Ein Parkplatz

Unten der Text von Tamar Masury, 16-jährige Schülerin des Gymnasiums Obervieland, der in der Lesereihe Vorsaison entstanden ist. Tamar hatte vorher an der Schreibwerkstatt mit Roman Graf teilgenommen.

Ich habe eine Geschichte zu erzählen, es ist meine. Sie handelt von einem Mädchen und

dauert ein halbes, junges Leben.

Anfangs waren nur wir hier. Meine Familie und ich. Damals war ich so unglaublich klein
und eine Ewigkeit später erschienen mir die Dinge nicht mehr so groß wie damals.
Was sich meinem Blick erschloss, war ein Wald, der sich im Frühling grün und bunt
erstreckte und die Vögel, die ich über den Winter nie sah, zwitscherten wieder wie im
Vorjahr. Später dann wurden alle Äste dichter und der Wald immer saftiger und grüner.
Manchmal verirrten sich ein paar Mücken vom Uferrand zu mir und jagten sich gegenseitig
und flogen Kreise unter einem klaren Sommerhimmel.
 
Der Herbst ist immer eine Zeit der Trauer, denn alle Blätter verfärben sich- was anfangs
nicht so schlimm ist-, doch irgendwann fallen diese dann tot zu Boden. Mit jedem weiteren
Blatt geht etwas verloren. Wenn ich irgendwann den Waldboden betrachte, sehe ich ein
sich weit erstreckendes Bild von Leichen, von toten Blättern. Es sieht aus wie nach einem
schrecklichen Krieg, als sei dies das verlassene Schlachtfeld. Ihre Opfer würden
irgendwann unter Schnee begraben. Ein paar Jahre später war dieser Wald nur noch eine
Ansammlung von Bäumen. Eine kleine Handvoll. Auf einer Wiese dem Tod geweiht.
Und dies ist, wann die Geschichte beginnt, die ich zu erzählen suche. Meine Worte mögen
unzulänglich sein, doch sind sie das, was ich fühle und was ich fühle ist wahr.
Den Namen des Mädchens habe ich nie erfahren, solche Dinge sind unwichtig. Für mich
zumindest.
Das erste Mal sah ich sie, als sie mir als kleines Kind entgegenrannte.
Die Menschen kommen und gehen und ihr Handeln ist mir egal, denn es ist nicht wichtig.
Weder für sie, noch für mich. Deshalb sollen sie doch kommen. Und gehen!
Ich weiß beim besten Willen nicht, was an diesem Mädchen hätte anders sein sollen, aber
irgendetwas an ihr erweckte meine Neugier.
Ich fühlte mich das erste Mal in meinem Leben wirklich alt, als ich versuchte, sie zu
beobachten und sich etwas Verstaubtes und Morsches, das vielleicht ein Funken Interesse
und Neugier in mir zeigte und ich dieses kleine, rennende und weinende Mädchen sah.
Mir fielen Kleinigkeiten auf… sie hatte langes Haar, das ihr in einem sonnigen Braun das
Gesicht umrahmte. Sie trug eine für ihr Alter schmerzverzerrte Maske..
Bei ihrem Lauf zertrat sie ein Veilchen und ich war ihr nicht böse, denn sie machte einen
zutiefst traurigen Eindruck.
Das Mädchen erreichte mich. Lehnte dich mit dem Rücken an mich. Sank in sich
zusammen. Es gab klägliche Laute von sich und das erinnerte mich an meine früheren
Brüder und Schwestern, von denen mir nicht viel geblieben ist. Es erinnerte mich deshalb
daran, weil wir Verbliebenen auch um sie weinten. Wir ließen den Wind durch unsere Äste
pfeifen und um uns herum hing ein uralter Schmerz, der unsere Blätter zu Tiefe wog,
sodass sie trist von uns hinab hingen.
Und es war uns egal. Wir würden ihnen bald folgen.
Daran erinnerte ich mich dieses weinende Mädchen also. Ein vergangener Schmerz
blühte wieder auf und ich konnte fühlen, was dieses allzu kleine Mädchen ertragen
musste. Es tat so unglaublich weh, ihr zuzuhören, dieses Schluchzen, das sie von sich
gab und ich nicht zu verarbeiten wusste.
Was hätte ich für sie tun können? Ich wusste es nicht. Also tat ich das Erstbeste, das mir
einfiel.´. Ich lud sie zu mir ein, indem ich den Wind ganz sachte durch meine Äste und
Blätter wehen ließ, sodass er ihr Gesicht streichelte und einige ihrer Tränen mit sich nahm.
Sie blickte zu mir auf und kniff die Augen zusammen, bestimmt deshalb, weil die Sonne
