Ergebnisse der Workshops mit Michael Wildenhain am 3. 9. 2010

Ich spürte den kalten Atem

Ich spürte den kalten Atem auf meinen Wangen und sah ihre Gesichter. Diese Gesichter, die mich zu verfolgen schienen. Gesichter, verzerrt vor Lachen und Spott. Mit jedem Schritt entfernte ich mich weiter, und doch kamen die Schritte immer näher heran. Mein Atem ging schneller, ich merkte, wie ich zu rennen begann. Meine Beine bewegten sich, als gehörten sie nicht zu meinem Körper. Immer schneller und schneller. In meinem Kopf die Bilder. Bilder von Situationen, die ich vergessen wollte, Bilder ihrer Gesichter. Panik stieg in mir auf und das Atmen wurde immer schwerer. Ich fühlte mich, als hätte ich jede Kontrolle über meinen Körper verloren.

Dann sah ich sie endlich. Die Tür, die mich in meine Welt bringen konnte. Mein Blick war so verschleiert, dass ich die Türklinke erst beim dritten Versuch öffnen konnte. Meine Beine erschöpft. Nur mit Mühe erreichte ich mein Bett, den einzigen Ort, an dem ich mich je sicher gefühlt hatte. Doch heute waren die Bilder selbst hier. Wenn ich die Augen schloss, war ich wieder dort. Angreifbar. Verletzlich. Aufhören. Irgendwann ließ das Rauschen in meinen Ohren nach, hörte ich meine Eltern, die nach einer ruhigen Nacht ihren Tag begannen. Nur ich blieb einfach liegen.

(Carlotta )

Paul

Du hast Freunde. Außerhalb der Schule. In deiner Klasse heißt du nur Nerd, Freak, Opfer.
Eigentlich würdest du lieber Paul genannt werden, aber du weißt, dass du nicht das Recht hast, dir etwas zu wünschen.
Ich sag Paul zu dir. Ich denke du hast ein Recht darauf.
Aber ich bin auch nicht in deiner Klasse. Ich kenne dich besser vom Chor. Das ist mir auch lieber.
Ich weiß nicht, wie es wäre, wärst du mein Klassenkamerad. Würde ich auch Nerd, Freak, Opfer zu dir sagen? Ich muss eingestehen, manchmal denke ich das von dir.

Du bist so technisch interessiert. Es kümmert dich nicht, was andere von dir denken, ob du viele Freunde hast. Dein iPhone, dein iPod, deine Wii, deine Psp, deine Playstation 3, dein Fernseher, dein Laptop, all das macht dich für die anderen aus deiner Klasse zum Nerd, Freak, Opfer. Vielleicht sind sie nur neidisch. Oder es ist, weil du dich nicht wirklich zeigst. Du warst von Anfang an verschlossen, hast dich hinter all den Sachen versteckt. Nur beim Chor bist du du selbst. Dadurch sieht der Chor über deine Fassade von Technik hinweg.
Du hast sogar eine Freundin.
Sie liebt dich wie du bist. Wenn die iPhones, iPods, Wii’s, Psp’s, Playstations, Fernseher, Laptops weg gelegt sind.
Das freut mich sehr und deine Stärke bewundere ich. Doch denke ich, dass ohne all diese Dinge dein Schulalltag, dein ganzes Leben anders wäre.

(Julia)


