Andrea Grill: Interview

Interview mit Andrea Grill

 
Zunächst einmal möchten wir Ihnen natürlich zum Förderpreis des Bremer Literaturpreises gratulieren. Haben Sie mit so einem Erfolg einer Ihrer Bücher gerechnet?
Danke für die Gratulation! Nein, damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Natürlich hofft man immer, aber wenn man bei einem österreichischen Verlag ist, gelangt das Buch in Deutschland – wo es natürlich wesentlich mehr potenzielle Leser fände- einfach nicht sofort bei Erscheinen an die große Öffentlichkeit. Doch wenn man so einen Preis bekommt, ist das ja gleich etwas ganz anderes, und das empfand ich als eine schöne Chance. Ich war total froh, aber eben auch unglaublich überrascht. Ich habe eine Woche vor Preisvergabe erfahren, dass ich in der engeren Wahl bin und auch dann war ich mir sehr sicher, dass ich den Preis letztendlich nicht bekommen würde.

Sie haben verschiedenste Fächer studiert, darunter auch Biologie. Wie kam es dann auf einmal zum Bücherschreiben?

Das mit dem Schreiben ist bei mir vermutlich so wie bei vielen anderen auch – ich habe schon immer irgendwie geschrieben. Das kam vermutlich vom vielen Lesen, denn ich habe seit ich lesen konnte, immer sehr viel gelesen. IMG_6513.jpgAllerdings wollte ich auch immer Bücher schreiben. Ich kann mich erinnern, mit sieben ein Buch gemacht zu haben. Die Hauptfigur war ein schwarzer Hund, ein Spaniel. So einer kam uns nämlich eines Sylvesters zugelaufen und ich wollte ihn natürlich behalten. Nur leider kam am nächsten Tag die Besitzerin. Darüber war ich damals furchtbar traurig und habe eine Geschichte geschrieben, sie illustriert und als Buch gebunden. Ich glaube, es war ein Buch von drei Seiten, aber ich habe trotzdem hinten drauf geschrieben, dass es für Leser ab zwölf sei. Ich weiß leider nicht, wo es ist und habe es nie wieder gesehen, aber ich erinnere mich noch daran. Mein Traumberuf damals war Bibliothekarin, in der Hoffnung, den ganzen Tag lesen zu können. Doch mit der Zeit habe ich geschaut, was mich interessiert, und das waren eben zum einen Sprachen und zum anderen auch Naturwissenschaften, also vor allem Biologie. Ausgehend von dem Gedanken, Biologie nicht einfach für mich alleine lernen zu können, Schreiben und Lesen dagegen „sowieso immer zu machen“, hielt ich dann Biologie für die bessere Wahl. Irgendwann im Alter von 18/19 hatte ich schon Lust, einen Text veröffentlicht zu sehen. Das dauerte dann noch ein bisschen, und mit meinem ersten Buch „Der gelbe Onkel – Ein Familienalbum“ ging der Wunsch in Erfüllung. Es ist eine Art Roman, man kann es sich wie ein Fotoalbum vorstellen, also jedes Kapitel behandelt vordergründig eine andere Person. Es war sozusagen ein zufälliges Buch. Denn ich habe immer wieder Manuskripte an Verlage geschickt, die nie angenommen wurden. IMG_6514.jpgDem jetzigen Verlag hatte ich auch mehrere „Proben“ geschickt, eine davon war eine Geschichte über meine Großmutter, die mir eigentlich etwas peinlich war, weil ich dachte, jeder schreibt einmal über seine Großmutter, das ist nichts, um ein erstes Buch zu beginnen . Tatsächlich wollte der Verlag dann ausgerechnet diese Geschichte und fragte, ob ich Ähnliches hätte. Ich hatte noch ein paar andere Familienmitglieder in petto. So ist das erste Buch entstanden.

Zwischen  Ihren einzelnen Büchern lässt sich oft eine Art Verbindung erkennen. Figuren von vorher treten im nächsten Buch wieder auf. Gibt es einen Grund für diesen „Roten Faden“?
 
