Schulz, Tom: Kanon vor dem Verschwinden

schulz tom_kanonTom Schulz, „Kanon vor dem Verschwinden“

 
Der Gedichtband des Oberlausitzer Lyrikers Tom Schulz strotzt nur so von unkonventioneller Wortakrobatik und kreativen Sprachspielereien. Es ist eine bilder- und erlebnisreiche Reise durch Zivilisation, Gefühl, Natur und Mensch mit genauso kritisch-skeptischem, wie auch beschönigendem Anklang.

Es ist eine besondere und wilde Form von Poesie, auf dessen Sprache und Form man sich – besonders als mehr oder weniger jugendlicher Literatur-Neueinsteiger – erstmal einlassen muss. Auch wenn nicht jede Zeile sofort zu verstehen ist, seine beeindruckende und sich tief ins Gedächtnis grabende Wirkung, geht dadurch nicht verloren. Nach jedem Gedicht bleibt etwas hängen, ein Bild, oder ein Gefühl, verstörend oder harmonisch, verschwommen oder glasklar.

 Seine Sprache ist so von Bildern durchtränkt, dass man als LeserIn vom Staunen über die eigene Assoziationsfähigkeit gar nicht mehr los kommt. Man hat geradezu das Gefühl, man wandele gemeinsam mit dem hochreflektierten lyrischen Ich durch die Traumwelt von dessen Wahrnehmung, geschaffen durch präzises und intensives Beobachten.

Der Lyrikband ist in vier Kapitel gegliedert.
Besonders das erste Kapitel „Vom Zugrundegehen“ hat mich beim Lesen beeindruckt. Es ist, wie die Kapitelüberschrift schon vermuten lässt, vom Zugrundegehen, vom Sterben, vom Tod die Rede. Wenn Schulz von „Geburtstagskarten ins Jenseits“, von „Tumorspendern“, „den Asbest Fenstern eines kranken Hauses“ und „skelettartig hautfarbener Unterwäsche“ schreibt, wie in dem Gedicht „Kanon vor dem Verschwinden“, welches dem Buch seinen Namen gibt, vermittelt das eine düstere und beklemmend-verstörende Atmosphäre.
Genauso wie das Gedicht „Zimmer mit Aussicht“:Inkontinente Pflegebedürftige „im Schatten armierten Seniorenheim“ mit „wund gelegenen Körperteilen“ vermitteln das Bild einer „Sterbeanzeigenlandschaft“.
„(…)wer zählt die Toten, den Schaf Köpfigen, deren weißes Fleisch aus dem Kindbett schimmert(…)“ Es sind Umschreibungen wie diese, die einem das Zugrundegehen wahrhaftig nahe bringen.
Auch die Poesie der anderen Kapitel „Nachrichten vom Dürren Ast“, „Abschied von Gomera“ und „O Dorle, alle Geschichten enden als Kofferträger“ werden der oben umschriebenen Bilderfülle und Wirkungskraft mehr als gerecht. Überzeugt euch selbst, die Reise kann los gehen!
 
P.S. Manche Gedichte versteht man auch nach mehrmaligem Lesen noch nicht ganz…aber schön und wirkungsvoll sind sie trotzdem! 🙂
 
(Jan Goebel)

 

Kanon vor dem Verschwinden

die Trauerränder, die nachtblau
zerstochenen Venen; die Geburtstagskarten
ins Jenseits, während du durchgefeuert wirst
im Universalsarg, einfachste Ausführung

wie verrinnst du denn und dein Pferd
Rosinante; ich singe
dass dem Tod kein Scheich
Tum gehören soll, keine wüste
Wüste
             wer kippt den Heilerde
Cocktail herunter, der zwischen den Zähnen
knirscht, vor der 24 Stunden globalen Versand
Apotheke, wer nippt am Scheidebecher
und lässt die Heide Einbetten, Umbetten
Ankleiden
postmortal erblühen

bei den Tumorspendern, den Asbest
Fenstern eines kranken Hauses am Rande
der Schlafstadt, wo die kranken Schwestern
alle Gestern zurückrufen auf den rational
pharmaverwirrten Tablettenwagen, mit schwarz
verfärbten Handschuhen, bei den endos
kopierten Bildern, auf denen die Geschwür
Blumen zum späten Rot Harnstrauß
Trompetensolo
hinwuchern

an den letzten Novembernächten, so mild
dass du mich ausziehst, bis unter die skelettartige
hautfarbene Unterwäsche, als würden wir in
einander eindringen wie lotsenlose Flug
Körper in verletzte dahin treibende Lufträume

wovon singst du denn und dein langer Insel-Eistee
der für keins der Manhattan die Wette annimmt
ich swinge und sage, ich heirate die drei Schwestern
und dem Tod soll keine Gründerzeitvilla bleiben

 

( Tom Schulz, Kanon vor dem Verschwinden, erschienen im Berlin Verlag, Berlin 2009, EUR 16,90)