Was ist denn eigentlich ein Auißenseiter

Was ist denn eigentlich ein Außenseiter, wie wird er definiert? Einer, der sich nicht innerhalb einer Gruppe bewegt und der Masse folgt? Bringt ein Außenseiter sich selbst in diese Situation oder wird er von der Masse dazu gemacht? Sicher fängt es damit an, dass die Person sehr anders ist und ihre Interessen und Vorstellungen vielleicht so anders sind, dass sie ihr Leben nicht mit der Masse teilen kann oder will.
Ich bin selbst schon in dieser Situation gewesen, als ich in der neunten und zehnten Klasse war. Irgendwann schaute ich da mal hin, und fragte mich, in was für einer Situation ich mich konkret befände. Mit den Lehrern war ich immer gut, nur meine Mitschüler weckten mein Interesse nicht sehr. Damals hätte ich die Möglichkeit gehabt, mich in eine der bestehenden Cliquen einzureihen, doch es war mir eine zu unernste und von „Cool- oder Nicht-Cool-Sein“ geprägte Szene. Es wurde gezickt und gelästert und pausenlos gegackert. Die Jungs waren alle noch in ihrer eigenen Welt. Mit Lan -Partys und dem ersten Schluck Bier fing dann langsam auch das Interesse an Mädchen an.
Wer das nun liest, denkt vielleicht, ich war in einer relativ unentwickelten Klasse. Dies zu beurteilen fällt mir schwer, denn sehr intensiv habe ich mich nicht mit dem Privatleben meiner Mitschüler beschäftigt. Alles nur Vorurteile, die sich in meinem Kopf entwickelten während ich ihnen klammheimlich, still und leise von einer Ecke aus zusah, wie sie sich unterhielten und ihre ersten neckischen Berührungen zwischen Männlein und Weiblein machten. Sicher habe ich mich das ein oder andere Mal mit ihnen unterhalten und auch mitgelacht, denn zwischendurch weckte der ein oder andere mein Interesse, was allerdings schnell wieder erlosch. Von Klassenfahrten und Ausflügen hielt ich mich fern.

Doch außerhalb der Schule hatte ich eine aufregende Zeit mit ganz anderen Leuten und schweren Herausforderungen.
Ich denke, es gibt viele verschiedene Außenseiter: Es gibt welche , wie ich, die sich freiwillig dazu machen. Ich wurde nicht gemoppt oder schräg angeguckt. Ich habe mir in dieser Zeit eine harte Schale angeschafft, weshalb ich heute noch auf manche einen sehr harten ersten Eindruck mache, obwohl das mehr ein Schutzmechanismus ist, als dass ich ein wirklich harter Mensch bin. Es mag lächerlich klingen, doch bei den Leuten in meiner Klasse war ich ein Außenseiter, der Respekt genoss, nicht so wie ein anderes Mädchen auch aus unserer Klasse, welches von morgens bis abends abfällige Blicke bekam und dem hier und da ein Streich gespielt wurde. Sie tat mir oft Leid, und einmal traf ich mich mit ihr, um zu sehen, ob sie wirklich so doof war, weil alle sie so auf Abstand hielten. Tatsächlich war sie es und zickig und zu meiner Verwunderung sogar hochnäsig. Ab da schenkte ich ihr keine Aufmerksamkeit mehr. Aber mobben ist ja was für Leute, die sich selbst offensichtlich aufwerten wollen, indem sie andere abwerten.
Es gibt also solche und solche und man sollte sich jeden einzelnen von ihnen anschauen.

(Anna)


Außenseiter?
Ja, ich erinnere mich an jemanden. Es war in der Grundschule. Es gab viele Gerüchte über sie. Ihr Name fällt mir gerade nicht ein. Sie war irgendwie anders, aber man konnte nicht so genau sagen, was an ihr anders war.

Vielleicht war es, dass ihre Familie nicht so viel Geld hatte. Wir kamen alle aus der Mittel- bis unteren Oberschicht aber sie bekam „nur“ Klamotten und Schulsachen zum Geburtstag. Oder war sie anders, weil sie schlechtere Noten bekam und sehr still war, genau wie ihre beste und einzige Freundin aus der Parallelklasse? -Wussten wir überhaupt, ob es ihre einzige Freundin war? -Wir wussten gar nichts über sie, meinten aber, alles zu wissen. Heute wünsche ich mir, dass ich sie besser gekannt hätte.

Ich habe sie seitdem nur noch einmal im Bus gesehen. Am Anfang des vierten Schuljahres war sie einfach verschwunden, es hieß, sie gehe jetzt auf eine Sonderschule zusammen mit anderen Zurückgebliebenen. Zurückgeblieben? -Wohl eher alleine gelassen von den Eltern, von uns und von der ganzen Welt. Niemand wusste, wer sie wirklich war, und was sie wirklich konnte.

( Peter S.)