durch einige meiner Blätter strahlte.
Ihre Augen hatten einen ähnlichen Ton wie ihr Haar. Sie sah mich weiter an und vergaß,
zu weinen. Nach einer atemlosen Zeit stand sie auf und erklomm meine Äste mit ihren
dürren Gliedern.
Etwas an diesem Mädchen hatte mich gefesselt, ich weiß bis heute nicht, was.
Ich nahm sie also auf meine Arme und wiegte sie sanft und hoffte darauf, dass es ihr bald
besser ginge.
Nach einiger Zeit schlief sie sogar ein und ich sah zu, wie die Sonne unter dem Horizont
verschwand… was sie wohl träumte? Ich konnte ihr Gesicht nicht mehr erkennen, aber ihr
Atem hörte sich gleichmäßig an.
Ich hörte die Geschichten meiner restlichen Brüder und Schwestern, wie sie flüsterten und
von einem Menschen erzählten. Man sagte es den übrigen und wie waren nicht viele,
deshalb war das Flüstern wie ein einziger, lauter Schrei.
Ich reagierte nicht.
Ich kann mich entsinnen, dass auch ich zu gegebener Zeit einschlief und dass ich inmitten
der Nacht von grellem Licht und Lärm geweckt wurde.
Ich sah ein Metallding auf dem gehassten schwarzen Pflaster stehen, dass sich etwa 50m
vor mir zeigte und auf dem Dach davon stand etwas blau Leuchtendes.
Menschen standen dort. Sie trugen Taschenlampen und ernste Minen und irgendwann
bestrahlten sie meine Äste und dann riefen sie laut herum und eine ganze Gruppe von
Menschen sammelte sich um mich. Ich hatte Angst und wusste nicht, was die Menschen
von mir wollten, bis einer von ihnen an mir hinauf kletterte und mir das kleine, schlafende
Mädchen aus den Armen nahm. Das tat weh, denn ich hatte mich an das warme Ding
gewöhnt, das sich auf meinen Ästen ein Bett machte.
So habe ich das Mädchen kennengelernt.
Erst sah ich es für eine Weile nicht und ich fragte mich, ob ich das kleine, weinende
Mädchen je wiedersehen würde.
Doch nicht viel später erschien sie auf dem selben Weg, den sie das erste Mal schon zu
mir aufnahm. Es war ein schöner und warmer Frühlingstag und es passte nicht zum Tod,
den sie erfahren hat.
Wir nennen den Herbst die Zeit des Todes und im Winter trauern wir über die Gefallenen.
Deshalb tat es mir leid, dass sie nicht richtig trauern konnte. Es war nicht fair, dass sie ihre
Mutter nicht wenigsten im Herbst hatte, denn dann hätten meine Familie und ich sie weit
besser trösten können.
Sie kam und setzte sich mit dem Rücken an meinen Stamm. Mit ernstem und geprägtem
Gesichtsausdruck sah sie starr geradeaus, bis es dämmerte, was eine lange Zeit war.
Dann stand sie unvermittelt auf. Und ging.
So wiederholte es sich eine Weile und ich freute mich über ihr Kommen, denn mir gefiel
die Wärme ihres Körpers. Das ging bestimmt ein paar Jahreszeiten so, das bemerkte ich,
weil sie größer geworden war. Ihre Gesichtszüge wurden länglicher, doch blieb sie
genauso zierlich wie zuvor.
Einige Zeit später kam sie mich mit einem Block unterm Arm besuchen und zerrte einen
Kugelschreiber aus ihrer Jackentasche.
Damit schrieb sie dann und da hörte ich sie das erste Mal sprechen. Sie murmelte in
ungeduldigem Ton „Warum geht das nicht?“.
Das waren die ersten Worte, die ich aus ihrem Mund hörte und ich verstand ihren Sinn
nicht.
Sie malte Striche auf ihr Blatt und diese wiederholte sie dann immer wieder. Einmal waren
es zwei Linien, die von Ost und West nach oben hin spitz aufeinander zuliefen und in ihrer
gemeinsamen Mitte malte sie eine Waagerechte. Solche Bilder malte sie die ganze Zeit,
sie sahen alle ähnlich aus, aber bald konnte ich sie auseinander halten und letzten Endes
waren es dann 26 verschiedene Abbildungen.
Während sie diese Bilder malte, kaute sie manchmal auf ihren Lippen, summte oder
versuchte unterschiedliche Laute. Wenn sie dann fertig war, erklomm sie meine Äste und
machte es sich in meinen Armen gemütlich. Zur Sommerzeit ließ ich ihr oft die warme Luft
