Raphael Urweider: Interview

Nachdem Sie ihren ersten Wettbewerb gewonnen haben, wurden Sie als Dichter bezeichnet. Inwiefern hat sich diese neue Betitelung auf Ihr Leben ausgewirkt, bzw. inwiefern hat sie Einfluss darauf genommen, wie Sie gearbeitet haben?

IMG 0002Also am Anfang hat es mich schon ziemlich gelähmt, weil ich gedacht habe, ich muss jetzt wahnsinnig intelligente Gedichte schreiben. Dieser Druck war schon da, und ich hatte das Gefühl, dass irgendetwas kommen muss, was die Welt verändert. Zum Glück kamen mir dann die Kleinbauerngedichte in die Quere, die eigentlich nichts mit den Themen zu tun hatten, mit denen ich mich bis dahin beschäftigt habe. Es waren Gedichte über das Landleben in der Schweiz. Die haben mich irgendwie befreit und mir gezeigt, dass ich schreiben kann, was ich will. Das hat nichts damit zu tun, was die Welt erwartet oder denkt. Ich glaube, Gedichte schreibt man immer für sich selbst.

Sie haben Philosophie studiert, wie hat dieses Studium Ihre Texte beeinflusst oder inspiriert?

IMG 0004Was mich sehr beeinflusst hat, war die Logik, die Aussagelogik. Ich konnte das überhaupt nicht. Doch was mich sehr daran interessiert hat, war diese „Wenn- dann-Sache“, dass man mit der Logik Aussagen machen kann, die schlüssig sind, die aber in der Realität nicht stimmen. Da habe ich gemerkt, dass Sprache und Realität wirklich zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Mit der Sprache kann man ganz viel behaupten und erfinden, was in sich stimmig wirkt, jedoch in der Realität falsch ist. Auch die mittelalterliche Philosophie hat mich sehr beeinflusst, wo wir uns viel mit den mittelalterlichen Ansichten der Natur und des Menschen beschäftigt haben, zum Beispiel mit den fünf Sinnen. Da gab es Theorien, die für uns in der heutigen Zeit völlig abstrus sind, aber dennoch wunderschön. Ich hab gemerkt, dass in der Wissenschaft auch eine gewisse Poesie liegt. Die heutige Wissenschaft sagt, das, was sie denkt, sei wahr und das, was vor fünfhundert Jahren behauptet wurde, stimmt nicht. Aber in fünfhundert Jahren werden die Leute wahrscheinlich unsere wissenschaftlichen Texte lesen und sagen „Na die hatten ja wahnsinnige, tolle, aber völlig falsche Vorstellungen von der Welt“. Die Wissenschaft entwickelt sich immer weiter und erfindet Bilder. Wie in der Astronomie, je ferner uns die Dinge sind, desto schöner und fantasievoller werden ihre Namen, genauso, wie wenn man ins mikroskopisch Kleine geht.

Um auf die Logik zurück zu kommen: Haben Sie deshalb angefangen, bestimmt Spielregeln und Muster beim Schreiben aufzustellen?

IMG 0006Ich denke, dass alles oft einfacher ist, wenn man sich beschränkt. Also wenn ich einfach so drauflos schreibe, gibt es eine Masse an formlosem Text. Aber sobald ich mir Regeln setze, müssen diese auch eingehalten werden, dann wird das bis zur letzten Zeile durchgezogen, und dadurch wird dann das ganze Denken bestimmt. Der Inhalt wird eigentlich durch diese Spielregeln generiert. Bei Serien ist es zum Bespiel der Fall: wenn ich zwei oder drei Texte habe, die zusammengehören, gibt das so eine Art Kraft, dann weiß ich, da kann ich mein Denken darauf fokussieren. Diese Selbstbeschränkung ist immer hilfreich.

Laut Ihrer Biografie wollten Sie ursprünglich Jazzmusiker werden?