 

Wenn ich jetzt zurückblicke

Wenn ich jetzt zurückblicke, ist es fast absurd. Immer wieder bin ich zurück gegangen. Jeden Tag nach der Schule. Und dabei mochte ich sie noch nicht einmal so richtig. Jeden Tag kam ich unglücklich nach Hause, wollte es jedoch nicht wahrhaben. Mochten sie mich nicht? Oder viel eher: Warum mochten sie mich nicht? Ich war doch ganz normal. Naja, was heißt schon normal? Wie kann man normal sein? Gibt es überhaupt so etwas wie Normalität? Jedenfalls war ich nicht eine besonders seltsame Persönlichkeit. Ein Kind halt. Ein Kind auf der Suche nach Freunden, mit denen es spielen und wachsen kann. Ich muss zugeben, ein wenig weinerlich und schwach war ich. Aber, sind das nicht viele Kinder? Vielleicht war es mein Haarschnitt oder die Kleidung, die ich trug? Ich weiß es nicht. Was ich hingegen weiß ist, dass ich traurig war. Tag für Tag. Sie wirkten so glücklich. Ich wollte auch lachen und herumalbern. Manchmal tat ich es auch. Manchmal machte es sogar Spaß. Manchmal lachte ich und fühlte mich wie ein Teil von ihnen. Doch dann wurde ich immer wieder aufs Neue enttäuscht. Weggeschickt oder ausgelacht.
Meine Eltern waren da. Immer. Aber wer wollte sich schon bei seinen Eltern ausweinen? Ich wollte nicht allein, nicht bei meinen Eltern: ich wollte Teil von ihnen sein.
Irgendwann habe ich mich mit der Situation abgefunden, habe neue Eindrücke durch andere Menschen erlangt. Mit der Zeit ist das Thema verschwunden. Ich hatte Freunde. Freunde die mich so akzeptierten, wie ich war.
Doch hin und wieder frage ich mich erneut, warum? Warum haben sie mich so ausgegrenzt? Noch heute spüre ich die Gefühle, welche damals in mir herrschten. Manchmal sehe ich mich in meinem Zimmer sitzen und weinen. Ich möchte die Personen zur Rede stellen. Doch mit welchem Sinn? Was für eine Antwort würde ich erwarten? Man kann nicht verändern, was passiert ist und vor allem nicht, wie es sich auf mich ausgewirkt hat. Man kann jedoch mit dem Geschehenen arbeiten und daran lernen.

(Laura)

 

So wie er es immer tat.

Er stand in der Ecke, hinter dem Schulgebäude am Rande des Hofes. Des Schulhofes.
Stand, mit der einen Hand in der zu engen und zu kurzen Jeans.
Die andere umklammerte seine Tupperdose, die ihm seine Mutter doch so liebevoll mit Vollkorn Crackern gefüllt hatte. Umklammerte sie so fest, als wolle er all seinen Zorn, all seine Frustration auf sie schieben. Wir standen weiter in der Mitte. In der Mitte des Hofes. Des Schulhofes. Ich starrte, konnte nicht anders. Wir starrten. Einmal bin ich bei ihm gewesen.
Nicht Zuhause. In der Ecke. Dort, wo er immer stand, mit seiner runden Brille auf der großen, etwas krummen Nase. Der Rotz immer auf dem Wege aus den Nasenlöchern hinunter zu den schmalen Lippen, die ständig befeuchtet wurden durch seine abnormal große Zunge. Ein Tick. Glaube ich. Ich wusste, er tat mir Leid.  Ich wusste, er würde nie die Mitte des Hofes erreichen, und ich wusste, ich wollte auch nicht in der Ecke stehen. Ich wusste, er braucht meine Hilfe, aber ich wusste nicht wie. Ich wusste, er war nett. Einmal fiel mir etwas hinunter, er hob es auf. Wir unterhielten uns. Ich fragte, ob er in die Stadt gehen wolle, im Hinterkopf natürlich die Idee einer neuen Jeans für ihn. Wir standen auf. Ich sagte, er solle seine Tupperdose doch im Raum lassen. Im Klassenraum. Vergebens. Aber nett ist er.
Doch leider ist es nun mal so, dass es nicht das Innere ist, worauf es erst einmal ankommt.
Ich weiß das!..Glaube ich.
Ich glaube zu wissen.
Das….ist ein Trugschluss.

