Ergebnisse aus den Workshops mit Joachim Meyerhoff am 25.1.2012

Eiskalter Winter.

Eiskalter Winter. Mindestens minus 15 Grad. Mein Miniteich, der eher einer Pfütze ähnelte, war mit seiner Wassertiefe von dreißig Zentimetern hoffnungslos zugefroren. Von den Fischen keine Spur – außer ein verdächtiger Goldschimmer kurz unter der Oberfläche. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich einen der Goldfische – er hieß Sissy – in Bauchlage im Eis eingefroren. Da er so weit oben lag, dachte ich noch:“Der Arme, den hat es wohl schon gleich am Anfang getroffen, kein Durchhaltevermögen – nun gut, was sollte ich erwarten, es war schließlich ein verzogener, an Wärme gewöhnter Futterhausfisch.“ Es musste schrecklich sein zu erfrieren, das sah ich deutlich an den weit offenen, leblosen Fischaugen. Ich war abgeschweift und hatte gedankenverloren auf einen undefinierbaren Punkt in der Ferne geguckt und stand nun schon eine ganze Weile am Fischteich, meine Zehen meldeten Eiszapfenmodus. Da dieser Tag immerhin etwas wärmer war als die letzten und die Sonne direkt auf den Teich schien, war die oberste Schicht – nur Millimeter – aufgetaut. Winzige Eisschollen schwammen auf dem restlichen Eis, es trennte sie nur ein wenig Eiswasser. Trotzdem – mit meinem Kescher schaffte ich es nicht, den Fisch aus dem Teich zu holen. Da ich es aber nicht ertragen konnte zu wissen, dass da ein Toter lag, überlegte ich mir eine andere Methode.
Ich holte mir aus Papas Werkstatt einen Schraubenzieher und aus dem Wasserhahn in der Waschküche warmes Wasser. Dieses goss ich dann auf die Stelle, wo man das matte Gold von Sissy schimmern sah und machte mich mit dem Schraubenzieher an die Arbeit, den Fisch im Block systematisch heraus zu hauen. Durch das warme Wasser taute die Umgebung langsam auf – ich hatte es leichter zu hauen, allerdings war meine Sicht auch verschwommener und ich wollte nicht die gefrorenen Flossen aus Versehen abschlagen – die Stücke einzusammeln wäre nun wirklich unästhetisch gewesen. Schließlich hatte ich es geschafft und wollte gerade mit dem Fisch im Kescher zur Biotonne gehen, als ich beim Hochheben ein verdächtiges Zucken der Schwanzflosse bemerkte. Ich dachte, ich hätte Halluzinationen und hob ihn ganz heraus. Diesmal sah ich ganz deutlich, wie Sissy sich bewegte. Erschrocken ließ ich den Kescher mit dem Eisfisch fallen und überlegte nächste Schritte. Schnell fiel mir ein, dass Wärme immer ein gutes Mittel gegen Kälte war, und somit holte ich neues warmes Wasser, naja, eigentlich ziemlich heißes Wasser. Als ich den Eimer hinaustrug, stieg der Wasserdampf wie Nebel vor mir auf. Keine zehn Schritte später war ich am Teich angekommen, schmiss den Fisch mit dem Kescher hinein und beobachtete fasziniert, was wohl passieren würde. Zuerst kaum eine Veränderung; Eis schwimmt oben, Eisfische also auch – wieder was gelernt, dachte ich. Doch dann ging es plötzlich ganz schnell – nach wenigen Minuten schwamm Sissy glücklich und zufrieden in dem warmen Plastikeimer herum, als wäre nichts gewesen. Von wegen Auferstehung – da gibt es sicher eine ganz natürliche biologische Erklärung, sagte mir der logisch denkende Teil meines Gehirns. Doch der Rest in mir zweifelte…

(Laura)

 

Benny

Wir hatten einen Hund, der Benny hieß. Insofern „Wir hatten“, weil er schon gestorben ist. Ich war damals in der 4ten Klasse. Benny war ein Hund, der nicht so verspielt war und sich auch nicht gerne hat knuddeln lassen. Mein Bruder war mehr mit ihm „befreundet“, als ich. Er sagte immer, das läge daran,dass ich Benny zu fest umarmte. Ich glaube das nicht.
Benny fraß nicht. Wir dachten, es hinge mit dem Futter zusammen und probierten deswegen ständig neues aus. Er wurde immer dünner und lag oft auf seinem Lieblingsplatz in der Küche vor der Gartentür. Die verschiedenen Tierärzte, bei denen wir waren, fanden nichts bei ihm und meinten er sei völlig gesund. Eines Tages, als mein Bruder und ich aus der Schule kamen, war niemand zuhause. Die Nachbarin sagte uns, wir sollten bei ihr essen. Es gab irgendwas mit Kartoffeln in einer hellen Soße. Das weiß ich noch genau, weil ich vorher noch nie dort gegessen hatte und das „Essverhalten“ bei ihnen anders war. Beim Essen wurde nicht geredet. Das war schwer für mich. Schon damals redete ich viel, die ganze Zeit. Irgendwann kamen meine Eltern dann zurück. Erst fiel es uns nicht auf, aber nach einer Weile schon. Benny war nicht da. Wir fragten nach und unsere Eltern setzten sich mit uns aufs Sofa. Sie erzählten uns, dass sie mit Benny bei einem neuen Tierarzt gewesen waren, weil es ihm viel schlechter ging. Der Tierarzt hatte herausgefunden, dass Bennys Niere total von irgendwelchen Bakterien zerfressen war. Er musste die ganze Zeit starke Schmerzen gehabt haben. Wenn es schon früher entdeckt worden wäre, hätte ihm noch geholfen werden können, aber so…Er musste eingeschläfert werden.
Noch heute, wenn ich im Wartezimmer mit unserem neuen Hund sitze, muss ich an ihn denken. Unser neuer Hund ist seine Halbschwester. Ein halbes Jahr nachdem wir Benny verloren hatten, bekamen wir Zora. Eine verschmuste fröhliche, liebevolle kleine Hündin die nach sechs Jahren immer noch kerngesund ist.

(Antonie)

 

Mein vierbeiniger Freund

Ich verstand nicht, wieso sie alle weinten. Was war denn so schlimm daran, in ein fremdes Land umzuziehen? Das kleine Mädchen, welches ich damals war, war aufgeregt, begeistert und voller Vorfreude. Was würde ich denn schon verlieren? Meine Freunde und Verwandten würde ich irgendwann wiedersehen und meiner Oma könnte ich Briefe schreiben. Es würde mir an nichts fehlen. Was sollte mir denn fehlen? Das Haus in dem ich aufgewachsen bin? Wie ich immer auf der Fensterbank saß und Salz naschte? Oder der Weg, über den ich täglich lief, auf dem ich oft hingefallen bin, auf welchem ich mit einem Stock malte, als wäre es ein Blatt. Der Sternenhimmel? Ich wusste es nicht. Die Älteren interessierten mich nicht, ich verstand ihre Gespräche sowieso nicht. Ein vier jähriges Mädchen wollte doch etwas Neues, etwas Abenteuerlustiges. Doch als sie alle anfingen zu weinen, drückte etwas und passte mir gar nicht. Es störte mich und ließ mich nicht lächeln! War es Angst? Nein! Es war ein kleiner goldener verspielter Hund. Mein Hund. Er war mein Freund. Ein treuer Freund. Ein Freund auf vier Pfoten. Er hieß Bim. Ein ungewöhnlicher aber auch unkomplizierter Name. Laut der Logik eines kleinen Mädchens wollte ich ihn zunächst Rosa nennen, doch mein Bruder bestand auf etwas Männlichem. Ich verliebte mich nicht gleich in ihn, denn ich wollte unbedingt eine Hündin, doch wiedermal wurde ich umgestimmt.
War es besser? Vielleicht wäre es leichter ohne ihn? Vielleicht würde dieser Schmerz in der Brust gar nicht existieren und ich könnte weg, weg aus diesem Dorf, weg von diesem Gefühl. Meine Familie und ich ließen diesen Ort, dieses Leben und viele Erinnerungen zurück. Wir stürzten uns in ein neues Leben, welches weit von meinem Alten entfernt lag. Wie von der Erde bis zum Mond, ja so weit kam es mir vor. Das Gefühl von Vermissen oder Heimweh kannte ich nicht. Meine Neugier auf etwas Neues war einfach zu groß, sie überwältigte jedes andere Gefühl.
Doch nach einigen Monaten, als das Neue zum Alltag wurde, las mir meine Mutter den Brief meiner Oma vor. Ich überflog alle Zeilen bis auf eine: „Er wollte nichts mehr fressen, er lief weg, er kam nicht wieder, keiner suchte ihn, er war allein.“ Was sollte dies bedeuten…? Ich ließ ihn im Stich! Ich nahm ihn nicht mit! Ich ließ ihn einfach zurück!
Es war leise. Ich weinte nicht. Doch das Mädchen, welches ihn streichelte, ihn küsste, ihn ärgerte, mit ihm spielte, dieses Mädchen weinte. Sie weinte und blieb mit ihm zurück, in der Vergangenheit, in einem Teil meiner Erinnerung und in einem Teil meines Herzens. Bim war mein Freund, den ich niemals vergessen werde und dem ich schon in der Grundschule eine Geschichte widmete. Durch meine Erinnerungen versuche ich, ihn am Leben zu halten, meinen Hund. Und jedes Mal wenn ich wieder in dieses alte und kleine Dorf fahre, weiß ich, warum sie alle weinen.

