Interview: Über das Kunstwerk der Sprache und wie uns kleine Gespräche die Welt aufschließen

Am 20.9. 2010 hat unser Redaktionsteam im Schulzentrum Walle ein Interview mit Frau Thülig geführt. Sie ist Lehrerin dort und war schon häufig mit ihren Kursen zu Gast bei workshop literatur. Das SZ Walle ist seit diesem Jahr ein fester Kooperationspartner unseres Projekts. (Ein Interview von Fabian, Lisa, Jan und Whitney, aufgeschrieben von Fabian Othmerding)

Interview Thülig

Guten Tag Frau Thülig!
Zunächst möchten wir Sie bitten, uns noch einmal kurz von Ihnen und Ihren Tätigkeiten hier an der Schule zu erzählen.
 
Gerne. Also, ich gehöre hier zu den ältesten Kollegen. Ich bin seit 1973 an der Schule. Damals bin ich ganz bewusst aus Freiburg (dort hatte ich studiert) nach Bremen gegangen, denn Bremen hatte damals die Reform-Universität, insgesamt ein liberales Klima und eine spürbare Aufbruchstimmung. Ich habe dann während der gesamten Zeit in unterschiedlichen Bereichen gearbeitet.
 
 

1976 wurden aus dem „Gymnasium Waller Ring“  die Sekundarstufe I und II,  wobei ich auf die Sekundarstufe II kam. Ich habe aber immer mal wieder in der Sekundarstufe I unterrichtet, um die Verbindung nicht zu verlieren und zu sehen, was sich da so abspielt. Zwischendurch habe ich auch in der Berufsschule gearbeitet – ganz freiwillig ohne jeglichen Druck- weil ich es interessant fand zu sehen, was sich bei Jugendlichen tut, die schon im Beruf sind, was der Unterschied zwischen Gymnasiasten und Berufsschülern ist… Des Weiteren habe ich noch sechs Jahre an der Universität als Praxislehrerin gearbeitet. Trotzdem habe ich in der Oberstufe, also der Sekundarstufe II, immer mein Standbein gehabt.

Und welche Fächer unterrichten Sie?
 
Ich unterrichte Deutsch, Geographie und habe auch lange Zeit Darstellendes Spiel, also Theater, unterrichtet. Seit 2005 aber nicht mehr,denn meine Altersteilzeit begann und ich wusste, wenn ich das Darstellende Spiel nicht reduziere, powere ich mich doch zu sehr aus.  (Frau Thülig lacht)
 
Sie engagieren sich z.B. für das Projekt „Schule ohne Rassismus“. Für was setzen Sie sich außerdem noch ein?
 
Also man kann sagen, dass wir bei uns in der Schule wirklich so ein kleines globales Dorf haben. Wir haben mal innerhalb der Geographie eine Untersuchung gemacht und haben dabei herausgefunden, dass wir, nur in der Gymnasialen Oberstufe, insgesamt 46 verschiedene Nationen vertreten haben, also aus der gesamten Welt! Gleichzeitig haben wir auch ca. 36%  SchülerInnen mit Migrationshintergrund. Das ist, meiner Meinung nach, etwas sehr Spannendes, und ich empfinde das als großen Schatz. Denn: Wenn wir uns miteinander auseinandersetzen, können wir unglaublich viel voneinander lernen und schon kleine Gespräche können uns die Welt aufschließen. Gerade im Geographieunterricht empfinde ich das so, und vor allem in diesem Rahmen haben wir sehr viele Projekte gemacht. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass immer, aufgrund der unterschiedlichen Kulturen, ein Konfliktpotential lauert – wenn man nicht vorsichtig ist. Auf diesem Hintergrund hat eine Schülerin, das muss ich betonen, das Projekt „Schule gegen Rassismus“ in Angriff genommen und als sie mich fragte, ob ich nicht mitmachen wolle, habe ich natürlich zugesagt. Meine Aktivität in der Gruppe ist mehr eine Form der Begleitung. Ich engagiere mich aber auch noch in anderen Bereichen, wie zum Beispiel in dem „Workshop Literatur“!
 
Wie sind Sie auf unseren „Workshop Literatur“ gestoßen?
 
Ich habe ihn damals im Internet gefunden und empfand das Konzept des Projektes interessant. Der Ansatz, junge Leute an Literatur heranzuführen, indem sie direkt mit Autoren in Kontakt treten können, ist nicht zu überbieten. Ich hatte so etwas Ähnliches schon mal in einem Deutschleistungskurs im Kleinformat initiiert, als wir diverse Bremer AutorInnen zu Lesungen eingeladenhaben. Die SchülerInnen haben sie interviewt und die SchriftstellerInnen haben uns ihre Biographie erzählt. Dabei merkten wir erst, wie viele interessanteAutoren es allein in Bremen gibt. Auf diesem Hintergrund sprach mich das Projekt „Globale“ auch sehr an, als ein richtiges Festival, mit einer enormen Bandbreite an Autoren. In diesem Zusammenhang kamen Frau Bäumer und ich auch ziemlich schnell ins Gespräch.
 
