Catalin Dorian Florescu: Interview

florescu catalin dorian wikipedia 114pxHerr Florecu, können sie noch einmal darauf eingehen, warum Sie ihre Romane auf Deutsch schreiben. Warum übersetzen Sie nicht selber ins Rumänische?

 
Ich schreibe auf Deutsch, weil die Aktualität meines Lebens eben Deutsch ist. Aus dieser Aktualität heraus entsteht der Wunsch zu schreiben und auf die Kultur, die mich umgibt, ziele ich, wenn ich schreibe, und die ist Deutsch. So wie der Impuls des Schreibens immer aus dem Hier und Jetzt entsteht – sei es Leiden, Not oder pure Lust am Erzählen – so verhält es sich auch mit der Wahl des Mittels. Ich müsste längere Zeit in Rumänien gelebt haben, damit ich die Dringlichkeit spüre, Rumänisch zu schreiben.
 

Übersetzungsarbeit ist nicht beliebig, das kann man nicht leisten, bloß weil man muttersprachlich ist. Das will erlernt sein. Außerdem muss man in der Sprache leben, in die man übersetzt, damit sie lebendig und aktuell wirkt. Und….das Übersetzen ist richtige Arbeit, aber Schreiben ist lustvolles Spielen, und ich tue natürlich viel lieber das Zweite. Natürlich untertreibe ich da ein wenig, auch Schreiben ist Arbeit, man muss an so vieles denken.

 Sie sagten, bezugnehmend auf die Frage einer älteren Dame nach der Lesung, Sie möchten, dass sich die Leser an ihrer Sprache berauschen und nicht nur am Inhalt. Können Sie das noch näher erläutern?

Das erste Mittel, das Urmedium der Literatur ist doch die Sprache, sonst könnten wir auch gleich Filmdrehbücher schreiben. Es geht um eine dichte, klare, poetische Sprache, die der Autor in seinem Text entwickelt und weniger darum, ob die Geschichte so oder so ist. Man wird mich nie dazu bringen, eine scheinbar spannende Geschichte zu lesen, wenn mich die Sprache langweilt. Leider leben wir in einer Konsumwelt, in der sich Plots auch besser verkaufen. Jedoch ist es die Sprache, die einen Sog entwickelt. Oder eben nicht.
 
In Ihrem Workshop haben Sie die Schüler/innen und auch uns auf zweierlei Arten unsere Sinne erforschen lassen, durch eine „Fantasiereise“ mit geschlossenen Augen und durch Ertasten von Gegenständen. Arbeiten Sie selbst mit diesen Methoden beim Schreiben eines Romans?
 
Mir war es wichtig, dass die Leute merken, was ein sinnliches Erleben bedeutet. Und dass sie wieder in Besitz ihrer Sinne kommen. Denn wir leben oft so, dass wir gar nicht wissen, dass wir Augen haben, um zu sehen, und Ohren, um zu hören. Wir starren oder sehen durch die Dinge hindurch. Wir hören nicht hin. Aber die Sinne sind die ersten Instrumente des Künstlers. Wie soll er eine Abendstimmung beschreiben oder ein Kornfeld kurz vor einem Gewitter, wenn er nicht gelernt hat zu sehen, hinzuschauen.
 
Ich glaube auch, dass starke Literatur alle diese Dimensionen berücksichtigt. Sie sind wichtig, aber es gibt natürlich auch andere Dinge, die für das „gute Schreiben“ wichtig sind: Dass man einen Sinn hat für Intensität, für das Drama des Lebens, für Rhythmus. Ich versuche natürlich auch so zu leben und es in meinem Schreiben umzusetzen.
 
Wie erklären Sie sich, dass sich in ihren (zumindest in den nicht autobiografischen Romanen) Geschichten nur Teile Ihrer rumänischen Kindheit, nicht jedoch Ihres Lebens in Amerika, der Schweiz und Italien wiederfinden?

Solche Spuren finden sich. In jedem meiner Romane gibt es auch die Schweiz oder Amerika etc. Aber Rumänien hat mich geprägt, so wie halt jeder durch den Ort seiner Kindheit geprägt wird…und seien wir ehrlich: die Sprödigkeit eines „zivilisierten“ Lebens im Westen gibt nicht viel her für eine „saftige“ Literatur. Da fahre ich lieber in den archaischen, scheinbar „rückständigen“ Osten und hole mir die Geschichten von dort. Sie faszinieren (mich) mehr.
 
Sie sagten gestern: „Alles was ich von mir gebe ist übertrieben, ja eigentlich ist alles eine größere oder kleinere Lüge“. Wie finden sich diese „Lügen“ in Ihren, meist auf wahren Begebenheiten beruhenden, Romanen wieder und wo vermischt sich Wahrheit mit Lüge?
 
Tatsächlich muss man da verantwortungsvoll mit Wahrheit und Fiktion umgehen. Eine Geschichte, die inspiriert ist nach wahren Begebenheiten oder nach einer wirklichen Biografie verträgt nur bedingt fantasievolle „Anreicherungen“. Aber dort, wo das möglich ist, tue ich es. Wir lügen sowieso dauernd und geben vor, es sei die Wahrheit. Aber es ist nur unsere, sehr subjektive und uns dienende Version der Wirklichkeit. Ich tue dasselbe, wenn ich Bücher schreibe.
 
Racine, Lea und Lisa stellten dem Autor diese Fragen im Anschluss an die Workshops per Mail, da ein mündliches Interview aus zeitlichen Gründen dieses Mal nicht möglich war.Herr Florescu beantwortete die Fragen noch am 5.11.2011.