Catalin Dorian Florescu: Lesung

„Dracula ist ein Migrant aus meiner Heimat“

Florescu_Catalin_Dorian_7211_110317.jpgCatalin Dorian Florescus Lesung im Wallsaal am Donnerstag , den 5. November 2011, war sehr lebendig und außergewöhnlich. “ Dracula ist ein Migrant aus meiner Heimat, danach kamen Papa, Mama und ich. Aber fürchtet uns nicht- er kommt nicht aus direkter Abstammung.“ Gleich zu Beginn des Abends lockerte der gebürtige Rumäne humorvoll die Stimmung auf, auch als er Lisa Urlbauer aus unserem Redaktionsteam, die in seine Biografie einführte, fragte, wie sie es geschafft habe, sein gesamtes Leben als Schriftsteller auf ein paar beschriebene Karteikarten zu reduzieren.

Bevor Florescu anfing zu lesen, forderte er einige Schüler/innen auf, mit ihren Stühlen in die erste Reihe zu kommen, wollte keine Scheinwerfer und große Mikrofone ( Radio Bremen zeichnete die Lesung auf) und kam mit einer Tischlampe als Beleuchtung aus. Er suche die Nähe zum Publikum, so Florescu, das alles seien Hindernisse, die sich zwischen ihn und das Publikum stellten. Auch dann begann er noch nicht zu lesen, sondern erzählte davon, wie er zum Schreiben gekommen ist, wie wichtig das Schreiben für ihn als Ausdrucksmittel, als Quelle der Freude, aber auch als Möglichkeit ist, Kontakt zu seinen Mitmenschen aufzunehmen. Er erzählte von seiner Kindheit in Rumänien, seiner Flucht, seinem Leben jetzt in der Schweiz. All das spiegele sich in seinen Büchern wider, so Florescu. Während seine ersten Romane sehr autobiografisch ausgerichtet seien, habe er sich in den späteren wie in „Zaira“ mehr und mehr davon gelöst. In „Zaira“ schreibt er aus Sicht einer Frau, die in den zwanziger Jahren geboren wird, ihren Geliebten und ihre Heimat Rumänien verlässt, nach Amerika auswandert, Puppenspielerin wird und am Ende doch zu ihrer Liebe nach Rumänien zurückkehrt. Er nutze die Pole seiner Identität, die  Extreme in seinem Leben, das arme und reiche Europa fürs Schreiben. Er finde seine Geschichten in Rumänien, nicht in der Schweiz.
Wie ein Spinne, die in einer Ecke auf sein Opfer lauert, so warte er auf Ereignisse, Begegnungen, die ihn zum Schreiben inspirieren. Manchmal seien es Kleinigkeiten, die den Schreibimpuls auslösten. Manchmal Personen, die ihm seine Geschichte erzählten. Wie die, aus dem dann der Roman „Der blinde Masseur“ entstanden ist. Die Geschichte von einem Mann, dessen Leidenschaft das Lesen ist, der mit 17 erblindet und vor der Wahl steht: Wird er zum Opfer? Oder findet er Menschen, die ihn retten können, indem sie ihm aus Büchern vorlesen. Außerdem, so der Autor, sei die Recherche ein wichtiger Bestandteil seiner schriftstellerischen Arbeit. Für den Roman „Jacob beschließt zu lieben“ hat er fast ein Jahr lang nur recherchiert.
Nach fast einer halben Stunde begann Florescu dann doch zu lesen. Erst aus seinem Roman „Zaira“ anschließend aus „Jacob beschließt zu lieben“. Beide Auszüge befassten sich inhaltlich mit den Schilderungen einer Geburt. Während der Lesung kam es einem als Zuhörer oft vor, als würde er die Geschichte gerade jetzt erzählen nicht nur vorlesen, das wirkte sehr überzeugend und motivierend. Überhaupt nahm das Publikum an diesem Abend sehr viel Wissen aus dem rumänischen Leben mit nach Hause.
Insgesamt ein sehr interessanter, vielleicht etwas zu langer, aber doch sehr lebendiger Abend!
 
Lesung am 5.11.2011
(Whitney Omafodezi)