Roman Graf: Sonstiges

Sonstiges: Was ist eigentlich der Bremer Literaturpreis? (Marika)

(Mehr zum Bremer Literaturpreis auch auf im Interview mit Herrn Miedtke)

Ingeborg Bachmann, Christa Wolf, Peter Weiss, Erich Fried, Elfriede Jelinek… diese Namen, die nach dem Who-is-Who der deutschsprachigen Schriftsteller klingen, sind nur einige der Preisträger des Bremer Literaturpreises, der seit 1954 jährlich vergeben wird.

Auch dieses Jahr wird der Bremer Literaturpreis, oder „Literaturpreis der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung“ wie er offiziell seit 1961 heißt, verliehen.

Doch was genau ist dieser Literaturpreis, um dessen Verleihung sich die gesamte Bremer „Literarische Woche“aufbaut? Und wer genau war noch mal Rudolf Alexander Schröder?

Der Bremer Literaturpreis wurde 1952/53 ins Leben gerufen, als ein Beweis dafür, dass Bremer sich auch für Literatur interessieren. Oft wurden die „Pfeffersäcke“ belächelt als nette Hanseaten, die nicht so ganz viel von Literatur verstehen. Dieses Bild sollte sich mit der Gründung des Preises verändern. Der 75. Geburtstag des Bremer Schriftstellers und Dichters Rudolf Alexander Schröder bot sich als ein guter Anlass an.

Rudolf Alexander Schröder wurde am 26. Januar 1878 in Bremen geboren. Er war nicht nur Schriftsteller, Übersetzer und Dichter, sondern auch Architekt in Bremen. Von 1946 bis 1950 leitete er sogar die Bremer Kunsthalle. Wichtig zu wissen ist, dass Schröder sich während des „Dritten Reiches“ zu der Inneren Emigration zählte. Man spricht von der Inneren Emigration im Zusammenhang mit Intellektuellen und Künstlern, die nicht auswanderten, als die NSDAP ihre Schreckensherrschaft ausübte, sondern sich zurückzogen und sich nicht dem Regime verschrieben. Schröder trat der Bekennenden Kirche bei, die Widerstand gegen die NSDAP leistete. Er wurde zum Bremer Ehrenbürger ernannt. Seine Persönlichkeit bot sich demnach an, einen Literaturpreis nach ihm zu benennen. So kam es am 26.1.1953 zu der Gründung des Bremer Literaturpreises anlässlich Schröders 75. Geburtstag. Endlich hatte auch die Hansestadt Bremen einen Literaturpreis, der sehr bald zu den renommiertesten literarischen Auszeichnungen gehören sollte.

Mit dem Preis wollten die Gründer den literarischen Nachwuchs fördern. Dabei beschränkten sie sich jedoch auf deutschsprachige Werke. Außerdem konzentrierte sich der Preis auf ein einzelnes Werk eines Autors. Diese Kriterien werden bis heute von der Jury, dich sich aus Bremern und Nichtbremern zusammensetzt, eingehalten. Anfangs schlug die Jury dem Bremer Senat den Preisträger, den sie für würdig erachteten vor und der Senat verlieh daraufhin den Preis.

Niemand hätte wohl damals erahnt, dass diese Regelung recht bald eine große Schwierigkeit mit sich bringen sollte. 1959/60 kam es jedoch zu dem „Blechtrommel“ – Zwischenfall. Von Günter Grass‘ Roman „Die Blechtrommel“ haben wohl schon viele von uns gehört, immerhin gehört er seit Jahren zu den wichtigsten Büchern der deutschen Nachkriegsliteratur. Doch mit dem Erscheinen des Buches wurde ein wunder Nerv getroffen. Viele fühlten sich von Grass‘ Geschichte angegriffen, angewidert oder Schlimmeres. Die Jury hatte sich trotzdem – oder gerade deswegen – für Günter Grass als Preisträger entschieden. Als sie diese Entscheidung dem Senat vorlegte, lehnte dieser ab und weigerte sich, Grass den Preis zu verleihen. Es kam zu Aufsehen und Empörung nicht nur bei der Jury, sondern in ganz Deutschland. Einige Jurymitglieder traten zurück. Grass erhielt trotzdem den Preis nicht.

Anlässlich dieses Vorfalls entwickelte sich die Meinung, den Preis vom Staat unabhängig zu machen. So wurde am 11. April 1961 die Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung gegründet, die die Finanzierung des Preisgeldes übernahm. Der Preis wurde zum „Literaturpreis der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung“. 1977 wurde ein zusätzlicher Förderpreis eingeführt, der seit 2004 von der Öffentlichen Versicherung Bremen (ÖVB) finanziert wird.

