Catalin Dorian Florescu: Workshop

Workshop mit Catalin D. Florescu am 4. 11.2011 „Ein Schreibworkshop ohne Schreiben“

IMG 6954Die ersten Sätze des Autors sind:“Packt eure Schreibsachen gleich wieder ein. Ich will keinen Kugelschreiber mehr sehen. Vertraut auf eure Aufnahmefähigkeit, ihr werdet euch schon die wichtigen Dinge merken.“ Verwunderte Blicke machen ihre Runde durch die Reihe der Schüler/innen des Schulzentrums Walle.

Ein Schreibworkshop ohne Stifte und Papier? 
„Ich bin ein Lehrerschreck, ich weiß, denn ich werde mit euch keineswegs so arbeiten, wie ihr es aus dem Deutschunterricht gewöhnt seid. Ihr werdet heute hier nicht schreiben.“ Das Staunen will kein Ende nehmen. Was ist denn ein Schreibworkshop ohne Schreiben?

IMG_6967.jpgDoch der Autor lässt das Rätsel noch eine Weile in der Luft schweben. Mit seinem Akzent und seiner frischen Art erzählt er erst einmal ein wenig von sich selbst, seiner Kindheit in Rumänien und seiner Flucht, seiner jetzigen Heimat, der Schweiz, und seinem Buch „Jakob beschließt zu lieben“. Alle lauschen gebannt, lachen über den ein oder anderen eingeschobenen Witz, und so stellt sich eine lockere Stimmung ein, in der Fragen erwünscht sind. Florescu ist der Überzeugung, dass das Wichtigste beim Schreiben das eigene Kopfkino ist, die Fähigkeit, sich Dinge und Menschen mit allen Sinnen vorzustellen. Zu Anfang lässt er deshalb den ein oder anderen seine Großeltern beschreiben. Dabei kommt der Autor mehr und mehr zu der Frage, wie Schreiben funktioniert: „Schreiben ist mehr als bloße Texte! IMG_6971.jpgWenn ihr schreibt, müsst ihr Beschreiben, nicht nur das, was ihr seht, sondern auch das, was ihr fühlt, was ihr riecht. Einen Bösewicht kann man nicht einfach mit den Worten „Ein böser Mann“ beschreiben, nein, man muss den Leser auch seine Stimme hören lassen. Als Autor muss man sich halt darauf verlassen, dass der Leser eine böse Figur schon erkennt.“ Dann fordert er die Schüler/innen auf, die Augen zu schließen: Er schicke sie jetzt auf eine Fantasiereise. Wieder verwunderte Blicke, doch man lässt sich stillschweigend darauf ein.

Die Reise beginnt mit einem leeren Raum. Wie eine Kamera sollen die Reisenden ihre Augen auf ihre Hände richten, sie zu jungen und dann wieder zu alten Händen werden lassen, dann ihre Füße erst riesengroß dann winzig klein werden lassen. Anschließend ist der ganze Körper dran: „Werdet zum Riesen, schaut auf die Dächer eurer Stadt, wachst bis in den Himmel. Geht ein paar Schritte(aber macht ja nichts kaputt!). Lasst euch schrumpfen, ihr werdet jetzt zu Zwergen, so klein, dass ihr in ein Mauseloch passt.“ Der Autor prüft auch mehrere Sichtweisen. Erst besteht die Aufgabe darin, sich von außen zu betrachten, dann von innen. Dann kommen Orte an die Reihe. Die Reise geht zuerst in eine Wüste, dann in den Himmel und schließlich in einen Regenwald. IMG_6974.jpgNachdem die Augen wieder geöffnet werden dürfen, sitzen alle für einen Moment noch ganz benommen da. Dann werden die Erlebnisse erzählt. Jeder hat andere Stärken und Schwächen erlebt, manch einer findet es ganz leicht, ein Riese zu werden, ein anderer kann im Regenwald eine Schlange über den Boden kriechen hören. Als jeder, der berichten wollte, zu Wort gekommen ist, stellt der Autor seine zweite Aufgabe.
Paarweise und im Wechsel sollen die Schüler/innen das sogenannte „Blindenspiel“ spielen, indem jeweils für zehn Minuten einem die Augen verbunden werden und der, vom anderen geführt, Gegenstände, Blätter, Bäume in der Umgebung der Stadtbibliothek ertasten soll, dann umgekehrt. Nach zwanzig Minuten sitzen alle wieder an ihrem Platz, beschreiben wie es ist, sich blind der Führung eines anderen anvertrauen zu müssen, wie sich Baumrinde, Blätter, Mülleimer etc. anfühlen.
IMG_6962.jpgUnd erst jetzt stellt der Autor die ersehnte Schreibaufgabe, die jeder Zuhause lösen soll: Geht nach draußen, setzt euch auf eine Bank oder erkundet eure Umgebung. Lauscht auf die Geräusche, beobachtet, was ihr seht, riecht, fühlt. Tauchen Personen auf? Wie sehen sie aus? Was haben sie vor? Wo wollen sie hin? Beschreibt, was ihr seht und erfindet, eine Szene, eine Geschichte, eine Person. Schreibt sie auf.
 
(Lea und Racine) 
 
Die Ergebnisse der Workshops sind nachzulesen unter Texte.
 

Hier alle Fotos aus den beiden Workshops: {gallery}veranstaltungen/04_11_2011_workshop_catalin_florescu{/gallery}