Nino Haratischwili: Interview

 

IMG_6417.jpgNino, du bezeichnest dich als ein „Kind der verlorenen Generation“. Erläutere doch bitte, was du genau damit meinst.

Das bezieht sich auf meine Elterngeneration, konkret in meinem Land, also in Georgien. Meine Elterngeneration, also in den Fünfzigern, Sechzigern geboren, hatte es nicht so leicht. Sie ist in einem Regime groß geworden, in dem noch heile Welt vorgegaukelt wurde, bis das Ganze, von heute auf morgen, zusammenbrach. Und damit kamen die damals Ende Zwanzigjährigen nicht so gut klar. Dann kamen halt komische Zeiten, politisch gesehen, und das war für sie nicht so leicht. Zum einen mussten sie ihre Kinder durchbringen, vor allem die Frauen, und zum anderen waren ihre ganzen Ideologien, die Sachen an die sie geglaubt haben, weg. Diese Generation hat es sehr schwer gehabt. Es sind viele ins Ausland. Viele konnten auch gar nicht mehr ihre Träume verwirklichen, und es bleibt immer so ein Schatten, etwas nicht verwirklicht haben zu können oder fehl am Platze zu sein. Das ist so sehr traurig auf eine Art. IMG_6414.jpg

Du hast auch gesagt, deine Heimat liege irgendwo zwischen den Welten. Ich habe in einem Beitrag über dich gehört, dass du als Nachwuchshoffnung in der deutschen Theaterlandschaft giltst. Hat das in dem Kontext vielleicht einen negativen oder beengenden Beigeschmack?

Klar, man kann ja immer nur man selber sein und Dinge tun, die man tun kann. Wenn man jetzt immer darauf hört oder darauf guckt, was sehen die anderen in mir, kommt man, glaube ich, schwer in die Puschen. Es ist, glaube ich, ganz wichtig, da so bei sich zu bleiben und das zu machen, woran man glaubt. Wenn das dann Menschen anspricht und die Menschen damit etwas anfangen können, ist das eine sehr große Freude. Als ich anfing oder das für mich so gemacht habe, war das ja nicht auf das Ziel hin: „Oh Gott, ich muss jetzt von allen geliebt werden“ ausgerichtet, sondern es war mir ein Bedürfnis, obwohl ich das noch nicht so artikulieren konnte. Das finde ich sehr, sehr wichtig, das für sich so beizubehalten und so bei sich zu bleiben und zu sehen, was mich interessiert. Ich bekam auch sehr viel Kritik anfangs, weil die Art, wie ich Dinge geschrieben oder gesagt habe nicht immer ankam und gesagt wurde: Das ist uns zu emotional, das wollen wir nicht oder das ist zu viel. Natürlich kann man sich dann ändern und anpassen, aber ich glaube, in der Kunst geht es nicht darum. Es ist sehr wichtig, dass so für sich heraus zu finden. Was nicht heißt, dass man jetzt kritikresistent werden soll, sondern man muss gucken, wo die produktive Kritik ist, die man für sich nutzen kann, die wirklich was mit einem selbst zu tun hat und nicht nur Produktionen anderer sind, mit denen ich nichts zu tun habe.

Außerdem sagst du, du habest Freude am Schreiben von pathetischen Texten. Was meinst du damit und warum?

IMG_6416.jpgIch bin ein Freund von großen Geschichten, also sei es Mythologie, irgendwelche Legenden oder Geschichten aus dem Leben. Ich finde es toll, denn im Alltag findet man sie ja selten, vielleicht auch zum Glück selten. Man möchte ja nicht jeden Tag irgendwelche großen Komödien oder Tragödien für sich selbst erleben. Und Dinge, die man halt nicht auslebt, kann man dann in Geschichten verwirklichen. Das ist eine sehr große Bereicherung und dann finde ich es schade, wenn ich mich da zügeln würde. Außerdem gibt es alles im Leben, alles kann vorkommen. Dieses „Das-ist-jetzt -ein- bisschen- übertrieben“, das glaube ich nicht, denn das Leben erfindet Geschichten, die kann man gar nicht erfinden, weil sie so absurd sind. Dementsprechend gibt es da kein „No-go“ oder „das darf man nicht“. Und wenn das dann mal nicht gerade in Mode ist, dann ist mir das auch egal. Aber, das ist einfach meine Art, ich glaube, ich mag das gerne. Es hat sicherlich mit Geschmack zu tun, es ist nicht jedermanns Sache, aber okay.

