Tom Schulz: Interview

 

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Ein bekanntes Zitat von Ihnen lautet „Die Sprache ist die einzige Freiheit, in der wir leben“. Können Sie sagen, wie genau Sie das meinen und welche Wirkung bzw. Durchschlagskraft Sie dem Wort beimessen?

Also ich habe es ganz genau mal so gesagt: „Sprache ist die einzige Freiheit, in der ich lebe“, denn ansonsten würde ich mich schon ein bisschen überhöhen und ein „Wir“ konstruieren, was relativ schwierig ist.

Es ist leicht in einem Text ein „Wir“ zu konstruieren, aber darüber hinaus, auf die Gesellschaft, wird es doch recht schwierig, insofern hab ich das für mich mal so ausgemacht, das hat aber auch sehr stark mit dem Freiheitsbegriff zu tun. Ich bin in Ost-Berlin aufgewachsen, wo die Freiheit sehr stark eingeschränkt war und lebe seitdem praktisch in einem neuen Deutschland ohne die Grenze, die Mauer in Berlin. Trotzdem glaube ich,

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dass die Freiheit noch etwas anderes ist als das System, in dem wir leben. Es hat ja auch etwas mit künstlerischer Freiheit zu tun: die Freiheit, sich auszudrücken ohne Konventionen. Das ist das, was ich damit meinte. Was jetzt die Wirkmächtigkeit von Sprache betrifft, glaube ich schon, dass die Dichtung, die, meiner Meinung nach, höchste Form der Literatur, auch eine Sprachmacht hat, die ganz wesentlich ist.

Hat sich die Bedeutung der Sprache Ihrer Meinung nach in einer immer weiter zusammenwachsenden Welt zunehmend verändert?

In Bezug auf die deutsche Sprache glaube ich, dass sie sich durch die Medien, durch die Art wie wir kommunizieren verändert hat. Wer schreibt heute noch Briefe? Die Sprache der Poesie ist international. Es gibt eine Vermischung von Sprachen bei vielen Autoren. Es gibt das gesprochene und das geschriebene Wort. Wenn wir die Literatur erst mal als das geschriebene Wort ansehen, dann sehen wir, dass sich Dinge geändert haben. Wir finden Literatur im Internet, auf Literatur Plattformen, Blogs usw. Man findet mittlerweile E-Books, also dass man sich ein Buch herunterladen kann. Vor zehn, fünfzehn Jahren hätte ich vieles nicht für möglich gehalten, was jetzt passiert. Jedenfalls keinerlei Visionen in diese Richtung. Ganz gewiss wird das geschriebene Wort als Buch bleiben. Wer möchte ganze Bücher aus dem Internet herunterladen und dann noch Poesie?

Man sagt, dass Sie und Ihr Kollege und Freund Björn Kuhligk zu einer neuen Dichterriege gehören. Was würden Sie sagen, was Ihre Lyrik von anderer bzw. älterer  unterscheidet?

Das ist eine gute Frage. Es gibt gerade zwei neue Dichtergenerationen. Es gibt junge Autoren, die eine neue Lyrik formieren und etablieren. Dafür gibt es ja auch einige Beispiele in Form von Anthologien, wie die beiden „Lyrik von jetzt“, wo man sich einen ganz guten Überblick verschaffen kann. Was die etablierten oder kanonisierten Dichter angeht, ist natürlich klar: M an möchte ebenso präsent sein, möchte Öffentlichkeit gewinnen und Bücher publizieren und da ist es naheliegend, dass eine Art Konkurrenz entsteht. Im Grunde möchte man natürlich, dass die älteren Dichter für einen weichen, dass man eines Tages deren Position einnimmt. Ich stelle mir da ein großes Bücherregal vor, welches voller Bücher ist. Wenn ein neues Buch erscheint, von einem neuen Autor, dann wird dieses Buch hineingestellt und es schubst irgendein anderes Buch nach hinten in die nächste Reihe. So ist es im Grunde mit den Generationen, die auf die anderen folgen auch.

IMG_0349.JPGWas macht Ihre Lyrik, vielleicht in Bezug auf Björn Kuhligk, denn aus?

Björn Kuhligk und ich, wir sind sehr gut befreundet, wir haben auch einige Bücher zusammen gemacht. Bestimmt gibt es auch Dinge, die uns verbinden, abgesehen davon, dass wir Kollegen und Freunde sind, und es gibt Dinge, die uns auch unterscheiden. Doch das ist eine Sache der Literaturkritik, des Feuilletons, am besten sogar der Literaturwissenschaft.

