Wilfried N‘ Sondé: Sonstiges

Feedback: Eine Lehrerin meldet sich zu Wort: Die schwere Eichentür mit dem „Pinökel“

Schuljahrsende: Abitur, Projekte, Korrekturen, Zensuren… Kopf übervoll, verkopft, kopflos

Li-t-e-r-a-t-u-r

Frau Bäumer hat an uns gedacht. Herr N´Sondé kommt im Rahmen des internationalen Literaturfestivals „Poetry on the road“ am 19.6.2009, um 10 Uhr in den Wallsaal und veranstaltet einen Literaturworkshop. Meine SchülerInnen sind: in Abschiedsstimmung „Ich habe es doch nicht geschafft“, voller guter Vorsätze „Ich starte noch einen Versuch, vielleicht klappt´s dieses Mal“, berufsorientiert „Ich mache ein Praktikum, das ist der Schlüssel für eine Lehrstelle“, in Ferienstimmung „noch ein Jahr, dann habe ich mein Abitur, aber jetzt erst einmal Sommer, Sonne..“

Frau Bäumer hat an uns gedacht. Ich haste zur Stadtbibliothek. Einige Schülerinnen stehen vor der Tür. Die schwere Eichentür zum Wallsaal ist weit geöffnet. Frau Bäumer hat alles mit ihrem Team für den Literaturworkshop vorbereitet: 20 Stühle im Halbkreis, davor der Stuhl mit dem Tischchen für den Autor und nebenan süße Überraschungen für uns. So viele Stühle…wo bleiben die restlichen SchülerInnen! Ich haste nach draußen: Gott sei Dank, da stehen noch einige. Der Autor kommt. Wir schließen uns an und betreten den freundlichen, hellen, vorbereiteten Wallsaal. „Warten wir noch auf die Schülerinnen, die noch kommen wollten!“ Wir warten. Nach 5 Minuten hören wir Schritte auf der Treppe. Der Rest stürzt hoch zu uns. Jetzt geht es los.

Das Team der SchülerInnen von workshop literatur setzt sich zu uns.

Frau Bäumer stellt sich vor, führt in das Literaturfestival ein, gibt Herrn N´Sondé das Wort. Herr N´Sondé wirkt entspannt, zugewandt spricht mit einer tiefen warmen Stimme. Er möchte assoziativ mit den SchülerInnen arbeiten und gibt Signalworte vor: „Liebe“. Nein, meine SchülerInnen signalisieren vorsichtig Ablehnung zurück. „Aber nein nicht allein Liebe als Beziehung, Liebe als Kraft, als Lebenselixier, als Lebensmotor…“ Meine SchülerInnen sprechen miteinander, assoziieren und ordnen, differenzieren und tasten sich langsam schreibend heran. Herr N´Sondé spricht mit jedem, muntert auf, ist erstaunt, ist begeistert, zeigt seine Gefühle, kommt ins Gespräch, nimmt jeden an. Meine SchülerInnen schreiben. Wir spüren die Freude am Schreibfluss. Die Luft ist erfüllt mit Konzentration, Ideen, Kreativität. Herr N´Sondé fragt, wirft hier und da anerkennende Blicke zu Einzelnen, hat Geduld, gibt Raum.

Lautes Klopfen im Treppenhaus. Die schwere Eichentür ist zugefallen. Eine Schülerin möchte herein, macht sich bemerkbar. Ich eile hinunter, versuche die schwere Tür zu öffnen. Ein versteckter Pinökel ist der Schlüssel für die besondere Mechanik. Die letzte Schülerin eilt in den Arbeitsraum, den Wallsaal.

Herr N´Sondé bringt gemeinsam mit den SchülerInnen die Ernte ein. Ich staune, entdecke unterschiedlichste Zugänge zum Thema, erfahre sehr Persönliches, sehr Reflektiertes, Sprachkompetenz und vieles mehr über meine Lieben…

Vielen Dank Frau Bäumer. Es hat sich wieder einmal gelohnt. Die schwere Eichentür hat sich so weit geöffnet, dass einige SchülerInnen Interesse haben, Herr N´Sondés Lesung am nächsten Tag zu besuchen.

