Joachim Meyerhoff: Interview

IMG_9179.JPG Erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Bremer Förderpreis! Es ist wahrscheinlich total schön für Sie, dass Ihr Debütroman so eingeschlagen hat. Haben Sie sich denn beim Schreiben vorstellen können, dass ihr Roman Preise bekommen wird oder war der Erfolg sehr überraschend für Sie?

IMG_9177.JPGAlso an Preise habe ich beim Schreiben niemals gedacht. Ich habe natürlich gehofft, dass es sich ganz gut verkauft, aber habe nie damit gerechnet, einen Preis zu gewinnen.
Ich habe vorher noch einen anderen Preis gewonnen, den Franz Tumler Preis in Südtirol. Das war völlig absurd, ich hatte noch nie von diesem Franz Tumler gehört und musste dann nach Südtirol in einen ganz kleinen Ort fahren. Nein, mit Preisen habe ich überhaupt nicht gerechtet.
Aber dieser Bremer Preis ist insofern ein ganz schöner und besonderer Preis, weil er ein traditioneller und langjährig anerkannter Preis ist, und es tolle Preisträger gibt. Und es ist sehr schön, weil ich ja selber aus dem Norden komme, aus Schleswig, und die Geschichten ja auch im Norden spielen. Deswegen fühle ich mich mit diesem Bremer Preis sehr geehrt.

Sie sind ja hauptberuflich Schauspieler. Können Sie sich vorstellen, nach dem Erfolg Ihres Debütromans Ihren Schwerpunkt auf das Schreiben zu verlegen?

IMG_9176.JPGAlso, ich versuche schon, weiter zu schreiben, aber es ist immer ein unglaublicher Spagat. Ich spiele viel Theater und mag das auch gerne. Es ist ja ein sehr sozialer Beruf, man ist viel mit Menschen zusammen, und das brauche ich einfach auch. Das Schreiben ist ein einsames Geschäft. Eigentlich ist es, wenn man beides irgendwie schaffen würde, das Tollste. Aber es ist gar nicht so einfach. Wenn man dann so ein Buch schreibt, braucht man viel Zeit und Konzentration. Und dann nebenher auch noch Spielen… Ab und zu denke ich, ich schaff’s überhaupt nicht. Dann denke ich: Wenn ich Theater spiele, möchte ich mehr Schreiben, und wenn ich schreibe, denke ich: Oh Gott, jetzt möchte ich wieder Theater spielen. Es ist ein stetes Hin und Her.

Sie sagten gestern, wie auch gerade eben im Workshop, dass man beim Erinnern auch gleichzeitig immer erfindet. Inwiefern wirkt sich das auf Ihren Roman aus? Der ist ja eine Erinnerung über ein ganzes Jahr hinweg, haben Sie da ganze Personen neu erfunden oder nur Situationen und Dialoge?

IMG_9178.JPGAlso, das Personal ist im Großen und Ganzen authentisch, da ist nichts erfunden. Aber es ist über 25 Jahre her. Natürlich erinnere ich mich nicht mehr an Dialoge und genaue Satzfolgen. Und da habe ich zum Teil erfunden. Aber ich finde die Grenze so wahnsinnig langweilig. Wenn man sagt, hier ist noch der wahre Satz, hier der erfundene Satz. Der war wieder wahr, dieser ist erfunden. Es ist für uns schon wichtig in der Welt, dass wir das trennen, was wir uns als Fantasien vorstellen und was wir als reales Dasein begreifen. Aber ich finde, dass die Grenzen offener und verwaschener sind. Wenn wir zum Beispiel jede Nacht träumen, machen wir genau das: Man öffnet irgendetwas ganz Anderes, Irrationales, etwas ganz Fantastisches. Diese Möglichkeit fantastisch zu sein, im Traum oder in Tagträumen, ist jedem zutiefst gegeben.
Aber auch Sehnsüchte. Man formuliert die ja ganz konkret für sich. Wie man sich vorstellt, dass man gerne etwas hätte, ob in Liebesdingen oder wie auch immer. Was man sich erhofft.
Das ist beim Schreiben auch nicht anders. Man hat auch im Schreiben Sehnsüchte. Deswegen ist dieser Roman in großen Teilen authentisch und  in anderen Teilen, sagen wir mal so, in anderer Form authentisch,. nämlich in der Erfindung. Ich habe das für mich gar nicht mehr so klar getrennt, wo die Fiktion ist, wo das Authentische ist. Aber ich versuche ja auch ein Schriftsteller zu sein. Ich bin kein Journalist, ein Journalist darf das nicht. Ein Journalist muss Fakten liefern, ein Journalist darf nichts verfälschen. Aber ein Schriftsteller, finde ich, hat alles Recht der Welt dazu.