(Lieke)

 

Sie stand da und starrte auf den Boden

Ihre langen, schwarzen Haare fielen ihr ins Gesicht, verdeckten ihre Augen, ihre Wangen.

Wenn man sie etwas fragte, nach der Uhrzeit oder dem Weg, antwortete sie nicht. Sie war anders. Dann kamen sie. Es waren vier, vielleicht fünf. Ich weiß es nicht mehr. Sie kamen.

Sie starrte auf den Boden, wusste was kommen würde. Wusste es einfach.

Sie hörte das Lachen. Von wem? Von ihnen. Sie kamen näher und näher, bis sie vor ihr standen. Wie siehst du denn aus? Warum starrst du so? Hast du was gesagt? He, ich rede mit dir! Der Bus kam, ich stieg ein. Sie konnte nicht. Konnte es nicht.  Der Bus fuhr los, ich sah mich um. Tritte, Schläge, Schreie. Dann Stille. Der Bus fuhr um die Ecke. Ich sah nichts mehr. Gar nichts. Alles war schwarz. Ich musste meine Augen schließen. Als ich sie wieder öffnete, strahlte die Sonne durch´s Fenster in mein Gesicht.

Sie stand einfach nur da.

(Wietje)

 

Gedankenwelt

Nun stehe ich hier.
Es ist laut um mich herum, doch in mir herrscht Stille.
Ich spüre die spöttischen Blicke, als würden sie sich auf dem Asphalt, den ich anstarre, widerspiegeln. Nun gehe ich.
Ich höre dieses Gelächter aus allen Winkeln des Flures.
Wann habe ich das letzte Mal gelächelt?
Nun ist sie kaputt.
Meine Brille liegt vor mir auf dem Boden. Ich kann kaum etwas sehen, nichts sagen.
Was würde ich sagen, wenn ich den Mut dazu hätte?
Nun sitze ich hier.
45 Minuten schweigend im Unterricht auf meinem Einzelplatz.
An der Tafel ist eine unschöne Karikatur von mir zu sehen.
Hat es dieselbe Person gemalt, die auch meine Schultasche in den Abfall geworfen hat?
Nun reden sie.
Nur leider nicht mit mir, sondern über mich. Das Einzige, was ich aus den Stimmen heraushören kann, ist mein verspotteter Name.
Nun laufe ich.
Ich fühle mich leer und einsam. Wohin führt mich mein Weg?
Jetzt führt er mich wie jeden Abend an einen Ort, der sich Zuhause nennt.
Doch bin ich hier wirklich Zuhause?
Nun lege ich mich hin.
Das Bett, in dem ich liege, ist hart. Der Raum kalt. Es ist ganz still – jedenfalls wünsche ich es mir. Ich überhöre den Streit meiner Eltern. Haben sie gemerkt, dass ich wieder da bin?
Nun schließe ich meine Augen.
Ich beginne zu träumen und ziehe mich in meine Traumwelt zurück.
Dort fühle ich mich wohl. Dort ist es besser.

(Claudia)

 

Das steht sie

Da steht sie. Eigentlich kenne ich sie, und doch kenne ich sie nicht. Gummibärchen mochte sie, die grünen und weißen am liebsten. Nur manchmal aß sie auch die roten. Ob sie heute nur noch die gelben mag? Oder isst sie gar keine mehr, weil sie an die armen Tiere denken muss, die mit ihren Knochen herhalten müssen? Früher hat sie sie geliebt. Tiere und Natur. Und Nutella. Wir haben uns verloren nach einer langen Zeit. Sie hat sich verändert, ich hab mich verändert. Ich weiß nicht, wie sie über unsere Situation denkt. Ist sie traurig? Oder einfach zufrieden, da wo sie jetzt ist. Es scheint, als hätte sie sich ihre eigene Welt erschaffen, vielleicht sogar ihr eigenes Paradies? Vielleicht ist da auch kein Platz mehr für mich und die anderen.
Ja, die anderen. Sie kennen sie nicht und nehmen sich trotzdem das Recht über sie zu urteilen. Wer gibt ihnen das Recht? Ob sie auch gerne eine dieser anderen wäre, die einfach so über andere urteilen dürfen? Oder würde ihr sensibles Einfühlungsvermögen sie davon abhalten?
Früher sicherlich. Und heute? Jetzt wo sie es am eigenen Leib zu spüren bekommt? Ich glaube, sie würde gerne mal die Rollen tauschen und jeden einzelnen der anderen alleine dastehen lassen und ihn von oben bis unten beurteilen.
Sie war nicht immer so. Früher war sie eine von vielen, die sich zusammenfinden, wenn es ihnen mal schlecht geht oder einfach nur, um zu lachen. Früher hat sie viel gelacht. Und dann blieb sie einfach stehen, blieb in der Vergangenheit, unsicher, ohne sich zu verabschieden. Das war ihr sicheres Ende. Wer sich in diesen Lebensjahren nicht irgendwo fest verankert, fällt.

