Joachim Meyerhoff: Lesung

„War das jetzt zu kurz?“

IMG_3988.jpgNachdem sich das Gemurmel der SchülerInnen des Kippenberg Gymnasiums und des Schulzentrums an der Kurt-Schumacher-Allee gelegt hat, begrüßt Frank Müller-Hübner von der Öffentlichen Versicherung Bremen das Publikum. Die ÖVB, in deren Räumen die Veranstaltung stattfindet, stiftet seit Jahren den mit 6000 Euro dotierten Förderpreis zum Bremer Literaturpreis.
„Könnt ihr mich hören?“, sind die ersten Worte des bodenständig und sympathisch wirkenden Förderpreisträgers Joachim Meyerhoff, auf den sich jetzt gespannt die Augen der SchülerInnen richten. Er spricht mit rauer deutlicher Stimme, so dass auch alle in den letzten Reihen ihn verstehen können. „Es geht um die Zeit, als ich 17 war“, beginnt Meyerhoff.

Vom ersten Moment an können die SchülerInnen sich mit dem Autor identifizieren, und als er laut und deutlich anfängt, die erste, kurze Passage aus seinem Buch zu lesen, hören sie ihm aufmerksam zu. Wahrscheinlich liegt es auch an der Art, wie er liest, authentisch und mit der richtigen Portion Humor in der Stimme, dass er die Zuhörer zum Lachen bringt. Sein erster Ausschnitt versetzt uns in die Zeit seiner Kindheit, beschreibt ein nettes und lustiges Erlebnis im Rutschen-Park in Hamburg. Die Wörter, die er liest, lebendig und ausdruckstark, erzeugen Bilder im Kopf, man kann sich richtig vorstellen, wie der junge Meyerhoff mit seinen Lederhosen in der Rutsche stecken blieb. Die SchülerInnen fiebern mit, die meisten Zuhörer wirken gar begeistert  und hängen gebannt an seinen Lippen. Weiter lesen!, denk ich mir. Bloß nicht aufhören! Doch da endet der erste Ausschnitt bereits und Meyerhoff wendet sich dem zweiten zu, genauso fesselnd wie der erste, fast noch besser.

IMG_4111.jpgNach der Lesung gibt es tosenden Applaus. Nachdem der Autor noch kurz den Inhalt seines Buches zusammenfasst, natürlich ohne die Peripetie zu verraten, bedankt er sich für das Zuhören und hofft, dass seine Lesung die SchülerInnen zu eigenem Lesen angeregt hat. Sein letzter Satz lautet: „War das jetzt zu kurz?“ Die Antwort: „Ja, wir hätten Ihnen noch ewig zuhören können!“
Auf Wunsch der SchülerInnen liest er noch einen weiteren kurzen Auszug. Thema: Sein Stundenplan in Amerika, genauso humorvoll und witzig, wie die beiden ersten. Nachdem der Applaus ein weiteres Mal abgeklungen ist, gibt es nun Zeit, Fragen zu stellen. Mit Eifer stürzen sich die Zuhörer auf den Autor, durchlöchern ihn geradezu. Ob es ihm schwer gefallen sei, aus Deutschland wegzugehen? Wie seine Freunde, seine Familie damit umgegangen seien? Ob er vergangene Erlebnisse aufarbeiten wolle? Ob das Schwierige beim autobiografischen Schreiben sei, private Erlebnisse mit vielen Leuten zu teilen?
IMG_4121.jpgNein, so Meyerhoff, im Gegenteil sei es etwas Schönes, solche Erlebnisse mit Menschen zu teilen, es sei zwar schon Jahre her, doch durch das Schreiben an diesem Buch, sei ihm alles wieder so nah. „Es ist eigentlich alles wahr, was ich geschrieben habe“, so der Autor, „und doch bin ich so frei, etwas zu verändern, denn die Erinnerungen nach dem Austausch sind anders, als während dessen, auch die schwierigen Momente erscheinen einem jetzt notwendig, nur so bin ich der geworden, der ich jetzt bin. Durch die Erfahrungen, die ich gemacht habe, habe ich mich auch verändert, ich habe jetzt diesen Aufbruchsimpuls verinnerlicht. Nach meiner Retroperspektive habe ich wieder richtige Lust auf Amerika bekommen. Das ist etwas Tolles, was ich durch mein tägliches Schreiben an meinem Werk erreicht habe.“ Nach einer weiteren kurzen Dankesrede ist es dann an der Zeit für private Gespräche und für Verpflegung mit Gebäck und Saft.

Lesung am 24.01.2012 im Konferenzraum der ÖVB in der Martinistraße

(Lea und Racine)