Michael Wildenhain: Interview

IMG_6068.jpgHerr Wildenhain, nicht nur in dem Buch „Träumer des Absoluten“, sondern auch in Ihrer Biografie, spielt der politische Kampf eine zentrale Rolle. Wie kam es vom politischen Kampf zum Bücherschreiben?

Der Prozess war folgendermaßen: Ich hatte schon ein wenig geschrieben, aber erst nach der Schule damit begonnen. Doch als ich 1980/81 ins besetzte Haus zog, habe ich zunächst aufgehört, und es auch nicht sonderlich vermisst. Ich dachte, „jetzt geht ganz was anderes los.“ Ich habe anderthalb Jahre in diesem besetzten Haus gewohnt und noch mal ein halbes in einem anderen, und im Verlauf der Besetzung bzw. der ganzen politischen Ereignisse, an denen ich beteiligt war, kamen zwei Dinge zusammen: Zum einen habe ich angefangen, an dem ein oder anderen zu zweifeln, und zum anderen war es so, dass wir, noch zu Beginn 1981, eine Broschürengruppe gegründet haben.

IMG_6067.jpgZu dieser Zeit fing gerade der taz – Lokalteil an, sich zu etablieren. Führende Köpfe waren Benny Härlin und Michael Sontheimer, und die Positionen, die da teilweise ihren Niederschlag fanden, haben uns nicht gefallen. Wir haben uns als radikaler verstanden. Diese Gruppe hatte sich zum Ziel gesetzt, einen Text oder eine Sammlung von Texten zu verfassen, die unsere politischen Ansichten zum Ausdruck bringen sollten. Diese Gruppe ist jedoch zerfallen, und ich habe alleine weiter geschrieben, sicherlich auch aufgrund der immer wieder aufkommenden Zweifel. Und im Verlauf dieses Jahres 1981, bis zum Herbst, habe ich so eine Art Manuskriptkonvolut abgeschlossen, von dem ich gehofft hatte, dass sich daraus vielleicht doch eine Broschüre machen ließe. Ich habe es also zum Rotbuchverlag gebracht und mit Hilfe des literarischen Lektorats hat sich daraus so ein literarischer Kern herausgeschält. Dabei hatte ich natürlich immer noch die große Hoffnung, dass sich mit dem Buch sehr viel verändern lassen  würde bzw. dass ich in eine politische Diskussion eingreifen könnte. Als das Buch jedoch 1983 erschienen ist, war die Hochzeit der Hausbesetzungen schon wieder vorbei.

Bei diesem Buch handelt es sich doch um Ihr erstes, „zum Beispiel: k“. Es gilt als die Antithese zur kompromissbereiten Haltung der taz in Bezug auf das politische Geschehen in Kreuzberg bzw. Westberlin Anfang der 80er Jahre. Wie würden Sie die Entwicklung Ihres Schreibens von dieser politischen Stellungnahme zu Erzählungen und Romanen, wie „Träumer des Absoluten“ bezeichnen?

Es stimmt, dieses „zum Beispiel: k“ diente ganz stark dazu, einer politischen Position, die sich von der taz abgrenzt, zum Ausdruck zu verhelfen, so war es gemeint. Des Weiteren musste ich abrer irgendwann feststellen, dass Literatur keinen allzu großen Einfluss hat, vor allem keinen tagespolitischen. Hinzu kam, dass ich mit dem, was ich als extreme politische Niederlage empfunden habe, erstmal zurechtkommen musste. Wir waren ja damals von dem Furor getrieben, mit allem zu brechen, was man so abbrechen konnte, also Schule, Ausbildung, Studium usw.. Das Problem war nur, dass sich das am Ende der Hausbesetzungen nicht so einfach fortsetzen ließ. Aus den Hausbesetzern wurden dann, sofern die Häuser nicht geräumt wurden, Leute, die eher als Baugruppe fungierten und diese Häuser sanierten. Ich war zu dieser Zeit relativ orientierungslos und aus dieser Orientierungslosigkeit ist dann ein zweites Buch entstanden, nämlich „Prinzenbad“ (1987), ein sehr zersplittertes Buch. Absolut antichronologisch setzt es sich eher aus mehreren Fragmenten zusammen und war für mich eine Art Reflexion der von mir als eine solche empfundenen Niederlage. Das wollte ich so nicht stehen lassen und habe noch ein drittes Buch geschrieben: „Die kalte Haut der Stadt“. Dieses Buch versucht noch mal die ganzen 80er Jahre zu greifen. Es ist aus dem Gewühl entstanden, nach dem 1. Mai 1987, der noch einmal so ein politisches Aufflackern war, sag ich mal. Danach hat sich mein unmittelbar politisches Schreiben stärker auf die Theaterstücke konzentriert, und es hat sich immer stärker ein literarischer Aspekt bei den Büchern in den Vordergrund geschoben. Daran habe ich eine gewisse Befriedigung gefunden; insbesondere an der Frage, wie ein – immer zeitgenössischer – Stoff formal zu bewältigen ist.