Einen bestimmten Grund nicht, es gefällt mir einfach und irgendwie hängen diese Bücher für mich immer etwas zusammen, auch wenn sie sehr unterschiedlich sind. Vielleicht bin ich auf der Suche nach „dem Buch“, mit dem ich dann vollkommen zufrieden sein werde. Natürlich bin ich jetzt auch schon zufrieden, aber immer noch mit manchen kleinen Abstrichen. Denn ich denke, wenn ich nichts mehr zu beanstanden hätte, wäre es mein letztes Buch. Daher ist mir diese Verbindung wichtig, eigentlich geht es aber gar nicht anders. Es ist etwas wie bei den Filmen von Kieslowski. Dort treten auch verschiedene Charaktere immer wieder auf, z.B bei „Bleu“, „Blanc“ und „Rouge“. Ich bin ein großer Fan von Kieslowski. Außerdem interessiert mich die Zeit, die Wahrnehmung der Wirklichkeit und der Zufall.
 
Gibt Ihnen der Förderpreis Lust oder Motivation, noch mehr zu schreiben?
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Besonders Motivation! Lust hätte ich vermutlich sowieso gehabt. Aber, na ja, das damit verbundene Geld schadet natürlich nicht. Es gibt einem jedenfalls einen gewissen Freiraum. Es ist sicher kein Zufall, dass viele der großen Schriftsteller einfach reich waren. Sie mussten eben nicht arbeiten, hatten Zeit und haben geschrieben. Es braucht einen natürlich nicht vom Schreiben abzuhalten, wenn man nicht so viel Zeit hat, aber es kann auch nicht schaden, wenn man es mal etwas leichter hat.
Bei meinen ersten Büchern habe ich nebenbei noch full time als Biologin gearbeitet. Dieses Buch (das vorliegende, für das ich den Bremer Förderpreis bekommen habe) war jetzt das erste, bei dem ich mich dank eines Stipendiums auf nichts anderes konzentrieren musste, und ich denke schon, dass es etwas gebracht hat, und ich es noch etwas genauer ausfeilen konnte.
 
Nun noch einmal zum „Was“. „Das Schöne und das Notwendige“ ist eine eher skurrile und lustige Geschichte, doch Sie haben im Workshop schon anklingen lassen, dass Sie das Gefühl, auf jemanden über Bücher Einfluss zu nehmen, schon immer gut fanden. Wie sehen Sie da das Verhältnis von humoristischem Gehalt und vielleicht sogar politischem Anspruch?
 
Ich würde Literatur nicht unterschätzen. Literatur kann durchaus auch politischen Einfluss haben, weil sie eben nicht wie Nachrichten funktioniert, die in zwei Zeilen schnell durchs Bild oder Radio flitzen. In Literatur behandelte Themen bleiben nach dem Lesen noch länger da oder tauchen wieder auf.
Mein letztes ist zwar ein witziges Buch, aber ich bin erstaunt, wie witzig es manchmal ankommt, obwohl es stellenweise gar nicht so witzig gemeint ist. Ich wollte ein lockeres, skurriles Buch schreiben, ein wenig experimentieren – jedoch bin ich manchmal sehr verwundert, dass die Leute so lachen, wenn ich es vorlese. Es ist witzig, aber auch sehr ernst und tragisch. Das Happy End ist zwar ein Happy End, aber eigentlich nur ein vorläufiges, für den Moment. Denn man sieht schon kommen, dass letztlich alles gar nicht klappt. Im Grunde ist es auch ein Buch darüber, wie sehr der Mensch tatsächlich die Natur zerstört, um es einmal so plakativ auszudrücken. Die Schleichkatze dient als pars pro toto für die Umwelt und auch die Gestaltung der Figuren und Helden trifft auf meine Faszination für Menschen, die angeblich gesellschaftlich nicht gebraucht werden; sogenannte „Randexistenzen“, wie der sich als Rumänen ausgebende Bettler oder derjenige, der in der Kathedrale die Stille bewacht.
 
Dieses Gespräch führten Fabian Othmerding, Jan Göbel, Lea Wulf  und Racine van der Sloot am 25.1.2011 im Wallsaal der Zentralbibliothek Bremen.

Transkribiert von Fabian Othmerding

 

 

 

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