„Juja“ beruht ja auf einer wahren Begebenheit. Wie bist du auf das Thema gestoßen?

Zufällig. Ich musste eine Hausarbeit schreiben, ich habe damals noch studiert. Da fiel ein Name von einem Verleger, und ich musste nur kurz nachgucken. Es war schon sehr spät nachts, so gegen ein Uhr, und ich wollte eigentlich auch gleich schlafen, weil ich am nächsten Tag das Referat halten musste. Dann habe ich den Verleger nur eben schnell gesucht und bin auf eine Seite gestoßen, die es heute gar nicht mehr gibt, habe ich neulich gesehen. Diese Seite war ganz schwarz mit roter und weißer Schrift, ohne Bilder und so „Gothic-mäßig“. Ich war mir nicht sicher, ob ich das alles lesen wollte, das war ein sehr langer Text. Die Seite hieß:  „Wohnt hier Danielle Sarréra?“, und dann habe ich doch angefangen zu lesen und saß da bis vier Uhr morgens, weil ich gar nicht davon weg kam, das war ja so absurd. Und dann war ich sehr neugierig und angetan von dieser Geschichte, weil sie so wahnsinnig erschien und habe angefangen zu recherchieren.

IMG_6415.jpgHast du dich denn gleich entschieden, darüber ein Buch zu schreibe?Oder lag das erstmal auf Eis?

Nein, gar nicht. Ich habe erstmal nur gemerkt, dass mich das interessiert und dann habe ich angefangen, Material zu sammeln, was gar nicht so einfach war, weil es komischerweise dazu nicht viel gibt. Es gibt ein paar Insider, die das kennen und diese ganze linke Bewegung, die das damals so mitbekommen hatte. Aber es ist nun schon eine Weile her und irgendwie in die Versenkung geraten. Und es war auch gar nicht so einfach, das Buch zu bekommen, ich habe es dann über einen Antiquar aus Amerika bestellt und gemerkt, das interessiert mich und es ist wichtig, herauszufinden, warum es mich überhaupt interessiert und was es mit mir zu tun hat. Ich wusste es so auf Anhieb nicht, habe es ungefähr ein halbes Jahr mit mir herumgetragen, mir Notizen gemacht und das Buch gelesen und Material gesammelt. Als es mich nach einem halben Jahr immer noch nicht losgelassen hat, habe ich mich hingesetzt und noch nicht gewusst, was ich schreibe, nur, dass ich es im Prozess herausfinden werde. Ich habe die Originaltexte von Danielle Sarréra gelesen, aber die waren mir dann zu krass, ich wollte den richtigen Ton finden, den das Buch hat und diesen dann übertragen und nicht eins zu eins übernehmen. Das Buch ist zum Teil sehr religiös und auf Sexualität und Gewaltfantasien ausgerichtet und das war mir dann zu viel. Trotzdem fand ich aber in diesen ganzen dunklen Abgründen, die sich da auftaten, eine unheimlich poetische Sprache und sehr schöne Bilder, sehr traurig und düster, aber eine sehr spezielle Sprache. Da wollte ich dann erstmal für mich herausfinden, wie man das nachempfinden kann.

Ein Tipp für Nachwuchskünstler?

Daran glauben, was man möchte und was man will. Dann wird es schon stimmen und richtig sein. Wenn es einen nicht loslässt und man merkt, das ist es einem wert, viele andere Dinge in Kauf zu nehmen und zurückzustecken, dann wird es schon das Richtige sein. Einfach auf den Bauch hören, ich glaube, das funktioniert immer, in der Liebe, im Beruf und in der Kunst. Das ist einfach ein gutes Rezept.

 

Dieses Gespräch führten Fabian und Lisa am 29.10.2010 im Wallsaal der Zentralbibliothek Bremen.

Transkribiert von Fabian Othmerding und Lisa Urlbauer

 


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