Auf der Bühne spiele ich oft Klavier und lese dazu Gedichte und ich mache auch sonst viel Musik. Aber meine Zeit auf der Jazzschule in Bern hat mir den Jazz verdorben. Nachdem ich an dieser Schule war, habe ich keinen Jazz mehr gehört. Ich war enttäuscht. Als ich angefangen habe, Jazz zu hören, war es für mich eine Befreiung. Es war eine wilde Musik! Und dann kommt man an die Schule und der Jazz wird behandelt wie klassische Musik. Es gibt ganz klare Regeln, und die Lehrer sind frustrierte Musiker, die gerne in einer Band mitgemacht hätten, aber dann in der Schule gelandet sind.

Wie verbinden Sie denn nun die Lyrik mit der Musik? Schreiben Sie zuerst Gedichte oder haben Sie erst eine Melodie im Kopf?

Ich warte oft auf eine erste Zeile, und diese erste Zeile ist dann oft auch eine Melodie. Es ist, wie wenn ich eine Melodie spiele auf dem Klavier, dann ist schon in dieser Grundmelodie das Lied angelegt. Oft weiß ich auch gar nicht, was diese erste Zeile überhaupt soll, aber gerade das ist das Schöne daran. Denn meist ist es so, dass das Gedicht mir dann die Antwort liefert.

Haben sie bestimmte kreative Phasen oder überkommt es Sie einfach?

Also das Unterwegssein ist schon hilfreich. Wenn ich zu Hause bin, habe ich oft viel anderes zu tun und zu erledigen. Aber wenn ich unterwegs bin, dann verspüre ich diese Leichtigkeit. Und meist habe ich auch die Augen mehr offen, weil ich nicht immer weiß, wo ich überhaupt lang muss, und bin dann wirklich wach. Aber es gibt auch Momente, wo es mich überkommt, das sind dann die schönsten Momente. Es kann also passieren, dass ich mitten in der Nacht aufwache, ein gutes Gedicht schreibe und glücklich wieder einschlafe.

Haben Sie ein Lieblingsgedicht oder Vorbilder?

IMG 0005Ich wurde von verschiedenen Lyrikern sehr beeinflusst, aber mein absoluter Liebling war schon lange Zeit H.C Artmann, den ich auch persönlich gekannt habe. Er war es, der meine ersten Gedichte zur Veröffentlichung gebracht hat. Was ich vor allem an ihn mochte war, dass er ganz unterschiedliche Dinge geschrieben hat. Aber unter all diesen Masken hatte er immer einen Stil, der übrig blieb. Ein Freund hat mal gesagt: „Stil ist wie die eigene Handschrift“.

Ihr Vater war ebenfalls Lyriker, hatte das Auswirkungen auf Sie?

Nun, schon als Kind war mir klar, dass Texte nicht auf Bäumen wachsen, sondern dass die wirklich jemand schreibt. Mein Vater war als Pfarrer auch recht bekannt im Radio und Fernsehen, und dadurch hatte ich auch nie eine wirkliche Scheu vor Autoritäten. So kam es, dass ich mich vielen Leuten, die als Autorität beschaut wurden, nicht frech aber ganz natürlich genähert habe. Aber weil mein Vater eben auch geschrieben hat, war es am Anfang für mich schwer, selbst zu schreiben. Meist habe ich die Texte vor ihm versteckt. Die ersten Gedichte, die er dann von mir gelesen hat, hat er auch ziemlich verrissen. Dann gab es auch eine Phase, wo ich dachte, dass er eifersüchtig ist, weil er eigentlich auch gerne Schriftsteller geworden wäre. Aber jetzt haben wir eine gute Beziehung, treten gemeinsam auf und haben auch gemeinsam Bücher herausgebracht. 

  

Dieses Gespräch führten Lea Wulf, Racine van der Sloot und Ruby van Leeuwen am 1. Juni 2012  im Wallsaal der Zentralbibliothek Bremen.

Transkribiert von Lea Wulf, Racine van der Sloot und Ruby van Leeuwen