(Viktoria)

 

Mein Unfall

Als ich sechs Jahre alt war, spielte ich mit meiner besten Freundin das Spiel „Katze und Maus“. Bei diesem Spiel liegen in der Mitte auf einem kleinen Stoffkreis kleine Holzmäuse, die an einem Wollfaden befestigt sind. Diese kleinen Mäuse muss man dann mit einem kleinen Topf versuchen zu fangen und der Gegenspieler muss versuchen, seine Mäuse zu retten, indem er sie am Faden wegzieht und so vor der „Katze“, also dem Metalltopf, verschont. Da meine Freundin und ich das Spiel nach den normalen Regeln jedoch zu langweilig fanden, beschlossen wir, den Spielbereich von dem kleinen blauen Stoffkreis auf die ganze Wohnung auszubreiten. Auf den Knien von Zimmer zu Zimmer rutschend spielten wir so „Katze und Maus“. Ich mit den Holzmäusen in der Hand und meine Freundin mit dem Metalltopf hinterher. Schließlich hatte meine Freundin die Holzmäuse mit dem Topf jedoch erwischt, die „Katze“ also, und somit auch meine Freundin, das Spiel gewonnen. Ich wollte das aber nicht so einfach akzeptieren und verlangte,dass wir das Spiel noch einmal von vorne anfangen sollten. Daraufhin meinte meine Freundin, dass sie keine Lust mehr hätte die Katze zu sein und lieber die Maus sein wollte. Das wollte ich aber wiederum nicht. Also rannte ich mit den Mäusen in der Hand vor ihr davon, und sie folgte mir. Als sie mich schließlich eingeholt hatte, riss sie mir die Mäuse aus der Hand und schubste mich von sich weg. Ich stand direkt vor der Heizung und schlug mir an den Stäben der Heizung den Kopf auf. Zuerst bemerkte ich gar nicht, dass ich eine tiefe Wunde hatte. Doch als ich zu meiner Mutter ging und merkte, wie sie meine Stirn wortwörtlich auseinander ziehen konnte, wusste ich, dass es wohl schlimmer sein musste, als ich dachte und fing an zu weinen. Mit einem Küchentuch auf die Stirn gedrückt fuhr mich mein Vater in die Notaufnahme, wo ein Arzt meine Wunde klebte und mir und meiner Freundin zum Trost für den ungewollten Verlauf des Nachmittags eine Plastikspritze in die Hand drückte.

(Helena)

Der Autounfall, den ich miterlebt habe

Mit der Unbekümmertheit einer 4-Jährigen tobte ich wild im Kindergarten herum, als uns endlich die Erzieherin hereinrief. Die Eltern warteten schon, um uns abzuholen. Mit einem breiten Lächeln und einem City-Roller in der Hand begrüßte mich mein
9-Jähriger Bruder Mark. Wir stritten uns eine Weile um den Roller, aber Mark überließ ihn schließlich mir. Wir machten uns auf dem Heimweg. Obwohl ich mich beeilte, war er mir immer einige Meter voraus. Ich versuchte ihn einzuholen, holte kräftig Schwung, so dass der Wind durch mein Haar wehte.
Mein Bruder erreichte vor mir die Kreuzung. Die Ampel zeigte Grün, wechselte dann aber von Grün auf Rot, als ich sie erreichte. Mark stand mitten auf der Straße, als ein Auto um die Ecke raste und direkt auf ihn zu fuhr. Starr, wie ein Zinnsoldat blieb ich an der Kreuzung stehen, ohne mich zu bewegen. Meinen Bruder zog es im nächsten Augenblick auf die Kühlerhaube des Fahrzeugs. Mit großer Wucht knallte er gegen die Windschutzscheibe, mir lief ein Schauer durch den Körper. Wie in Zeitlupe spielte sich das Unheil vor meinen Augen ab. Langsam rollte mein Bruder über das noch immer fahrende Auto, als sein bewusstloser Körper mit einem dumpfen Knall auf den Asphalt fiel.
In meinem Inneren spielte sich das Geschehene ab, wie eine Kassette, die einen Sprung hat. Ich konnte nicht glauben, was ich gerade gesehen hatte. Mit vor Angst erweiterten Pupillen stand ich immer noch auf der gleichen Stelle; während eine Ärztin, die auf ihrem Weg zum Dienst war, bereits das Krankenhaus informiert hatte. Sie leistete erste Hilfe, bevor die Sanitäter eintrafen. Diese brachten meinen Bruder mit der Trage ins nahegelegene Krankenhaus. Geschockt und hilflos folgte ich ihnen, wobei es mir vorkam, als wäre ich Luft für die anderen.
Schließlich fragte mich ein Sanitäter, ob Mark mein Bruder sei, ich nickte langsam, doch auf die Frage nach meiner Telefonnummer wusste ich keine Antwort.
Mark erwachte aus der Ohnmacht und konnte den Ärzten die Nummer sagen. Sofort wurde er in die Notaufnahme gebracht, wobei ich alleine in der großen Halle des Krankenhauses stehen blieb. Jemand verständigte meine Eltern. Immer noch stand ich wie angewurzelt da, als endlich meine Mutter in der Eingangstür erschien und ich weinend auf sie zu rannte.

(Carolin)

 

Weihnachtswunder

Alles war hell erleuchtet. Die Glocken läuteten. Es war Weihnachten. Das Fest der Liebe.
Aber ich hatte an diesem Tag, dem Weihnachten vor einem Jahr, weniger Glück, als die vielen Menschen, die nun strahlend vor dem Tannenbaum saßen und Lieder sangen.
Es fing alles so an wie immer. Ich ging mit meinen Eltern und Geschwistern wie jedes Jahr in den Gottesdienst und freute mich, danach etwas Gutes zu essen und meine Geschenke auszupacken. Doch dieses Jahr war etwas anders. Ich spürte es, irgendetwas stimmte nicht.
Nach dem Essen ging ich die Treppe hoch in mein Zimmer. In der Hand hielt ich eine kleine Knabberstange, die ich als Weihnachtsgeschenk für meinen Hamster besorgt hatte. „Er soll es an einem solchen Tag auch gut haben“, dachte ich voller Vorfreude auf seine Reaktion, wenn er diese mit seinen kleinen Pfoten festhalten würde.
Als ich mein Zimmer betrat, war alles ruhig. Seelenruhig. Viel zu ruhig. Ich machte das Licht an und sah… nichts.
Das war nicht sonderlich ungewöhnlich, da mein Hamster nachtaktiv war und meistens nicht vor 10 Uhr „aufstand“. Also wartete ich. Ich holte mir einen Stuhl, setzte mich vor den Käfig und starrte das kleine Holzhaus an, in dem er vermutlich schlief, während die anderen feierten.
Eine halbe Stunde verging und es war schon fast 11 Uhr, als ich beschloss, ihn vorsichtig zu wecken. Ich klopfte gegen sein Haus: Keine Reaktion. Was war los? Ich wurde aufgeregt, wusste aber nicht, warum ich mir Sorgen machte, schließlich war er einen Tag vorher noch munter im Käfig herum gelaufen, und besonders alt war er auch nicht.
Trotzdem hob ich das Dach des Hauses ab und schob vorsichtig die Watte zur Seite: Immer noch keine Reaktion. Plötzlich sah ich ihn. Er lag in der Ecke, hatte beide Augen geschlossen, und ich konnte die Kälte fühlen, die sein kleiner Körper ausstrahlte. Kein Zweifel, er war tot. Erschrocken rannte ich, die Knabberstange noch in der Hand, die Treppe zu meinen Eltern hinunter und erzählte ihnen von dem Unglück. Sie versuchten natürlich, mich zu trösten, doch die gewohnte Fröhlichkeit an einem Fest wie diesem war verflogen. Ich wollte nur noch ins Bett.
Am nächsten Morgen wurde ich von einem seltsamen Geräusch geweckt. Ich schreckte auf. Es war eine Mischung aus Schnaufen und Quietschen. Woher kam es?
Plötzlich sah ich es. Ich konnte es kaum glauben. Die kleine Nase meines hellbraunen Teddyhamsters lugte aus dem Haus heraus. Konnte das wahr sein? Lebte er wirklich? Ich ging näher an den Käfig heran und glaubte an Einbildung. Doch ich hatte mich nicht getäuscht. Er lebte!
„Auferstehung, das gibt es doch nur an Ostern!“, dachte ich. Zumindest war es mein kleines Weihnachtswunder.

(Annika)

 

Tod des Haustieres

Als ich, wie jeden Morgen, zu meinen drei Kaninchen ging, um sie zu füttern, lag die Älteste in ihrem Käfig und bewegte sich nicht. Sie hatte zwar noch die Augen geöffnet, doch irgendetwas stimmte nicht !
Ich öffnete also die Käfigtür, um sie zu streicheln und ihr, wenn möglich, zu helfen. Ihr Körper war schlaff und schwer, jedoch blinzelten ihre Augen mir zu. Die beiden anderen kleinen Kaninchen, die ich eine Woche zuvor von meiner Freundin bekommen hatte, steckten ihre Nasen in den angrenzenden Käfig der Älteren. Wie konnte das sein? Merkten die beiden Kleinen etwa, dass es ihr nicht gut ging? Oder waren sie einfach nur neidisch darauf, dass ich mich nicht um sie kümmerte?
Etwas später gab ich den Dreien etwas zu Fressen und fuhr wohl oder übel in die Schule. Doch an Unterricht bzw. daran, an diesem Tag etwas zu lernen, war nicht zu denken.
Als die Schule endlich zu Ende war, raste ich mit meinem Fahrrad nach Hause,und guckte sofort nach meinem kranken Kaninchen. Als ich den Raum betrat, fühlte ich mich unbehaglich. Doch das nützte nichts, ich ging also zum Käfig und sah, dass sie in genau derselben Stellung da lag, wie ich sie heute morgen gefunden hatte. Ich rief sofort meine Mutter, diese beugte sich über das starre Kaninchen und antwortete nicht. Sie sah stattdessen auf den Käfig der beiden Jüngeren. Ich folgte ihrem Blick, was ich da sah, war unglaublich. Die beiden Kleinen zogen sich durch die Gitterstäbe, um an das tote Kaninchen heran zu kommen. Mit Mühe schafften sie es. Sie leckten es ab und deckten es mit dem Stroh aus dem Käfig zu.
Noch am selben Tag beerdigte ich mit meiner Mutter das tote Kaninchen. Doch irgendwie empfand ich keine Trauer, sondern es war Bewunderung, die ich für die Kleinen emfand.