Über die Jahre hat die Jury immer wieder ein besonderes Geschick für die Auswahl der Preisträger bewiesen. Bücher, die damals den Preis erhielten, gehören heutzutage zu den Klassikern. Autoren, die mit den Preisgeldern gefördert wurden, haben sich teilweise weltweit einen Namen machen können.

Wir sind wieder gespannt auf die Preisträger, die sich während der „Literarischen Woche“ vorstellen werden.

Wir von workshop literatur beschäftigen uns seit 2007 besonders mit dem jeweiligen Förderpreisträger. Bei der traditionellen Lesung vor Schulklassen in der ÖVB und anschließend bei Literaturworkshops, lernen wir ihn und sein Werk kennen. Aber auch die anderen Veranstaltungen rund um die Literaturpreisverleihung lohnen sich für uns Bremer Schüler sehr. Die Gründung des Bremer Literaturpreises hatte demnach einen berechtigten Grund – damals, wie heute.

Marika Gonther

Quellen:

Der Bremer Literaturpreis 1954 – 1998, Eine Dokumentation der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung. Herausgegeben von Wolfgang Emmerich, 1999, edition die horen

 

 Feedback: Zwei Lehrerinnen melden sich zu Wort

Hier die Rückmeldungen der beiden Lehrerinnen, die mit ihren Kursen an den Veranstaltungen mit Roman Graf teilgenommen haben:

Liebe Frau Bäumer,

Von allen drei Veranstaltungen ( Preisverleihung, Lesung, Workshop), an denen ich diesmal mit dem Deutschkurs teilgenommen habe, hat den Schülern der Workshop eindeutig am besten gefallen. Entscheidend war erstens Ihr Konzept, mit einem jungen Autor auf Tuchfühlung zu sein, als einzelne Klasse, mit der Möglichkeit, sich direkt und ausgiebig mit dem Autor auszutauschen; zweitens war die Begegnung mit Roman Graf in einer unvergleichlichen Weise intensiv.

Seine ruhige, fast bedächtige Art da zu sein, sich absolut unprätentiös und wahrhaftig zu geben, leise und langsam zu sprechen, hat gezeigt, dass die Schüler keinerlei animatorischer Aktionen bedürfen, um sich in ein intensives Gespräch zu begeben oder eine Aufgabe intensiv zu bearbeiten. Das hat mich sehr beeindruckt. Der Schreibauftrag an die Schüler war gelungen und gut machbar.

Die anschließende Besprechung war von einer ruhigen und offenen Intensität. Alle Schüler haben mit großer Aufmerksamkeit sowohl geschrieben, als auch zugehört. So kann Begegnung mit Literatur sein. Ich möchte mich hiermit noch einmal bedanken, dass wir dabei sein konnten.

Herzlichen Gruß

Jadranka Dobers, Lehrerin am Gymnasium Walle

Liebe Frau Bäumer,

ich danke Ihnen ganz herzlich für die freundliche Kommunikation und die gute Organisation unserer Teilnahme an Lesung und Workshop mit Herrn Roman Graf.

Die Schüler waren sehr begeistert von der Begegnung mit dem Autor und von dem ernsthaften Interesse, das ihnen Herr Graf entgegen brachte. Für alle war es das erste Mal, dass sie eine literarische Lesung besuchten und sicher ein wichtiges Erlebnis. Es ist ihnen nicht nur das Berufsbild des Autors näher gebracht worden, sie haben auch einiges über den Prozess des Schreibens an sich gelernt.

Ich persönlich war sehr überrascht, wie diszipliniert und konzentriert sie zugehört und gearbeitet haben und bin überzeugt, dass das nicht zuletzt an den gewählten Orten und der Ansprache an die Schüler liegt. Ich danke Ihnen deshalb auch herzlich für den Rahmen dieser beiden Veranstaltungen, werde dieses Angebot allen Kollegen ans Herz legen und hoffe sehr, dass wir uns in diesem Zusammenhang wieder begegnen.

Mit herzlichem Gruß

Konstanze Kendel, Lehrerin am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium

 

 

 Sonstiges: Dankesrede des Förderpreisträgers Roman Graf am 26.1.2010

Hier die Dankesrede des Förderpreisträger Roman Graf, die er am 26. Januar 2010 anlässlich der Preisverleihung im Bremer Rathaus gehalten hat.

Was weiß ich von der Welt?

