Raphael Urweider: Workshop

Workshop mit Raphael Urweider, Freitag, 01. Juni 2012Was ist ein Gedicht ?

IMG 0817Noch ist alles still in dem kleinen Wallsaal der Stadtbibliothek Bremen. Die Kekse und Gummibärchen liegen unschuldig auf dem Tisch und die Türen sind noch verschlossen. In der Mitte des Raumes sitzt ein junger Mann mit rabenschwarzen, nach hinten gegelten Haaren, dunkler Brille und einem leichten Lächeln im Gesicht. In der einen Hand hält er einen Cafe2go-Becher, in der anderen einen Kugelschreiber, mit dem er lebhaft auf sein Bein trommelt. Da ertönt leises Stimmengewirr im Treppenhaus, und kurz darauf strömen die ersten Schüler aus dem Schulzentrum Obervieland heiter schwatzend in den Saal. Begleitet werden sie von ihrer Lehrerin Frau Rose. Nach einigem Hin und Her hat schließlich jeder einen Platz auf den im Halbkreis aufgestellten Stühlen gefunden und tuschelt leise weiter. Der Mann vor ihnen lässt sich davon nicht beeindrucken.
IMG 9969Nach einer kurzen Begrüßung und Einführung durch die Projektleiterin Ursel Bäumer legt der Mann Becher und Stift beiseite und lehnt sich wieder zurück, wobei er beinah in dem roten Ledersessel versinkt. Als auch das letzte nervöse Lachen verstummt, erhebt er die Stimme. Ruhig und sanft ist sie, mit einem leichten schweizerischen Akzent: „Ich bin Raphael Urweider“….
Zuerst erzählt der Lyriker von seinem Leben und seinen Erfolgen. Die Schüler sind erstaunt, denn er betont immer wieder, dass er das Schreiben keineswegs als Beruf ansieht, sondern eher als Behauptung, und dass es ihm lediglich Spaß mache zu schreiben, er davon aber nie leben könne. „Wenn alle Leute, die Gedichte schreiben, auch selber welche lesen würden, wäre das ein großes Geschäft“. Man blickt in fragende Gesichter und zugleich heben sich einige Hände in die Höhe. Und es ist klar, dass die Frage aufkommt, wovon er denn leben könne. Der Schweizer entpuppt sich als vielseitige und kreative Person. Er macht Musik, schreibt Theaterstücke, übersetzt  Bücher aus dem Englischen und rappt in einer Band. Bei Letzterem horchen die Jugendlichen auf und wechseln verstohlenes Grinsen. IMG 9971Einige können sich sofort mit dem sympathischen Lyriker identifizieren. Nun hat aber auch er eine Frage an die Schüler: „Was ist ein Gedicht?“ Als er bemerkt, dass die Schüler/innen darauf noch keine Antwort finden, zitiert er zur Veranschaulichung einen Spruch auf dem Pullover eines Schülers und erklärt, dass auch das ein Gedicht sein kann. Denn Poesie bestehe nicht unbedingt aus Reimen, sondern in erster Linie aus Melodie und Rhythmus. Und ein gutes Gedicht, so Urweider, sei ein Gedicht, das das Offensichtliche vermeide. Nach weiteren theoretischen Ausführungen liest Raphael aus seinem letzten Gedichtband „Alle deine Namen“ vor. Vor allem die, in denen Waschmaschinen oder Alkohol vorkommen, rufen bei den Jugendlichen amüsiertes Gelächter hervor. Auch einige seiner Liebesgedichte von „antonia“ bis „zoe“, für jeden Buchstaben im Alphabet hat er eins geschrieben, trägt der Autor vor. Es fällt auf, dass er in seinen Gedichtbänden oft nach gewissen Regeln arbeitet. Mal wählt er für seine Gedichte die gleiche Zeilenanzahl, mal die gleiche Anzahl an Wörtern, oder er arbeitet, wie bei den Liebesgedichten, nach dem Alphabet. Spielregeln nennt er sie. Die zunächst noch verhaltenen Schüler/innen lauschen nach einer gewissen Zeit immer gebannter. Schließlich kommt die Frage: „Wann fällt Ihnen eigentlich etwas ein?“ Der Autor erzählt, dass ihm meistens unterwegs etwas einfalle, und er somit fast immer einen Block und einen Stift dabei habe. Er schreibe dann einfach drauflos. Die größte Arbeit sei später das Verändern und Umschreiben, bis sie irgendwann in Druck gehen. Endlich erhalten die Schüler/innen ihre erste richtige Aufgabe. Die Jugendlichen sollen ein Brainstorming zum Thema Sommer machen und dann ein Sommergedicht schreiben, in dem diese Wörter gerade NICHT vorkommen. „Denn, wenn Leute z.B etwas über die Nacht schreiben wollen, dann kommt meistens der Mond und dergleichen darin vor. Das wollen wir aber vermeiden.“ Sogleich fangen die Schüler/innen an, konzentriert  zu schreiben. Es ist nur noch das leise Murmeln und Austauschen von Ideen und das Kratzen von Stiften auf Papier zuhören. Doch schon bald herrscht eine gewisse Unruhe. Einige der Jugendlichen fangen an, Gruppen zu bilden, um gemeinsam die Aufgabe zu meistern, und nach 20 Minuten präsentieren sie ihre Ergebnisse. Einige der Gedichte sind wirklich gut und bekommen viel Lob und Zuspruch von Raphael Urweider. Andere, die sich vor allem um „die Freuden des Lebens“ drehen, bekommen ein verhaltenes Grinsen der Mitschüler und ein kühles Lächeln des Dichters. IMG 9978Eine kleine Pause wird eingelegt und die Schüler/innen können sich mit Süßem und Getränken versorgen, denn das Schreiben ist ganz schön anstrengend. Und dann geht es auch schon weiter. Raphael erzählt, dass es beim Schreiben wichtig ist, genau zu sein und Gerüche, Farben, Geräusche und Stimmungen genau zu beschreiben. In Zweier-bzw. Dreiergruppen geht es nun nach draußen. Der Erste der Gruppe soll ein kurzes Gedicht über einen Gegenstand oder eine Person schreiben, der Zweite schreibt seine eigene Version zu diesem Gedicht. Danach wechseln die Rollen. Bei dieser Aufgabe sind die Schüler viel offener und die entstandenen Gedichte haben deutlich an Niveau und Tiefsinn gewonnen. Die Ergebnisse und Interpretationen sind sehr unterschiedlich, obwohl oft dieselben Gegenstände gewählt wurden. Dies lobt der Schweizer und betont noch einmal, dass die Sprache nicht immer ein Mittel zum Zweck ist: „Die Worte bilden so etwas wie eine Statue, aber sie bilden nie etwas ab.“ Nach diesem gelungenem Schlusssatz und drei Stunden Lyrik zum Anfassen, verlassen die Jugendlichen den Wallsaal voller neuer Kenntnisse und Eindrücke.

(Racine van der Sloot, Lea Wulf und Ruby van Leeuwen)

Hier noch mehr Fotos vom Workshop:

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