Ich knüpf gleich mal an Ihr Auslandsjahr an. Was war Ihr persönliches Highlight während ihrer Zeit in den USA?

IMG_9180.JPGGanz klar, meine Absicht war ja, dort Basketball zu spielen. Und ich habe mir nie erträumt, dass ich es in diese Mannschaft schaffe. Es ist ja auch ein Teil in diesem Buch, dass ich bei den Ausscheidungswettkämpfen dabei bin und so. Dann komme ich halt in die erste Mannschaft und darf mit denen trainieren. War aber auch ein bisschen zwielichtig, weil dieser Trainer so ein Deutschen- Freund war. Er liebte Deutschland. Es war etwas zwielichtig, warum er gerade Deutschland und die Deutschen so liebte. Er züchtete Schäferhunde, das Ganze war etwas komisch. Auf jeden Fall schaffte ich es in das Team. Ich habe zwar nicht mitgespielt, aber mittrainiert und durfte da mitmachen. Das war total das Highlight.
In Amerika, da war dieser Sport auf einmal so zentral. Mittlerweile ja auch hier. Damals war das so ein Lebensmotiv, und man war in der Mannschaft und war auch wer. Man war in dieser Auswahl, das war sehr aufregend. Aber ansonsten ist das ein Riesengeflecht aus kleinen Dingen, die das Besondere ausmachen. Auf einmal ist alles anders. Die Straßenmarkierungen sind anders, die Straßenschilder, die Autos, das Wetter. Das begreift man auch erst im Nachhinein, finde ich, wie anders das dann so ist.

Haben Sie denn manchmal beim Schreiben das Gefühl gehabt, hier ist jetzt eine Grenze, das ist zu persönlich?

Ja, genau. Darum geht es natürlich die ganze Zeit. Es geht ja auch darum, dass mein Bruder in dem Jahr verunglückt ist und ich wieder zurück nach Deutschland musste. Da gibt es natürlich Grenzen, wo man auch selber sagt, das ist jetzt zu schmerzhaft. Natürlich auch für die Eltern, die man in Schutz nehmen muss, in ihrem Kummer. Da gibt es Grenzen, aber ich finde, die gibt es in jedem Zusammenleben miteinander. Da gibt es diese Grenzen, die man spürt und die man mal verletzt,. und dann versucht, wieder gut zu machen. Und so ist das in dem Buch letztlich auch. Man geht an diese Grenzen ran, dann geht man vielleicht auch mal rüber. Ich bin wirklich nicht jemand, dem es per se um Verletzung geht. Aber man riskiert immer, dass man sich zu nahe tritt. Aber dieses jemandem -zu nahe zu treten, das hat auch was. Also, ich will auch gar nicht sagen, dass das nicht gut ist. Es ist eine Form von Begegnung. Oft begegnet man sich und man lässt den anderen einen gewissen Raum. Das ist auch richtig. Aber oft finde ich es gut, wenn man einen Schritt rüber geht, weil dann etwas passiert, auch miteinander. Das ist gar nicht so schlimm, man muss nicht immer in diesen geregelten Formen miteinander umgehen, man darf auch mal einen Schritt weitergehen.

Normalerweise spielen Sie ja auf der Bühne. Haben Sie jetzt Gefallen daran gefunden, mal etwas ruhiger dazusitzen und nur zu lesen?

Das war genau der Grund, warum diese Leseabende entstanden sind. Ich habe immer Theater gespielt und bin dabei so viel herum gezappelt, dass ich dachte, jetzt ist es aber genug. Setz dich mal hin und guck, was es bedeutet, mal nur zu erzählen. Das ist ja der Ursprung des Theaters. Letztendlich sind es Dialoge, es sind Stücke, es ist Dramatik. Auch das Erzählen auf der Bühne hat etwas Dramatisches. Ich fand Lesungen eigentlich immer langweilig, so Schriftstellerlesungen. Ich wollte das Metier der Lesungen mal ein bisschen neu erfinden. Deswegen gibt es auch dokumentarisches Material, dann wird mal eine Szene gespielt.
Es ist sehr offen als Form.
Aber, nein, es war als Ausgleich zum permanenten Spielen gedacht. 

Dieses Gespräch führten Lisa Urlbauer, Whitney Omafodezi, Lea Wulf und Racine van der Sloot am 25.1.2012 im Wallsaal der Zentralbibliothek Bremen.

Transkribiert von Lisa Urlbauer