Mechthild Thülig

(Lehrerin im Deutschprofil

des 12 Jgs am SZ Walle)

 

 

Sonstiges: Eröffnungsabend des 10. Internationalen Literaturfestival Bremens am 18.6.2009(Nadia)

poetry on the road

10. INTERNATIONALES LITERATURFESTIVAL BREMEN

18.-22. JUNI 2009

Es ist soweit. „ Die Poesie wird wieder nach Bremen gebracht“, wie es Regina Dyck am Eröffnungsabend im Neuen Schauspielhaus so schön formulierte. Eröffnet wurde das 10. Internationale Literaturfestival, wie bereits im vergangenen Jahr, durch die Staatsrätin für Kultur Carmen Emigholz, welche das Publikum dazu aufrief „ins Wort zu fallen“, da menschliche Kreativität das sei, was wir in diesen schwierigen Zeiten angesichts der Finanzkrise bräuchten. Ebenfalls erneut dabei war Silke Behl von Radio Bremen, die mit viel Charme durch den Abend moderierte. Zunächst oblag ihr aber die weniger angenehme Aufgabe, über die Absage von Lars Gustafsson aus Schweden zu informieren. Dieser konnte aufgrund von familiären Angelegenheiten leider nicht erscheinen. Anschließend wurden unter langem Applaus alle anwesenden Autoren vorgestellt, welche sich dem gespannten Publikum präsentierten.

Zu den Poeten in diesem Jahr gehören Vertreter aus Nicaragua, Korea, den Niederlanden, Schweden, den USA, Rumänien, Weißrussland, Südafrika, dem Kongo, Shetland, Ungarn, Indien, der Schweiz, Frankreich und überwiegend Deutschland.

Den Anfang machte der Bremer Moderator, Übersetzer und Lyriker Michael Augustin. Bevor er aber dem Publikum aus seinen eigenen Werken vorlas, erinnerte er an die verstorbenen Künstler Inga Christensen und Adrian Mitchell und überraschte mit einer Audioaufnahme von Mitchells berühmten „ What is poetry?“. Als nächstes begeisterte Franz Mon, einer der bedeutendsten deutschen Sprachkünstler im Bereich der Konkreten Poesie und des neuen Hörspiels, das Publikum, indem er mit den Buchstaben spielte wie kaum ein anderer. Einen Auftritt der besonderen Art hatten an diesem Abend Wilfried N‘ Sondé, sowie sein in Frankreich lebender Bruder und Gitarrist Serge N‘ Sondé. Mit Chansons über Goethes Werther, die französischen Vorstädte, die N’Sondé aus seiner Kindheit kennt, und über den Sklavenhandel, schafften sie nicht nur ein traumhaftes Ambiente , sondern regten auch zum Nachdenken an. Als letzter Künstler vor der Pause,- welche den Zuschauern die Gelegenheit bot, René Bölls Hölderlin-Adaption mit chinesischer Tinte unter dem Titel „…was bleibt aber, stiften die Dichter“ zu begutachten-, las der als Freund der Dichter und Literatur bekannte Michael Krüger. Wirkte das Publikum zu Beginn noch nicht sehr begeistert von seinen Texten, war ihm der Applaus am Schluss seiner Darbietung jedoch sicher.

Den zweiten Teil des Abends leitete der als Schriftsteller, Essayist, Hörspeilautor, Herausgeber, Übersetzer und Redakteur tätige bedeutende deutsche Lyriker Hans Magnus Enzensberger ein. Mit einer leicht schauspielerischen Leistung und starkem Ausdruck zog er seine Zuhörer sofort in seinen Bann. Mindestens genauso interessant war der äußerst abwechslungsreiche und amüsante Auftritt der rumänischen Poetin Nora Iuga, welche von Michael Braun auch als „die letzte Surrealistin Europas“ bezeichnet wurde. Mit ihrer ganz eigenen und für manch einen vielleicht auch zu anstößigen Art, las sie einzelne Stellen aus einem Gedicht-Roman, der viel Unterhaltung bot, da man nie wusste, was einen als nächstes erwartete und es immer anders kam, als gedacht.

Ein besonders belebtes Highlight erwartete das Publikum am Schluss mit Ramsey Nasr. Der Künstler, welcher ursprünglich aus Palästina stammt und in den Niederlanden und Belgien aufgewachsen ist, ist im weltpolitischen Chaos groß geworden und dementsprechend schwer zu verorten. Seine verschiedenen Tätigkeiten als Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller machten sich auch bei seiner Performance bemerkbar. Seine Darbietung, die von der Kraft und der Intensität eines Schauspielers geprägt war, verzauberte die Zuschauer im Handumdrehen und hinterließ sie in einem Zustand zwischen schallendem Gelächter und bloßem Staunen.

Insgesamt war es ein sehr unterhaltsamer Abend, ein gelungener Festivalauftakt, der Lust auf mehr macht.

(Nadia)

 

Poetry ist immer noch on the road und machte diesmal am 21.6. 2009 erstmals halt im Weserhaus.

Die Moderation übernahm der Radio Bremen Redakteur Thorsten Jantschek, welcher die Zuhörer, bei einer lockeren und entspannten Atmosphäre durch den Vormittag leitete.

Die ausschließlich männlichen Autoren der Veranstaltung stammen aus Südafrika, Frankreich, Indien, Ungarn, den Niederlanden und wie so oft beim derzeitigen Festival aus Deutschland.