IMG_6069.jpgDaran anknüpfend die Frage: Glauben Sie, Sie hätten damals die Literatur, die Sie heute schreiben, als politisch passiv erachtet? Oder umgekehrt: Würden Sie sie heute als politisch aktiv bezeichnen?

Das ist eine interessante und schwierige Frage. Also damals war es schon so, dass immer eine Portion schlechten Gewissens mitschwang. Man wendet sich ab von der Straße und hin zur Theorie bzw. Literatur. Unterdessen muss ich aber sagen, dass diese Ansicht doch sehr zeitspezifisch war. Das hing damit zusammen, dass die Bewegung Anfang der 80er recht theorie- und auch kulturfeindlich war. Die in der politischen Szene anerkannte Kultur bestand vornehmlich aus Punk-Musik, Jonglieren und Feuerspucken und ähnlichem, also ein irgendwie sehr schmales Segment. Theorie wurde mit der Zeit immer mehr gelesen, den aufkommenden Zweifeln wurde mit theoretischer Anstrengung, wenn man so will, begegnet. Aber am Anfang hat man sich sehr stark abgegrenzt gegen die K-Gruppen, die nur  theoretisiert haben, zumindest kam das uns so vor, und gegen die 68er, die wir eigentlich nur noch als akademische Komponente wahrgenommen, und in sofern auch als völlig theoretisch angesehen haben. Ich würde mittlerweile sagen, eine politische Bewegung, die wirklich einen Einfluss in der Gesellschaft gewinnen will, die muss sich sowieso sehr viel breiter aufstellen. Insofern ist nur auf der Straße rumrennen und Steine werfen auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Damals kam es mir aber so vor. Für mich stand dieses Geschehen der unmittelbaren Konfrontation und Auseinandersetzung während der Hausbesetzungen extrem im Mittelpunkt meiner Wahrnehmung und Empfindung.

In Ihren Werken schildern sie sowohl den politischen Zeitgeist vergangener Jahre, als auch der heutigen Zeit. Inwieweit geht es Ihnen bei dieser Darstellung auch um die Überlieferung konkreter, vielleicht sogar eigener politischer Ideen und Ideale?

Es geht natürlich auch um das Dokumentieren bestimmter politischer Inhalte, aber mittlerweile würde ich es weiter fassen. Ich würde sagen: das, was mein Schreiben verbindet oder durchzieht wie ein roter Faden, ist der Versuch, Zeitgeschichte aus einem bestimmten Blickwinkel zu fassen. Dabei muss das nicht immer eine explizit linkspolitische Perspektive sein. In „Russisch Brot“ zum Beispiel ist das überhaupt nicht der Fall. Aber es ist immer der Blickwinkel von Personen, die in den großen geschichtlichen Drift geraten und versuchen müssen, sich als Individuen dazu zu verhalten oder darin zu bestehen.

Inwieweit verarbeiten Sie in „Träumer des Absoluten“ konkrete eigene Erlebnisse oder gesamte Erfahrungen?

Es ist sehr biografisch. Diese Tariq-Figur gibt es wirklich. Recherchiert einfach mal „Tarek Mousli“. Das ist der Verräter, der hat sie alle reingehängt.

Wie sehen Sie die heutige Jugend aus der Sicht eines Ex-Hausbesetzers und politisch sehr Aktiven?

