Interview mit Barbara Lison, Direktorin der Stadtbibliothek Bremen

Am 10. Januar 2011 führte unser Redaktionsteam ein Interview mit Barbara Lison, Direktorin der Stadtbibliothek Bremen, Jurymitglied des Bremer Literaturpreises und Vorstandsmitglied und Geschäftsführerin der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung, die den Hauptpreis alljährlich vergibt. Der Förderpreis des Bremer Literaturpreises wird von der Öffentlichen Versicherung Bremen gestiftet.

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Frau Lison, die erste Frage geht an Sie als Mitglied der Jury, die der Autorin, Andrea Grill, den Förderpreis verliehen hat. Wir würden gerne wissen, was Ihnen diese Arbeit bedeutet?

Arbeit! Natürlich ist die Organisation und Vorbereitung der Verleihung des Bremer Literaturpreises auch Arbeit für mich, genau, wie das Lesen der vorgeschlagenen Bücher. 

Interview Lison 4.JPGDie Jury-Arbeit ruht auf mehreren Schultern, denn wir haben EINE siebenköpfige Jury, in der der Förderpreis und der Bremer Literaturpreis gleichzeitig behandelt und auch festgelegt werden. Und das heißt: Theoretisch hätte das Buch von Andrea Grill auch den Hauptpreis bekommen können. Jedes Jury-Mitglied kann drei Titel vorschlagen, so dass immer um die 20 Titel zur Auswahl stehen. Wer dann den Hauptpreis oder den Förderpreis bekommt, hängt am Ende von der gesamten Situation ab, die das Ergebnis aus der Jury-Diskussion darstellt. Es gibt eine Satzung – die Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung vergibt ja im Auftrag des Senates die Preise – und diese Satzung besagt, dass der Hauptpreis an ein Werk geht, welches für die Entwicklung der Literatur in Deutschland wichtig ist, und der Förderpreis an den literarischen Nachwuchs. Da sitzt man in der Jury und fragt sich: Ist das jetzt ein Buch für den Förderpreis, oder ist es ein Buch für den Hauptpreis? Und im letzten Jahr hatten wir z.B. die kuriose Situation, dass der Förderpreisträger älter war, als der Hauptpreisträger. Normalerweise denkt man sich, wie in diesem Jahr: OK, die Hauptpreisträgerin ist 86, die Förderpreisträgerin 35, da scheint mit dem Altersabstand alles zu stimmen. Aber im letzten Jahr war das ganz anders.

Bevor die Jury tagt, fangen wir von der Stiftung schon mal an zu gruppieren und zu schauen: Haben wir genug potenzielle Haupt- bzw. Förderpreisträger auf der Liste? Es ist ja immer wichtig, dass die Jury eine Auswahl hat. Es geht nicht, dass man sagt: Es gibt da nur dieses eine Buch und alles andere ist sowieso nicht, darüber brauchen wir gar nicht zu sprechen. Wir diskutieren über alle Bücher ernsthaft in der Jury und sagen dann auch: Gut, in der ersten Runde, da bleiben dann vielleicht drei oder vier Titel für die engere Auswahl übrig, und dabei muss auch immer geguckt werden, ob das Qualitäts-Verhältnis zwischen Haupt- und Förderpreisträgerin stimmt. Im letzten Jahr stimmte nun zwar das klassische Altersverhältnis gar nicht, aber wir haben uns trotzdem so entschieden.

Und nach welchen Kriterien einigt sich dann die siebenköpfige Jury, die entsprechenden Bücher auszuwählen?

Interview Lison 3.JPGAlso, nach dieser Gruppierung auf ca. 5 bis 7 Titel hat man dann einen Pool an Büchern und man sagt sich z.B.: Andrea Grill ist erstens jung – 35 ist für eine Autorin, die veröffentlicht, noch relativ jung -, und sie hat noch nicht so viel veröffentlicht. Sie hat einige Übersetzungen gemacht, zwei oder drei Bücher herausgebracht, die jetzt nicht so riesig spektakulär waren und im deutschsprachigen Raum nicht besonders wahrgenommen wurden, so dass alle großen Feuilletons über sie berichtet hätten: Das sind dann Kriterien, wo man denkt: Das kann ein Förderpreisträger bzw. eine Förderpreisträgerin sein. Literarischer Nachwuchs heißt ja, man fängt mit dem Schreiben an, man hat noch nicht so viel veröffentlicht, es ist vielleicht sogar das Debüt. Das sind dann eher so Kriterien für den Bereich Förderpreis, nicht Hauptpreis.

Lesen Sie und die anderen Jury-Mitglieder denn wirklich alle diese 20 Bücher? Das ist nämlich für uns Schüler nur äußerst schwer vorstellbar…

Naja, lesen und lesen sind ja verschiedene Dinge. Also, wenn Sie jetzt einen Krimi lesen, dann müssen Sie wirklich jede Seite lesen, damit Sie wissen, wie der Plot geht. Gerade im Krimi ist es immer schlecht, wenn man bestimmte wichtige Stellen überlesen hat. Man kann Bücher ja quer lesen, man kann sie schnell und langsam lesen. Man liest sie zum Vergnügen oder man liest sie für die Arbeit.

