblicke in ihr Oeuvre. Die Auswahl der vorgetragenen Beiträge war jedes Mal äußerst vielschichtig und die acht Lyriker präsentierten sich facettenreich, was Formen und Themen betraf. Sie unterschieden sich nicht nur durch ihre Sprachen und die damit einhergehenden Intonationen, Redetempi, Rhythmen und Melodien ihrer Werke, sondern positionierten sich auch inhaltlich sehr stark voneinander. Während bei Nikola Madzirov aus Mazedonien, dem aus Haiti stammenden Louis-Philippe Dalembert und der Chinesin Mindy Zhang auch deutlich politische und kritische Stimmen zu den Situationen ihrer Heimatländer aus dem Gedichten sprachen, brachten die anrührende Komik des israelischen Lyrikers Ronny Someck, die witzigen Heimatgedichte über das rustikale Landleben in Massachusetts des Amerikaners Thomas Lux und die satirischen Liebes- und Trinkballaden von Matthias Politycki aus Deutschland die gebannten Zuhörer vielfach zum Schmunzeln.

Die Gedichte der Autoren wurden dem Publikum entweder zeitgleich in deutscher Übersetzung auf die Hintergrundwand projiziert oder von Peter Lüchinger von der Shakespeare Company, sowie von Raphael Urweider, dem Schweizer Autor, der am Tag zuvor bei workshop literatur zu Gast war, in deutscher Version vorgetragen. Obwohl die größte Faszination von der Originalsprache der Lyriker ausging, war es oft überraschend, wenn die nachgestellte Übersetzung einen Inhalt offenbarte, den der Zuhörer in den Versen des Autoren nicht vermutet hätte. So erging es wohl auch vielen bei dem Gedicht des Norwegers Endre Ruset über das im Vorjahr stattgefundene Massaker auf der norwegischen Insel Utoya. Mit leiser, sanfter und wehmütiger Stimme trug der Poet das erst kürzlich veröffentlichte Gedicht vor, das im Anschluss von Raphael Urweider übersetzt wurde. Geradezu zerstörerisch wirkten nun die deutschen Worte, die auflisteten, wo die Kugeln des Massenmörders die Getöteten trafen und eine Aggressivität verdeutlichten, die aus dem Original nicht heraus hörbar gewesen wäre. Dies waren die Momente, in denen das babylonische Element zum Tragen kam, das die Menschen durch die Sprache voneinander trennt. Doch zugleich wurde hier auch die Einzigartigkeit des Festivals unterstrichen, nämlich, dass die Poesie und ihr Klang das verbindende Element sein kann.

Den Abend beendete Endre Ruset sodann in einem „skandinavischen Doppel“ mit seinem Kollegen Niillas Holmberg aus Finnland. Der 1990 geborene Holmberg war der bisher jüngste Vortragende des Festivals und stellte sich als wahrer Performer heraus, der seine Poesie mit traditioneller Musik seiner Heimat vortrug. Das begeisterte Publikum belohnte die gesamte Autorenriege zum Abschluss mit Standing Ovation und tosendem Applaus.

 

(Stephanie Schaefers)