(Lotta)

 

Und ich fühlte, wie meine Haut..

Und ich fühlte wie meine Haut anfing zu brennen und mir das Blut ins Gesicht stieg. Als finge es in meinem Kopf zu brodeln an. Ich fragte mich immer wieder, wie bloße Worte so etwas Extremes auslösen konnten. Wie sie diese Macht über mich haben konnten. In diesen Augenblicken versuchte ich, die Wörter als bloße Klänge in der Luft wahrzunehmen, die Bedeutung nicht an mich heranzulassen. Doch jedes Mal war ich mehr verletzt, wurde der Riss in meinem Herzen tiefer. Ein Riss, der nie wieder verheilen würde. Denn wenn er einmal da ist, kann man ihn niemals wieder komplett verschwinden lassen. Ich stellte mir immer ein rosafarbenes Papierherz vor, bei dem der Riss durch jedes verletzende Wort tiefer wurde. Auch dieses Herz würde man nie wieder „reparieren“ können. Man könnte den Riss zwar mit Tesafilm verschließen, doch sichtbar und präsent wäre er für immer und ewig. Gerade eben war es so. als wäre das rosafarbene Herz in zwei Teile gerissen. Die Schwere der Worte war dieses Mal so stark, dass ich den Schmerz nicht mehr aushielt.

(Marie N.)

 

Es fing alles an mit diesem einen Abend.

Es fing alles an mit diesem einen Abend. Ich gebe zu, schon vorher gehörte ich nicht zu den coolen Kids an unserer Schule, aber ich wurde die meiste Zeit einfach in Ruhe gelassen und damit war ich auch ganz zufrieden. Doch dieser Abend war der Anfang allen Endes. Herr Müller, der Musiklehrer an unserer Schule, bemerkte, dass keiner meiner Mitschüler Interesse an mir zeigte, und so hatte er offenbar das dringende Bedürfnis, mir aus dieser Lage zu helfen. Einem Lehrer kann man nicht widersprechen und so musste ich mich dieser beschämenden Aufgabe beugen. Seine brillante Idee, wie er es nannte, bestand darin, dass ich meine musikalische Begabung der ganzen Schule präsentieren sollte. Dass ich kein Stück singen, geschweige denn ein Musikinstrument spielen kann, hat er dabei offenbar nicht bedacht. Und so begann eine harte Probezeit, in der ich meinen Lieblingssong „Lemon Tree“ mit meinem Gesang so sehr verunstaltete, dass ich ihn danach nie wieder hören wollte und konnte. Da niemand aus meiner Klasse mir behilflich sein wollte, sprang Herr Müller kurzerhand ein und unterstützte mich instrumental. Seine Liebe hatte er im Klavier gefunden und zu allem Überfluss interpretierte er den Song vollkommen neu.

Das Frühlingsfest rückte immer näher und näher und plötzlich war der Tag gekommen. Die Aufführung war ein komplettes Desaster. Doch was hatte ich schon zu verlieren? Meine Freunde? Welche denn? Meine Würde? Für die interessierte sich eh niemand. Also schmetterte ich los und gab die Neufassung voller Elan zum Besten. Am Ende des Liedes kamen verhaltene Klatscher aus der Ecke des Publikums, wo ich meine Eltern vermutete.

Meine Mitschüler waren am Tag darauf in der Schule vollkommen ausgewechselt. Anstatt mich wie vorher einfach zu ignorieren, hatte ich plötzlich die komplette Aufmerksamkeit auf mir. Leider war dies alles andere als angenehm.

