Tom Schulz: Workshop 2

Textcollagen und Vierzeiler- 2. Workshop mit Tom Schulz am 17.6.2011

IMG_0377.JPGAuch beim zweiten Workshop, diesmal mit Schüler/Innen des Kippenberg Gymnasiums, beginnt der sympathische Autor mit einer kurzen Vorstellung seiner Person und der Frage nach Vorkenntnissen, die jedoch bei diesem Publikum einstimmig verneint wird. Für eine Vorstellungsrunde ist die Gruppe von 20 Schüler/Innen zu groß, und so lässt er den Workshop mit zwei Gedichten beginnen, die von Schülern vorgelesen werden: „Die Nachtblume“ von Joseph von Eichendorff (1841)  und „Gustav“ von Simone Hirth ( 2009).

IMG_0367.JPGAus diesen Beispielen sollen die Schüler als spielerische Einleitung im Umgang mit Lyrik in 4er Gruppen Collagen basteln. So wird nach einigem Stühle schieben fleißig drauflos geschnippelt, während der Autor selbst umhergeht, um Tipps, Tricks und Gummibärchen zu verteilen.

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Nach einer halben Stunde können sich die vielfältigen Ergebnisse blicken lassen „Um Bremens Lyriker/innen- Nachwuchs braucht man sich keine Sorgen machen“, so der begeisterte Autor nach der Vorleserunde.

IMG_0366.JPGUm diese Aussage zu überprüfen, lässt er in der zweiten Aufgabe die Schüler/Innen selbst einen Vierzeiler schreiben, für den sie zur Anregung eine Startzeile bekommen, alle aus dem Nachlass von dem berühmten Schriftsteller  Gottfried Benn. Auch hier stürzen sich die jungen NachwuchsautorInnen mit Eifer in das Schreiben und innerhalb von wenigen Minuten hört man nur noch das einstimmige Kratzen von Stiften auf Papier.

IMG_0380.JPGBei der darauffolgenden Vorstellung der Gedichte, bei der jeder zu Wort kommt, ist die Vielfalt gewaltig, von Schokolade über Liebe bis hin zum Tod reichen die Vierzeiler, und der Autor zeigt seine Begeisterung durch kräftigen Beifall, der nach einigen Abschiedsworten von den Schülern/Innen erwidert wird.

Und so verlassen alle mit vielen neu gewonnenen Eindrücken über Lyrik und das Schreiben von Gedichten den Wallsaal der Stadtbibliothek.

(Lea Wulf und Racine van der Sloot)

 

Mehr Fotos dazu unter dem Bericht über den ersten Workshop von Nadia und Fabian.

 

Und hier die Textvorlagen zu den Collagen und den Vierzeilern:

Poetische Fragmente (Gottfried Benn)

Ein Tag ohne Tränen ist ein Zufall

Ich sehe dein Gesicht wie einen Traum

Gieb Schnee ums Haus. Verschüttete Gefilde

Ein dunkler Tag mit schweigenden Hortensien

Was bist du? Ein Symptom

Nun geht der Körper los

und dann ist es vorbei das ganze Leben ist

Ja weisse Blüten sah ich oft und kenn ich

Weiß man denn wofür die Glocken läuten

In welche Formen wirst du mich verwandeln

Hier hast du nun gewohnt in dieser Stadt

Ich bin nicht innerlich

 

Die Nachtblume ( Joseph von Eichendorff)
Nacht ist wie ein stilles Meer,
Lust und Leid und Liebesklagen
Kommen so verworren her
In dem linden Wellenschlagen.
Wünsche wie die Wolken sind,
Schiffen durch die stillen Räume,
Wer erkennt im lauen Wind,
Obs Gedanken oder Träume? –
Schließ ich nun auch Herz und Mund,
Die so gern den Sternen klagen:
Leise doch im Herzensgrund
Bleibt das linde Wellenschlagen.

Gustav (Simone Hirth)
Wir finden uns ab,
fischäugig,
aber mit Datum und Unterschrift.
Wir kaufen uns neue Stühle.
Wir legen uns Lieblingsbeschäftigungen zu
und finden eine Lösung für volle Staubsaugerbeutel
und Einsamkeit.
Wir glauben an Gustav,
das Kaninchen, und Lyrik,
sagen wir andächtig.
Meistens essen wir Wurst.
Es wird schon,
es läuft im Radio,
Gesetzesentwürfe und Polituren,
wo sollen wir unser Kreuz machen,
wann uns die Köpfe abreißen,
Waschmittel, Verhütung, Senf,
und ja, wir glauben,
unseren Möbeln geht es gut.