um die Ohren wehen und hoffte, dass es sich für sie wie eine Art Streicheln anfühlte, denn
ich wusste, dass Menschen das taten.
Im Herbst und Winter stellte ich meine Blätter, falls mir welche blieben, immer so, dass
möglichst wenig Wind ihren zierlichen Körper erreichte, denn ich wollte nicht, dass sie zu
Zittern anfing oder dass sich seltsame Punkte auf ihrer Haut bildeten. Ich fand heraus,
dass Menschen sie bekommen, wenn ihnen kalt ist.
Ihre Gesellschaft fühlte sich an wie ein Geschenk. Vielleicht ist es eine Entschädigung für
den Schmerz, den ich erfahren musste. Ich zumindest sehe dieses kleine Mädchen als
Geschenk an, es war mein kleines Mädchen.
Mein kleines Mädchen wurde erneut um vier Jahreszeiten größer und brachte nun Bücher
mit.
Bücher sollen angeblich aus unseren Leichen gemacht sein, aber das ist nur ein Gerücht
und ich glaube es nicht.
Dies war das erste Mal, dass ich eines dieser Bücher gesehen habe. Meine Kleine las
daraus vor und es handelte von einem Mädchen, dass einen Jungen liebte, doch die
beiden waren anscheinend eine sehr dumme Version ihrer Gattung, denn sie trauten ihren
Gefühlen nicht. Das Buch spielte zu einer Zeit, in der meine ganze Familie noch lebte und
immer, wenn die daraus vorlas, wurde ich nostalgisch und ich bemerkte, dass meine
Familie ebenfalls gebannt mithorchte. Es schien, als würde der ganze Wald für einen
unglaublichen Moment verharren…
Sie alle verloren nun endlich die Vorurteile den Büchern und natürlich diesem, meinem,
kleinen Menschen gegenüber.
Sie wuchs und wuchs, das fand ich erstaunlich. Kam mich immer besuchen.
Lachte. Weinte. Manchmal lag sie bloß in meinen Ästen und schlief. Sie redete. Nicht
direkt mit mir, aber einfach so.
Erzählte von ihrem Leben, was sie an einem Tag gemacht hatte, was sie störte und hin
und wieder von dem, was sie von ihrer Mutter im Gedächtnis behalten hatte.
Ich lernte so unglaublich viel von ihr, verstand die Menschen und ihre Empfindungen nun
viel besser, obwohl ich weiß, dass ich nie alles erfahren werde.
Nachts flüsterte meine Familie immer über ihre Geschichten und unsere Erzählungen
haben sich schon meilenweit getragen.
Manchmal sang sie. Ich habe schon so oft versucht, mir den Klang ihrer Stimme
einzuprägen und ihn mir einfach immer und jederzeit in Erinnerung zu rufen. Doch sobald
sie zu singen oder sprechen aufhört, kann ich den Klang davon nicht mehr aufrufen. Es ist
gleichermaßen schade und erfreulich, denn jedes Mal, wenn sie spricht, ist es ein
Geschenk.
Manchmal schreibt sie Dinge und liest sie uns dann vor. Ich fühlte mich wie ihr Publikum
und war dessen sehr geehrt.
Als sie einmal an meinem Stamm lehnte, zog sie ihr Tagebuch hervor und las unvermittelt
daraus vor.
„Tagebuch. Nicht immer fand ich das alles so schon. Habe nachgedacht. Weiß noch, wie
Mutter mal zu mir sagte, ich solle die Natur schätzen, sie sei nicht selbstverständlich. Ich
meinte, dass mir das egal sei.
Seitdem habe ich ein schlechtes Gewissen. Natürlich ist es nicht egal, das habe ich
endlich gelernt.
Zwei Blocks weiter bin ich gern mit Freunden picknicken gewesen. Da steht nun ein
Altenheim. Gegenüber bauen sie gerade einen Supermarkt.
Auf der großen Wiese neben meinem Haus prangt nun das provokative McDonalds-M.
Hier soll bald ein Parkplatz sein…
Ich weiß noch, dass meine Mutter mir antwortete ‚Das siehst du vielleicht jetzt so, aber du
bist noch jung und naiv, Kleines. Denk darüber nach, möglicherweise änderst du deine
Meinung.‘
Habe nachgedacht. Ich würde ihr so gern zeigen dass ich nicht mehr das kleine, naive
Kind bin. Will ihr zeigen, dass ihr Mädchen groß geworden. Will ihr einfach-“
Mein Mädchen klappte ihr Tagebuch mit einem lauten „Plopp“ zu.
Bald darauf verschwand sie.
Bald darauf fuhren tosende Metallraupen den Weg vom schwarzen Pflaster empor.
 
 (Tamar Masury)