(Marie S.)

 

Jeden Morgen das Gleiche

Jeden Morgen das Gleiche, immer und immer wieder fünf Tage in der Woche, und dann endlich das lang ersehnte und viel zu kurze Wochenende.
Langsam quäle ich mich aus meinem Bett, mit dem Gedanken, dass morgen Freitag ist.
Endlich Freitag und somit das Wochenende zum Greifen nah. Ich höre schon meine Mutter rufen, ich solle mich beeilen, damit ich nicht wieder zu spät zur Schule komme. Aber es ist doch gar nicht so schlimm ,ein bisschen zu spät zu kommen: Dann ist der Hof leer. Keine komischen Blicke. Keine hämischen Sprüche und was sich die anderen noch alles so einfallen lassen. Jeden Morgen wieder. Ich komme gerne zu spät. Meine Mitschüler haben sich mittlerweile schon daran gewöhnt. Und die Lehrer?
Die machen auch nichts. Wie oft wurde deswegen schon bei meiner Mutter angerufen!
Und was hat sie dagegen unternommen? Nichts! Der ist doch auch alles egal, Hauptsache, sie hat das Geld für ihre Flaschen, um ihrem Hobby nachzukommen. Bestimmt liegt sie jetzt noch auf der Couch, schaut Fern und trinkt. Das ist doch jeden Abend und Morgen dasselbe.
Mit dem Fuß schiebe ich die Kisten voll mit irgendwelchem alten Gerümpel beiseite, um an den Kühlschrank zu kommen, wo außer ein bisschen vergammeltem Käse nichts zu finden ist. Schnell knalle ich die Kühlschranktür wieder zu und schnappe mir die angebrochene Chips-Tüte für den Weg. Ein Blick auf die Uhr bestätigt mir, dass ich noch viel Zeit habe. Es ist erst sieben Uhr fünfzig.
Damit meine Mutter aufhört gegen den Fernseher anzuschreien, ich solle endlich los gehen, klettere ich über den Schuh- und Klamottenberg zur Wohnungstür des Mehrfamilienhauses, ein bisschen außerhalb der Stadt, wo wir leben. Langsam, so als hätte ich alle Zeit der Welt, ziehe ich mein Fahrrad aus dem Gestrüpp beim nahe gelegenen Spielplatz und mache mich auf den Weg zur Schule.

(Nane)

 

Sie hieß Katja

Sie hieß Katja. Sie hatte lange, blonde Haare, war zierlich, ein unscheinbares Mädchen. Wenn ich sie auf dem Pausenhof oder in den Gängen der Schule sah, war sie immer alleine und blickte traurig zu Boden. Katja war eine Klasse unter mir und 15 Jahre alt. Oft habe ich mich gefragt,warum sie nie mit Klassenkameraden zu sehen war. Wenn man wen fragte,ob er Katja kenne, verneinten die meisten. Aber was machte sie so zum Außenseiter? Ihr Charakter? War sie unfreundlich oder launisch? Ihr Aussehen? Zu unscheinbar, zu langweilig? Ich glaube, es hat sich niemand bemüht sie richtig kennenzulernen. Sie war schüchtern, das erkannte ich schon, als ich sie das erste Mal sah. Und deshalb war sie ein Außenseiter, weil sie sich nicht traute, auf andere zuzugehen. Eines Tages sah ich sie wieder alleine auf einer Bank in der Aula sitzen. Ich fand, sie verdiente eine Chance. Ich atmete tief durch und ging auf sie zu. ,,Hey Katja!“,sagte ich freundlich. Katja blickte auf und sah mich mit ihren blauen Augen an. Erschrocken sah sie aus und etwas hilflos. Sie öffnete ihren Mund und sagte: ,,Hi.“  Ich setzte mich neben sie und begann über die Schule zu reden, über all das, was mich nervte und was ich mochte. Zuerst schien Katja erstaunt über meine Offenheit, dass ich einfach mit ihr redete, ohne sie zu kennen. Aber in Wahrheit kannte ich sie gut. Ich hatte die gleichen Probleme wie sie, wurde von meinen Mitschülern nicht beachtet, und ich war selbst zu schüchtern, um auf sie zuzugehen. Aber bei Katja war das anders. Sie war eine gleich Gesinnte, ich wusste genau, wie sie sich fühlte. Ich musste sie einfach ansprechen. Sie würde mich nicht verurteilen. Und genau so war es. Ich erzählte und erzählte. Ich redete über das, was mir gerade in den Sinn kam. Nach einiger Zeit fing auch Katja an und erzählte. Wir hatten bei vielem die gleichen Ansichten. Wir mochten die gleichen Lehrer, die gleichen Fächer. Ein seltsames Gefühl so viel mit jemandem reden zu können. Zwei gleich Gesinnte,die in’s Gespräch gekommen sind. Ob nun zwei Außenseiter oder zwei Modepüppchen. Wir hatten das gleiche Schicksal und das verband uns. Nach diesem Gespräch folgten viele mehr. In jeder Pause trafen wir uns auf der gleichen Bank und redeten über Gott und die Welt. Sie wurde zu meiner besten Freundin.