(Catharina)

 

Ein Morgen wie jeder andere

Ein Morgen wie jeder andere. Wir saßen im Chemieraum, 3. Stunde, und erholten uns von der vergangenen Mathearbeit. Sie war katastrophal verlaufen, die Meisten waren von vorneherein gar nicht erst erschienen. Und jene, die doch genügend Selbstwürde besaßen, kämpften nun mit einem neuen Kindheitstrauma. Jeder auf seiner Weise.
Ich hatte mich dafür entschieden, trübsinnig in meiner Chemiemappe zu blättern, und mich der darin enthaltenen, wesentlich besser verlaufenen, Arbeiten zu erfreuen. Es gelang leidlich.
Neben mir versuchte mein Freund Pascal noch, die Lösung der letzten Matheaufgabe zu meistern. Er konnte manchmal sehr stur sein. Die Stirn gefurcht, die dunklen Augen fest aufs Blatt gerichtet saß er da und tippte fieberhaft auf seinen Taschenrechner. Seine Linke kritzelte wirre Zahlen und Gleichungen auf die Rückseite des Chemiezettels, nur um sie noch in derselben Bewegung leise fluchend durchzustreichen „Maaan, was ist das für ne Scheiße hier?!“.
Ihm gegenüber starrte mein andere Freund Paul gedankenverloren an die leere Tafel, die, an sich schon verwegene Frisur, völlig zerzaust. Nach einiger Zeit stieß er ein tiefes Seufzen aus, nahm seine Brille ab und begann, sie zu putzen. Dabei ging er so furios zu Werke, dass ich mir schon Sorgen um seine wehrlose Sehhilfe machte.
„Nah, was ist denn heute nur mit meinem chaotischen Haufen los?“, Herr Steinort, unser Chemielehrer, trat hinzu, die Stimme eine Mischung aus Tadel und Besorgnis. Chaotischer Haufen, so nannte er uns.
Er war nun schon der vierte seiner Zunft, denn meine Klasse hatte das zweifelhafte Talent, alle Chemielehrer nach nur einem halben Jahr zu vergraulen. Die hohe Verschleißrate war aber nicht nur unsere Schuld, nur um das mal anzumerken.
Die letzten beiden Chemielehrer waren der Schule verwiesen worden und das aus gutem Grund. Der eine hatte uns Schüler in seinen Wutanfällen mit Schlüsseln beworfen und war sogar mit einem Besen auf uns los gegangen. Und die andere…über die will ich gar nicht reden. Wie auch immer, sie alle waren kein Vergleich zu Herrn Steinort.
Dieser stand übrigens immer noch an unserem Tisch und wartete wohl auf eine Erklärung für die ungewöhnlich gedrückte Stimmung. Zu Recht, waren wir meist doch ein eher lebhaftes Trio.
Doch da nun weder Paul noch Pascal seine Worte überhaupt vernommen zu haben schienen, zwang ich mich zu einem schiefen Lächeln und gab bekümmert zurück: „Mathearbeit…“
„Es war die Hölle.“, grolle Pascal düster und erwachte endlich aus seinem dumpfen Brüten. Er warf seinen Taschenrechner nieder und raufte sich die Haare, seine Augen blitzen zornig.
Ein leichtes Schmunzeln schlich sich in die Mundwinkel des Lehrers „Macht euch mal nicht so viele Gedanken, dass-„. Er hielt abrupt inne.
Seine Augenbrauen wanderten langsam in die Höhe, bevor sie wieder hinabsackten und sich irritiert zusammenzogen. Man konnte an seinem Gesicht ablesen, dass sich die Frage „Was zum Teufel treibt ihr da?!“ anbahnte, doch in dem Moment ertönte schon die erstaunte Stimme Jules. „Riecht es hier nach Schwimmbad?“. Herr Steinort erbleichte.
Unterdessen setzte Paul seine Brille wieder auf und schüttelte den Kopf. „Kann nich sein, das ist höchstens Chlorwasserstoff-„, auch er unterbrach sich und auf seinem Gesicht zeigte sich exakt das gleiche Mienenspiel wie bei unserem Lehrer zuvor.
Noch bevor Pascal sein Periodensystem zu Rate ziehen konnte, und ich einwerfen wollte, dass Chlorwasserstoff wohl nicht die gesündeste Chemikalie sei, ertönte hinter mir ein erstickter Schrei. Ich fuhr herum.
Ein paar Tische weiter war Jule besinnungslos zu Boden gesunken.
„Oha.“, war das erste Wort, das durch meinen Kopf schoss. Gleich danach folgte „Shit“ und dann „Ach du Schande“. Dass meine Gedankengänge gerade den IQ des Tafelschwamms besaßen, interessierte mich nicht.
Sauer wurde ich erst, als sich der nächste Gedanke ungefragt zu Wort meldete.
Hatte nicht vor kurzem in der Zeitung gestanden, dass ein Techniker oder dergleichen im Stadionbad umgekommen war? Angeblich durch ein farbloses Gas? Chlorwasserstoff war ein farbloses Gas.
Ich gab meiner inneren Stimme eine Ohrfeige für diesen äußerst bereichernden Kommentar und sprang auf. Wir mussten schleunigst hier raus.
„Alle raus hier!“, brüllt im nächsten Augenblick Herr Steinort und eilte zu der gestürzten Jule. Und da solle mal einer behaupten, ich verstünde nichts von Chemie.
Nun kam auch der Rest der Klasse in Aufruhr. Die meisten kamen der Aufforderung des Lehrers eilig nach, in der Hoffnung, die Stunde sei frühzeitig beendet. Andere schreckten aus ihrem Schlummer hoch und sahen sich höchst ungnädig nach dem Grund für das ganze Theater um.
„Warum muss das ausgerechnet in Chemie passieren? Hätten wir nicht einfach in Englisch sterben können?“, stöhnte Pascal und raffte hastig seine Zettel zusammen. Lustigerweise war das genau der gleiche Gedanke, der mir eben durch den Kopf gegangen war.
Wir zogen Paul auf die Beine, der über eine herrenlose Schultasche gestrauchelt war, und eilten Richtung Ausgang. Vor der Tür herrschte bereits reges Treiben.
Unsere Mitschüler standen in Gruppen herum und taten das, was sie immer taten, wenn kein Lehrer in der Nähe war.
Die Mädchen zückten allesamt ihre neuen I-Phones, loggten sich bei Facebook ein und wetteiferten darum, wer wen wann getroffen hatte.
Die Jungen waren in freundschaftlicher Rauferei versunken und knufften sich liebevoll. Einer von ihnen wurde sogar so liebevoll geknufft, dass er rückwärts stolperte und sich lang hinlegte.
Paul und ich stiegen bemüht würdevoll über ihn hinweg, während Pascal sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte und dem sich Aufrappelnden die Beine wegzog, sodass dieser erneut hin fiel.
Als Letzter kam Herr Steinort aus dem Chemieraum, in den Armen die bewusstlose Jule und in der Hand ein kleines Plastikgefäß.
Er legte das blonde Mädchen behutsam auf einen Tisch, drehte sich um und sah uns der Reihe nach an. „Wo kommt das hier“, er hielt das Gefäß hoch „her?“.
Seine gute Laune war wie weggewischt, und er glich nun eher einem zu tiefst verärgerten Lehrer, der seinen Schülern eine Menge Nachsitzen aufdonnern wollte. Der Anblick war ungewohnt und verstörend.
Zögernd hoben sich einzelne Hände „Aus der Hemelinger.“.
Ich stöhnte auf. War ja klar.
Es war allgemein bekannt, dass unsere Schule, die GSM Brokstraße, im ewigen Streit mit ihrer Schwesterschule in der Hemelingerstraße lag. Die alljährlichen Wettkämpfe beim Sportturnier waren legendär. Doch das sie uns fehlerhafte Chemikalien schickten, kam schon fast einem Anschlag gleich.
Nach dieser Offenbarung standen die meisten Schüler kurz davor, sich aufs Rad zu schwingen und geradewegs zur Hemelinger zu fahren, um den verhassten Feinden zu zeigen, was es hieß, sich mit uns an zu legen.
Ich seufzte. Dieses närrische Verhalten, geboren aus Sensationslust und maßloser Selbstüberschätzung, war meiner Klasse eigen.
Ich würde nie auf so einen Gedanken kommen.
Nein ehrlich, so etwas wie Rache lag mir völlig fern.
Neben mir murmelte Paul irgendetwas von Salzsäure, die er in die Wasserleitungen der Gegner flößen wollte. Das klang doch vernünftig.
Ich nickte grimmig und überlegte bereits, wie man sich Eintritt in das Chemielabor verschaffen könnte.
Wie gesagt, so etwas Törichtes wie Rache lag mir völlig fern…

(Ruby)

 

Es war an einem Montag…

Es war an einem Montag im Winter. Die Straßen waren von einer Eisschicht überzogen, das hieß für mich: Bus fahren. Öde drei Minuten lang würde ich in stickiger Heizungsluft eingequetscht zwischen den Menschen im Bus verbringen müssen. Nach einem langen Schultag also, trat ich den Weg zur Bushaltestelle an. An den Wegrändern lag Schnee, und etwa hundert Meter vor meinem Ziel lagen Werbeprospekte auf der weißen Masse. Anscheinend hatte mal wieder irgend so ein Zeitungsfritze keine Lust gehabt, diese „unnötige Ware“ bei dem miesen Wetter auszuliefern. Irgendwie auch verständlich, aber…..AUTSCH. Ehe ich mich noch über die Unlust des Zeitungstyps aufregen konnte, befand ich mich plötzlich auf dem nasskalten Boden. Völlig verwirrt starrte ich auf die Prospekte, die sich nun mehr in meine Reichweite begeben hatten – beziehungsweise, ich hatte mich mehr in ihre Reichweite begeben. Oben auf lag ein Prospekt, welches mit „Schneeschiebern und Enteisungssprays zum absoluten Sonderpreis“ prahlte. „Das ist ja ein toller Winter“, dachte ich, und während ich nach und nach realisierte, dass ich ausgerutscht war, bemerkte ich auch, dass mein rechter Arm schmerzte. Ich stand etwas umständlich auf und versuchte, den Arm zu bewegen. Nachdem dies wenig erfolgreich war, schlich ich völlig ahnungslos und immer noch leicht schockiert zur Bushaltestelle und fuhr nach Hause. Um drei Uhr endlich zu Hause angekommen, öffnete meine Mutter mir lächelnd die Tür. Ich erzählte ihr, was passiert war, und sie schnappte mich sofort und fuhr mit mir zum nächsten Arzt. Dieser konnte mir nach einer Stunde Wartezeit allerdings nicht viel weiterhelfen und schickte mich nach nebenan zum Röntgen. Nun stand immerhin fest, dass der Arm angebrochen war. Da der Orthopäde seit einigen Monaten nicht mehr gipste, fuhren wir nun auch noch ins Krankenhaus. Nach einer weiteren längeren Wartezeit bekam ich dann schließlich einen Gips. Um 21 Uhr waren wir zu Hause.

