Björn Kuhligk: Workshop 2

Workshop 2 mit Björn Kuhligk am 4.6.2010: Wie wäre es heute mal mit etwas Lyrik?

IMG_5735.jpgMit etwas Verspätung beginnt um kurz vor zwölf der zweite Workshop mit Björn Kuhligk, dieses Mal mit Schülerinnen und Schülern eines 11. Jahrgangs des Gymnasiums Obervieland. Nachdem der Autor sich mit den Worten „Mein Name ist Björn“ vorstellt, ist der Knoten geplatzt, und er erklärt den interessierten Schülern und Schülerinnen einige grundlegende Aspekte über Lyrik.

Dabei orientiert sich der Autor an einem 7-Punkte Schema, das seiner Ansicht nach für jedes Gedicht essenziell ist:

IMG_5703.jpgAm Anfang jeden Gedichtes steht, so Björn, die Idee. Bei dieser kommt es vor allem auf Authentizität an, sie muss die Sicht des individuellen Schreibers deutlich machen. Wichtig ist aber auch, dass ein Gedicht etwas Liedhaftes versprüht. Auch die meisten Songtexte sind nichts als vertonte Gedichte. Und was wäre ein Gedicht ohne Emotionen? Gedichte sind expressiv. Jeder Lyriker sollte sich, nach Björn, zur Aufgabe machen, Gefühle zu vermitteln. Hierbei wiederum ist es wichtig, die bereits genannten Aspekte einer Form anzupassen. Dem Verfasser bzw. der Verfasserin ist dabei selbst überlassen, welche Formkriterien er oder auch sie auf das entstehende Gedicht anwenden möchte, sei es nun ein Schreibstil z.B. ohne Adjektive oder wie bei Björn durch wenig Interpunktion. Als Vorletztes nennt Björn ein ganz bedeutendes Kriterium für ein Gedicht: das Rätsel.

Ein Gedicht darf Rätsel enthalten, es muss nicht immer gleich und für alle verständlich sein. Letzter Punkt: das Spiel, das ein Gedicht mit Komik und Humor versieht. Björn nennt hier als Beispiele Bildpoesie oder Lautgedichte, wie Ernst Jandl sie geschrieben hat. (…ottos mops kommt, ottos mops kotzt, otto: ogottogott.)

IMG_5710.jpgNach dieser Einführung liest Björn noch drei eigene Gedichte vor, bevor die Arbeitsphase beginnt. Die Gedichte schildern unter anderem die Ereignisse inmitten eines Innenhofes oder erzählen z.B. davon, wie Björn und ein Freund einen Fremden beim Injizieren von Drogen beobachten.

IMG_5737.jpgAnschließend erteilt Björn den Schülern und Schülerinnen drei Arbeitsaufträge, aus welchen diese frei wählen können. Zur Auswahl stehen dabei: ein Gedicht aus den Überschriften eines Berliner Boulevards Magazins zu verfassen, ein Liebesgedicht aus der Perspektive einer gerade verlassenen Person zu schreiben oder einen lyrischen Text aus der Sichtweise eines im Krankenhaus liegenden sterbenden Menschen zu entwickeln. Dabei können die Schüler, welche sich für den letzteren Arbeitsauftrag entschieden haben, in ein direktes kurzes Brainstorming mit Björn gehen, um erste Assoziationen zu sammeln. Während der sehr intensiven Schreibphase wird konzentriert gearbeitet, was sich im Anschluss an gelungenen Texten zeigt. So ist es besonders bei den Gedichten, die auf Zeitungsberichten beruhen, überraschend, wie ihre quasi aus Mosaiken bestehenden Teile zu einem überwiegend zusammengehörenden Inhalt führen. Dass man auch in kurzer Zeit qualitativ beachtenswerte Texte verfassen kann, zeigt ein Schüler mit einem gereimten, in seinem Rhythmus an Rap angelehnten Liebesgedicht, welches mit den Worten endet: „Im nächsten Leben werde ich als Vogel geboren/ Das habe ich mir geschworen“, was durch einen starken Beifall honoriert wird. Insgesamt sind die Liebesgedichte sehr unterschiedlich ausgefallen. So scheint für den einen der letzte Ausweg bei Liebeskummer der Suizid zu sein, während wiederum andere, das lyrische Ich, welches für die Trennung verantwortlich ist, sterben lassen. Das Gutes nicht unbedingt lang sein muss, zeigen die Gedichte zur dritten Aufgabe, auch, dass man beim Thema Tod mal in Ironie verfallen darf, wird an einem Gedicht gut demonstriert, in dem das lyrische Ich ganz verzaubert ist von den hübschen Krankenschwestern, was wohl auf die „Cocktails“ in seinem Blut zurückzuführen ist. Seine letzten Worte: „Mir geht es gut. Nein, wunderbar/ Aber das Ende ist schon nah“.

Mit diesen Worten schließt auch der Workshop, in dem die Schüler und Schülerinnen aus den gemeinschaftlichen Korrekturen und Hinweisen von Björn eine Menge an Anmerkungen und Schreibtipps mitnehmen, die sie hoffentlich in ihre nächsten Gedichte einbringen können.

(Nadia, Fabian)

 

Unten alle Fotos von den beiden Workshops. Beim zweiten Workshop mit im Bild: Frau Beyer, freie Mitarbeiterin bei Radio Bremen, die während der Veranstaltung Tonaufnahmen für ein Feature über das Festival gemacht hat.

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