Joachim Meyerhoff: Workshop

Workshop mit J.Meyerhoff am 25.1.2012: Das Erfinden – ein archäologisches Instrument

IMG_9188.JPG„Nehmt die Möglichkeit des Erfindens als eine Art phantasievollen Spickzettel.“ Dass er schauspielerische Erfahrungen hat, macht sich sofort bemerkbar. Kaum öffnet Joachim Meyerhoff den Mund, hört man ihm automatisch gebannt zu. Seine offene Gestik, seine ausdrucksvolle Mimik, all das lässt auch die SchülerInnen der KSA an seinen Lippen kleben. Nach einer Begrüßung durch Ursel Bäumer, die erst den Autor und dann die Arbeit von workshop literatur kurz vorstellt, beginnt Joachim Meyerhoff sogleich zu erzählen, was Autobiografie, die in seinem Debütroman eine wichtige Rolle spielt, für ihn persönlich eigentlich ist: „Das autobiografische Schreiben kann man auch als subjektive Wahrheit beschreiben. Im positiven Sinne lässt sie sich als Fiktion, im negativen als Lüge darstellen. So oder so stecken in jedem autobiografischen Text Erfindungen.“ Und auf diesen, mit Erfindungen vermischten, Erinnerungen baut seine Schreibaufgabe für die SchülerInnen auf.
IMG_9157.JPGZunächst sollen sie eine reale Situation beschreiben. Drei Themen stehen hierbei zur Auswahl:
1. Tod eines geliebten Haustieres.
2. Ein Unfall, den sie selbst erlebt oder beobachtet haben.
3. Beobachtung einer Situation, einer Person, die sie eher unfreiwillig, zufällig, heimlich gemacht haben ( Schlüssellochsituation)
Und in dieser Beschreibung sollen sie etwas hinzuerfinden: eine Person, eine Eigenart, eine Handlung etc., die es in Wirklichkeit so nicht gegeben hat.
„Wir sind visuell geprägt, wir glauben, dass Fotos und Videos unsere Erinnerungen halten. Dabei hält Literatur diese am besten. Nirgendwo anders lassen sich Emotionen, Gerüche, Wetter und Gedanken so präzise festhalten. Und durch die dazu gehörende Erfindung kann man sogar Dinge, die man in der realen Situation verpasst oder falsch gemacht hat, wieder aufholen. Man kann es sich herwünschen.“
IMG_9183.JPGEr glaube nicht an das Ordentliche, eher an das Erfinden. Joachim Meyerhoff bezeichnet das Erfinden als „archäologisches Instrument“,durch welches einem verloren geglaubte Erinnerungen wieder in den Sinn kommen, denn diese „verlorenen“ Erinnerungen erscheinen ihm wie ein Verlust. Doch durch das Dazuerfinden lassen sie sich manchmal wieder in das Gedächtnis rufen. Eben dieses Instrument sollen die SchülerInnen für ihre Texte nun verwenden.
Nachdem sie sich fünf Minuten miteinander austauschen durften, geht es an die Arbeit. Vollkommene Stille im Wallsaal der Stadtbibliothek, die nur vom Kratzen der Stifte auf dem Papier unterbrochen wird. Jeder arbeitet für sich selbst, vollkommen vertieft ins Schreiben. Denn das sei eines der positivsten Dinge beim Schreiben, so Meyerhoff, man kann es alleine tun und braucht hierbei keinen, der einem hilft.
Nachdem die vorgegebene Zeit abgelaufen ist, dürfen die, die noch mitten im Schreibrausch stecken, noch zu Ende schreiben. Als dann auch die letzen Kugelschreiber beiseite gelegt werden, lesen ein paar SchülerInnen ihre Ergebnisse
IMG_9184.JPGvor: bewegende Texte über den Verlust eines geliebten Haustieres, über selbst erlebte oder beobachtete Unfälle bis hin zu philosophischen Erzählungen über das Beobachten von Menschen. Jeder junge Nachwuchsautor erhält von Meyerhoff eine ausgiebige Kritik, in der die positiven Dinge des geschriebenen Textes besonders hervorgehoben werden. Man merkt dem Schauspieler und Autor die Freude an der Arbeit mit den Jugendlichen an, und die scheinen sich vollkommen mit ihm identifizieren zu können. IMG_9171.JPGAn einigen passenden Stellen baut Joachim Meyerhoff humorvolle Alltagsgeschichten ein, über welche herzlich gelacht wird. Die Stunde vergeht wie im Flug, und als es an der Zeit ist zu gehen, verlassen die beeindruckten Mädchen und Jungen voller neuer Eindrücke, auch über ihre Klassenkameraden, den Raum.

(Lea und Racine)

 

 

Hier alle Fotos aus den beiden Workshops: {gallery}veranstaltungen/25_01_2012_workshop_joachim_meyerhoff{/gallery}