(Lisa Sandolzer)

 

Menschen

Menschen. Menschen sind interessant.
Eigentlich geht mich ihr Leben nichts an, aber meine Faszination zu ihnen überwiegt, besiegt den moralischen Druck, wegzusehen, wegzuhören oder nicht über sie nachzudenken.
Oft, wenn ich im Bus sitze, höre ich den anderen Menschen zu.
Alle sind verschieden und jede Geschichte aus ihrem Leben ist spannend.
Alte Damen, die sich über die Apothekenrundschau unterhalten und lachen. Oder zwei, ich schätze um die vierzig Jahre alte Frauen, die sich streiten, weil eine die Fernbedienung neben den Fernseher gelegt hat, anstatt auf den Couchtisch.
Oder Kinder. Ich hab sogar mal zwei Kinder gesehen, ich schätze sie waren zwischen zehn und zwölf, die sich geküsst haben.
Ein anderer toller Ort für meine Recherchen ist das Kino.
Ich setze mich gern in die vorderen Reihen, um mich bei Gelegenheit umzudrehen und mir die Mimik der Menschen anzusehen, welche gebannt auf die Leinwand starren, manche sogar mit offenem Mund. Ich dachte öfter daran, das mal zu fotografieren, aber ich hab zu viel Angst vor den Konsequenzen. So etwas darf man ja nicht.
Ich freue mich immer, wenn ich in Geschäften bin und die Verkäufer mich duzen.
Ich habe dann immer das Gefühl, ich würde die Person schon ewig kennen.
Ich finde, alle Menschen sollten so locker miteinander umgehen, vieles wäre einfacher, aber ich schweife ab.
Ein weiteres interessantes Verhalten ist die Angst beim Essen oder Trinken angesehen oder, besser noch, fotografiert zu werden. Das haben viele.
Bei Facebook, zum Beispiel, sieht man jede Menge Bilder, auf denen viel Essen zu sehen ist, aber nicht auch nur ein einziges, wo gerade jemand herzhaft in einen Hamburger beißt.
Alles sehr faszinierend und trotz meines moralischen Drucks, werde ich meine Studien fortführen. Ich freue mich jetzt schon auf die neuen Erkenntnisse.

(Maurice Bohn)

 

Ohne einen Abschied

Auf der Kommode im Schlafzimmer meiner Eltern saß er. Zusammengekauert in einer Ecke. Mein gerade einmal sechs Jahre alter Kater Nicki.
Keiner wusste, was mit ihm los war. Er war immer ein lebendiger Kater gewesen, immer auf dem Sprung, wenn ihn jemand zu sehr bedrängte. Doch wenn man jetzt zu ihm ging, haute er nicht ab. Er blieb. Er schnurrte auch nicht, was eigentlich normal ist für Katzen. Meine Mutter war besorgt. Immer wieder ging sie zu ihm, ich kam mit. Er sah uns mit seinen grünen Augen traurig an, wir wussten, ihm ging es nicht gut. Er fraß nichts. Früher war er zwar auch sehr mäkelig gewesen, was das Essen anging. Oft ließ er es bis zum Abend stehen, um zu warten, ob es vielleicht etwas Besseres gab und fraß erst, wenn mindestens drei verschiedene Sorten zur Auswahl standen.
Doch dieses Mal war es anders als sonst. Tagelang fraß er nichts, obwohl er die Wahl hatte.
Etliche Tage ging das schon so, es war an der Zeit, den Arzt aufzusuchen. Mein Vater kam extra früher aus Hamburg, wo er arbeitet, zurück, um Nicki zum Arzt zu begleiten.
Meine Mutter hob ihn vorsichtig in die Transportbox. Behutsam gingen die beiden los. Ich ging nicht mit. Lange wartete ich. Die Zeit verstrich, aber meine Eltern kamen einfach nicht.
Dann, am Abend, hörte ich die Schlüssel in der Tür und lief auf sie zu. Meine Mutter hatte Tränen in den Augen, als sie mich ansah. Nicki war nicht da.
„Wo ist Nicki?“, so meine Frage. Das einzige was in meinem Kopf herumschwirrte, eine völlig sinnlose Frage.
Meine Mutter erzählte mir, dass Nicki eingeschläfert werden musste. Er hatte einen schon Hühnerei großen Tumor, der ihn am Fressen hinderte. Sie hatten die Wahl, er wäre sonst verhungert oder am Tumor gestorben, da es für eine Operation bereits zu spät war.
„Wir haben uns noch von ihm verabschiedet.“, sagte meine Mutter.
Das half mir mit meinen ebenfalls sechs Jahren nicht wirklich. Ich konnte nur noch weinen.

(Isabel)

 

Ich ging langsam und leise die Treppe hinunter…

Ich ging langsam und leise die Treppe hinunter, die Waffe fest in meiner Hand. Die Treppe gab bei jedem Schritt ein unangenehmes Geräusch von sich. Mir lief ein Schauer über den Rücken.
Plötzlich stieß mich Jonathan von hinten an. „Hey, worauf wartest du? Los, weiter!“
So schlichen wir bis kurz vor Ende der Treppe, bis zum Treppenabsatz. Ich sprang mit der Waffe im Anschlag vor in den Raum und wusste, dass Jonathan dasselbe hinter mir tun würde.
„Raum gesichert!“, flüsterte ich. „Bei mir auch“, sagte Jonathan. Wir bewegten uns Rücken an Rücken zum nächsten Raum. Doch da hörte ich die Stimme meiner Mutter aus der Küche. Sie sprach mit gedämpfter Stimme mit meinem Vater.“ Wann ist es denn passiert?“, fragte sie.
„Muss wohl am Sonntag passiert sein“, antwortete mein Vater. Ich flüsterte Jonathan zu: „Warte mal kurz, Spielstopp.“ „Was, warum?“, fragte Jonathan verwundert und drehte sich mit der Spielzeugpistole in der Hand zu mir um. „Ich möchte hier mal eben mithören!“, antwortete ich und legte einen Finger auf den Mund.
„Der Wagen ist von der Straße abgekommen. Es gab keine Überlebenden.“, sprach mein Vater weiter.
Ich brannte vor Neugier. Las er etwa gerade etwas aus der Zeitung vor?
„Arme Anna. Sie war noch so jung!“, sagte meine Mutter.
Ich erinnerte mich. Anna war, als ich fünf war, meine Nachbarin und Spielkameradin gewesen. War sie etwa auch unter den Toten? „Ihre Eltern haben gerade angerufen. Sie überführen die Leiche gerade von Brasilien nach Deutschland.“
Meine Knie wurden „weich“ und ich sackte auf einem Stuhl zusammen. Anna war tot?
Sie war doch erst 20 Jahre alt gewesen!
Die Trauer überkam mich und ich fing an zu weinen. Jonathan eilte zu mir und versuchte, mich zu trösten, verstand aber den Grund für meinen Gefühlsausbruch nicht. „Was ist denn?“, fragte er.
„Anna ist tot!“, antwortete ich und schlug auf ein Kissen auf dem Sofa ein.
Meine Eltern waren inzwischen ins Zimmer gekommen und versuchten, mich zu beruhigen. Ich vergrub das Gesicht in einem Kissen und sagte: „Versprecht mir, dass wir zu ihrer Beerdigung gehen.“

(Felix)

 

Der Unfall

Ich stand auf der einen Straßenseite, er ,der Freund meiner Schwester, auf der anderen. Zusammen wollten wir nach Hause gehen. Mit Kopfhörern in den Ohren

betrat er die Straße, um sie zu überqueren. Hinter einem stehendem Bus lief er
auf die andere Fahrbahn. Weder er noch ich haben es kommen sehen: Das
olivfarbene Auto, das so leise, aber trotzdem so schnell um die Ecke schoss. Es
erfasste ihn. Mit seinem ganzen Körper fiel er auf das Auto, wurde durch die
Geschwindigkeit auf ein aus der entgegengesetzten Richtung kommenden Auto
katapultiert und von dort zurück auf die Straße. Einen Moment herrschte Stille.
Wie gelähmt stand ich dort und konnte nicht fassen, was gerade passiert war.
Eine hysterische Frau stieg aus ihrem nun völlig demoliertem Auto aus. Ihre zwei
Kinder weinten und schrien. Sie war es, die den Notarzt rief. Ich stand immer
noch wie angewachsen an derselben Stelle und tat nichts. Er lag immer noch mit
dem Gesicht zum Boden auf der Straße.
Wenige Minuten später kamen ein Rettungswagen und mehrere Polizeiwagen. Die
Straße wurde abgesperrt, und vorsichtig versuchte man nun, den Verletzten in den
Krankenwagen zu transportieren. Er fuhr weg.Schockierte Menschen, viele
Polizisten, zwei demolierte Autos und ein starres Ich blieben übrig.
Endlich schaffte ich es, mich zu bewegen. Ich rief meine Familie an und alle kamen.
Mama, Papa und meine ebenso schockierte Schwester. Polizisten kamen auf uns zu.
Ob er noch lebte konnte und wollte uns niemand beantworten. Meine Schwester fuhr
mit den Polizisten ins Krankenhaus.Wir drei blieben zurück. Auch als wir im
Krankenhaus anriefen, wollte uns niemand sagen, was mit ihm los war. Es
vergingen mehrere Stunden. Die längste Zeit meines Lebens. Wir
warteten und warteten. Endlich klingelte das Telefon. Es war meine Schwester:
„Ihm geht es gut. Er hat nur ein paar Prellungen und morgen früh darf er schon
wieder nach Hause.“ Niemand, weder die Polizisten, noch die Sanitäter haben damit gerechnet, dass er es überleben oder ,wenn überhaupt, nur mit schweren Verletzungen. Es
war wie ein Wunder.

(Jule)  

Mein Unfall

Als ich fünf Jahre alt war, waren meine Familie und ich bei Freunden zum Grillen eingeladen. Die Familie hatte drei Kinder, die allerdings viel älter waren. Wir aßen zusammen und es kamen immer mehr Freunde vorbei. Eine Frau brachte einen riesigen Hund mit, von dem ich mich, auf Grund meiner höllischen Angst vor Hunden, fernhielt.
Später saßen wir Kinder gelangweilt auf unseren Stühlen und warteten geradezu nur auf die Erlaubnis, den Tisch verlassen zu dürfen. Als endlich der erlösende Satz meiner Mutter fiel, gingen wir vor das Haus und spielten. Wir spielten Basketball, so gut das mit meinen fünf Jahren nun eben ging.
Nach einiger Zeit rollte der Basketball unter ein Auto. Da ich die Kleinste war, musste ich wohl oder übel den Ball unter dem Auto hervorholen. Als ich mit meinem Gesicht auf Höhe der Stoßstange war, löste sich die Handbremse des Autos. Es war ein VW Bus. Die Stoßstange knallte gegen meine Nase, ich spürte, wie Blut aus Mund und Nase zu fließen begann. Ich rannte zu meinem Vater in den Garten, doch an der Gartenpforte versperrte mir der riesige Hund der Frau den Weg. Vor lauter Angst fing ich auch noch an, laut zu schreien. Schließlich kam mein Vater, den der spitze Schrei vom Esstisch geholt hatte, herbei, hob mich über die Gartenpforte und trug mich über den Rasen. Meine einzige Sorge währenddessen war nicht meine Nase, sondern eher Furcht, den Rasen unserer Freunde mit meinem Blut zu ruinieren.
Als meine Eltern mich jedoch mit Kühlpacks und Tüchern bewaffnet ins Auto verfrachteten, wurde mir bewusst, dass der Rasen wohl meine kleinste Sorge sein sollte. Meine Nase war gebrochen, stellte der Arzt eine halbe Stunde später fest. Zudem sollte ein großer blauer Fleck für ca. 2 Wochen mein Gesicht kreisförmig von den Augenbrauen bis unter die Nase bedecken.