Und wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Konzept der Workshops?
 
Also, ich war nun wirklich oft mit meinen SchülerInnen bei einzelnen Workshops und auch einmal im Jahr bei der Verleihung des Bremer Förderpreises. Unsere Reaktionen waren immer positiv und ich weiß auch, warum: Denn in dem Augenblick, in dem eine kleine Gruppe im Workshop Literatur versammelt ist, bekommt jeder Schüler und jede Schülerin Aufmerksamkeit. Die SchriftstellerInnen setzen sich mit jedem Teil dessen, was geschrieben worden ist, auseinander und geben ein ganz persönliches Feedback. Die gesamte Arbeit geschieht auf solch einer individuellen und privaten Ebene, wie es sonst nie der Fall ist. Dabei können wir Lehrer uns im normalen Unterricht noch so ins Zeug legen, das erreichen wir im Unterricht nicht. Außerdem lädt Frau Bäumer auch immer sehr interessante Menschen ein! EineIranerin, die zeitweise in Lissabon lebte, machte den SchülerInnen das Angebot, ihre Arbeiten zu mailen. Sie würde sofort ein Feedback zurückschreiben. Ein anderes Beispiel: Ein Schüler von mir, mit Herkunft aus Ghana, ist gleich amTag nach dem Workshop mit Wilfried N’Sonde, der ja auch aus Ghana kommt, zu einer weiteren Lesung von ihm gegangen und hat sich dessen Buch gekauft, und zwar ohne Aufforderung, sondern  aus eigenemInteresse. Da springt also so ein Funke über, dass ich es einfach nur wunderbar finde. Wir geben uns im Deutschunterricht alle Mühe, aber wie viele SchülerInnen kommen bis zum Abitur, ohne jemals ein einziges Werk gelesen zu haben. Und bei dem Schüler aus Ghana geschieht das ohne Aufforderung, sondern einfach aus eigenem Interesse, völlig freiwillig. Schließlich bringt dieser persönliche Kontakt zum Autor gerade SchülerInnen, deren Muttersprache nicht deutsch ist, viel eher Freude am Lesen deutschsprachiger  Lektüre. Deswegen finde ich, dass der Workshop Literatur auf jeden Fall genutzt werden muss. So etwas brauchen wir unbedingt! Außerdem finde ich, dass eine wesentlich größere Vernetzung solch einer Initiative nötig ist. Denn sobald das Herz dabei ist, geht’s im Kopf schneller und sprachlich tut sich auch was.
                                  
Sie haben sich dafür eingesetzt, dass die Workshops im Herbst immer mit Schülern dieser Schule stattfinden. Dabei handelt es sich um Workshops ausschließlich mit Autoren mit Migrationshintergrund, aber völlig unterschiedlichen Themen. Sie haben selbst gesagt, 36 % der SchülerInnen dieser Schule hätten einen Migrationshintergrund. Ist es gerade für diese SchülerInnen ein Anreiz, zu sehen, dass es jemand auf ganz besonderem Weg, über Literatur, geschafft hat, sich selbst in die Gesellschaft zu integrieren, oder ist es für die anderen dieser Anreiz, andere Kulturen kennen zu lernen?
 
Ich denke, da spielt beides eine sehr tragende Rolle. Denn jeder Schüler, der offen ist, ist auch neugierig und will mehr erfahren über die Welt, insofern bietet das Projekt „Globale“ beiden Seiten unglaublich viele Möglichkeiten.
Ich finde auch, dass man sich im Deutschunterricht nicht nur für deutsche Literatur interessieren sollte. Natürlich bin ich der Meinung, dass bestimmte deutsche Werke im Deutschunterricht gelesen werden müssen, aber meiner Ansicht nach, müsste eigentlich, gerade im Zeitalter der Globalisierung, wesentlich mehr an internationaler Literatur möglich sein. Genau das wird imProjekt „Globale“ auf wunderbare Weise geboten, denn es werden uns zum Teil wirklich ganz fremde Welten erschlossen.
 
Welche Wirkung kann Literatur im Allgemeinen Ihrer Meinung nach noch haben?
 
Ich habe kürzlich noch gehört: „Sprache ist die interessanteste Erfindung des Menschen.“ Auf dem Hintergrund, dass Sprache für viele zahlreiche Funktionen hat, spielt Literatur für mich eine ganz große Rolle: Egal ob Kommunikation, Konfliktbewältigung, Biografien oder Lebenskrisen, mit denen man sich identifizieren kann – Sprache ist für mich ein Kunstwerk und hat meiner Meinung nach sehr viel mit Ästhetik zu tun. In dem Augenblick, in dem jemand mit diesem Kunstwerk „Sprache“ in eine Beziehung treten kann, ist dieser Jemand, meiner Ansicht nach, besser gerüstet fürs Leben.
 
(Das Gespräch mit Frau Thülig führten Fabian, Jan, Lisa und Whitney)
 
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