„So nah wie in diesem Jahr war poetry on the road der Bildenden Kunst noch nie“, erklärte Thorsten Jantschek bereits zu Beginn und so war es nicht verwunderlich, dass der niederländische, als Lyriker und Graphiker tätige, Hans Wrap, mit einem Bild im Hintergrund seine Texte vorlas. Seine humorvollen Erzählungen über Rosen, welche, wie Wrap schreibt: „zwar auch Dornen haben, aber immer noch besser riechen als Dichter“, konnten trotz kleiner Unterbrechungen aufgrund von Tonschwierigkeiten überzeugen.

Als nächstes versuchte der in Deutschland lebende und auf deutsch schreibende indische Dichter Ravinder Singh „ mit Worten auszudrücken, was in Regimes kaum möglich ist“, und brachte mit seinen Gedichten vor allem philosophische und hintersinnige Gedanken zum Ausdruck. Besonders abwechslungsreich für das Publikum wurde es, als der Lyriker ein Panjabi-Gedicht nicht einfach vorlas, sondern sang. Weiter ging es dann mit Szabolcs Várady, der zu den renommiertesten und wichtigsten Stimmen Ungarns gehört. Die Texte, des auch als Essayist und Übersetzer tätigen Autors, kreisten um die kleinen Dinge des Alltags, auf welche Várady mit seinem analytischen und präzisen Schreibstil aufmerksam machte. Nico Bleutge, der zu den neuen Sternen am deutschen Lyrikhimmel gehört, forderte die Zuschauer mit seinen zum Teil schwer verständlichen Texten auf, sich mit dem Thema Erinnerung zu befassen, bevor es in die Pause ging.

Den zweiten Programmabschnitt leitete der französische Dichter Nicolas Pesquès ein, dessen Name Thorsten Jantschek „trotz mehrmaligen Übens“ Probleme bereitete. Anschließend stellte der südafrikanische Lyriker Charl-Pierre Naudé seine Werke, die als Meilenstein der südafrikanischen Lyrik gelten, vor. Sie zeichneten sich vor allem durch ihre ungewöhnlichen Metaphern und dem nicht zu kurz kommenden Humor aus . Einen wirklich interessanten und wohl auch für manchen poetry on the road-Kenner ungewöhnlichen Abschluss stellte die Performance des häufig als nomadisierender Dichter des Aufbruchs bezeichnete Künstler Uwe Kolbe dar, der gemeinsam mit seinem Sohn Machone und dem Posaunist Hans Bauer auftrat. Spätestens beim Ertönen von Bauers Posaune war wirklich jeder Zuhörer voll und ganz aufmerksam. Dem Zuschauer wurde ein unterhaltsames Spiel geboten, bei dem es mal ein harmonisches Zusammenspiel von Vater, Sohn und Posaunist, aber auch gewollt verwirrende Wechselspiele gab. Machones Darbietung von Kolbes Text „ Das unverständliche Gedicht“ sowie Kolbes Vorstellung von Machones „ Neo“ und der abschließende Vortrag beider Texte brachte diese mehr als beeindruckende Performance zum Ende.

(Nadia)

 

Poetry im Kippenberg-Gymnasium am 22.6.2009

Zwei riesige bunt geschmückte Blumensträuße, ein roter Vorhang, ein riesiger Tisch mit schwarzem Tischtuch…. In der Aula des Kippenberg Gymnasiums ist alles vorbereitet für die Doppelstunde „Poesie vom Feinsten“. Die SchüerInnen in dem prall gefüllten Raum haben das Glück, nochmal „die Besten“ des 10. Internationalen Literaturfestivals live mit zu erleben. Nachdem die Jazz-AG der Schule, wie jedes Jahr üblich, die Aufmerksamkeit des aufgewühlten Publikums gewonnen hat, eröffnet Moderator Michael Augustin die Veranstaltung auf eine etwas unübliche Art und Weise: Die gesamte Aula begrüßt die Autoren, von Augustin angeleitet, mit einem ohrenbetäubenden Geschrei: „WERDER….BREMEN…“ Die Autoren sind von der überraschend aufgetretenen Ostkurven-Atmosphäre sichtlich beeindruckt. Die rumänische Lyrikerin Nora Iuga ist nun als erste dran. Die unglaublich freundlich und liebenswürdig wirkende „niedliche Omi“ trägt zwei ihrer, wie sie selbst sagt, „lustig und spielerischen“ Gedichte vor. Dass die Zuschauer sich nicht zu viel Mühe geben sollten, den Inhalt der Gedichte zu verstehen, hatte sie schon im Vorhinein geraten.Dieser Tipp erwies sich als berechtigt. Das Publikum zeigte sich trotzdem sehr begeistert und bedankte sich bei Iuga mit lang anhaltendem Applaus. Schön geklungen hatten die Gedichte allemal.