(Clara)

 

Gustaf

Betrübt rücke ich die Blumen zurecht. Ich knie vor dem Grab meines ersten Haustieres, Gustaf, dem Goldfisch.
Es war im Sommer 2008, als meine Tante zu Besuch war. Es war ein warmer Tag und ich räkelte mich im Sonnenstuhl, als mich der Schrei meiner Tante aufschreckte. Tief über das Becken gebeugt, guckte sie in die Tiefen unseres 1.50 Meter tiefen Teiches und schrie „ Da, ein Fisch!“ und guckte mich voller Erstaunen an. Natürlich glaubte ich ihr kein Wort, dies war die Frau, die mir als kleines Kind Geschichten über einen Frosch erzählte, der Nudeln aß und eines schönen Tages vor meiner Haustür stehen sollte. Also winkte ich nur ab und sank zurück in meine Tagträume.
Beim Abendessen behauptete die Tante immer noch steif und fest, einen Fisch gesehen zu haben, doch wir alle schüttelten bloß den Kopf.
Doch am nächsten Tag sah ich ihn dann auch. Einen orangenen Goldfisch, der in unserem kleinen Becken hin und her flitzte. Auf den ersten Blick wusste ich, das dies Gustaf war.
Gustaf der Goldfisch, ein wahrer Naturbursche unter den Fischen. Er fraß das Fischfutter nicht, dafür ließ er sich streicheln und machte mich glücklich.
Die Monate verstrichen und es wurde immer kälter. Als sich die erste Eisschicht auf unserem Teich bildete, ahnte ich nichts Böses. Die Eisschicht wurde dicker und dicker. Ich bekam Angst um Gustaf und versuchte, sie einzuschlagen, goss warmes Wasser darüber, aber nichts half. Nach diesen armseligen Rettungsversuchen gab ich auf und bangte um den so lieb gewonnenen Fisch.
All das ist mir in Erinnerung geblieben, der leichte goldene Schimmer im Eis und vor allem der Tag im Frühling, an dem mein kleiner Fisch in einem Eisblock weiß gefroren an der Oberfläche trieb.
Das Grab war schnell gebuddelt und auch ein Kreuz bastelte ich zusammen. Weinen musste ich nicht, doch das Grab pflege ich noch heute.
Einen neuen Gustaf wird es nie geben.

Ein letztes Mal überprüfe ich das Holzkreuz und stehe auf. Am Tisch wartet meine Tante mit Kaffee und Kuchen.

(Paula)

 

Mein Unfallerlebnis

Meine Mutter und ich waren mit dem Auto unterwegs; auf einer dieser großen Straßen, die zweispurig in nur eine Richtung verlaufen, die Spur in die andere Richtung war durch ein Straßenbahngleis von uns abgegrenzt. Spontanes Wenden war unmöglich. Viele Autos, viele Ampeln, viele Fußgänger, die die Straße passieren wollten… Ein ständiges Anfahren und Abbremsen, bis schließlich die Ampel vor uns rot aufleuchtete. Meine Mutter bremste. Genervt seufzte ich und entschied in Erwartung einer langen Haltezeit, die Straße näher zu betrachten (was ich eigentlich schon die ganze Zeit tat).
Viele Autofahrer hielten es offensichtlich für besser, schon mal die Scheinwerfer einzuschalten, denn aufgrund des heranbrechenden Winters, dämmerte es bereits und die Sicht war entsprechend schlecht. Ich widmete mein Interesse dem Straßenrand auf der Fahrerseite, einem grauen Häuserblock. Im Erdgeschoss waren mehrere Läden untergebracht und eine Autowerkstatt. Im ersten Stock befanden sich Wohnungen. Ich beobachtete eine Person. Ob es ein Mann oder eine Frau war, ließ sich aufgrund der aufkommenden Dunkelheit nicht feststellen. Sie trat aus der Glastür auf den Balkon. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis die Ampel auf Gelb sprang.
Die Person schlenderte auf dem Balkon hin und her, bis sie sich an das Holzgeländer lehnte und sich mit den Händen abstützte.
Grün. Die Autos vor uns begannen zu rollen. Mein Blick glitt auf die andere Straßenseite und wieder zurück – gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie die Person vom Balkon herunter fiel, sich überschlug und hart auf dem Gehweg aufschlug, wo sie auf dem Rücken liegen blieb. Zwei Passanten drehten sich rasch um und eilten nach einem Moment des Erschreckens auf  den bewusstlosen Menschen zu. Einer der beiden Fußgänger zog ein Handy aus der Tasche. Ein Auto hinter uns hupte und da wir sahen, dass sich bereits andere Personen um den Verunglückten kümmerten, fuhren wir weiter. Dann konnte ich nichts mehr sehen…

(Julia)

 

Nette Partnervermittlung

Wie immer nahm mir meine Mutter meinen Laptop weg, um mit einem guten Bekannten zu skypen. Wie nervig es war, ihr jedes Mal den Laptop anzumachen, weil sie sich nicht wirklich damit auskennt. So, Laptop angeschlossen, der Bekannte bereits mit einem breiten Grinsen auf dem Bildschirm und meine Mutter total erfreut darüber, ihn endlich wieder zu sehen. Alles klar, es war Zeit für mich, mich in mein Zimmer zu schleichen, bevor er mich entdeckt und mir seine komischen Fragen stellt.

Mit meiner besten Freundin telefonieren, Musik hören und mir dabei die Nägel lackieren. Was gibt es Entspannteres an einem Sonntag? Doch eines fehlt, natürlich – etwas zu essen und trinken. Den Hörer packte ich zur Seite und machte mich auf dem Weg zur Küche. Moment Mal, hatte ich da etwa gerade meinen Namen gehört? Das konnte doch nicht sein. Doch, doch tatsächlich. Es handelte sich tatsächlich in dem Gespräch von Mama und dem Bekannten um mich. Ich schlich mich leise zur Tür und setzte mich ganz unauffällig an die Türkante, so dass meine Mutter mich nicht sah. Natürlich, spätestens dann, als ich den Namen von dem Sohn des Bekannten hörte wurde mir bewusst, worum es ging.

Meine herzallerliebste Mutter und der nette Bekannte versuchten, ihre Kinder miteinander zu verkuppeln. Wunderbar! Ich hörte wie meine Mutter sagte: „Meine Tochter liebt Armbänder, sag deinem Sohn, er soll ihr viele Armbänder kaufen“. Oder: „Sie steht auf süße SMS, er soll ihr jeden Tag mindestens eine SMS schreiben.“ Ich war so erstaunt! Wieso konnte Mama so etwas tun? Voller Wut ging ich zu ihr, klappte den Laptop zusammen und ging, ohne ein Wort zu sagen, in meinem Zimmer.

(Nese)

 

Mein Wellensittich

Nachdem ich mich eine ganze Woche darauf gefreut hatte in die Zoohandlung zu gehen, war es am Freitag endlich so weit. Ich ging mit meinen Eltern und meiner großen Schwester in die Zoohandlung, um uns Wellensittiche auszusuchen, denn ich liebte Vögel über alles.
Meine Schwester und ich suchten uns die zwei schönsten aus und fuhren nach Hause. Natürlich hatten wir auch einen Käfig und Futter dabei gehabt. Zuhause richteten wir alles für sie ein. Ich hatte mich so sehr gefreut, dass ich endlich ein Haustier hatte. Oft saß ich einfach nur vor dem Käfig und schaute mir die beiden Wellensittiche an, beobachtete wie sie durch den Käfig flogen und fütterte sie. Nach einigen Tagen hatte ich auch Namen für sie ausgedacht: Pasha und Sasha. Es waren Namen, die ich mir gut merken konnte, da meine Onkel Pasha und Sasha heißen. Immer wieder staunte ich über die Farben der Vögel. Der eine war blau mit einem gelben Köpfchen und der andere war grün, ihre Federn waren so weich und wunderschön. Jeden Tag freute ich mich darauf, nach Hause zu kommen und sie zu sehen. Meine Mutter stellte den Käfig manchmal nach draußen, damit sie etwas frische Luft bekamen. Doch als ich an jenem Tag von der Schule kam und auf unseren Balkon ging, stand die Tür des Käfigs offen und der eine Wellensittich war nicht mehr drin. Ich lief sofort zu meiner Mutter und fragte sie, wo Sasha war, doch sie wusste es nicht und erklärte mir, dass es sein könnte, dass er die Tür selbst aufgemacht hatte und rausgeflogen war. Ich war so traurig darüber und lief in mein Zimmer, legte mich aufs Bett und fing an zu weinen. Und das Schlimmste war, dass es mein Geburtstag war. Als meine Mutter mich zum Essen rief, saß ich einfach nur da und aß nichts. Nur ein Stück vom Kuchen nahm ich. Jeden Tag hoffte ich darauf, dass Sasha wieder zu mir zurück geflogen käme, doch ich sah ihn nie wieder.
Einige Wochen später musste auch noch der andere Wellensittich weggegeben werden, weil ich erfahren hatte, dass ich eine Allergie hatte.