(Julia)

 

Wenn man gerade von seinem Freund verlassen wurde

Wenn man gerade von seinem Freund verlassen wurde, den man über alles geliebt hat, dem man alles anvertraut hat – nicht nur große Erlebnisse und Gefühle, sondern alles vom kleinsten Gedanken bis zum extatischstem Freudentanz, einfach alles – dann geht es einem dreckig.
Wenn man sieht, wie der Bruder das Jurastudium bezahlt kriegt, für das man selbst nach dem Abi unter Erniedrigung, Druck und sexueller Belästigung hart – und ich glaube es ist gerecht, diese Lasten als hart zu bezeichnen – gearbeitet hat, dann steigt, ja schäumt man vor Wut. Wenn der geliebte Opa stirbt, der einem an Weihnachten die wirklich bitter nötige finanzielle Unterstützung zusteckt, dann erstickt man vor Trauer. Es schnürt einem den Hals zu und kriecht runter in den Bauch, erfüllt den ganzen Körper.
Es ist ein Gefühl. Du fühlst.
Wenn man einen neuen Job in einer neuen Stadt anfängt, wenn man es wagt, etwas Neues für sich zu suchen, wenn man flieht vor seinem Alltag, dann wird alles besser.
Die Erwartung und die Hoffnung erfüllen deinen Körper mit diesem wohligen Kribbeln.
Es ist ein Gefühl. Es ist in dir.
Wenn man in einer neuen Stadt, bei einer neuen Arbeit ankommt, die neuen Kollegen sieht und mit ihnen den Empfangssekt trinkt, und alle auf dich und die kommende gemeinsame Zeit anstoßen, dann ist man aufgeregt. Es ist ein Gefühl. Du fühlst.
Und dann schlafe ich mit meinem Chef. Und da ist kein Gefühl.
Wenn man es sich bei seiner neuen Arbeit, in einer noch unbekannten Stadt mit seinen Kollegen verscherzt, und die Blicke einen auffressen, jeden Morgen, seit inzwischen einem Jahr, und die Kollegen dir nicht antworten, obwohl sie eigentlich meine Freunde hätten werden sollen; und wenn ich nicht sicher sein kann, dass, wenn ich auf die Toilette gehe, danach alle meine Sachen noch unbeschädigt an meinem Platz liegen oder überhaupt noch da sind; wenn ich soweit getrieben wurde, dass ich morgens um halb fünf aus dem Schlaf schrecke, weil ich von meinen Mitarbeitern, meinen Freunden, träume, die mir Angst machen und mich verfolgen; wenn ich mich übergeben muss in den Eimer, der nun schon seit drei Monaten dasteht, weil ich weiß, dass ich jede Nacht, doch spätestens um sieben Uhr, kotzen muss: Dann ist da kein Gefühl.
Vielleicht denkst du: Da ist Angst. Aber keine richtige. Weil nichts da ist, außer diesem Leben, das auf mich wartet. Und ich finde mich damit ab. Oder nicht?
Wenn ich jetzt hier stehe auf dem Stuhl, und einen Schritt weitergehe: Dann ist da kein Gefühl. Doch ich gehe den Schritt und es schnürt mir den Hals zu.

(Pia)

 

 Der beige Schal oder doch der hellblaue?