Und viele der Bücher, die ich und die anderen für den Literaturpreis lesen, werden eben nicht ausschließlich zum Vergnügen gelesen. Diese Bücher sind ja keine Unterhaltungsliteratur, keine Literatur, die man abends im Bett mal eben so „wegschnuckelt“. Wir gehen davon aus, dass alle Jury-Mitglieder, die sich zu diesem Termin versammeln, die Bücher so wahrgenommen haben, dass sie ein kompetentes Urteil darüber fällen können. Das heißt, ich muss mich über den Inhalt und vor allem über die Sprache orientiert haben. Wenn Sie sich mal die Bremer Literaturpreisträger, vor allem die Hauptpreisträger, angucken, werden Sie feststellen, dass sich da oft sprachliche Besonderheiten, die den Autor manchmal charakterisieren, durch das ganze Buch ziehen, dass also sozusagen sprachentwickelnde Momente darin sind, die irgendwann vielleicht mal sogar in die Umgangssprache Einkehr halten.. Auch die Organisation des Textes und des Inhaltes ist ein wichtiges Momemnt für ein Buch: Also die Frage, ob es sich zum Beispiel einen Text handelt, der durchgehend chronologisch geschrieben ist, so ein bisschen, wie es bei dem Buch von Andrea Grill der Fall ist, oder ein total verschachtelter Text, bei dem man zwischendurch gar nicht mehr genau weiß, auf welcher Zeitebene man ist? Eine andere Frage ist: In welcher Art ist er geschrieben? Handelt es sich zum Beispiel um ein echtes Tagebuch, fiktive Tagebücher, um Briefe? Also, wie ist die äußere Form. All das muss man wissen über jedes Buch.

Ok, und mal angenommen eine/r von uns möchte jetzt den Förderpreis gewinnen, müsste also der oder diejenige eines der Jury-Mitglieder von seinem/ihrem Buch begeistern. Ist das so die Möglichkeit, um unter die Auswahl zu kommen, oder gibt es auch andere Möglichkeiten?

Man kann sich nicht selber bewerben. Das heißt, Sie schreiben ein Buch, Sie können mir das schicken, dann schick ich es Ihnen zurück und sage: „Tut mir leid, ich bin zwar auch Jury-Mitglied, habe aber leider schon drei andere Bücher vorgeschlagen“. Denn die Bücher dürfen nur von den Jury-Mitgliedern vorgeschlagen werden.

Die Jury-Mitglieder setzen sich unterschiedlich zusammen. Vier der sieben sind auf Literaturkritiker. Ein Jury-Mitglied ist z.B. Literaturkritiker in der Neuen Zürcher Zeitung, eine ganz wichtige überregionale, deutschsprachige Zeitung. Ein anderes Mitglied z.B. arbeitet für die Süddeutsche Zeitung. Das sind wirklich Menschen, die sich tagtäglich mit dem Thema Literatur befassen. Ich bin zwar auch studierte Literaturwissenschaftlerin und Slawistin, mache das Literaturgeschäft jetzt aber nicht tagtäglich. Mein Job ist es, die Stadtbibliothek zu leiten. Außerdem bin ich Geschäftsführerin der Stiftung. Deren Vorsitzender ist übrigens auch in der Jury. Er ist Politiker, er hat jahrelang die Kulturpolitik in Baden-Württemberg bestimmt und in dem Zusammenhang auch selber Jury-Arbeit gemacht. Die Jury ist also so eine Mischung aus hochprofessionellen Literaturkritikern und Leuten, die sich mit Literatur oder Kunst befassen und sich auch mit Jury-Arbeit auskennen.

Interview Lison 4.JPGSie haben ja eben schon angesprochen, dass Sie auch Geschäftsführerin der Rudof-Alexander-Schröder-Stiftung und Direktorin der Stadtbibliothek sind. Wie muss man sich diese beiden Tätigkeiten vorstellen?

Ja, hier in der Stadtbibliothek ist eine meiner Hauptaufgaben, ausreichend  Geld von der öffentlichen Hand und von anderen Stellen zu bekommen, damit wir eine gute Bibliotheks-Dienstleistung für die Bremer Bürger machen können. Dann muss ich auch dafür sorgen, dass das Bibliothekspersonal gut arbeitet und gute Arbeitsbedingungen hat, dass wir mit der Bibliothek immer vorne weg sind, also, dass wir hier keinen antiquierten Laden führen, sondern neue Ideen einbringen und umsetzen.