Es folgt Nicolas Pesquès. Der Franzose erläutert den SchülerInnen auf Englisch, dass es in seinen Werken einzig und allein auf die Sprache ankommt. Genauso wie man einen Hügel malen kann, könne man einen Hügel auch schreiben ( nicht umschreiben), so Pesquès. Nach dieser kleinen Einheit Sprachphilosophie, nimmt er die Jugendlichen mit auf ein sprachliches Abenteuer aus seinem französisch sprachigen Buch. Leider Gottes kann ein Großteil des nicht-französischen Publikums nicht ganz folgen. Es genießt lediglich die beeindruckend tiefe Stimme des Autors.

Als nächstes stellt der Berliner Dichter (und Vater des Berliner Szene-Rappers MachOne!!) Uwe Kolbe zwei seiner, wie er findet in der Schule richtig aufgehobenen Gedichte vor. Sie handeln von Liebe. Der größte deutsche Dichter (bestimmt an die zwei Meter…) macht das Zuhören durch seinen auffälligen Sprachrhythmus leicht.

Wilfried und Serge N´ Sondé bekommen als viertes das Mikrofon. Doch Mikro allein reicht den beiden jungen Männern noch nicht: Dichter und Musiker Wilfried wird von seinem Bruder mit seiner Gitarre begleitet, während er zwei seiner Liebeslieder auf Französisch singt. Wunderschön. Vor allem nachdem Wilfried die deutsche Übersetzung seiner gesungenen Poesie vorgetragen hat. Das zweite Chanson bringen die „Frères Sondé“ sogar in exklusivem Rock ´n Roll über die Bühne. „Poesie kann auch gerockt werden“. Davon sind sie überzeugt. Und auch das jubelnde Publikum scheint diese Ansicht zu teilen…

Nach zehn Minuten Funk der Jazz-Ag, ist Rajvinder Singh an der Reihe. Gleich zu Beginn sorgt der Inder für einen kollektiven Lachausbruch der gesamten Aulabesetzung. „Lachen schenkt uns das Leben!“, meint der Dichter und fordert daraufhin jeden Einzelnen auf, einfach einmal los zu lachen. Mit Erfolg. Seine Lyrik trägt er in seiner Muttersprache Indisch vor: ein Gedicht über Fremdheit mit etwa der Botschaft Der Fremde ist ein Freund, den du noch nicht kennst. Die Begeisterung der Zuhörer über den fremden Sprachklang wird danach sogar noch getoppt. Singh singt ein indisches Liebesgedicht. Der tobende Applaus ist ihm damit sicher.

Mit Gesang beeindruckt auch die nächste Poetin. Lice Sinclair, so heißt die junge, fröhliche Frau von den Shetland-Inseln, die vor den Schülern einen ihrer herzzerreißenden Lovesongs präsentiert (natürlich im Shetland-Dialekt, was das Ganze auf eine gewisse Art und Weise auch lustig wirken lässt…). Eine perfekte Mischung aus Musik und Poesie.

Es folgt der Südafrikaner Charl-Pierre Naudé, der ein Gedicht über seine Lieblingsbeschäftigung vorstellt, das Schlafen. Erst auf normal verständlichem Englisch und dann auf Afrikaans (irgendwas zwischen Englisch und Holländisch). Sein Gedicht belustigt nicht nur die Zuhörer, auch er selber scheint äußert amüsiert über die Schlaf-Geräusche, die er von sich gibt, beginnend mit „Schh…Schhh..“ und aufhörend mit „mmmh …mmmh…“.

Die letzte Autorin der Veranstaltung kommt aus Weißrussland. Valzhyna Morts Gedicht handelt zur Freude der SchülerInnen (warum auch immer!?) vom Tod. Die deutsche Übersetzung bietet Einblick in ihre bildliche Sprache, aber wirklich wirken tut das Gedicht erst, als sie selber es in der Originalversion auf Weißrussisch vorliest. Ungebremst und mit kraftvoller Stimme präsentiert sie ihr Gedicht „Photographie“.

Die Doppelstunde Poetry on the road neigt sich dem Ende zu. Aber nicht wie nach einer Doppelstunde Mathe oder Deutsch springen die SchülerInnen auf und stürmen in die Pause.

Nein, noch lange bleibt der Großteil des begeisterten Publikums sitzen und lässt die gewonnen Eindrücke über internationale Poesie und Sprachkunst auf sich wirken. Mit der Jazz-AG klingt die Veranstaltung aus.

Zwischen den riesigen bunten Blumensträußen tanzen die „Freres Sonde“.

(Jan)