(Kristina)

Mein liebster Freund

Im Frühling 2001 bekam ich einen Wellensittich.Von Anfang an mochte ich ihn und hatte ihn in mein Herz geschlossen.
Ich nannte ihn Fener, er war blau und hatte einen gelben Kopf. Er war süß und lieb, er biss nie. Ich nahm ihn immer auf die Hand und er flog nie weg. Er ließ sich küssen und am Kopf streicheln. Ich verbrachte viel Zeit mit ihm, er war wie ein Freund für mich. Obwohl er mir nie antwortete, half es mir, mit ihm zu reden, ihm meine Sorgen und Probleme zu erzählen.
Bei ihm fand ich immer Nähe und Zuneigung. Wenn ich traurig war, kam er auf meine Schulter geflogen und ärgerte mich.
Wenn ich sauer war, flog er mir auf meinen Kopf und piepste wie verrückt. Ich habe ihm viel Zeit geschenkt. Manchmal kam er zu mir geflogen, als ich meine Hände wusch und er sprang ins Becken um sich zu waschen. Er machte alles nass, doch ich fand es lustig, auch wenn meine Mutter danach immer meckerte, weil alles klitschnass war. Mein Vogel war mir sehr wichtig. Er war wie ein Freund oder  Bruder für mich, denn ich hatte ihn sehr lange. Er hat vieles mit erlebt und verbreitete in meiner ganzen Familie gute Laune. Alle mochten ihn. Auch mein Vater, obwohl mein Vogel ihn zum Ärgern oft mal in die Lippe biss. Wenn wir aßen kam er zu uns geflogen, lief von der Schulter zum Mund hinunter, packte seinen Fuß auf unsere Lippe und versuchte seinen Kopf ihn unseren Mund zu stecken, um etwas essen zu können.
Nach vielen Jahren wurde mein Vogel krank. Er war schon alt. Ich hatte immer Angst um ihn. Ich war sehr traurig und das sah mir jeder an .Es war im Winter 2008. Ich kam wie gewöhnlich am Nachmittag von der Schule nach Hause. Ich lief wie immer sofort ins Wohnzimmer um Fener zu begrüßen. Plötzlich war sein Käfig leer. Ich war schockiert. Ich fragte sofort meine Mutter wo er sei und da merkte ich es meiner Mutter an. Sie war traurig. Mir liefen Tränen runter, denn sie sagte mir, er sei am
Vormittag gestorben. Ich lief weinend in mein Zimmer und kam viele Stunden nicht raus…

(Cisil)

 

Ischa Freimarkt

Ich atmete erneut tief ein. Der Geruch, eine Mischung aus geschmolzenem Zucker, Schokolade, Lakritz, Fisch, heißem Fett und dem bitter-süßlichen Dunst der Nebelmaschinen, weckte in mir Erinnerungen an die schöne Zeit, die ich hier schon als Kind verbracht hatte. Der Geruch war einerseits unangenehm, doch auch so vertraut. Es wird für dieses Jahr das letzte Mal sein, dass dieser Geruch mir das Gefühl der kindlichen Unbeschwertheit geben wird. Schon auf dem Weg zum Ausgang verdichtete sich die Menschenmasse deutlich, was aber normal war, da es sich um den größten Jahrmarkt des Nordens handelte und geradezu ein Menschenmagnet ist. Auf einmal zupfte meine Freundin an meinem Ärmel und zog mich zu einem Süßwarenstand. Sie wollte unbedingt noch Zuckerwatte und ein Päckchen gebrannte Mandeln mitnehmen. Ich betrachtete die vielen glücklichen Menschen, während sie die überteuerten Mandeln kaufte. Die Zuckerwatte benötigte etwas Zeit und ich sah fasziniert zu, wie sich in der Schüssel aus dem Nichts hauchdünne Fäden bildeten und die Verkäuferin diese durch gekonntes Herumwirbeln des Holzstäbchens zu einem kleinen Ball zusammenrollte und nach einiger Zeit meiner Freundin schließlich einen wassermelonengroßen rosa Zuckerhaufen in die Hand drückte. Sie freute sich schon das ganze Jahr auf ihre Zuckerwatte und sah mich mit einem strahlenden und zufriedenen Lächeln, wie man es sonst nur von kleinen Kindern kannte, an. Als wir uns wieder Richtung Bahnhof bewegen wollten, kam es mir vor, als hätte sich die Menge an Menschen wie Einzeller verdoppelt und es schien mir der eindeutig ungünstigste Moment zu sein, um jetzt einen fast personenbreiten Zuckerwatteberg zu essen. Langsam versuchten wir uns wieder einzureihen, doch wurden wir innerhalb kürzester Zeit von den Massen, wie von einem aufgehenden Hefeteig verschluckt und umschlossen, so dass wir auf einmal mitten in dem Haufen von Menschen standen. Die eine Hand befand sich an meiner Tasche und die andere, oder besser gesagt mein Ärmel diente meiner Freundin. Sie hielt sich daran fest, um nicht verloren zu gehen und aß vergnügt ihre rosa Zuckerwatte, die zur Freude der sie umgebenden Menschen an den Jacken festklebte und rosafarbende Spuren hinterließ. Wir konnten uns nur langsam voran bewegen, doch nach einer Weile sah ich eine Lücke. Ich packte meine Freundin und zog sie mit zu dem kleinen Fleckchen Freiraum. Wir befanden uns jetzt an dem hinteren Eingang des Bahnhofs und konnten wieder einwenig Luft schnappen. Es wunderte mich, es hatte nicht geregnet, trotzdem stand ich im Nassen. Dieses Phänomen erklärte sich aber, als ich die Glasscherben unter meinen Füßen spürte, die in Zusammenarbeit mit den Pflastersteinen ein unangenehmes knirschendes Geräusch erzeugten. Ich sah  sie  dann auch in den bunten Lichtern der Attraktionen glitzern. Wir wollten nun endlich den Bahnhof betreten, als uns ein Polizist den Weg versperrte und uns bat den rechten Eingang, in den die Massen strömten, zu benutzen. Nach dem Reisverschluss-System schummelten wir uns durch die eindeutig zu kleine Tür, in der wir sehr zusammengedrückt wurden. Gerade den marmorartigen Boden betreten, lief eine Schar weiterer strammer Polizisten an uns vorbei und ich sah, wie fünf der Polizeibeamten sich auf einen um sich schlagenden und mit Flaschen werfenden  Mann stürzten und ihn zu Boden niederdrückten. Ich erschrak ein wenig, aber die von hinten strömende Menge schob mich und meine Freundin, die mittlerweile den wassermelonengroßen rosa Wattebausch zu einer Honigmelone reduziert hatte, einfach weiter. Wir waren nur ein paar Meter vorangerückt, als mir ein wutentbrannter Mann mit energischen Schritten entgegen kam. Er war recht kurz geraten, hatte nur wenig Haare auf dem Kopf, was wahrscheinlich die Folge von Aggressionen und psychischen Problemen sein könnte, denn es schien, als sei der Mann allgemein nicht ausgeglichen und glücklich. Er hatte große hervorstehende Augen und biss die Zähne zusammen, so dass seine Kieferknochen aus seinem markanten Gesicht hervorragten. Er wirkte sehr entschlossen, sich entgegen des Stroms durch die Masse zu kämpfen. So stieß er mich zur Seite und ich verlor mein Gleichgewicht. Doch zu meinem Glück wirkten sich die umliegenden Menschenmassen so aus, dass ich aufgefangen und zurückgefedert wurde. In der Zwischenzeit war der unhöfliche Mann schon bei seinem Freund angelangt und versuchte nun ihn von den Polizisten zu befreien. Wie entfernten uns von dem Krisengebiet und zu meiner Erleichterung löste sich auch das Menschenknäuel, in dem wir uns befanden. Auf der linken Seite befand sich ein durch den gesamten Bahnhof gespanntes Absperrband. Dahinter eine weitere vielleicht noch größere Menschenmenge, die dahin strömte, wo wir herkamen. Die Menschen auf der anderen Seite waren vergnügt und die Masse aus Angetrunkenen, wahrscheinlich auch schon Besoffenen, Adrenalin-Junkies und hungrigen Feierwütigen ließ das rot-weiß gestreifte Absperrband an seine Grenzen stoßen und es wölbte sich gefährlich auf unsere Seite. Das Bild zog sich bis zum Ausgang und ich war froh, als ich nach einer 40-minütigen Durchquerung des Bahnhofs endlich unsere Bahn sah. Wir ließen die bunten Lichter, die Musik und den Geruch hinter uns und ich verabschiedete mich bis zum nächsten Jahr.

(Lea)

Wäre da nicht die Tomate gewesen

Es ist schon ziemlich lange her. Ich dachte, es würde ein ganz normaler Tag werden. Damals war ich fünf Jahre alt.
 Der Morgen ging ziemlich schnell vorbei. Und als ich vom Kindergarten nach Hause kam, bin ich direkt in unseren Garten gegangen. Ich schaukelte. Meine Mutter war mit den Geburtstagsvorbereitungen beschäftigt und hatte für morgen, ihren Geburtstag, viele Gäste eingeladen.
Von der Schaukel aus konnte ich direkt in die Küche, die an den Garten grenzte, hineinschauen und konnte somit auch sehen was meine Mutter dort zurechtmachte. Ich beschloss in die Küche zu gehen und sprang von der Schaukel, indem mir – warum auch immer – durch den Kopf ging, wie gerne ich das Spiel „Wer-am-weitesten-springt-hat-gewonnen“ mochte. Als ich nun in der Küche angelangt war, konnte ich einfach nicht widerstehen und nahm mir eine Tomate, welche gerade so groß war, dass sie in meinen Mund passte. Lecker! Eine weniger wird doch wohl nicht so schlimm gewesen sein…  
Wenige Sekunden später, mit der Tomate im Mund, zog mich die Schaukel wieder in ihren Bann. In Gedanken war ich auch schon da. Doch zum Schaukeln bin ich nicht mehr gekommen. Ich übersah die Türschwelle, stolperte und fiel mit meinem linken Arm voraus auf die Steine. Schmerz, Unsicherheit, kindliche Wut, Panik, ich konnte zuerst keinen klaren Gedanken fassen. Ich dachte nicht einmal über die Fragen „Warum?“ und „Was jetzt?“ nach, fühlte doch einfach nur den unendlichen Schmerz. Von diesem Zeitpunkt an raste die Zeit. Es war keineswegs mehr so, wie eben noch. Da merkte ich, wie schnell sich das Blatt wenden kann… Und weil jetzt alles so schnell gehen musste, warteten wir noch nicht einmal auf einen Krankenwagen. Meine Mutter brachte mich mit dem Auto ins Krankenhaus. Der eigentlich kurze Weg war eine Berg und Talfahrt. Noch nie war mir bewusst, wie viele Schlaglöcher die Straße hatte. Jetzt bekam ich jedes einzeln zu spüren. Es begannen für mich einige Tage im Krankenhaus. Die Geburtstagsfeier musste abgesagt werden. Ich dachte an die Tomate. Oh, wie lecker sie doch war…