Als Geschäftsführerin der Stiftung ist es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Preisverleihung im Sinne des Stifters, des Bremer Senates, verläuft. Das heißt auch: Einladungen, Hotels, Flüge für die Jury-Mitglieder und die Autoren bzw. die Autorinnen organisieren und dafür sorgen, dass sie sich hier in Bremen wohl fühlen. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn wir sind da ja auch in gewisser Weise Botschafter für Bremen, schließlich sollen auch die großen, überregionalen Zeitungen einen guten Eindruck von Bremen mit nach Hause nehmen. Hinzu kommt noch, dass ich, sozusagen als Bremer Delegierte, darauf achte, dass der Preis möglichst für ein Buch verliehen wird, das  zuvor noch keinen anderen wichtigen Preis erhalten hat. Ich fühle mich also auch als Anwältin, diesen Preis möglichst nicht zu entwerten, indem wir Bücher auszeichnen, die einen ganz anderen großen Preis schon bekommen haben. Da sagt man sich: „Na, jetzt kommt Bremen auch noch hinterher.“ Wir wollen immer Preise verleihen, die ganz besonders sind, und so achte ich auch darauf, dass ein Buch jetzt nicht den fünften Preis bekommt.

Und inwiefern hat sich Ihr privater Umgang mit Büchern durch diese viele Arbeit mit Literatur verändert?

Da frage ich mich, ob das überhaupt so ist. Also, mein Leserhythmus hat sich verändert und zum Beispiel nehme ich in meine Sommerferien nicht nur Bücher mit, die ich aus eigenem Interesse lese, sondern aucheinen deutlichen Anteil an Büchern, die durch Nennungen auf unsere Auswahlliste kommen, die ich dann bearbeiten muss. Und nach den Sommerferien wird dann immer mehr ausgefiltert, damit ich Mitte November gut gerüstet bin.

Aber Sie sind durch Ihr Interesse an Literatur zu dieser Arbeit gekommen, oder?

Nun ja, ich bin schon immer an Literatur interessiert gewesen und ich hätte nicht Slawistik und Literaturwissenschaften studiert, ich wäre nicht Bibliothekarin geworden. Der Boden dafür war da, und diese Arbeit mache ich jetzt eben noch zusätzlich.

Interview Lison.JPGWas bedeutet Ihnen, als Direktorin der Stadtbibliothek, eigentlich die Arbeit mit unserem Verein workshop literatur?

Diese Frage ist ganz großartig, weil ich jedes Jahr, seit dem wir das hier machen, sehe, wie blöde eigentlich die Ansicht ist, dass junge Leute nicht mehr lesen und sich angeblich nicht für Literatur interessieren. Denn ich sehe jedes Mal, mit wie viel Interesse und Witz der Austausch zwischen den Jugendlichen und dem Autor/ der Autorin stattfindet. Das würde man so gar nicht mitkriegen und es ist schon toll, dass der workshop literatur diesen Austausch bietet und dass wir, von der Bibliothek, dieses Ereignis mitkriegen. So erleben wir vor allem, dass junge Menschen sich eben doch für Literatur interessieren und zwar nicht nur für so „easy going-Literatur“, hier rein, da raus, sondern auch für „Sperriges“. Und man sieht auch, wie diese Leute mit Autoren umgehen. Der Raum der Veranstaltung für die Lesung ist so angenehm, dass man sich auch traut, Fragen zu stellen. Man hat den Eindruck, dass die Schülerinnen und Schüler gut vorbereitet sind; das finde ich immer sehr schön. Ich glaube, der Workshop selber ist dann noch einmal eine ganz intensive Auseinandersetzung mit der Autorin/dem Autor, und ich kann mir vorstellen, dass Frau Grill eine genauso interessante Person ist, wie auch all die anderen Autoren bisher. Gerade das ermöglicht ja der workshop literatur, ebenso wie die Rudolf-Alexander-Schröder Stiftung und die ÖVB, denn diese Versicherung finanziert den Förderpreis, also die 6000 Euro, aus der Spendenkasse. Das ist eine runde Sache und der workshop literatur ist das Bindeglied, das eine Kooperation mit Jugendlichen herstellt.

Haben Sie abschließend noch einen besonderen Buchtipp für uns?

Ich habe gerade ein sehr beeindruckendes Buch zu Weihnachten bekommen, und auch schon längst ausgelesen, von einer sehr interessanten Autorin. Sie beschreibt aus einer sehr persönlichen Sicht die Lebenssituation von Franzosen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Wie ganz normale Familien die beiden Kriege an der Französisch-Deutsch-Belgischen Grenze überstehen. Auch das Schicksal der Autorin, die aus Russland nach Paris geflohen ist und dann als Jüdin in Auschwitz vergast wurde, ist ergreifend. Sie heißt Irène Nemirowsky.  Alle ihre Bücher sind toll, am besten sind „Suite Française“ und das beschriebene Buch „Die Familie Hardelot“.

Vielen Dank, Frau Lison.

Das Interview mit Frau Lison führten Nadia de Vries, Lea Wulf, Fabian Othmerding und Jan Göbel, am 10.1.2011 in den Räumen der Stadtbibliothek.