Björn Kuhligk: Workshop 1

Workshop mit Björn Kuhlik am 4.6.2010 Man stellt ein Gedicht nicht fertig, sondern man gibt es auf.

Gemeinsam mit dem bekannten und beliebten Literaturfestival „Poetry on the Road“ kommt nicht nur der Sommer nach Bremen, sondern auch Björn Kuhligk, der auf Einladung von workshop literatur e.V. am 4.6. 2010 zwei Literaturworkshops mit Oberstufenschülern des Beluga College und SZ Obervieland gibt.

Bei dem ersten Workshop ab 10 Uhr verbreitet der junge Lyriker aus Berlin eine lockere und freundliche Stimmung, so dass die SchülerInnen des Beluga College von Anfang an interessiert lauschen.

Björn Kuhligk beginnt seinen Workshop mit einigen Tipps zum Lyrik-Schreiben. Das ist sehr hilfreich. Denn wie schreibt man denn ein Gedicht? Aufsätze und Kurzgeschichten fallen vielen Menschen leichter, als Gedichte zu schreiben. Muss es sich alles reimen? Wie ist das mit der Länge? Muss man alles verstehen?

Die sieben Tipps, die ihr in Nadjas und Fabians Text zum zweiten Workshop nachlesen könnt, helfen weiter. Schön sind auch Kuhligs Beispiele aus der Welt der Poesie, an denen er deutlich macht, was Gedichte häufig ausmacht.Beispielsweise Joseph Eichendorffs Gedicht:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst Du nur das Zauberwort.“

Eichendorff spricht hier von einem Zauberwort – aber welches es ist, sagt er nicht! Es wird ein Rätsel aufgeworfen. Wichtig ist, dass man die Leser der Gedichte nicht für dumm verkauft.Sie bringen Phantasie zum Lesen mit, denken selbstständig über das Gedicht nach. Man kann nicht jedes Gedicht verstehen – muss man ja auch gar nicht! Aber diese vier Zeilen von Eichendorff haben mehrere Jahrhunderte überlebt, so Kuhligk.Die Länge eines Gedichtes sagt demnach nichts über die Qualität aus.

Dann stellt Björn Kuhligk drei verschiedene Aufgaben, mit denen die Schüler sich nun selbst im Gedichte-Schreiben versuchen können.

Die Schüler dürfen wählen zwischen einem Gedicht, zusammengeschrieben aus den Überschriften einer Berliner Boulevardzeitung, einem Liebesgedicht aus der Perspektive des Verlassenen oder einem Krankenhausgedicht aus der Perspektive eines Patienten, der im Bett liegt und den Tod erwartet.

Mit den Worten: Man stellt ein Gedicht nicht fertig, sondern man gibt es auf!“, zieht Kuhligk den Schlussstrich für die Schüler, die konzentriert arbeiteten.

Nun folgt der spannende Teil des Vortragens, Auswertens und Diskutierens.

Die Boulevard-Gedichte beschäftigen sich mit „Merkel und dem Wulff“, „Grillverbot zur WM – Spielverderber“ und beinhalten so gute Sätze wie: „Völlig Abgebrannt – er liebt Bananensaft und hört Phil Collins“.Es entstehen Kurzzeitungen mit aktuellen Aufhängern.Kuhligk fragt die Schüler nach ihrer Vorgehensweise.Fast alle haben die Zeitung durchgeblättert, die witzigsten, merkwürdigsten oder auffälligsten Überschriften rausgesucht und sie zusammengesetzt.Erstaunlich, wie viel Sinn und Witz in diesen Gedichten steckt, obwohl sie aus Überschriften montiert wurden.

Es folgen die Liebesgedichte. Tolle, witzige, ergreifende Gedichte werden vorgetragen und gut diskutiert.Da erzählt einer eine richtige kleine Geschichte in seinem Gedicht. Sogar gereimt wird. Auf die Frage: „Warum hast du gereimt?“ wird geantwortet: „Ich mag reimen!“ So simpel kann es sein. Ein Mädchen benutzt eine Passage aus einem Juli Songtext.Kuhligk erklärt sofort, dass das ein sehr gutes Mittel ist.Es ist kein Abschreiben, sondern, wie auch bei den Zeitungsgedichten, die Verwendung eines vorhandenen Materials, das man formal z.B. in Kursiv deutlich machen kann.Bei den Krankenhausgedichten geht die angeregte Diskussion der Schüler weiter.Es werden Satzkonstruktionen und Wortwahl besprochen, Kuhligk gibt Tipps, welche Zeile vielleicht gestrichen werden kann, damit ein Bild stehen bleibt oder welche Details die Schüler noch mal verändern können, um eine stärkere Wirkung zu erzeugen. Wird eine Tür beispielsweise ein letztes Mal geschlossen, so symbolisiert das besser das „Weggehen“, als wenn sie einletztes Mal geöffnet wird.

Auf Wunsch des Kurses liest sogar die Lehrerin vor. Und auch dieses Gedicht wird intensiv besprochen und interpretiert.

Man erkennt, wie wichtig jedes Wort gerade in einem kurzen Gedicht ist.„Jedes Wort hat seinen Platz in einem Gedicht!“Man muss es auf die Goldwaage legen und sehr präzise arbeiten.

Mit dem Ratschlag: „Kill your darling!“(Manchmal muss man seine beste Stelle streichen, um sich wieder mehr Freiräume schaffen und das Gedicht besser weiter gestalten zu können), beendet Björn Kuhligk den spannenden und sehr anregenden Workshop.

 

Marika Gonther

(Alle Fotos zu den Workshops im Beitrag von Nadia und Fabian)