(Miriam)

Das rote Auto

Wie jedes Jahr fuhren wir auch diesen Sommer mit dem Auto in die Türkei. Die ganze Familie in einem Auto und das drei Tage lang. Unser Auto gefiel mir, es war groß und gemütlich. Mit dem Auto zu reisen war zwar sehr anstrengend, aber auch sehr interessant, weil ich so die vielen verschiedenen Länder sehen konnte. Wir fuhren schon sehr früh los und die ganzen Tage stritten mein Bruder und ich. Wieso wir uns gestritten haben? Ganz einfach, wir beide wollten einfach mehr Platz. Das Sitzen im Auto machte mich müde und ich schlief die meiste Zeit. Ab und zu machten wir kleine Pausen, aßen eine Kleinigkeit und schon ging es wieder weiter. Ich verlor irgendwie mein Zeitgefühl und schaute einfach nur noch aus dem Fenster. Bunt war es draußen. Viele Lichter. Große, kleine, runde und eckige. Endlich standen wir mit unserem Auto an der Grenze der Türkei. Die Schlange war sehr lang, es hatte eine Ewigkeit gedauert bis wir dann endlich in der Türkei waren. Vor uns war ein rotes Auto. Wie sagt man so schön, klein aber fein. Das rote Auto fuhr die ganze Zeit vor uns. In dem Auto saßen zwei Kinder mit ihren Eltern. Mein Bruder musste auf die Toilette und wir machten eine kleine Pause. Immerhin mussten wir noch sechs Stunden mit dem Auto fahren, also machten wir uns schnell wieder auf den Weg. Ich sagte meinem Vater, dass er schneller fahren solle, damit wir das rote Auto wieder fänden. Plötzlich sahen wir eine riesen große Staubwolke. Mittendrin das rote Auto. Mein Vater stoppte sofort um zu schauen, ob etwas passiert sei. Das Auto hatte sich gedreht und stand nun auf dem Kopf. Die Familie im Auto war total zerquetscht. Wie üblich interessierte es kaum einen Menschen und niemand wollte helfen. Meine Eltern stiegen aus dem Auto und eilten zu Hilfe. Mein Bruder und ich durften nicht austeigen, wir würden so etwas nicht vertragen, sagte mein Vater. Jedoch waren wir neugierig, stiegen aus und schauten von der Seite, was passiert war. Es war einfach grauenhaft, mein Vater rief den Krankenwagen und versuchte dann den Familienvater aus dem Auto zu holen. Meine Mutter gab der Ehefrau Wasser, jedoch nahm  sie dies nicht an, weil sie gerade fastete. Den Kindern konnte nicht geholfen werden. Ich konnte dann beobachten, wie der Familienvater mit einem Gesicht voller Blut langsam zu Boden ging. Wo war der Krankenwagen? Wieso wollte niemand helfen? Mein Vater schrie und wusste nicht mehr was er tun sollte. Der Familienvater starb vor unseren Augen und vor den Augen seiner Familie. Alles war voller Blut. Ich konnte es nicht fassen. Mein Bruder weinte. Meine Mutter weinte. Mein Vater weinte. Ich weinte. Endlich kam der Krankenwagen. Leider zu spät. Die Ärzte sagten uns, dass wir weiter fahren sollten. Dass wir hier nichts mehr zu suchen hätten. Das taten wir dann auch. Ich weiß bis heute nicht, ob der Rest der Familie gerettet werden konnte. Ich weiß nur, dass ich so etwas nicht noch einmal sehen möchte.

(Zuleyha)

Tod eines Haustieres

Ich erinnere mich genau an den Tag als meine Eltern mit mir zur Zoohandlung fuhren. Es war ein warmer und sonniger Tag. Seit genau einem Jahr hatte ich meine Eltern um ein Haustier angebettelt. Und nun war es endlich so weit. In der Zoohandlung sah ich sie dann. Es war wie Liebe auf den ersten Blick. Sie war der schönste und bunteste Wellensittich, den man sich vorstellen konnte. Ihre Stimme klang wie Musik in meinen Ohren. Zuhause angekommen, brachte ich sie gleich in ihren nagelneuen Käfig. Mein Vater hatte ihn extra als Überraschung zu meinem 10. Geburtstag gebaut. Der Käfig war riesengroß und hatte so viel Spielzeug drin. Ich merkte sofort, dass ihr ihr neues Zuhause gefiel. Morgens weckte sie mich immer pünktlich zur Schule. Wenn ich wieder kam, trällerte sie mir ihr schönstes Lied. Beim Mittagessen saß sie auf meiner Schulter und fütterte mich mit den Nudeln von meinem Teller. Dieses wunderschöne und liebevolle Ritual ging 10 Jahre lang so weiter. An einem grauen, kalten und verregneten Tag kam ich von der Uni nach Hause. Ich hatte erfahren, dass ich das Semester wiederholen müsse. Ich war am Boden zerstört. Aber ich dachte mir, dass sie mich wieder aufmuntern werde. Als ich Zuhause ankam, sah ich die todtraurigen Augen meiner Mutter. Und es war so still. Ich hörte nicht die schöne Stimme meines Vogels. Mein Vogel, namens Lisa, war vor einer Stunde an Altersschwäche gestorben, genau in dem Moment, als ich die Nachricht von der Uni bekam.

(Alexandra)

 

Angie                                     

Angie war ein außergewöhnlicher ruhiger und friedlicher Hund,
nie knurrte sie oder gab auch nur einen Ton von sich.
Doch sobald sie mich vom Balkon aus erblickte, lief sie zur Tür
und bellte vor sich hin. Jeder wusste dann Bescheid: „Tijen ist da“. Ich hatte quasi meine eigene Klingel.
Als ich dann in die Wohnung meiner Tante kam, freute Angie sich so sehr, dass sie laut jaulte,
ungeduldig hin und her lief, mich ansprang und sich plötzlich auf den Boden warf, damit ich sie streichelte…
Doch dann kamen die schlechten Nachrichten:
Angie ist krank. Angie hat einen gefährlichen Tumor. Angie ist in Lebensnot. Angie muss operiert werden.
Angie war zu schwach. Angie musste eingeschläfert werden.

Ich bestand darauf, Angie zu begleiten. Klar, ich konnte mich verabschieden, doch das war mir auch nicht gerade ein Trost.
..und jetzt habe ich Angst, Angst davor, dass meine Erinnerungen an Angie irgendwann verschwinden.

(Tijen)

 

Ich erinnere mich noch sehr gut…

Ich erinnere mich noch sehr gut an einen sonnigen Mittag. Ich war fünf und spielte im Garten. Meine Mutter hatte mir den Rücken zugewandt und beschäftigte sich mit Gartenarbeit. Seit meinem fünften Geburtstag besaß ich eine Rutsche. Eine von Quadro, die aus vielen Stangen, Schrauben und Platten bestand. Sie war sehr groß, ungefähr zwei Meter hoch, und kunterbunt gefärbt. Zu ihr gehörte ein Pool. Ein echter Pool. Wie stolz ich war, als ich diese Rutsche zum Geburtstag bekam. Nur leider war ich noch zu klein. Deswegen war der Pool nicht aufgebaut.

Während meine Mutter die Blumen schnitt, beschäftigte ich mich mit meinem Bobbycar. Es war ein besonders tolles Bobbycar, über und über mit Stickern beklebt. Gesichter, Blumen, Sonnen und Sterne. Alles das verzierte mein strahlend weißes Bobbycar.
Ich weiß nicht mehr, was ich gedacht habe, vielleicht habe ich mir auch gar nichts gedacht, wie es kleine Kinder so oft tun, aber plötzlich stieg ich auf die Rutsche. Das Bobbycar in der einen, mit der anderen Hand die Stange fest umklammert, kletterte ich Stufe für Stufe, höher und höher.
Noch heute weiß ich nicht, wie ich das von Mama unbemerkt geschafft habe.

Oben angekommen, genoss ich die Aussicht und gönnte mir eine kurze Ruhepause. Dann setzte ich mich auf das Bobbycar, gab mir Anschwung und sauste hinab. Der Wind wehte durch meine Haare und in mein Gesicht. Die Rutsche kam mir ziemlich lang vor. Manchmal vergehen ein paar Sekunden langsamer als mehrere Stunden. Doch diese Abfahrt fand dann doch ihr Ende in einem Sprung.
Würde es Bobbycar-Rutschen als Disziplin geben, ich hätte für meine Flugbahn bestimmt die volle Punktzahl bekommen. Dem war aber nicht so.
Mein erster Gedanke war: Der Pool fehlt! Das wurde mir schmerzlich bewusst, als ich auf dem Rasen landete. Ich kippte rückwärts hinüber und nachdem ich die erste Schrecksekunde hinter mir hatte, fing ich an zu schreien wie am Spieß. Das war, als wäre ich wiedergeboren worden, denn ich schrie, um Luft zu bekommen. Nur dass ich zusätzlich noch Rücken- und Kopfschmerzen hatte.
Meine Mutter drehte sich um und nachdem sie realisiert hatte, dass ihr Kind schreiend auf dem Boden lag, vor ihm ein umgekipptes Bobbycar, hinter ihm eine Rutsche, kam sie zu mir, nahm mich in den Arm und mit der freien Hand rief sie einen Krankenwagen.

Der kam auch zehn Minuten später und zwei, für mich damals noch riesige, Männer mit Leuchtjacken legten mich auf eine Trage. Ich wurde in den Krankenwagen gehievt. Dann sollte ich erzählen was passiert war. Nachdem ich ihnen unter vielen Schluchzern geschildert hatte, dass ich „mitm Bobbcar die Rutsch runter bin“, bekam ich, weil ich so tapfer war, eine kleine lila Kuschelmaus geschenkt. Ihr ging es auch nicht besser als mir. Ihr fehlte ein Ohr.

Nach einem zweiwöchigem Aufenthalt im Krankenhaus, viel Ruhe und einer neuen Bekanntschaft mit einem Mädchen im Nebenbett wurde ich entlassen.

