Nino Haratischwili: Lesung

Die Adalbert von Chamisso Förderpreisträgerin 2010, Nino Haratischwili, las zusammen mit der Schauspielerin Nadine Nollau am 28. 10.  aus ihrem Theaterstück „Georgia“ und ihrem neuen Roman „Juja“

Veranstalter: workshop literatur e.V. und Bremen, Stadt der vielen Kulturenin Kooperation mit der „Globale – Festival für grenzüberschreitende Literatur“ und der Stadtbibliothek

Ein Bericht von Nadia de Vries

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Die Veranstaltung von workshop literatur e.V. innerhalb des Literaturfestivals Globale° gehört mittlerweile wohl genauso zum Bremer Herbst dazu, wie der alljährliche Freimarkt. Mit nach Mandeln duftender Luft und einer szenischen Lesung der aus Georgien stammenden Autorin Nino Haratischwili und der Schauspielerin Nadine Nollau (wobei die Beschreibung „ künstlerische Darbietung“ den Tenor des Abends schon besser trifft) sieht man der kalten Jahreszeit doch gleich ganz anders entgegen.

Dem Titel unseres Projekts“Literatur baut Brücken“, machen die beiden Frauen dabei mehr als große Ehre, sie werden an dem Abend zu Brückenbauerinnen jeglicher Art: Sei es zwischen dem Publikum, welches teils aus Schüler und Schülerinnen des Schulzentrums Walle und teils aus Zuschauern und Zuschauerinnen weitaus höheren Alters besteht, oder seien es die thematischen Grenzüberschreitungen innerhalb der Texte, des Theaterstücks Georgia sowie des Romans Juja , aus welchen Haratischwili und Nollau lesen, in denen es scheinbar mit Leichtigkeit gelingt, Themen wie Sexualität, Suizid und das Leben im Krieg zu verbinden.

 

Frau Funk von der Stadtbibliothek Bremen eröffnet den Abend und weist auf die jetzt schon seit fünf Jahren bestehende Kooperation zwischen workshop literatur e.V. und der Stadtbibliothek hin, anschließend begrüßt Ursel Bäumer von workshop literatur die Anwesenden und gibt das Wort an unsere Teammitgliedern Fabian, Lisa und Jan weiter, die in kurzen informativen Beiträgen in die Biografie und die Texte des Abends einführen.

IMG_6396.jpgNino Haratischwili beginnt die Lesung mit ihrem 2007 veröffentlichten Theaterstück „Georgia“. Die als erstes vorgetragene Szene beleuchtet dabei das spannungsgeladene Verhältnis der Protagonisten Nelly und ihrem dominanten Vater, sehr beeindruckend und spannend vorgetragen von Nadine Nollau. Im Kontrast dazu vermitteln die darauffolgenden Szenen, in welchen Nellys Tante von Bedeutung ist, beim Publikum sowohl Emotionen komödiantischen Charakters als auch das Gefühl der Angst.

Danach geht es mit Auszügen aus dem ersten Roman Haratischwilis „Juja“, weiter, welcher 2010 publiziert wurde. Dabei wird schnell deutlich, dass die junge Autorin nicht nur im Bereich des Dramas vieles zu bieten hat, sondern auch Romane zu einer lebhaften Bühne macht. Die Diversität der vorgetragenen Episoden reichen dabei von „der romantischten Liebe aller Zeiten“ über Väter, die ihre Kinder mit bärenbestickten Kissen ersticken bis hin zum Aufkommen wahrer Freundschaften. Deutlich zu spüren, der Einfluss ihres Filmregiestudiums. Jede Szene im Roman produziert starke Bilder, die in den Köpfen des Publikums wie ein Film ablaufen.

Das nun im Laufe der Lesung doch aufkommende Gefühl der Bedrücktheit, verstärkt durch die beeindruckende Vortragsweise der Schauspielerin Nadine Nollau, nimmt Haratischwili dem Publikum, als sie sich in einer Szene selbst wie eine sarkastische Einzelgängerin darstellt und herzhaft lacht und damit direkt den gesamten Wall-Saal ansteckt.

Ebenso interessant wie die szenische Lesung, ist aber auch das anschließende Publikumsgespräch. Beispielsweise wird deutlich, dass die Autorin mit „Juja“ quasi zurück zu ihren Wurzeln geht, da IMG_6399.jpgsie schon lange Zeit vor der Arbeit an Theaterstücken Prosa geschrieben hat. Der Vorteil am Theaterstück sei nach Haratischili nur, dass man das Ergebnis seiner Arbeit schneller auf der Bühne sehen könne, als dass man das selbst geschriebene Buch in den Händen halten könne. Gleichzeitig habe das Entwerfen von Theaterstücken aber Vor-und Nachteile. So sei man einerseits von Einsamkeit und andererseits von stetiger Inspiration umgeben. Auf die Frage, weshalb die Autorin bevorzugt auf Deutsch schreibe, erklärt Haratischwili, dass ihre Realität und ihr Alltag momentan in Deutschland stattfinden, und sie es als befremdend empfände, auf Georgisch zu schreiben, würde sie in Georgien wohnen, schriebe sie auf Georgisch, fügt sie hinzu.

Inmitten der derzeitigen Integrationsdebatte, ist es besonders schön, wie Autorinnen wie Nino Haratischwili zeigen, dass es auch anders gehen kann. Vielleicht nimmt sich der ein oder andere ein Beispiel und erkennt, dass das Zusammenkommen unterschiedlicher Kulturen nicht immer gleich zu Konflikten führen muss. Nein, vielleicht wird so manchem klar, dass Kulturen auch der Schlüssel zum voneinander Lernen und aufeinander Zugehen sein kann, dass Kultur und insbesondere Literatur Brücken bauen können.

Szenische Lesung am 28.10.2010 im Wallsaal der Zerntralbibliothek Bremen

(Nadia de Vries)