Verehrte Damen und Herren,

die Schriftstellerin Terézia Mora sagte einmal „Vor dem Schreiben eines Romans muss man sich fragen: Was weiß ich von der Welt?“

Diese Frage zielt nicht auf Antworten wie dass man das gesellschaftspolitische System, in dem man lebt, kenne und dass man deswegen einen Menschen in diesem System darstellen könne, wie viele Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts geglaubt haben. Gemeint ist nicht eine Einsicht auf einer allgemeinen Ebene, sondern eine individuelle Antwort, eine persönliche Erfahrung, die uns berechtigt zu sagen: „Das weiß ich von der Welt.“ Die Beantwortung dieser Frage, ohne die wir besser nicht mit dem Schreiben eines Romans beginnen, ist jedoch nicht ganz einfach. Ich möchte ein Beispiel aus der Weltliteratur anführen: Max Frisch schrieb über Frauen, bis ihm seine Mutter in einem Brief mitteilte, er solle es unterlassen, über Frauen zu schreiben, er verstehe sie nicht. Offenbar wusste er nicht sehr viel über Frauen, aber er hat sich für Frauen interessiert. Es liegt mir fern, mich über einen Schriftsteller wie Max Frisch lustig zu machen. Er ist lediglich ein gutes Beispiel für ein Problem, das wir Menschen alle haben. Wir tendieren dazu, zwei Dinge miteinander zu verwechseln: Wir geben nicht zur Antwort, was wir von der Welt wissen, sondern was uns an der Welt interessiert. Will ich Terézia Moras Frage beantworten, geht das nicht ohne eine tiefe Ehrlichkeit gegenüber mir selbst. Und so stelle ich Terézia Moras Satz einen eigenen Satz zur Seite: „Wer einen Roman schreiben will, muss ehrlich sein.“ Doch auch dieser Satz führt uns nicht schnell zum Ziel, denn woher sollen wir wissen, dass wir ehrlich sind? Ich meine nicht korrekte historische Fakten, korrekte Zitate oder, schon gar nicht, die Verwendung der eigenen Biographie, ich meine, wie gesagt, eine tiefe Ehrlichkeit, mit der es uns gelingt, unser Leben und das unserer Figuren so zu sehen, wie es wirklich ist, ohne dass wir, wie so oft, abdriften und die Dinge verklären. Verehrte Damen und Herren. Vielleicht ergibt sich an einem anderen Tag die Gelegenheit, dass ich Ihnen in einem Vortrag meine Lebensgeschichte erzählen kann; ich werde Ihnen schon glaubwürdig machen, dass ich unter den widrigsten Umständen zu dem geworden bin, was ich heute darstelle; dass ich auf dem Schulweg mehrmals verprügelt wurde und meine Diktate voller Fehler waren; dass sich im Elternhaus kaum Bücher befanden und ich ganz alleine zur Literatur gefunden habe, ich aber aus diffusen, höheren Gründen gezwungen war, drei lange Jahre als Forstwartlehrling zu arbeiten und ich als sensibler Mensch am rauhen Umgang im Wald fast zerbrach; dass mich gegen Ende der Lehrzeit eine mächtige Buche unter sich begrub und ich nur durch ein Wunder weder gestorben noch im Rollstuhl gelandet bin; Sie werden sehen, dass ich meine Schwäche, mein sprachliches Unvermögen, zu einer Stärke entwickelt habe. Ich werde Thomas Mann zitieren, der in seinem Tod in Venedig sagt, dass alles Große als ein Trotzdem dastehe. Und dann werde ich, während Sie applaudieren, abtreten und zufrieden sein mit der Geschichte, die ich für meine eigene halte. Wenn Max Frisch sagt: „Irgendwann erfindet jeder eine Geschichte, die er für seine eigene hält“, dann ist eine Verklärung gemeint, in der man sich einrichtet, womöglich ohne es selbst zu merken. Der Schriftsteller kämpft in seinen Werken gegen diese Verklärung an. Erschafft er eine Figur, eine Figur womöglich, die ihm am Herzen liegt, darf er sie nicht jene Dinge tun lassen, die ihm am liebsten wären, sondern das, was sie in Wahrheit tun würde. Er darf nicht über das schreiben, worüber er schreiben will, sondern lediglich über das, worüber er schreiben kann; denn nur wenn ein Schriftsteller ehrlich ist, hat sein Werk den Hauch einer Chance, glaubwürdig, authentisch zu sein.