Es gibt eine so große Vielfältigkeit, dass ich gar nicht sagen könnte, was mich genau von anderen unterscheidet. Ich möchte einfach ein Dichter sein, der nicht mit anderen verwechselt wird. Man soll im besten Fall an einem meiner Gedichte erkennen, dass ich es geschrieben habe. Alle anderen Dinge würden hier jedenfalls zu weit führen.

Ihr Gedicht „Kanon vor dem Verschwinden“ hat eher einen düsteren Grundton. Uns würde interessieren, was Sie zu diesem Gedicht inspiriert hat und wieso gerade dieses Gedicht den Titel für Ihr Buch hergibt?

Das Gedicht ist vor dem Hintergrund entstanden, dass meine Eltern beide ziemlich dicht hintereinander verstorben sind, an Krankheiten, mit denen man nicht mehr lange lebt. Deshalb war sowohl das Gedicht, wie auch das Buch vielleicht so eine Art Abschiedsalbum. In dem Buch geht es auch sehr stark um Verlust, nicht ausschließlich, doch zumindest in diesem Gedicht, es paraphrasiert eine Zeile von Dylan Thomas die lautet „They should have no dominion“. Übersetzt: „Und dem Tod soll kein Reich gehören“, darum geht es in dem Gedicht …

IMG_0348.JPGWas reizt Sie denn daran, bei dem großen Literaturfestival „Poetry on the road“ mitzumachen? Ist es der Kontakt zu anderen Autoren oder gibt es da noch andere Dinge, die Sie hierbei interessant finden?

Naja, erstens ist es mein Beruf, ich freu mich natürlich über so eine Einladung. Auch Dichter sind ganz normale Menschen, die das tun, was andere tun: sie müssen auch ihre Miete bezahlen. Das ist das eine, Lesungen sind immer gut. Ansonsten bietet so ein Poesiefestival natürlich die Möglichkeit, Kollegen kennen zu lernen, so gewinnt man im doppelten Sinn etwas dazu. Außerdem kann man sich selbst in einem guten Rahmen präsentieren. Bremen ist ja auch eine sympathische Stadt, wo man gerne hinfährt.

Sie haben Ihren beruflichen Werdegang in der Baubranche begonnen, wie kam es zu einem Übergang in die Lyrik?

Ich hab schon seit ich 16 war, Gedichte geschrieben, doch dann musste ich irgendeinen Beruf ausüben, und weil ich mal einen kaufmännischen Beruf erlernt habe, bin ich nach 1990 in die Baubranche gekommen und habe dort dann zehn Jahre gearbeitet. Es war ein ganz solider Job, der auch ganz gut bezahlt wurde. Ich hab in einem Büro für Einkauf und Kalkulation gearbeitet, doch nach zehn Jahren hab ich gedacht, dass ich eigentlich mehr Zeit haben möchte für mein Schreiben. Ich wollte etwas anderes erreichen. Ich wollte in guten Verlagen veröffentlichen und mich weiterentwickeln können. Ich hatte nach zehn Jahren genug davon, in einem Angestelltenverhältnis zu leben, das fand ich ausreichend.

IMG_0349.JPGSie haben aber trotzdem durchweg geschrieben?

Ja, ich habe immer weiter geschrieben und auch kleine Bücher veröffentlicht, auch viel in Zeitschriften, doch obwohl ich versucht habe, jeden Tag zu schreiben, war halt einfach die Zeit nicht da. Ich wollte es dann eher zu meinem Beruf machen. Es ist etwas anderes, ein freier Schriftsteller zu sein, oder nebenbei zu schreiben.

Der Titel Ihrer Anthologie „Alles außer Tiernahrung- neue politische Gedichte“ ist zweideutig, was wollten Sie damit ausdrücken?

Ich wollte eigentlich einen programmatischen Titel, so etwas wie einen Gedichttitel von Alfred Andersch, der heißt „Empört euch, der Himmel ist blau“, was jedoch aus rechtlichen Gründen nicht ging. So etwas hätte mir viel besser gefallen. Ansonsten ist die Programmatik sehr stark abgegriffen, gerade bei politischen Gedichten. Ich habe einfach gedacht, dass ich etwas Abgewandeltes aus einem Werbespot nehme. Der Leser kann sich im Grunde aussuchen, was es ist. Es hat ein bisschen was mit der Postmoderne zu tun, was die Texte in diesem Buch zeigen.

 

Vielen Dank, Tom Schulz, für dieses Gespräch!

 

Dieses Gespräch führten Lea Wulf, Racine van der Sloot, Fabian Othmerding und Nadia de Vries am 17.06.2011 im Wallsaal der Zentralbibliothek Bremen.

Transkribiert vonLea Wulf, Racine van der Sloot, Fabian Othmerding und Nadia de Vries