Naja, also das, was ich davon wahrnehme, nehme ich natürlich vor allem über meine Kinder wahr. Es ist schon so, dass sich die politischen Ereignisse an dieser Schule in Kreuzberg sehr niederschlagen. Also vor nicht allzu langer Zeit gab es wieder eine Naziaufmarsch-Blockade, und da war die Oberstufe der Schule eigentlich vollständig vertreten. Auch sind viele in der Antifa, wobei deren Ruf aufgrund einer manchmal etwas skurril erscheinenden „Anti- alles- Haltung“ bei meinen Kindern nicht der Beste ist. Dass sich die frühe politische Geschichte bei meinen Kindern und ihren Freunden so niederschlägt, liegt natürlich auch daran, dass es eine Kreuzberger Schule ist. Als ich das erste Mal auf einem Elternsprechtag war, habe ich so einige Leute wieder getroffen, die ich 15 oder 20 Jahre nicht gesehen habe, aber sehr wohl kannte, zumindest vom Sehen. Weil die damals auch im „Ex“, jetzt heißt es „Clash“ im Mehringhof, hinterm Tresen standen oder in anderer Form in der Polit-Szene aktiv waren. Was ich sowohl interessant als auch problematisch finde ist der Umstand, dass die politische Szene heute wenig verbunden ist mit den Meinungsmachern. ’68 war dadurch geprägt, dass die Linke im Zuge der Ereignisse so etwas wie die kulturelle Hegemonie erlangt hat und eine Dominanz in den Medien. Das ist mittlerweile stark zurückgegangen oder gebrochen. Es war aber schon Mitte der 80er zu beobachten, dass es da eine Spaltung gab. Es gab die Leute, geprägt durch die später 60er, ihre Projekte verfolgten: die taz, die Grünen, usw., und die haben zwar immer noch auf die Jugend, die wir ja damals waren, geguckt, aber schon mit einer gewissen Distanz. Dieser Graben hat sich vertieft, und das ist für die politische Szene, glaube ich, sehr ungünstig. Es gibt zwar immer noch, vielleicht auch gerade jetzt, eine extreme Möglichkeit der Mobilisierung, die mich selbst immer wieder erstaunt, aber weiter in die Gesellschaft rein zu wirken, ist, denke ich, sehr schwer, aufgrund dieses Grabens. Auch wenn ich so etwas damals für nutzlos gehalten hätte, glaube ich mittlerweile, dass es ohne eine solche Vermittlung in der Breite nicht geht. Man braucht eine vermittelnde Instanz, nicht unbedingt eine Partei, aber irgendetwas, das als Transmissionsriemen in die Gesellschaft wirkt.

IMG_6070.jpgMedien?

Medien, zum Beispiel. Aber Medien sind nicht alles, denn die politischen Gehalte müssen ja auch konkret umgesetzt werden. Ein Volksentscheid hat in Berlin das Ergebnis gehabt, dass der Großteil der Kreuzberger und Friedrichshainer Bevölkerung gegen die „Spreebebauung“ ist, dass also Investoren eben nicht bis an die Spree bauen dürfen. Jetzt bräuchte es eine politische Kraft, die das konkret umsetzt, sonst wird so ein Erfolg irgendwann rückgängig gemacht.

Soll heißen, da hat man mal was erreicht, doch das muss dann noch weiter verfolgt werden. Medien allein können das nicht bewirken, sind aber natürlich, aufgrund ihres Einflusses, trotzdem wichtig.

Hätten Sie zum Schluss noch einen wichtigsten Tipp für angehende Nachwuchsautoren?

Ich würde sagen, insbesondere nach meinen Erfahrungen in Leipzig, es kommt immer darauf an, was man im Hinblick auf das Schreiben tatsächlich machen will. Wenn man eher von der Form her kommt, sich eine ästhetische Aufgabe gesetzt hat, dann kann man zu jedem Zeitpunkt anfangen. Aber wenn man die Welt in irgendeinem Ausschnitt als Stoff zur Grundlage seines Schreibens machen möchte, dann fällt mir ein Zitat von Arno Schmidt ein: „Man sollte Leuten, die unter 30 sind verbieten, Bücher zu veröffentlichen.“ Habe ich auch nicht so gemacht, aber da ist was Wahres dran. Das Problem zum Beispiel in Leipzig, im Studiengang für literarisches Schreiben, besteht darin, dass da häufig sehr junge Leute sind, die durchaus was können, aber einfach nicht wissen, worüber sie schreiben sollen, und das ist ein Problem. Man braucht also nicht nur die Form, den literarischen Zugriff, sondern auch einen Stoff. Man sollte das Schreiben im Auge behalten und sich nicht für Jahre davon abwenden. Aber es von Anfang an zum absoluten Kern das eigenen Lebens zu machen, ist sehr riskant, und man sollte sich auch nicht zu schade sein, Sachen wie Journalismus im weitesten Sinne zu machen. Viele erfolgreiche Autoren waren vorher junge, einfache Redakteure in kleinen Zeitungen. Auf der anderen Seite sage ich auch: Wenn es einen unbedingt drängt, dann muss man’s tun. (Wildenhain lacht)

 

Dieses Gespräch führten Fabian Othmerding und Jan Goebel am 3.9. 2010 im Wallsaal der Zentralbibliothek Bremen.

Transkribiert von Fabian Othmerding