(Annika)

 

Haustiertod

„Wenn du gleich heulst, kriegst du nie wieder eins.“ Die barsche, anteillos klingende Stimme meiner Mutter drang aus dem Hörer. Matt war ich und müde, der abrupte Temperaturenwechsel zwischen meiner kalten, verregneten und oftmals nebeligen Heimatstadt Bremen und der erdrückenden Hitze und der staubigen Luft Los Alcazares machte sich bemerkbar. Benommen und träge durch die Hitze, stieg ich von der Liege. Mit dem Telefon in der Hand lief ich über die heißen Steinplatten der Terrasse. Sobald ich das schattige Haus betrat, tanzten Lichtflecken vor meinen Augen, aber ich konnte wieder klarer denken, was beim Telefonieren definitiv vorteilhaft war. Meine Mutter schwieg jetzt, auf eine Reaktion von mir wartend. Ich seufzte, langsam sollte sie doch wissen, dass ich Telefonieren verabscheue. Von Natur aus eine Quasselstrippe, liebe ich es zwar zu reden, aber ich brauche den Augenkontakt, um darin lesen zu können. Zwar ist es unvermeidlich zu telefonieren, wenn Mum zuhause in Deutschland ist, ich aber in Spanien in dem Haus meiner Großeltern zusammen mit ihnen Urlaub mache, dennoch sollte sie meine Geduld nicht überstrapazieren. „Okay“, sagte ich, ahnungslos worauf sie hinauswollte und strich mir eine dunkelblonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Shinx ist tot.“ Ich stutzte, total verwirrt. Ich brauchte einen Moment, um die Tragweite des Satzes zu verstehen. „Was?“, hauchte ich ins Telefon, „Aber wie…?“. „Keine Ahnung, ich hab dem Ding Futter reingeschmissen, und eine Wasserschale stand auch immer aufgefüllt drinnen, verhungert ist es nicht.“ „Mum!“, krächzte ich, denn auf einmal war meine Stimme belegt und in meinen Augen standen Tränen. Da fing ich auch schon an zu schluchzen. „Ronja“, die Stimme meiner Mutter klang jetzt sachlich, aber freundlicher. „Dein Shinao oder wie er heißt, war eine Gottesanbeterin! In anderen Ländern spießen die Leute sich so was auf Stäbchen und essen es oder sie treten drauf! Das Ding hatte Glück und du hast es vor einem Tod unter ´ner Schuhsohle gerettet. Und irgendwann muss es ja sterben. Leider ausgerechnet, wo du nicht da bist und ich auf das Ding aufpasse, aber das ist nicht zu ändern. Jetzt finde dich damit ab und mach nicht so einen Aufstand!“ Meine Tränen flossen weiter. Mit dem Tod hatte ich mich noch nie abfinden können. Seitdem ich klein war, hatte ich jede Schnecke betrauert, die unter den Füssen eines Menschen sterben musste, und bei jedem Igel geheult, der überfahren auf der Straße lag, und bei jedem Mehlwurm hatte ich um Verzeihung gebeten, dem ich den Kopf abgeschnitten hatte, um Shaolin mit ihm zu füttern. Bei diesem Gedanken stockte ich. „Und du hast ihn wirklich jeden Tag gefüttert?“ „Wenn ich es dir doch sage!“, stöhnte meine Mutter, langsam sichtlich genervt „und glaub nicht, dass ich das noch einmal machen würde mit der Sauerei im Terrarium!“ Eine düstere Vorahnung beschlich mich. „Was meinst du?“, hakte ich nach. „Na die ganzen Mehlwürmer im Käfig! Klaubst du die da jeden Tag einzeln wieder raus? Das hab ich nicht gemacht, da müsste man ja den ganzen Boden umpflügen!“ Ich schluckte. „Mum, woran ist er gestorben? Auch wenn Gottesanbeterinnen nur ein Jahr leben, kommt mir Shaolins Zeit viel zu kurz vor.“ Ich wartete mit Herzklopfen auf ihre Antwort. „Na, er ist irgendwie auf den Käfigboden gefallen und die ganzen Mehlwürmer, die sich da schon ordentlich vermehrt hatten, haben ihn fast komplett aufgefressen.“ Erschaudernd legte ich auf und starrte an die Decke. Genau deshalb hatte ich die Mehlwürmer immer getötet, um so etwas zu verhindern. Und jetzt hatten sie Shaolin getötet.

(Ronja)

 

Unfall

Es war ein heißer Sommertag. Ich fuhr mit dem Fahrrad, gemeinsam mit meinen Freunden, nach Hause. Wie immer fuhren wir auf der falschen Seite, aber das machte uns nichts aus. Als wir über die Seitenstraße, die zur Hauptstraße führt, fahren wollten, kam mit einer Höchstgeschwindigkeit ein großer schwarzer Geländewagen auf uns zu. Ich hatte nicht bemerkt, dass der Fahrer mich nicht gesehen hatte, und war geschockt, als das Auto mich traf. Wie gelähmt lag ich auf dem kalten Boden. Ich versuchte, mir noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, was geschehen war. Zuerst war ich gegen die Windschutzscheibe geflogen, danach auf die Haube gefallen und zu guter Letzt mit voller Wucht auf dem Boden gelandet. Ich nahm etwas Schwarzes wahr, etwas an mir vorbei Fahrendes. Ich spürte Hände an mir, die versuchten, mir aufzuhelfen. Ich blickte in die schockierten Gesichter meiner Freunde, doch im nächsten Moment regten sie sich über den Fahrer auf, da er weiter gefahren war. Ich blickte nur verwirrt dem Wagen hinterher.

(Melisa)

 

Der Tod meines Meerschweinchens

Ich weiß es noch genau, es war mein elfter Geburtstag und meine Familie war zu Besuch. Nach dem Kuchenessen im Wohnzimmer fingen meine Eltern, Tanten und Onkel  an, über ‚Erwachsenendinge‘ zu reden. Deshalb verzogen wir Kinder – das heißt mein Bruder, meine zwei Cousins und ich – uns in mein Zimmer. Die Jungs rauften sich auf meinem Bett, ich saß ein wenig überflüssig daneben und rief gelegentlich: ‚Los Jonas!‘ oder ‚Du schaffst das, Paul!‘. Nach einiger Zeit fragte ich, ob wir nicht etwas anderes spielen wollen, zumal die Rauferei in meinen Augen nicht wirklich unter die Kategorie ‚Spielen‘ fiel. Nun gut, entweder sie hörten mich tatsächlich nicht, oder sie wollten mich einfach nicht hören. Auf jeden Fall dachten sie gar nicht daran aufzuhören. Also stellte sich mir die Frage, was ich tun könnte. Zu den Erwachsenen mit ihren langweiligen Themen wollte ich nicht, aber genauso wenig hatte ich Lust ,als fünftes Rad am Wagen bei den Jungs zu bleiben.Ich beschloss, mich ein bisschen mit unseren Meerschweinchen zu beschäftigen, das tat ich eh viel zu selten. Es war also neben meiner Rettung vor der absoluten Langeweile an meinem eigenen Geburtstag auch noch eine gute Tat. Zufrieden mit meiner Entscheidung begab ich mich ins Zimmer meines Bruders, in dem der Meerschweinchenstall stand. Doch schon beim Öffnen des Käfiggitters merkte ich, dass irgendetwas nicht normal war. Irgendetwas war anders. Normalerweise begrüßten mich Muj und Kiriwi schon beim Betreten des Raumes mit lautem Quieken und wildem Umherrennen. Heute war es aber nur Kiriwi, die sich vor mir zum „Affen“ machte, um meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu erlangen. Muj saß wie versteinert mit halb geschlossen Augen in einer Ecke und fiepte leise vor sich hin. Doch sie wich langsam zurück und das Fiepen wurde lauter, gerade so, als würde ihr etwas schrecklich doll weh tun. Ich holte meine Eltern aus dem Wohnzimmer, wo ich sie aus ihren Erwachsenengesprächen riss, was mir in diesem Moment jedoch relativ egal war. Doch die waren ebenfalls ratlos und so endete mein Geburtstag mit einem Besuch bei unserem Tierarzt. Diagnose: Schlaganfall. Vor zwei Stunden wusste ich noch nicht mal, dass Tiere einen Schlaganfall haben können und jetzt musste ich mit ansehen, wie sich mein Meerschweinchen aufgrund dessen quälte und litt. Das Schlimmste jedoch war, dass wir nichts tun konnten. Und auch wenn uns der Tierarzt noch eine gewisse Chance auf eine Besserung ihres Zustandes versprach, starb Muj noch in dieser Nacht.

(Anne)

 

Reue oder Realitätsverlust?

Ein sonniger Tag, ich hab schulfrei und das Leben zeigt sich mal von der guten Seite. Vor fünf Minuten meinte die Frau an der Kasse noch, ich solle das Wetter genießen, woraufhin ich sagte, sie solle es ebenfalls. Da steh ich an der Ampel, gegenüber meinem Zuhause, auf Grün wartend. Ein hübsches Mädchen steht neben mir. Ich denke noch, der Tag wird nicht besser, so etwas ist zu genießen. Ich atme ein, spür den Frühling in der Lunge, den frischen Sauerstoff in meinem Blut. Ich bin in Gedanken, als die Ampel auf Grün springt, fahre los  merke, wie sich das Mädchen beeilt. Ob sie Zeitdruck hat? Da spüre ich wieder die Sonne in meinem Gesicht und bin auf seltsame Art und Weise abwesend, aber nicht unaufmerksam. In weiter Ferne vernehme ich das Hupen eines Autos, doch ich mache mir nichts draus. Es scheint schnell zu fahren, Leute rufen und ein besonders nahes Hupen reißt mich unvorsichtig aus meinen Tagträumen von dem Mädchen und der wundervollen Welt. Ich sehe nur noch ihren Rücken, der auf einmal verschwindet. Plötzlich meine ich, ihre Gedanken hören zu können, doch es sind meine. Die Welt scheint schneller zu werden, als ob meine Augen nicht alle Bilder sehen können. Nachdem der hupende Wagen knapp an mir vorbeigesaust ist, fühlt es sich an, als ob alles erlahmt. Nur dumpfe Geräusche dringen in meine Ohren und verwirren mich. Bilder ziehen langsam an mir vorbei. Bis mir klar wird, was geschehen ist und ich von einer unsichtbaren Kraft in die Realität geworfen werde.  Die harte Realität. Hätte ich nicht den Tag genossen, hätte ich nicht mit der Dame an der Kasse geredet, oder hätte ich nicht an der Ampel geträumt, dann läge ich dort, wo sie gerade liegt. Mit welcher Selbstverständlichkeit Dinge wie diese passieren. Und mir wird klar, heute ist nur ein gewöhnlicher Tag, wie viele andere.

(Ammon)