Ich steh in der Boutique, die an meiner Schule gerade angesagt ist und beginne zu verzweifeln. Zweifel, Zweifel, Zweifel. Eigentlich besteht bei mir so eine Art Grundverzweifelung. Egal, zurück zum Thema. Welcher Schal?
Beige, hellblau? Beige wäre auf jeden Fall in Ordnung. Dezent, unauffällig. So, wie sich nun einmal bin. Aber hellblau! Das wäre es doch! Das wäre etwas Neues. Das würde auffallen.
Ein Schritt in die richtige Richtung, zu einem neuen Ich, zu einem auffälligen Ich. So nach dem Motto: „Kleider machen Leute“ kaufe ich den Schal und kehre mit geschwollener, vom Schal bedeckter Brust, nach Hause zurück.
Am nächsten Morgen aber kommt die Unsicherheit beim Anblick meiner Mitschüler wieder. Ich stelle fest: zumindest zum Verstecken dient der Schal. Doch wie geht es weiter?
Bin ich jetzt die Außenseiterin mit dem blauen Schal?

(Nora)

 

Anders

Sie war anders. Anders als alle anderen hier. Allein vom Äußeren war dies kaum zu übersehen. Doch nicht das schockierte sie. An ihrem ersten Tag in Hongkong war Laura überwältigt vom schönen China, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben war. Sie spürte, dass sie in einer neuen Kultur gelandet war., sie war noch nie in einem anderen Land gewesen. Laura war etwas Besonderes hier, das wusste sie. Sie bekam sehr viele Komplimente für ihre langen blonden Haare, was sie witzig fand, denn immerhin ist es nur eine Haarfarbe.
Die Menschen waren alle so nett zu ihr, aber andererseits hatte sie neben ihnen auch immer das Gefühl, irgendwie Fehl am Platz zu sein.  Beim ersten Abendessen mit ihrer Gastfamilie traute sie sich kaum etwas zu essen. Sie wusste ja nicht einmal, was es war. Doch ihrer Gastmutter zuliebe aß sie auf, denn Laura hatte gesehen, wie sehr sie dafür geschuftet hatte. Es war ihr erster Schultag, an dem Laura zu ersten Mal merkte, dass sie sich hier nicht nur Freunde machen würde. Im Unterricht ignorierte sie eine Gruppe von Mädchen bei ihrer Frage, ob sie sich zu ihnen setzen kann. Das kränkte sie, doch sie fand zu ihrer Erleichterung andere Mädchen, die ihr nett entgegen kamen. Laura fand es seltsam, dass sie keine Gastgeschwister hatte, wo sie doch dachte, China sei so ein bevölkerungsreiches Land.
Mit ihren Schulkameraden konnte sie sich nicht sehr oft treffen, denn wie sie erfuhr, war das nicht üblich hier in China. Einerseits verstand sie sich ganz gut mit ihren Mitschülern, aber andererseits waren sie eben anders als sie. Allein was Laura in der Öffentlichkeit mitbekam, machte sie vor allem traurig. Etwas, dass sie häufig beobachtete war, wie Eltern mit ihren Kindern ziemlich grob umgingen und vor allem schien es, als ob die Kinder nicht besonders viel zu sagen hätten. Laura empfand Mitleid, allerdings erinnerte sie das auch an ihre Schulkameraden, von denen sie sich oft ähnlich behandelt fühlte. Etwas Vergleichbares hatte sie in Deutschland noch nie zuvor erlebt und genau das vermisste sie jetzt. Ihre vertraute Umgebung und einfach die vertrauten Menschen um sie herum. Umso enttäuschter war sie, als keiner ihrer Freunde das verstand und auch, dass sie hier in China keinen hatte, mit dem sie darüber reden konnte. Denn sie war diejenige, die nicht hierher passte und alle anderen schienen „normal“ zu sein.

Auch wenn Laura nie in irgendeiner Weise gemobbt oder angegriffen wurde, lernte sie, dass zwischen dem, was sie als normal empfand und was hier als normal galt Welten liegen.
Obwohl sie häufig das Gefühl hatte, sie passe hier nicht rein und sich einsam fühlte, war Laura froh, eine solche Erfahrung gemacht zu haben.

(Esra)