Wie weiß ich, dass ich ehrlich bin? Ich lese den geschriebenen Text einen Tag, ein halbes Jahr, fünf Jahre später wieder, und wenn ich den Text noch immer für gelungen halte, weiß ich, dass ich ehrlich war. Das hilft mir im Moment des Schreibaktes nicht weiter.

Jeder Schriftsteller hat dieselben Worte zur Verfügung, aber es gibt Worte, Sätze, die im Kontext meines Lebens ehrlich, wahrhaftig sind. Ich spreche von dem, was man eine „eigene Stimme“ nennt, eine Stimme, die den Schreibenden trägt – durch einen ganzen Roman. Sie trägt, weil sie ehrlich, authentisch ist, weil sie, zuerst gegenüber dem Schreibenden, dann gegenüber dem Leser, eine Sicherheit ausstrahlt: dieser Stimme vertrauen wir uns an.

Während des Schreibaktes weiß ich häufig, dass die Stimme vorhanden ist; manchmal glaube ich, dass sie da sein könnte, und hier beginnt die Unehrlichkeit, denn im Grunde ahne ich, dass ich die Stimme noch nicht gefunden habe. Wenn sich diese Ahnung zu einer Gewissheit entwickelt, kommt wie ein riesiges Ungeziefer die Verzweiflung gekrochen.

Das große literarische Werk ist größer als sein Erschaffer – wie kann er es also erschaffen? Benötigt wird die berühmte Leiter, die man, sobald man oben ist, wegstößt. Die Leiter ist für mich der Schreibimpuls. Ich arbeite mit Worten, Bildern und Situationen, die ich, von wo auch immer, im Kopf habe. Immer wieder lese ich, was ich bereits geschrieben habe, und versuche zu erkennen, welche Fortsetzung im bereits Vorhandenen eingeschrieben ist; das geht nur, so lange ich einen bestimmten Bewusstseinszustand halten kann. Sie sehen, das ist eine sensible Angelegenheit.

Vor diesem Hintergrund freue ich mich besonders, heute in Bremen zu sein, und mit einem Lächeln nehme ich den Preis für einen Roman entgegen, der zum Glück bereits geschrieben ist.

Bei meinem ersten Roman ging es mir primär darum, einen Charakter, einen Menschen zu erschaffen. Mir sind Julien Greens Worte schlüssig, die in seinem Tagebuch zu finden sind. Er hielt vor 17 Schülerinnen Vorlesungen und gab ihnen den Auftrag, einen Romananfang zu schreiben. Am 27. März 1941 notiert er: „Ich sagte ihnen, sie könnten schreiben, was sie wollten und wie sie es wollten, aber ich habe ihnen geraten, mit dem Porträt der Hauptpersonen zu beginnen.“ Und weiter unten: „Sie verstehen nicht, dass ich von ihnen keinen Plan der ganzen Geschichte verlange, die sie erzählen wollen. Ich versuche ihnen darzulegen, dass der Plan eines Buches das Werk der Personen ist, dass man zuerst lebendige und interessante und handlungsfähige Personen schaffen muss. Sollen sie sich die Mühe machen, zuerst eine Person zu erschaffen, dann werden wir ja sehen, wozu diese fähig ist.“

So ging es mir mit meinem Herrn Blanc. Ich war es gewesen, der ihn im ersten Kapitel erschaffen hatte; er war es, der mich durch die folgenden Kapitel führte. Wenn dies gelingt, falls dies gelungen ist, dann nur mit der Ehrlichkeit, von der ich zu Beginn sprach. Nur so ist es möglich, dass die Figur als Mensch überlebensfähig ist, dass sie in die Welt hinausgehen und – bestehen kann.

Nun, nach Erscheinen meines Romans, sehe ich, der ich seit vielen Jahren in Leipzig lebe, mit väterlichem Stolz, dass auch Herr Blanc nach Deutschland auswandert. Über die Verleihung des Förderpreises zum Bremer Literaturpreis bin ich tief erfreut. Heute vor etwa zehn Jahren begann mein Schreiben, ernsthaft zu werden. Bewusst brachte ich mich in Situationen, in denen es kein Zurück mehr gab. Die zehn Jahre waren geprägt von viel Arbeit, Verzicht, von teilweise prekären Geldsorgen und Perspektivlosigkeit. Die vergangenen Wochen haben vieles entschädigt und mein Leben, zumindest für die nahe Zukunft, freier gemacht. Ich danke Roman Bucheli, der Jury und der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung. Danken möchte ich auch meiner Lektorin und Verlegerin Liliane Studer, die sich seit Monaten für meinen Roman einsetzt und, ich kann es mir nicht anders erklären, unermüdlich arbeitet. Verehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.